Bitte eines SPD-Wählers an Martin Schulz

Kurt Scheel

Meine erste Präsidentschaftswahl war die zwischen Nixon und Kennedy, und sie war im Herbst 1960 ein großes Ereignis an meiner Schule, dem Gymnasium für Jungen Harburg. Ich war zwölf Jahre alt und fast der einzige in meiner Klasse, der es nicht mit Kennedy hielt, sondern mit Nixon: Man solle sich durch das blendende Aussehen Kennedys, seinen Charme usw. nicht verführen lassen, darauf komme es doch gar nicht an, jedenfalls sei Nixon als langjähriger Vizepräsident und gelernter Politiker viel besser auf das Amt vorbereitet als der Schönling und Millionärssohn aus Boston.

Ich erzähle diese Geschichte, um zu zeigen, dass ich bereits in jungen Jahren erkannte, dass das Aussehen von Spitzenpolitikern eine wichtige Rolle spielt, ich kommentierte das freilich in eher bedauernder Weise, fast wie ein die Weltläufte kritisch betrachtender Sozialkundelehrer: Wie schade, dass Äußerlichkeiten, eine schöne Larve und gewinnende Umgangsformen (in heutiger Sprache: geiles Aussehen und soziale Begabung) solch eine große Bedeutung in der Politik haben, zumindest in Demokratien, besonders in „Tele-Demokratien“, damit waren die USA gemeint. Man wird sich erinnern, dass die Wahl von 1960 die allererste war, in der das Fernsehen eine entscheidende Rolle spielte. In Deutschland, also der Bundesrepublik, war die Gefahr, dass jemand seines angenehmen, gar „telegenen“ Aussehens wegen zum Kanzler gewählt werden könnte, gering: Adenauer war Mitte achtzig, ein Greis, aussehensmäßig jenseits von Gut und Böse, sein SPD-Gegenkandidat mit dem unglückseligen Namen Ollenhauer war ein kleiner, dicklicher Mann gewesen, mit fliehender Stirn und lockigem, als Sturmfrisur getragenem Haar, in Heiratsannoncen hätte man ihn „gerade noch vorzeigbar“ nennen können. Aber immerhin war bei uns, anders als bei den Amis, Politik nicht nur Werbung und Showbusiness! Als Willy Brandt dann Kanzlerkandidat war, sagte man über ihn wie ehemals über Kennedy, er sehe zwar recht gut aus, aber er sei doch, wie viele solcher Leute, ein Blender: noble Fassade, nichts dahinter.

Bis heute hat sich das Schema nicht geändert: Ein gutaussehender Politiker ruft bei uns erst einmal Misstrauen hervor, Schröder galt auch seines angenehmen Äußeren wegen als Hallodri und unseriös, und dass Lindner ein hübscher Mann ist, gerät ihm in den Medien nicht zum Vorteil. Die dummen, von Äußerlichkeiten leicht zu beeindruckenden Wähler verhalten sich da anders, sie wählen lieber die Gutaussehenden, aber die seriösen Kommentatoren und Leitartikler beschweigen taktvoll die Physis der Kandidaten. Jedenfalls sprechen die ernstzunehmenden Journalisten NIEMALS über die Hässlichkeit von Spitzenpolitikern, es sei denn, sie hätten keine Angst davor, quasi als Rassisten sanktioniert zu werden. So werfe ich mich also in die Bresche und rufe, dem Mädchen aus „Des Kaisers neue Kleider“ nachfolgend: Aber er ist doch hässlich!

Ich spreche von Martin Schulz. Martin Schulz ist nicht nur nicht attraktiv, sondern von einer selbst für sozialdemokratische Standards bemerkenswerten Hässlichkeit: die wässrigen Augen hinter den dicken Brillengläsern, der Zauselbart, die Glatze, der komische O-Bein-Gang, die Sprache („Chulz“, „diesen Jahres“), immer etwas verwahrlost wirkend, sein poltriges Auftreten Merkel gegenüber, die schlechtgeschnittenen Anzüge, zwischen schneidendem und anbiederndem Tonfall hat er kaum Modulationsmöglichkeiten; dass er ein Trinker war, mag man ihm nicht vorhalten, freilich ist es auch kein Grund für Heldengesänge auf den tapferen kleinen Mann aus Würselen, der es nun zum trockenen Alkoholiker gebracht hat (und auch so aussieht). Es kann gut sein, dass Schulz ein netter Mensch ist, ich kenne ihn nicht, spreche nur von seiner medialen Erscheinung. Zweifellos ist er intelligent, fleißig, ehrgeizig, und als er noch Europa-Fritze war, also eine Art höherer politischer Grüß-August, hatte niemand etwas gegen ihn: Ab und zu tauchte dieser umtriebige Sozi mit den besten Absichten in den Nachrichten auf, und man freute sich, dass selbst so einer mitmachen durfte, Inklusion total, alles Reha oder was? Aber auch in der SPD nahm man ihn nicht ernst, das Europäische Parlament ist für richtige, an Macht interessierte Politiker doch eher so etwas wie Schülermitverantwortung und Trockenschwimmen: Dahin schickt man die Ausgedienten und die Mittelmäßigen und die Nervensägen. Und plötzlich war dieser Mann, der in vielen Sprachen akzentfrei dieselben schlichten und gutgemeinten Sätze sagen konnte, der höchstwahrscheinlich in seinem politischen Leben keinen einzigen originellen Gedanken gehabt hatte, Kanzlerkandidat! Und Parteivorsitzender als Zugabe!

