Brief an Kohlhammer

Kurt Scheeel

Lieber Siegfried,
habe ich Dir eigentlich schon erzählt, dass mich die (sehr renommierte) englische Tageszeitung „The Guardian“ vor kurzem (wenn Du es unbedingt genau wissen willst: es war wohl der 29. Oktober 2017) namentlich erwähnt hat, und zwar völlig korrekt? Also nicht „Martin Scheel“, wie es kürzlich in der „Zeit“ hieß oder, noch schlimmer, „Knut Schiel“, wie mein Name so häufig durch meine Albträume geistert. (Die allerschlimmste Namenverhunzungsgeschichte stammt von Carl Barks, in ihr wird aus „Donald Duck“ in einem Zeitungsartikel, mit dem Donald die Neffen beeindrucken will, „Ronald Dunk“.) Nein, mit typischem Understatement und dem schwarzen Humor, der dem Engländer eigen ist, schrieben sie „Kurt Scheel“, so der britischen Fairness ein schönes Denkmal setzend gegen die deutsche Neidkultur unseligen Angedenkens, bravo! Und ich wurde auch nicht als ausgebrannter Medienmogul oder (ehemaliger) Mitherausgeber eines „(very) little magazine“ gedemütigt, sondern als, aufgepasst!, „veteran cultural observer“ gewürdigt.

Nun sprichst Du ja sehr gut Englisch, da muss ich Dir nicht erklären, dass „observer“ unserem schönen deutschen Wort „Beobachter“ entspricht, „cultural“ mit „Kultur“ (zum Beispiel in „Leit-Kultur“) zusammenhängt – aber vielleicht denkst Du, dass „veteran“ so etwas wie „ausgedient“ oder „ausgemustert“ oder „alt“ im Sinne von „oll“ bedeutet, aber das ist ganz falsch! Es bedeutet hier „erfahren“ oder „kampferprobt“, meinetwegen auch „altgedient“. Wenn ich einen Übersetzungsversuch wagen sollte, der natürlich nur eine Annäherung an die „wahre“ Bedeutung (die es eigentlich gar nicht gibt) sein kann, würde ich also für „veteran cultural observer“ in unserer wunderbaren deutschen Muttersprache sagen: „renommierter, erfahrener, mit allen Wassern gewaschener Kulturbeobachter“, oder noch kürzer: „DER tonangebende deutsche Kulturkenner“, und das stimmt ja auch, jedenfalls kann ich mit solch einer Kennzeichnung gut leben.
Doch damit nicht genug! Denn diese großartige linksliberale Tageszeitung, die in der ganzen englischsprachigen Welt (das sind Hunderte von Millionen Menschen!) aufmerksam gelesen wird, zitiert einige Sätze aus einem Artikel von mir, wörtlich UND beifällig! Es sind mehr als vierzig Wörter (genau gesagt: 41), die hier zitatweise aus dem Zusammenhang meiner „Babylon-Berlin“-Tirade gerissen werden (wenn Du den Artikel in voller Länge genießen möchtest, kannst Du ihn in „Das Schema“ finden, diesem Blog, der in jüngster Zeit soviel Furore macht), aber der „Guardian“-Abonnent kann sie natürlich nur in der englischen Übersetzung lesen, das heißt die feineren Ober- und Zwischentöne meiner kleinen Reflexion gehen hier verloren, aber für solche „kontinentalen“ Feinheiten hat man auf „der Insel“ ja sowieso kein Organ, man ist down to earth mit stiff upper lip, alles Poetische oder Philosophische, geschweige Auratisch-Spekulative im Sinne Walter Benjamins ist dem „little Englander“ fremd, da versteht er nur „railway station“ und klappt seine (häufig genug abstehenden) Ohren einfach zu. Egal, dafür versteht das „perfide Albion“ eine Menge von Perfidie, Kattun und Gott („God“), und in unserem Nationalsport haben sie uns auch zweimal geschlagen (wir sind dafür mittlerweile im Fußball viel besser).
Du kennst das schöne Lied vom alten Harung, der Erfahrung hat – auf Englisch würde man vielleicht sagen: „a veteran herring, he has got experience“, und ein „veteran fucker“ wäre demgemäß auch kein „(ausgemusterter) alter Ficker“, sondern, im Gegenteil!, ein „erfahrener, kampferprobter Liebhaber“, und das stimmt ja auch. Ich bin ein (kritischer) deutscher Patriot, Du weißt es, aber im Herzen bin ich auch eine alte britische Teerjacke (siehe David Leans wunderbaren Film „This Happy Breed“), Freund der Cockneys, Beschützer der Krone (oder sollte es reiner Zufall sein, dass ich haargenau an Saint George’s Day geboren wurde?), und statt des Stechschritts unseligen Angedenkens bevorzuge ich die Mutter aller silly walks, den „Lambeth Walk“, der übrigens von den Nazis frühzeitig als „jüdischer Unfug und tierisches Herumgehopse“ entlarvt wurde – und dann haben sie den Krieg verloren, oi!

Dein Kurt

Anytime you’re Lambeth way,
Any evening, any day,
You’ll find us all doin’ the Lambeth walk, oi!

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