Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

Und gelegentlich, lieber Siegfried, erlebt man etwas, was für manche Enttäuschung entschädigt! Heute war so ein Tag: In den Zwölf-Uhr-Nachrichten des Deutschlandfunks wurde verkündet, dass große Kreuzfahrtschiffe bald nicht mehr direkt in die, und ich hörte es deutlich, „Lagunenstadt“ einfahren dürfen. Es war kein Traum: Das Weltkulturerbe der, sie taten es wieder!, „Lagunenstadt“ sei nämlich bedroht. Nach so vielen Wochen, Monaten, Jahren der Abstinenz – kein Leimener, kein Erdtrabant, recht selten nur der brave Urnengang – endlich wieder die Mutter aller Synonyme: die gute, alte Lagunenstadt (genau genommen ist das eine Antonomasie, aber egal). In der abendlichen Tagesschau brachen dann die letzten Dämme! Drei-, viermal jaulten die Moderatoren, wie entfesselt, „Lagunenstadt“, mit einer Begeisterung, die an Bern 1954 erinnerte bzw. an den 30. Januar 1933, als enthemmte Horden über die Boulevards und Avenuen der „Reichshauptstadt“ zogen und „Lagunenstadt“, Quatsch: „Spree-Athen“ bzw. „Heil Hitler“ grölten, als hätten sie ihren tiefsten, perversesten Wunsch jahrzehntelang unterdrücken müssen – nie davon sprechen, immer daran denken –, und nun diese Ekstase, eine diabolische Orgie, schmutziger Sex auf dem nassen Asphalt von „Babylon Berlin“, wie Goebbels die Weltmetropole in seinem Tagebuch schmähte, „why don’t we do it in the road?“, unvorstellbar eigentlich, aber hier, vor meinen Augen, im November 2017, ereignete sich im Tagesschaustudio erneut solch ein Hexensabbat!

Was immer man über die Deutschen sagen kann, wenn sie ausflippen, dann richtig! Vielleicht sollte man „Lagunenstadt“ als Codewort für „German madness“ lancieren? Die britische Kampfpresse würde es lieben! Dass ich als sensibler „veteran cultural observer“, wie mich die sehr gute linksliberale Tageszeitung „The Guardian“ kürzlich ganz richtig bezeichnet hat, auf diese kollektive „Lagunenstadt“-Verzückung emotional reagierte, wird Dich nicht überraschen, aber es waren Tränen der Freude, und die Anspannung so vieler lagunenstadtloser Jahre wurde einfach fortgeschwemmt in diesen salzigen Tränen. Dir, der Du ein Anhänger der alten Männlichkeitsideale bist und „weibisches Rumgesülze und Rumgeheule“ (so wörtlich) verabscheust, ist solch eine zarte Emotion fern und fremd, aber für mich und andere „moderne“ Männer ist es langst keine Schande mehr, gelegentlich ein Tränchen „zu verdrücken“, why not? Denn schon Wolfram von Eschenbach, dem deutschesten der Minnesänger, wird ja der Spruch zugeschrieben: Dasz du weinest, musz dich nit beschweren, / nur valsche Diutsche kennen keine zähren.

Sonnenaufgang an der Havel! Zuerst ein nur zu ahnendes Rosa, Dunkelrosa, jedenfalls nicht dieses helle Mädchenzimmer-Rosarosa, über die graue Wolkenschicht flugs gesprenkelt, dann wird es von Dunst und Nebel weggewischt, allein der Mond, der hoch über Gatow steht, in einem kleinen Kreis marienblauen Himmels, leuchtet hell und tröstlich. Der Fluss, es ist windstill, liegt ruhig da, so viele Grau- und Silbergrautöne, Hochwasser, die Buhnen am Schilfareal sind völlig untergegangen. Schön ist das! Ein Schwarzweiß-Sonnenaufgang an der Havel ist jedenfalls viel vornehmer und eleganter als diese kitschigen Postkartensonnenauf- oder -untergänge in irgendwelchen drittklassigen Tropenländern unseligen Angedenkens! Soll das Pack in die Dominikanische Republik oder nach Malle fliegen, der Gentleman bleibt zu Hause und besteigt sein Rad (oder seine Geliebte, hahaha, nur ein Scherz!).

