Brief an Kohlhammer: Grünkohl und Lesen

Kurt Scheel

Der Grünkohl, lieber Siegfried, schmeckte dann erstaunlich gut, sagten jedenfalls die Gäste, full house, wir waren zu acht: Ulrike, Igor, Michael, außerdem vier befreundete Kultur- und Medienschaffende; doch Gäste, Du weißt es eh, machen viel Arbeit, und sie lügen oft, höflichkeitshalber; aber zu demselben positiven Urteil kam auch mein untrügliches Sprach- bzw. Geschmacksempfinden. Die Pampe war schön mürbe, insgesamt hatte sie vier Stunden geschmurgelt, war aber kein breiiger Matsch, sondern hatte Textur, wenn Du verstehst, was ich meine. Doch wie viel Arbeit selbstbereiteter Grünkohl macht! Drei Kilo bei Jury-Dietmar Iwanow (er heißt wirklich so, sein Vater war noch Bulgare), dem Gemüsemann meines Vertrauens, in der Nestorstraße kaufen, dann vom Wochenmarkt nach Hause schleppen (zum Radeln ist es mir zu kalt); putzen, zweimal waschen, blanchieren, ausdrücken, kleinschneiden, und dann erst, mit Zwiebeln usw., beginnt die Kocherei! Und trotz dieses Aufwandes schmeckt das mit Piment und Senf und Zucker und Balsamico und was weiß ich fein gewürzte Zeug dann in der Regel enttäuschend, mit viel Bier und Linie-Aquavit muss man es sich geradezu schöntrinken! Aber diesmal machte der halbe Liter Hühnerfond aus eigener Produktion, den ich am Schluss in die grau-grüne Masse kippte, den Unterschied ums Ganze. Und die mitgeschmorten Kohl- und Bregenwürste, das Kassler nicht zu vergessen, sind natürlich auch ein aromatisierender Bringer!

Doch nicht nur Gaumen und Magen wurden an diesem Abend reichlich und gut traktiert, sondern auch Geist und Verstand! Wir erzählten uns nämlich von unseren jüngsten Lektüren, mit besonderer Berücksichtigung dreier autobiographischer Großwerke, die stilistisch sehr unterschiedlich sind: „Das Büro“ von J. J. Voskuil (sieben Bände), die Martin-Schlosser-Romane von Gerhard Henschel (bisher sieben Bände) und das „Mein-Kampf“-Projekt von Karl Ove Knausgard (sechs Bände). Dabei ergab sich eine interessante Fraktionsbildung: Eine Viererbande vertrat die Ansicht, dass es ihnen beim Lesen von Romanen allein oder zumindest vorwiegend auf die Qualität der Sprache, auf Rhetorik und Stil usw. ankomme – die anderen vier, zu denen ich mich zählen darf, beharrten vehement darauf, dass dies, obwohl herrschende Meinung, nicht einmal die halbe Wahrheit sei. NATÜRLICH ist die Sprache, die Art und Weise, wie jemand schreibt (schon wieder: Textur!), wichtig, aber eben nur das Entree zur wahren Lektüre; ich begebe mich in den Roman, und nach hundert Seiten entscheidet es sich, ob ich weitergehe. Wenn es mir bis dahin missfällt, ich mich nicht wohlfühle, breche ich ab, freilich ohne Schuldzuweisung: Es hat nicht geklappt, tut mir leid, lieber Roman, weiterhin alles Gute, und grüßen Sie Ihre Frau. Aber wenn es mir gefällt, wenn ich mich schon fast wie zu Hause fühle, dann bleibe ich auch gerne für viele Tage, für Wochen oder gar für Monate ein treuer und liebenswürdiger, mit Lob und Dank nicht sparender Hausgast. Und dann, quasi zur Familie gehörend, achte ich auch nicht mehr so pedantisch auf Stil und all das, eine flaue oder fragwürdige Formulierung wird freundschaftlich überlesen, schöne, witzige, augenöffnende Stellen werden mit Freude genossen. Ich bin deshalb auch immer misstrauisch, wenn bei einem Gespräch über die Qualität eines Romans ein schwacher oder missglückter Satz als Beweis dafür angeführt wird, der Autor „könne überhaupt nicht schreiben“; das kommt mir banausisch vor, jedenfalls literaturfremd; große Literatur und jut-jeschrieben haben nur wenig miteinander zu tun („Die Vermessung der Welt“, zweifellos „gut geschrieben“, wird nur von Leuten, die eigentlich nicht lesen, hochgeschätzt; und auch Kehlmanns neuer Roman „Tyll“ zeigt seine handwerkliche Könnerschaft, und das will ich nicht gering schätzen, ist aber nicht Literatur im emphatischen Sinn).

