Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

A la recherche d’altstadt du Wolfsburg

Ich komme pünktlich um 10.15 Uhr in Wolfsburg an, lieber Siegfried, und sofort fällt mir auf, wie klein der Bahnhof ist! Ich erinnere mich, als ich das erste Mal in Bonn ausstieg, zweite Hälfte der siebziger Jahre, da war das noch die Bundeshauptstadt, dasselbe Staunen: Wie winzig!, fast wie ein Fallermodell. Ich hätte mich nicht gewundert, wenn eine, zugegeben, sehr große Hand das Dach des Bahnhofsgebäudes gelupft und mich mit so einer tiefen Riesenstimme freundlich begrüßt hätte – das geschah dann nicht und wäre auch eine andere Geschichte, also zurück zum Hier und Jetzt. Ich war ja am Berliner Hauptbahnhof eingestiegen, dieser Sinfonie aus Glas und Stahl, um den uns die ganze Welt beneidet, und nun das! Ein winziger, verpisster (im übertragenen Sinne) Provinzbahnhof, schlimmer als Bielefeld! Das fängt ja gut an, dachte ich sarkastisch, aber ohne zu überlegen tat ich das einzig Richtige: Ich ging in die falsche Richtung, also nicht zum Bahnhofsvorplatz, zum „Centrum“ (!), sondern eben in die andere Richtung – und schon stand ich, keine zehn Schritte, vom Mittellandkanal entfernt. Nun behaupten einige Tolkien-Fans, der Mittellandkanal sei der Eingang zu Mittelerde, aber das ist Quatsch; der Mittellandkanal ist eine Art Wasserstraße, auf der Schuten und Prahme, Schoner und Galeeren, Binnenschiffe und riesige Oceanliner – nein, riesige Oceanliner eben nicht, ich wollte Dich nur testen, ob Du auch aufpasst und wirklich konzentriert liest. Jedenfalls musst Du Dir vorstellen: Es ist diesig, ja neblig, ein kalter Hauch lässt mich frösteln, und leise gluckernd ertönt der Mittellandkanalwellen ewiges „rolling home“ – es war verwunschen, geheimnisvoll, und um diese Zeit kein Mensch weit und breit.

So ging ich also schmunzelnd eine gute halbe Stunde den Kanal entlang, als wäre ich der letzte Mensch auf Erden, als hätte dieser schlimme Putin schon seine prorussischen Separatisten eine (Neutronen)Bombe auf die gequälte Stadt werfen lassen, und warum? Weil sich die „Werkself“ geweigert hatte, Trikots mit „Gazprom“-Aufschrift zu tragen! Endlich kam ich zur Brücke, die den Namen „Berliner Brücke“ trägt, da wollte ich den Kanal überqueren; aber ich konnte nicht hinaufgelangen, denn die Bahngeleise schnitten mir den Weg ab! Ich ließ mir nichts anmerken, tat so, als müsste ich mir die Schnürsenkel neu binden, pfiff sogar leise vor mich hin, was einen versteckten Beobachter wahrscheinlich zu der Annahme verleitet hätte, alles sei in Ordnung – war es aber nicht! Doch in der Ferne sah ich jetzt, schemenhaft im Nebel, eine: ja, was ist das? Eine Brücke! Jetzt oder nie! Und so schritt ich munter weiter, und tatsächlich, nach einer knappen halben Stunde stand ich vor einer Fußgängerbrücke, die mich endlich den vermaledeiten Kanal überqueren ließ, und da lag er plötzlich vor mir: der See, und er heißt Allersee. Doch ich ging weiter, immer weiter, schaurig ist’s im Nebel, kein Mensch außer mir; der Kiosk im Allerpark war naturgemäß geschlossen, das ihm angegliederte öffentliche WC auch, ich musste mich mit der Bretterwand begnügen. Dann endlich sah ich es: Schloss Wolfsburg! Parsifal hätte sich über die Gralsburg nicht mehr freuen können, das Wolfsburger Schloss ist nämlich ein hervorragendes Beispiel für die späte Weser-Renaissance, wahrscheinlich das eindrucksvollste Monument dieser Architektur östlich von Münster, und es war nur zur Hälfte, vielleicht sogar nur zu einem Drittel eingerüstet. Der Innenhof merkwürdig eng, klaustrophobisch fast; aber die mittelalterlichen Vögte waren ja (körperlich) kleiner als die Menschen heute, also etwa Dein Format, und da wird ihnen der Hof gerade groß genug gewesen sein, wenn sie dort umherwuselten und ihren Zwergentätigkeiten nachgingen …

Ich strich dann noch am Landwirtschaftsmuseum vorbei, über die schon erwähnte Berliner Brücke zurück, an pilzförmigen Outlet-Paradiesen entlang, der „Autostadt“, dem „phaeno“, und schon war ich am „Haupt“bahnhof. Als hätte ich dort ein Verbrechen begangen, so zog es mich magisch an diesen Ort zurück! Und schon wieder musste ich pinkeln! Der streng, ja tückisch blickenden (kosovarischen?) Toilettenfrau gab ich einen ganzen Euro (zu spät bemerkte ich, dass auf dem Teller vorwiegend 50-Cent-Münzen lagen) Wegezoll, die sich dann auch mit einem kehlig intonierten „Danke!“ bei mir bedankte, und es war erst 12.43 Uhr! Also musste nun die zweite Stufe meiner „Wolfsburg-Rakete“, wie ich die Exkursion selbstironisch nannte, zünden: Schloss Fallersleben! Doch das ist eine andere Geschichte, die ich Dir morgen erzählen werde.

Dein Kurt

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