Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

A la recherche d’altstadt du Wolfsburg (Fortsetzung)

Ich stehe also, lieber Siegfried, um die Mittagszeit etwas unschlüssig auf dem Wolfsburger Bahnhofsvorplatz, vor mir das riesenhaft wirkende, da mehr als drei Stockwerke hohe „Cinemaxx“, und steige in ein Taxi (fast alle Taxen hier sind schwarz, merkwürdig), schwungvoll, als sei ich unterwegs zu einem Meeting (übrigens habe ich mein sog. Schwulentäschchen dabei, seit mehr als zehn Jahren versauert es im Wandschrank, und nun, ausgerechnet in Wolfsburg, darf es wieder das Licht der Welt erblicken), begrüße den Chauffeur freundlich, aber nicht überfreundlich und sage: Ich möchte zum Schloss Fallersleben. Er guckt mich an, sehr ernst, nickt nur, fast unmerklich, mit dem Kopf. Ich habe gleich ein ungutes Gefühl, sage aber nichts, sondern krame geschäftig in meinem Täschchen herum; zwei Stadtpläne Wolfsburgs befinden sich darin – wahrscheinlich bin ich der einzige Mensch in Wolfsburg, vielleicht sogar auf der ganzen Welt, der zwei Pläne dieser „Stadt“ besitzt; ich meine jetzt Privatpersonen, nicht Institutionen! Außerdem zwei Stofftaschentücher (ungebügelt), Papiertaschentücher, Notizpapier, Tictac, ein Kuli, ein Bleistiftstummel, Schokolade (75 % Kakaoanteil), ein Taschenmesser (Schweizer), „Die Tante Jolesch“, Geldbörse, Wohnungsschlüssel; kein Kondom!, das letzte habe ich vor drei, vier Jahren weggeschmissen, was soll ich mich unnötig damit abschleppen?

Wolfsburg ist flach, es hat etwas Wüsten- bzw. Meerartiges, die Häuser sind zwei, drei Stockwerke hoch, es ist ein riesiger Vorort, aber wovon? Und so abscheulich, ja deprimierend das aussieht, kaum hat man die „Stadtgrenze“ verlassen, und das geht sehr schnell, wirkt die Landschaft, von Straßen und Autobahnen quasi geschändet, noch abstoßender. Doch schon ist man in Fallersleben, einem zersiedelten Vorort von Wolfsburg (man könnte sich einen Sketch vorstellen, in dem die Wolfsburger den Fallerslebenern vorhalten, ihr Kaff sei ja nur ein Vorort, und umgekehrt die Fallerslebener den Wolfsburgern, und beide haben Recht, quasi ein tragischer, nicht zu lösender Konflikt!), der durch einige alte Fachwerkhäuser auffällt, die ihre Anciennität herausschreien und geradezu gepimpt wirken, wodurch die Fünfziger-Jahre-Reihenhaussiedlungen, aus denen Wolfsburg zu bestehen scheint, fast so etwas wie Würde bekommen. Doch bevor ich dem Fahrer meine Eindrücke schildern kann, sind wir schon am Schloss angelangt. Ich soll fünfzehn Euro „abdrücken“, gebe völlig cool einen Zwanziger und sage leise, fast unhörbar: siebzehn, bitte. Der gute Mann kramt in seiner Geldkatze, reicht mir eine Zwei-Euro-Münze und eine Ein-Euro-Münze, die ich überhaupt nicht kontrolliere, sondern wie nebenbei einsacke, fragt: Eine Quittung? Ich winke ab, ärgere mich aber sofort, weil damit die Fiktion, ich sei zu einem Meeting unterwegs, aufgeflogen ist. Ich raus, er: Schönen Tag noch, aber bevor ich „Ihnen auch“ oder „Gleichfalls“ sagen kann, ist er abgerauscht. Die Wolfsburger Taxifahrer, so meine Arbeitshypothese, sind von der schnellen Truppe, was ja, in ihrem Beruf, durchaus von Vorteil sein kann.

Schloss Fallersleben! Wer es nicht gesehen hat, wird es nicht glauben. Eine Handvoll sinnlos zusammengewürfelter Fachwerkhäuser, einstöckig, mit so Zipfelmützendach, krumm und schief; das Hoffmann-von-Fallersleben-Museum, das ich eigentlich besuchen wollte, sieht so verspeckt und verspakt aus, dass ich schon aus baupolizeilichen Gründen Abstand von meinem Plan nehme. Ein Park, der lustlos im Nebel vor sich hin brütet, wahrscheinlich eine Serienmörderphantasie ausdünstend. Eine Kirche, zugerammelt natürlich, wie mein Griff an der Türklinke sogleich belegt. Mehrere Rentner unterschiedlichen Geschlechts, soweit man das ausmachen kann, denn sie tragen grüne, bläuliche und vorschriftsmäßig beige Unisex-Anoraks, hatschen so langsam und gebrechlich umher, dass man glauben könnte, hier werde ein Werbefilm für Sterbehospize gedreht. Wenn jetzt noch Uschi Glas auftaucht, springe ich in den Schlossteich, der natürlich nicht fehlen darf, aber wie eine Parodie wirkt. Vielleicht ist das der Schlüssel? Wolfsburg als Parodie einer Stadt, Schloss Fallersleben als Verhöhnung der Adelsgesellschaft? Aber wozu soll das gut sein?! Ich bin ratlos, doch neben dem Kinderspielplatz, der stumm und trostlos daliegt – es ist 13 Uhr!, gibt es hier keine Kinder, nicht einmal ein winzigkleines? –, steht ein Gebäude, auf dem ein Schild prangt, in so altmodischen Buchstaben beschrieben, mit Schnörkeln, das „Altes Brauhaus“ behauptet. Altes Brauhaus? Das klingt nach gehobener Gauner-Gastronomie, ich bin dabei!

