Bief an Kohlhammer

Kurt Scheel

Wir schreiben das Jahr 2015, es ist Montag, der 23. November, da machte sich auf gen Worms, die alte Kaiserstadt, Kurt „der Laudator“. Vorsichtshalber, lieber Siegfried, ging ich etwas früher los, als Lobredner hat man die heilige Pflicht, pünktlich zu sein, denn praktisch-faktisch ist man die wichtigste Person. Der Preisträger steht nur herum, brummig (so war es früher, in den ehrlichen, den politisierten Zeiten) oder gerührt (so ist es heute, wo der Preisträger die Hand, die austeilt, nicht mehr beißt, sondern abschleckt, unkritisch, ja affirmativ: widerlich!), aber gekommen sind die Massen, um den Laudator zu feiern, sich an seinen geschliffenen Formulierungen, trefflichen Sottisen, kühnen Analogien zu ergetzen – ich war also eine gute Stunde vor Abfahrt im Hauptbahnhof, unten, Bahnsteig 5. Wieder und wieder hatte ich die Daten kontrolliert, erste Klasse im Abschnitt C und D, Wagen 9, Platz 32, und nun saß ich auf der Bank, zog ein blasiertes Gesicht, ließ den Weltmann und Globetrotter heraushängen: Kalt war’s! Ich stand auf, ging ein wenig umher, unbedingt den Eindruck vermeidend, ich sei nervös. Nein, ganz offensichtlich schlenderte ich entspannt diesen erstaunlich leeren Bahnsteig entlang. Spielerisch schaute ich noch einmal auf den Abfahrtszeitenanzeiger, den gelben; der weiße Anschlag ist der für Ankunftszeiten, das weiß der geübte Reisende. Aber eigentlich, grübelte ich so vor mich hin, braucht man den Ankunftszeitenanzeiger – was für ein dummes, dummes Wort! Dass man da noch nichts anderes erfunden hat! Auf den Mond können sie fliegen (naja, eigentlich nicht), aber ein modernes, vielleicht sogar pseudoenglisches Wort für Abfahrtszeitenanzeiger (Departure-Pointer?) kriegen sie nicht hin! – überhaupt nicht, ich nutze immer nur sein Pendant (das ist mal ein gutes Wort!). Noch zehn Minuten bis zur Abfahrt, mir ist saukalt, kein Mensch will nach Worms bzw. Mannhein, da muss man umsteigen. Mannheim – klingelt’s? Wanderer, kommst du nach Mannheim, dann ist Ludwigshafen nicht fern! Kohl! Der Oggersheimer! Da sitzt er in seinem Rollstuhl, und Helmut Schmidt ist nun doch vor ihm abberufen worden. Heute ist Staatsakt in Hamburg! Ich als gebürtiger (der Hanseat sagt: geborener) Hamburger bin ein wenig Nebenwitwe, obwohl: mein Lebensmensch ist Schmidtel mir nicht gewesen. Sein Haifischlachen und Zähneblecken, das Superschneidige konnte einem schon sehr auf den Senkel gehen. Und dann die Wichtigtuerei! Acht Jahre Kanzler, achtzig Jahre Klugschnacker, das ist quasi eine Verzehnfachung des in der Politik angesammelten Sabbelkapitals, eine Rendite von sagenhaften tausend Prozent! Und er wohnte in Langenhorn, und sein Boot auf dem Brahmsee war so groß wie ein Katzenklo, und zu Hause lauerte Loki, auch kein Zuckerschlecken.

