Joe Kaeser besucht das Siemens-Turbinenwerk in Görlitz und ist erschüttert

Von unserem Sonderkorrespondenten „Aufbau Ost“ Kurt Scheel direkt aus Görlitz

Kurt Scheel Herr Kaeser, Sie haben gerade das Siemens-Turbinenwerk in Görlitz besucht, und man sieht Ihnen an, dass Sie ehrlich erschüttert sind.

Joe Kaeser Ich bin ehrlich erschüttert, und ich bin auch wütend, stinksauer! Ich bin völlig falsch informiert worden! Man hat mir in der Siemens-Zentrale offenbar bewusst verschwiegen, dass dieses Werk gewinnträchtig arbeitet!

KS Also keine Schließung?

JK Man hat mir gesagt, Stellenabbau sei immer gut, und das stimmt ja auch, dann steigt nämlich der Aktienkurs, und nach dessen Höhe richten sich ja auch die Boni der Mitarbeiter. Und die Mitarbeiter stehen nun einmal im Mittelpunkt unserer Konzernkultur, in diesem Sinne sind wir altmodisch und glauben an die „Siemens-Familie“.

KS Für die Görlitzer Mitarbeiter, die Sie entlassen wollen, klingt das zynisch.

JK Wer mich kennt, weiß, dass ich alles andere als zynisch bin. Ich bin vielleicht nicht der Hellste, ich bin wahrscheinlich sogar eher zu weich, zu „empathetic“, wie man in Amerika sagt (lacht). Es macht mir keine Freude, Mitarbeiter rauszuschmeißen, gerade jetzt in der Adventszeit, das können Sie mir gerne glauben!

KS Werden Sie die Werksschließung aufgeben?

JK Es wäre echt schade, wenn dieser Standort verloren ginge, nur weil uns nichts Gutes gemeinsam einfällt.

KS Wie geht es weiter?

JK Kennen Sie den Film „Metropolis“? Da scheint ein Konflikt zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern unausweichlich, und dann gibt es doch den befreienden Handschlag zwischen dem Konzernbesitzer Joh (!) Fredersen und dem Oberproleten Grot (unnachahmlich gespielt von Heinrich George), quasi Sozialpakt: Das ist meine Vision für eine schöne Siemens-Welt!

KS Wie soll das konkret aussehen?

JK Wir werden mit dem neuen Ministerpräsidenten von Sachsen verhandeln, einige Millionen Subventionen herausleiern und uns dann als „Kapitalisten mit Herz“ feiern lassen.

KS Was hat Sie am meisten in Görlitz beeindruckt?

JK Man hatte mir gesagt, dass die Görlitzer wie richtige Menschen aussehen, aber quasi schmerzunempfindlich seien. Das ist falsch! Es sind normale Menschen! Wenn wir sie stechen, bluten sie, wenn wir sie beleidigen, wollen sie sich rächen. Das einzige, was sie von uns unterscheidet, ist ihre Sprache, sie erinnert an den Dialekt des großen DDR-Komikers Ulbricht, der „Sächsisch“ sprach und nicht nur in der Ostzone, sondern auch im freien Westen berühmt war. Ich habe dann einfach mit den Leuten Englisch geredet, und das Eis war gebrochen.

KS Martin Schulz, der fast Bundeskanzler geworden wäre, wenn die SPD nur etwa fünfzehn Prozent mehr Stimmen gewonnen hätte, hat Sie „asozial“ und „verantwortungslos“ genannt.

JK Vielleicht sollte sich Herr Schulz mal überlegen, wer wirklich verantwortungslos handelt: Diejenigen, die absehbare Strukturprobleme proaktiv angehen und nach langfristigen Lösungen suchen, oder diejenigen, die sich der Verantwortung und dem Dialog entziehen.

KS „Proaktiv“?

JK Das ist so Business-Sprech, vergessen Sie’s. Wichtig ist, dass sowohl der katholische Bischof als auch der evangelische Superintendent zum Weihnachtssingen ab 19 Uhr am Tor des Siemenswerks aufgerufen haben.

KS Also alles in trockenen Tüchern?

JK Auch in dem großmächtigen Vorstandsvorsitzenden verbirgt sich doch ein kleiner Mensch, in dem Global Player „Joe Kaeser“ steckt immer noch der schüchterne „Josef Käser“ aus dem Bayerischen Wald, über den meine Feinde sagen: ein Name, zwei Lügen, und das ist ja gar nicht falsch. Das Wunder besteht doch darin, dass meine Namensamerikanisierung nicht als charakterlose Anpasserei wahrgenommen wurde, die mich endgültig für einen höheren Posten bei Siemens disqualifiziert hätte. In dieser Hinsicht gleichen sich Martin Schulz und ich: Wir wissen beide nicht so recht, wie wir an die Spitze unserer Unternehmen kommen konnten, sind aber dankbar dafür.

Advertisements