Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

Lieber Siegfried,
die ersten Male, wenn ich vom Kedi-Sitting zurückkam, war ich immer ziemlich erschöpft: die Aufregung! Ob ich alles richtig mache, ob ich ihr ein guter Betreuer, gar Gefährte bin? Und überhaupt, nach zweieinhalb Stunden wieder wegzugehen und das arme Wesen seinem ungewissen Schicksal zu überlassen! Sicher, ihr Haus ist schön und groß, vier Ebenen, drei Küchen, fünf Bäder, alles mit indirekter Beleuchtung, quasi laktosefrei – aber spürt in solcher Fülle des Wohlwohnens ein sensibles Wesen nicht doppelt den Schmerz des Alleinseins?

Heute um 7.30 Uhr bestieg ich also wieder das Rad, fuhr die Bismarckstraße hinauf, die Reichsstraße, dann in die Westendallee, eine gute halbe Stunde brauchte ich, da ist diese leichte, aber endlose Steigung, Berliner Grundmoräne eben. Als ich die Tür öffnete, stand sie schon da und begrüßte mich, ein (leicht vorwurfsvolles?) Miau, Köpfchen geben, Beine (meine!) umschlängeln. Flugs stiegen wir in den ersten Stock, ins Bade-, eigentlich Katzenzimmer, wo ich zu meiner Erleichterung feststellte, dass die schlanke Schöne doch recht ordentlich gegessen hatte: Sie speist nämlich nicht, wenn man ihr neues Futter gibt, sondern später – sehr damenhaft. Und im Katzeklo lagen auch große Klumpen, da lacht des braven Betreuers Herz! So begab ich mich also nach den vorgeschriebenen Hand- und Spanndiensten – altes Futter entsorgen, neues auftischen, Ess- und Wassertröge reinigen, Leckerbissen als da sind Garnelen und rohe Kalbsleber auftauen – auf die erprobte Leseliege, drapierte die Kaschmirdecke über Bauch und Beinen, und Kedi, nicht faul, sprang auch gleich hinauf, drehte sich nach Katzenart mehrfach, bis sie sich dann, kreisförmig eingerollt, einem Zwischennickerchen hingab. Ich las die Zeitung, wohlgefällig meinen Blick regelmäßig auf dem schönen Tier ruhen lassend: Und siehe, es war gut. Nach einem halben Stündchen, ich begann sie ein bisschen zu necken, fing sie dann an, sich sehr systematisch, ostentativ fast, zu putzen, und ich denkelte so vor mich hin: Reinlich sind sie ja, die Türken, was irgendwie unkorrekt klingt, aber in diesem Fall ausnahmsweise gestattet sein mag: „Kedi“ ist Türkisch und bedeutet „Katze“, und sie ist tatsächlich eine echte Türkisch Van (sieh halt selber bei Wiki nach), eine weißfellige orientalische Schönheit, vorschriftsmäßig mit einem blauen und einem grünen Auge, was zauberhaft aussieht und ein bisschen zum Lachen reizt; eine Bajadere, naturgemäß kapriziös – auch nach unserem zehnten Zusammensein kann ich ihre jeweilige Laune nicht gut erkennen, weiß nicht, wann der Stimmungsumschlag erfolgt, ob ich sie (wie erwünscht) noch necke oder schon ernsthaft zum Fauchen bringe. Oder ist das Fauchen auch nur ein Spiel? Jedenfalls habe ich mir zur Sicherheit einen alten Lederhandschuh mitgebracht, der die Spielhand schützen soll (erinnerst Du Dich an den Film „Baby Doll“? Da hat der fiese Karl Malden auch so einen Karessierhandschuh, und man ahnt als unaufgeklärter Jüngling, dass es neben der durchaus erstrebenswerten Liebe auch noch etwas anderes geben könnte, Sex nämlich, schmutzigen Sex sogar!, und mit ein wenig Glück würde man es dermaleinst selbst erleben …)

Wir haben ein Ritual, wenn ich ankomme: Kedi legt sich unter einen schönen Biedermeiertisch, auf den Rücken, kratzt wild am Tischbein, wirft sich wie toll umher und bekrallt den (wertvollen) alten Teppich, dabei will sie dann molestiert werden, irgendetwas zwischen streicheln und necken; anfangs fährt sie die Krallen nicht aus, aber im Eifer des Gefechts ändert sich das, und ich trage dann doch Blessuren davon (sie ist unglaublich schnell), weshalb vernünftigerweise der Handschuh zum Einsatz kommt.

Fazit: Kedi ist ein wahrer Schatz und bestätigt die alte Weisheit, dass ein Leben ohne Katze möglich, aber trostlos ist. Und doch war mein Entschluss richtig, nach dem Tod meiner Elizabeth from (sic!) Eaglerock aus dem edlen Geschlecht der Karthäuser auf eine Nachfolgerin zu verzichten, denn ich glaube kaum, dass ich je ein anderes Kätzchen so hätte lieben können wie mein liebes Lieschen, diese nicht nur Allerschönste ihrer Art und ihres Geschlechts, sondern eben auch Gutherzigste, Tugendsamste. Und wäre es nicht für mich und für eine neue Katze schlimm gewesen, wenn ich ihr nicht mein ganzes Herz hätte schenken können, wenn sie nur Ersatz geblieben wäre? So etwas sollte man keinem Menschen antun, geschweige einer Katze.
Dein Kurt

Viele und schöne Katzengedichte hat Robert Gernhardt geschrieben, erstaunlicherweise nicht nur Liebeserklärungen und heiteres Damenlob, sondern auch durchaus realistische, jedenfalls unsentimentale, hier drei Strophen aus den beiden „Katzengedichten“:

Von einer Katze lernen
heißt siegen lernen.
Wobei siegen „locker durchkommen“ meint,
also praktisch: liegen lernen.

Wie alt wird so eine Katze?
Manchmal zwanzig Jahre.
Viele streckt’s aber auch schon früher hin
auf die, sagen wir ruhig: Bahre.

Eine Katze haben,
heißt eine Katze verlieren.
Andere mögen von Menschen reden,
ich rede von Tieren.

Und damit es nicht zu ernst endet, hat Issa das letzte Haiku-Wort: Ein kleines Mädchen / lehrt seine Katze tanzen / im Frühlingsregen.

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