Was will denn die kleine Frau in dem kleidsamen Dress der Deutschen Bahn? Mehrfach richtet sie unverständliche Worte an mich, bis ich bemerke, dass das Deutsch ist. Letztlich verklickert sie mir, dass der Zug heute, ausnahmsweise, von Bahnsteig 13 abfährt, oben, ganz oben. Verständnisvoll und huldreich dankend mache ich mich auf den Weg und komme noch rechtzeitig an, denn der Zug hat, voraussichtlich, 25 Minuten Verspätung. Ob dieses ganze Durcheinander mit dem Schiss vor den Terroristen zu tun hat, die Pariser Anschläge liegen erst zehn Tage zurück! (Nebenbei: Kein Schwein weiß, dass „Ba-ta-clan“ der Name eines Stückes von Offenbach ist, nur ich, der gerade wieder einmal Kracauers wunderbare Kulturgeschichte „Jacques Offenbach und das Paris seiner Zeit“ gelesen hat.) Dreht die Gewaltspirale sich nun weiter? Immer schneller? Doch wie die Gewaltspirale unterbrechen? Denn Krieg ist keine Lösung, das wissen wir als Deutsche besonders gut. Aber vielleicht hat das Durcheinander gar nichts damit zu tun? Es ist jedenfalls so, dass im Zug dann die Reisenden nach Mannheim per Durchsage aufgefordert werden, in Kassel außerplanmäßig umzusteigen, was ich brav tue und also in einen heillos überfüllten Zug gelange; der maulige Kommentar eines bräsig dort Sitzenden, uns Umsteiger angeekelt betrachtend, lautet: „Dann müssen se ebm reservieren.“ Ob er ein satanisches Harharhar dranhängt, weiß ich nicht mehr; ich jedenfalls dachte empört: Willkommenskultur sieht anders aus!

Ich kam dann nur eine gute Stunde zu spät in Worms an, alles easy, ich hatte ja Pufferzeit klüglich eingeplant, schlenderte die Wilhelm-Leuschner-Straße entlang, rechts in den Lutherring, dann hierrum und dortrum (ich hatte mir alles vorher genau im Internet angesehen, Du kennst mich, Lan!), und da, im Schatten des Domes, steht hutzelig und butzelig das Hotel Kriemhilde (mit E), der Chef, ein Türke, begrüßt mich jovial mit Handschlag (Gastfreundschaft wird groß geschrieben in Anatolien!), schickt mich dann aber ungerührt drei enge Treppen hinauf unter den Dachboden, in ein winziges Zimmer, kleiner als Helmut Schmidts Segelboot auf dem Brahmsee. Isch bin fix & foxi, Allda. Eigentlich wollte ich noch einmal meine Laudatio lesen, laut bzw. halblaut, dazu fehlt jetzt die Zeit. Ich muss es darauf ankommen lassen! Wirf dein Herz über das Hindernis, dein Pferd wird schon folgen, lautet der alte Reiterspruch, ach, den kennst Du nicht? Der ist aus „Zwei Reiter, zwei Pferde“, ein Franz-Schneider-Buch („Onkel Franz“: unter uns, das klingt schon verflucht pädophil). „Onkel Franz“ kommt übrigens auch in meiner Laudatio vor, und Goethe (zweimal), Proust e tutti quanti. So, jetzt noch den roten Schlips (als politisches Signal: der Geist schlägt links!) umgebunden, und fertig bin ich. Im Schankraum – eine Rezeption gibt es nicht, wie urig! – wartet schon Herr Henschel, der „Preisträger“. Wir schlendern zum Tagungszentrum „Der Wormser“ (man möchte sofort einen obszönen Reim auf diesen wenig anziehenden Namen machen), eine Stunde vor Beginn des Festaktes kommen wir an, wie gefordert, man bringt uns in einen kahlen Raum von der Anmutung des Führerbunkers, „Gleich kommt das Catering!“, Herr Henschel ordert ein Glas trockenen Weißweins – er darf das, sitzt ja nur majestätisch herum, während die Laudatoren die Schmutzarbeit machen, den Karren aus dem Dreck ziehen müssen. Verkehrte Welt! Dann ist es endlich 19 Uhr, wir begeben uns in den Festsaal, der mit Oberbürgermeister, rheinland-pfälzischer Bildungsministerin und der Südwestrundfunkdirektorin (das ist ihr Titel, wir haben uns vorher erkundigt), nicht zu vergessen etlichen Abgesandten der riesenhaft großen Henschel-Familie bzw. -Sippschaft gut, naja: locker gefüllt ist. Der Ablauf ist dann wie immer, mit Musik zwischendurch (zwei Chinesen, fast Kinder noch, an Flügel und Geige, sehr hübsch und unglaublich gut spielend, leider so halbmodernes, nicht einmal atonales Zeug), Grußworte und „Ich freue mich besonders“, was insofern stimmt, als die Witwe des Preis-Namensgebers Georg K. Glaser, eine Französin, aus Paris angereist ist; eine kleine, zarte, hübsche uralte Dame, die lächelt, als der Oberbürgermeister ihr seine Solidarität nach den „schrecklichen Anschlägen“ bekundet. Aber das ist okay, was soll er denn sagen? Auffällig ist, dass die beiden Politiker und auch die Direktorin gut aussehen; ein bisschen kommt es mir vor wie scripted reality, es hat so eine fernsehserienartige, leicht übertriebene Anmutung – wenn Fritze Wepper um die Ecke käme, würde mich das nicht wundern. Dass sie aber nicht häßlich sind, ordentlich gekleidet, höflich und freundlich (der Laudator wird mit festem Händedruck und langem Augen-Blick, fast Clinton-artig, in Empfang genommen), erfüllt mich mit Stolz. Siebzig Jahre nach der Einnahme Berlins steht Deutschland nun wieder in der Gemeinschaft der Völker, anerkannt, ja geliebt, und alle, vor allem die im Schatten agierenden Laudatoren, haben daran mitgewirkt! Die Rundfunkdirektorin hat aber Reitstiefel an und eine Art Reiterhose (leider ohne Ledereinsatz am Hintern), sie kommt jedoch nicht vom Voltigieren, es ist ein wohlüberlegtes Outfit für den Anlass, wird mir klar, modisch-sportlich, und doch elegant mit einem exzentrischen Touch – quasi die Verkörperung von Geist und Literatur in einem Ambiente Ihrer Wahl inclusive Begrüßungscocktail.