Für den wahren Leser, und zu diesem Volk zähle ich mich, ist die schöne, die angemessene Sprache eines Romans die Voraussetzung oder besser: der Hintergrund der Lektüre, vor dem man sich angstfrei und schamlos dem gemeinsamen Tagtraum mit dem Autor hingeben, in dessen Größenphantasien man mitagieren darf; weshalb man als identifikatorischer Leser (und das ist fast das Gegenteil des „krittischen“ Lesers, der die Feuilletons beherrscht) im Vorteil ist. Lesern, die sich vorwiegend auf die sprachliche Qualität eines Romans beziehen, wenn sie ihre Wertschätzung begründen wollen, traue ich nicht, sie haben eine simple, sentimentale, jugendfreie Vorstellung vom Prozess der Lektüre. Sie wollen nicht wahrhaben, dass beim Lesen von Romanen sehr viel Dubioses, Primärprozesshaftes abläuft, die Befriedigung von Größenphantasien, Eskapismus, Asozialität, diese intensive Beschäftigung mit sich selbst hat sogar etwas Onanistisches … Deshalb ist die pädagogische Lesepropaganda à la „Stiftung Lesen“ so unangenehm: Dass das Lesen eine sehr nützliche Kulturtechnik ist, will ich gerne unterschreiben, aber der Reiz, der Sinn einer Romanlektüre läuft nun keineswegs auf Selbstverbesserung oder gar Weltverbesserung hinaus, fast hätte ich gesagt: im Gegenteil. Es ist ähnlich wie beim Sex: Ursprünglich geschaffen als Mittel zur Kinderzeugung, wird er heutzutage zumeist zu anderen, niedrigen Zwecken benutzt; und das Lesen von Romanen ist nur für wohlmeinende Pädagogen eine moralisch wertvolle Handlung – ernsthaft, also rauschhaft liest man nicht zuletzt mit dem Unterleib, den Trieben, dem ganzen Schmuddelkram.

Ich erinnere mich, dass Du mir mal erzählt hast, Flaubert habe bei der Beschreibung von Emma Bovarys Giftselbstmord stundenlang gekotzt, und gerade Flaubert gilt doch als Kronzeuge der Stil- und Formfraktion! Emma Bovary, c’est moi, hat das olle Walross bekanntlich beim Verbotsprozess gesagt, und das gilt nicht nur für den Autor, sondern mit Fug auch für den Leser. Identifikation also als Königsweg der wahren Lektüre.

War es der Aquavit und das viele Bier? Erst am nächsten Tag ist mir aufgegangen, dass ich am Grünkohlabend mit meinen feurigen Reden eigentlich nur den letzten Absatz aus Freuds „Der Dichter und das Phantasieren“ paraphrasiert hatte, hier das Original: „Wenn aber der Dichter uns seine Spiele vorspielt oder uns das erzählt, was wir für seine persönlichen Tagträume zu erklären geneigt sind, so empfinden wir hohe, wahrscheinlich aus vielen Quellen zusammenfließende Lust. Wie der Dichter das zustande bringt, das ist sein eigenstes Geheimnis; in der Technik der Überwindung jener Abstoßung, die gewiss mit den Schranken zu tun hat, welche sich zwischen jedem einzelnen Ich und den anderen erheben, liegt die eigentliche Ars poetica. Zweierlei Mittel dieser Technik können wir erraten: Der Dichter mildert den Charakter des egoistischen Tagtraumes durch Abänderungen und Verhüllungen und besticht uns durch rein formalen, d. h. ästhetischen Lustgewinn, den er uns in der Darstellung seiner Phantasien bietet. Man nennt einen solchen Lustgewinn, der uns geboten wird, um mit ihm die Entbindung größerer Lust aus tiefer reichenden psychischen Quellen zu ermöglichen, eine Verlockungsprämie oder eine Vorlust. Ich bin der Meinung, dass alle ästhetische Lust, die uns der Dichter verschafft, den Charakter solcher Vorlust trägt und dass der eigentliche Genuss des Dichtwerkes aus der Befreiung von Spannungen in unserer Seele hervorgeht. Vielleicht trägt es sogar zu diesem Erfolge nicht wenig bei, dass uns der Dichter in den Stand setzt, unsere eigenen Phantasien nunmehr ohne jeden Vorwurf und ohne Schämen zu genießen.“

Und da Du nun wieder gegen Freud losstänkern willst, juble ich Dir zum Schluss ein Zitat von Stanley Cavell unter, dem amerikanischen Philosophen, der auch so wunderbare Essays über Filme, insonderheit Screwball-Comedies, geschrieben hat: „Most philosophers in my tradition, I believe, relate to psychoanalysis, if at all, with suspicion, habitually asking whether psychoanalysis deserves the title of a science … I am for myself convinced that the corpus of Freud’s writing, and a considerable amount of writing that depends upon it, has achieved an unsurpassed horizon of knowledge about the human mind. Accordingly I would not be satisfied with an answer that declares psychoanalysis not to be a science, if that answer denies that horizon of knowledge.” Wohl gesprochen!

Dein Kurt

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