Um Viertel vor sechs war ich losgefahren, ein kleiner Ausflug zur geheimen Badestelle, vielleicht der letzte in diesem Jahr? Es war kühl, fünf Grad, aber bis Mittag sollte es trocken bleiben, und so ergriff ich die Gelegenheit beim Schopfe bzw. den Lenker meines bewährten Raleigh urban fest mit beiden Händen – und auf der Clayallee lief auch tatsächlich, wenige Meter vor mir, Meister Reineke mit buschigem Schweif über die Straße, und als ich ihn kameradschaftlich ansprach, „Gib acht, Füchslein, dass dich die Autos nit erwischen!“, schnürte er gleich noch ein bisschen schneller und erreichte auch sicher das rettende Ufer. Kaum aber fuhr ich in den Grunewald ein, ward es dann doch zappenduster; diese modernen Fahrradlampen sind schon sehr hell, aber im tiefen Forst in dunkler Nacht ist es finster, da wird selbst einem mutigen Mann etwas beklommen ums Herz: Man erkennt ja nur zehn, fünfzehn Meter um sich herum schemenhaft die Welt, dahinter aber lauert das Verderben! Tatsächlich jedoch lauerte es auf dem Waldweg, in Gestalt von vielen grimmen Schlammlöchern, die ich erst im allerletzten Moment sah, ausweichen war nicht mehr möglich, also hindurch mit Karacho!, und immer mit der Sorge, auszurutschen und auf die Fresse zu fallen, Mann, war das anstrengend! Es ging aber gut, und pünktlich um Viertel nach sieben, präzise zum Sonnenaufgang, stand ich an der Weide Nummer 2336 und machte mir so meine Gedanken (siehe oben), unter anderem fragte ich mich, ob Du eigentlich weißt, was bei kaltem Wetter die Achillesferse des Radelns ist! Na? Die Achillesferse! Will sagen: Das Wichtigste sind warme Füße! Also hatte ich meine Pelzstiefel angezogen, trug die (doppelt geklöppelten) Polar-Husky-Socken, die bewährten Radhandschuhe sowieso, Wollmützchen, über dem T-Shirt und dem Oberhemd die Fruit-of-the-Loom-Jacke (mit Hoodie!), ein Bild für Götter! Und natürlich keine vorschriftsmäßige Radlerhose, sondern eine wegen Schäbigkeit ausrangierte Normalhose, „zum Auftragen“, hieß es in meiner Kindheit: Ich muss gestehen, seit einigen Jahren fällt es mir SEHR schwer, Klamotten wegzuschmeißen! Ich stopfe sie dann in irgendwelche Wandschränke und rede mir ein, ich könnte sie gut gebrauchen beim Wohnungsrenovieren, Malerarbeiten und so – alles Quatsch, alles Ausrede! Es ist der Sammelgeiz des alten Sackes, der hier herumhortet. Auf der Rückfahrt schien dann regelrecht und traulich die Sonne, um 9 Uhr war ich in der Xantener, etwas klamm, aber zufrieden, und freute mich aufs heiße Bad.

Dein Kurt

„Lady Macbeth“ ist ein großartiger Film, ein Erlebnis. Wie schön diese Räume sind, die Interieurs! Mitte des 19. Jahrhunderts, das Haus eines wohlhabenden Briten, da steht in den Zimmern nicht viel herum, eine leuchtende Kargheit, sozusagen, und es wird einem unangenehm bewusst, wie viel Kram wir in unseren kleinbürgerlichen, zugestellten Wohnungen stapeln. Es ist wie der Besuch einer Gemäldegalerie, die schönsten Bilder von Vilhelm Hammershoi hintereinander weg. Die Kamera ist häufig statisch, beobachtet, mischt sich kaum ein, etwas passiert vor ihren Augen, Schnitt. Keine Filmmusik, nur das harte schottische Englisch der Protagonisten, Geräusche des Windes, das Knarren der Dielen. Eine Rassekatze, die ein bisschen eklig aussieht, blickt undurchdringlich und springt, der Schwerkraft nicht achtend, auf den Schrank. Also Bilder des Fernen, stark stilisiert, in großer Künstlichkeit – aber man erlebt es wie reine Natur, besser: Natürlichkeit. Etwas Elementares, eine große Woge, die einen fortreißen wird, aber wenn sie erhaben und schön ist wie die von Hokusai, will man es nicht anders. Damit so ein Kunststück gelingt, braucht man die besten Schauspieler – Schauspieler, die so gut sind, dass sie dies nicht einmal ausstellen müssen, sie zwinkern dem kennerhaften Publikum nicht zu (der sehr gute Schauspieler Anthony Hopkins macht das gerne, deshalb geht er mir gelegentlich auf die Nerven), sondern sind einfach da, wo sie hingehören, als seien sie keine Schauspieler, sondern Teil der Räume und der Zeit. Also keine Kunst und Künstlichkeit wie bei Straub oder Greenaway, die ihr Kunstwollen dokumentieren und sich selber eitel ausstellen („Schaut her, ich bin’s“), sondern eine Artifizialität, die wundersamerweise in Authentizität umschlägt, von Natur und Naturalismus nicht zu unterscheiden ist – wie kann das gelingen? Durch die Kargheit, Strenge, Lakonie der Inszenierung, was Wahrheit suggeriert? Die Geschichte, frei von Nikolai Leskow übernommen, ist schrecklich, der Schwiegervater, der Ehemann, das Stiefkind und ein Pferd werden getötet, ermordet, und ein bisschen sind wir auf der Seite der Mörderin, anfangs jedenfalls, keine angenehme Position, das Böse knabbert an unserer Seele; die Liebe, der Sex, die Wollust enden in Verrat und Verzweiflung und Abscheu; das alles ist von schicksalhafter, geradezu griechischer Bestimmung, eindringlich wie in den besten Verfilmungen der Romane von Thomas Hardy („Jude the Obscure“ beispielsweise): Musse gucke, Allda, aber unbedingt im Original oder OmU!

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