Der Höhepunkt, ich sage das nicht gerne, weil es so unglaublich eitel klingt – der Höhepunkt des Abends ist dann die Laudatio, die Ministerin drückt mir danach so intensiv die Hand, dass ich sie fast um ihre Handynummer bitte, auch die Rundfunkchefin in ihrem scharfen Reiterdress beglückwünscht mich, sagt sie nicht etwas wie „subtil“? Nur der Herr Oberbürgermeister hat sich gleich nach seiner Begrüßungsrede aus dem Staub gemacht, man wird ihm von meinem Auftritt berichten, und er wird verzweifelt die Hände ringen, dass er dieses Event verpasst hat; noch in Jahrzehnten, wenn er dann, dem Vorbild Helmut Schmidts nachfolgend, Herausgeber des „Wormser Tagblattes“ geworden ist, wird er oft die Anekdote erzählen: „Wissen Sie, dass ich bei der Preisverleihung an diesen Hänschel oder Häntzschel dabei war, als Kurt Scheel (ja, DER Kurt Scheel!) seine berühmte Laudatio hielt? Aber dann musste ich plötzlich weg, höchste Sicherheitsstufe, praktisch Terroralarm, und habe die Rede verpasst!“ In komischer Verzweiflung hebt der jugendlich gebliebene „Oldie“ der Wormser Politik seine linke Augenbraue und hat die Lacher auf seiner Seite, wieder einmal: Die Scheel-Laudatio-Anekdote zieht immer! Um 21 Uhr war der offizielle Teil abgeschlossen, die Crème begab sich ins Kriemhilde, wo weißgedeckte Tische sich bogen unter den Früchten der Äcker und Flüsse in dieser gesegneten Landschaft unserer deutschen Heimat – nein, sie sollen ihn nicht haben, den alten deutschen Rhein, die Franzosen nicht, die Terroristen und Islamisten aber erst recht nicht! Bis um Mitternacht wurde dann schwadroniert und pokuliert, und so ging ein schöner Tag stilvoll und ruhmreich zu Ende.

Müde, aber erschöpft kam ich am Dienstag gegen 15.22 Uhr in der Xantener an und beschloss, nie wieder wegzugehen, über Nacht jedenfalls. So mal ausgehen und spätestens um 2 Uhr nachts wieder im eigenen Bettchen liegen, das wäre in Ordnung. Aber alles darüber hinaus scheint mir, gerade in den unsicheren Zeiten, die wir durchmachen, von Übel, auch unter ökologischen Gesichtspunkten; es liegt keine Gnade darüber, wie das Walter Benjamin so unübertrefflich in seiner Vignette „Zuspätgekommenes Kind“ formuliert hat.

Dein Kurt

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