Gesagt, getan, und schon empfangen mich viel Holz, Balken, Kupferkessel, irdenes Geschirr (wenn man denn wüsste, was „irdenes Geschirr“ ist). Sogar ein Pferdejoch scheint an der Decke zu hängen, oder ist es nur ein weiterer Balken aus dem 16. Jahrhundert? Die Bedienung, quadratischer Körper, in einer Art Tracht, bringt eine Speisekarte und fragt, ob ich schon etwas zum Trinken bestellen möchte. Ich, fast noch im Mantel, zeige stumm auf einen Tischaufsteller, der „Frisch gebrautes Alt, nur für kurze Zeit“ anpreist; 0,2 Liter für 1,50 Euro, kann man nix sagen! Und dann kommt flugs das Becherchen, wie ein kleines Zahnputzglas, in einem Zug heruntergestürzt: Und das Zeug schmeckt saugut! Würzig, frisch, nicht zu kalt. Einfach Spitze! Der Matjes-Teller mit Bratkartoffeln und gestowten grünen Bohnen für zwölf Euro fumfzich ist prima (sehr milde Matjes, besser als die von Rogacki). Ich gehe dann noch die Treppe runter in die sog. Brauhalle, da stehen, hinter Glas, vier Braukessel, in denen, Überraschung!, Bier gebraut wird. Man kann auch frisch gebrautes Bier des „Alten Brauhauses“ im Geschenkset kaufen, für das praktische Holzkistchen soll man aber 20 Euro Pfand berappen; da man davon ausgehen kann, dass ein Tourist nur einmal pro Leben nach Fallersleben kommt, verdienen die sich also am Pfand dumm und dämlich! In meinen Augen ist das Abzocke vom Feinsten!

Bis jetzt war meine Wolfsburg-and-more-Expedition ein voller Erfolg gewesen. Doch nun, die Sonne kam gerade heraus, selbst der totgesagte Park sah plötzlich nicht mehr völlig abstoßend aus, in dieser Sekunde, vielleicht auch im Überschwang des würzigen Altbiers, beschloss ich, da der Taxistandplatz vor dem „Schloss“ naturgemäß nicht besetzt war, zu Fuß (per pedes) nach Wolfsburg zurückzugehen. So fünf Kilometer, das müsste doch gut in anderthalb Stunden zu machen sein! Fast fröhlich, beinahe summend ging ich los, doch schon bald sollte mir das Lachen vergehen. Große, breite Straßen, auf denen Autos und Laster in einem Höllentempo entlang jagten, winzige Gehwege, die man sich auch noch mit rasenden Radlern teilen musste, es war die Hölle.

Ich schaffte es dann, pünktlich um 15 Uhr im Kunstmuseum zu erscheinen, aber das arme Knie mit seinem künstlichen Gelenk knirschte doch erbärmlich. Als ich mich in der Lobby auf ein Bänkchen setzen wollte, bemerkte ich, dass ich mein Knie nicht mehr beugen konnte, ich musste das Bein also längelang ausstrecken, was mir sofort misstrauische Blicke des lobbybewachenden Wärters zuzog, der sich auch gleich in Bewegung setzte und auf mich zustrebte. Bevor ich in Panik versank, sagte ich mit müder, gebrochener Stimme zu ihm: Ich bin mit Frau Heuwinkel verabredet. Das nahm ihm den Wind aus den Segeln, und höflich, fast devot antwortete er: Ich werde Sie anmelden. Das ist es, was ich an den Deutschen so hasse! Entweder du hast sie an der Gurgel, oder sie lecken dir die Schuhe! Wobei dieser Wärter mit starkem Akzent sprach, ein Kosovare oder Bulgare wahrscheinlich, und nun voll, zu voll in unsere deutsche Leitkultur integriert. Dann kam Frau Heuwinkel, sie sah sehr reizend und hübsch aus, zeigte mir das Museum (sie ist dort Kommunikationsleiterin, so hatte ich die erste Premium-Privatführung meines Lebens), Imi Knoebel und eine ausgezeichnete Foto-Ausstellung (mit dem hyperhippen Titel „RealSurreal“). Danach wollte sie mir die historische Altstadt von Wolfsburg zeigen, aber die war gerade „Wegen Renovierung geschlossen“, und so gingen wir ins Restaurant „Sushi Berlin“, aßen, dreimal darfst Du raten: Sushi (ziemlich gut), unterhielten uns traulich über unseren lieben Jörg Drews, es war eine sehr schöne, freundschaftliche Stimmung, und als ich um 20.17 Uhr meinen Zug bestieg, dachte ich versöhnt: Ach, Wolfsburg, so schlimm, wie ich gedacht hatte, bist du nicht – du bist schlimmer, viel, viel schlimmer, aber auch nicht schlimmer als Fallersleben. Das Ergebnis meiner Exkursion lässt sich, von Berlin aus gesehen, so zusammenfassen: Wer in einer richtigen Stadt wohnt, soll dankbar sein; ungefähr 85 Prozent Deutschlands besteht nicht aus richtigen Städten, sondern ist, abgekürzt gesprochen, als eine Art „Wolfsburg“ anzusehen.

Dein Kurt

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