Und was ist mit dem „Schulz-Zug“, dieser fast sechs Wochen andauernden SPD-Euphorie? Tausende Gymnasiasten, manche weiblichen Geschlechts!, die wegen Schulz vor Begeisterung aus dem Fenster sprangen bzw. in die SPD eintraten? Das war schlicht moderner Medien- und Internethype, so ähnlich wie bei diesem englischen Sänger Paul Potts, der vor zehn Jahren bei einer Castingshow reüssierte: Man ist wirklich gerührt, wenn so ein hässlicher Mensch plötzlich so schöne Töne hervorbringt, damit kann man schließlich nicht rechnen, aber taucht er zum wiederholten Mal auf dem Bildschirm auf, sieht man nur mit Missvergnügen seine schlechten Zähne und einen ungustiösen Übergewichtigen, der allenfalls mittelmäßig singen kann. Ich fürchte, so wird es uns mit Martin Schulz auch bald gehen. Um Missverständnisse zu vermeiden: Ich habe nichts gegen hässliche Menschen, sie sind menschlich ja oft besonders wertvoll, und deshalb soll es auch und gerade in der Politik die defizitär Attraktiven geben dürfen! Aber doch bitte hinten auf der Bühne, beim Schlagzeug – als Frontmann einer Partei, einer Regierung ist Martin Schulz nicht geeignet, und das sage ich, ein unverdrossener SPD-Wähler. Dasselbe gilt übrigens für Peter Altmaier, auch er ein ästhetisches Desaster: Als Minister ist er tragbar, als Kanzler wäre er eine Katastrophe für Deutschland, das feindliche Ausland würde sich totlachen und ihm die Rolle des Superschurken in einem Bond-Film anbieten!

Martin Schulz hatte seine Viertelstunde Weltruhm, „his finest hour“ war 2003 das Rededuell mit Berlusconi im Europaparlament; nun hat er seine Chance als Kanzlerkandidat gehabt, sie grandios und geradezu ökologisch-nachhaltig vergeigt, weshalb er konsequenterweise als braver Sozi seiner Partei den letzten großen Dienst erweisen und im zweiten Glied verschwinden sollte. Wahlen wird die SPD mit Schulz, dieser Inkarnation des Mittelmäßigen, AUCH SEINES AUSSEHENS WEGEN nicht gewinnen. Der als „wichtiger Vordenker der EU“ selbstredend mit dem Karlspreis zu Aachen geehrte unermüdliche Netzwerker könnte dann auch endlich seine Orden, Medaillen, Ehrendoktorhüte und anderen Auszeichnungen sortieren und abstauben, da hat sich in den letzten zehn Jahren allerhand angesammelt.

Bundesverdienstkreuz 1. Klasse des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland (2006)

Großes Goldenes Ehrenzeichen mit dem Stern für Verdienste um die Republik Österreich (2008)

Ehrendoktorwürde der Staatlichen Technischen Universität Kaliningrad (2009)

Offizierskreuz der französischen Ehrenlegion (2010)

Schwarzkopf-Europa-Preis der Schwarzkopf-Stiftung Junges Europa (2012)

„GQ Mann des Jahres“ in der Kategorie Politik

Europa-Lilie der EUD-Hauptstadtgruppe Europa-Professionell

Ehrendoktorwürde der Istanbul Bilgi Üniversitesi

„Lachender Amtsschimmel“ des Deutschen Beamtenbundes (2013)

Politikaward als „Politker des Jahres“ des Magazins „Politik & Kommunikation“

Ehrendoktorwürde der Hebräischen Universität Jerusalem

Ehrendoktorwürde der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe

Orden des Weißen Doppelkreuzes 2. Klasse (2014)

Großes Ehrenzeichen am Bande für Verdienste um die Republik Österreich (2015)

Karlspreis zu Aachen

Ehrenbürger der Stadt Würselen

Heinrich-Albertz-Friedenspreis der Arbeiterwohlfahrt (2016)

Großes Verdienstkreuz mit Stern und Schulterband des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland

(Auswahl)

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