Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

Lieber Siegfried,

vor einigen Wochen habe ich angefangen, die Churchill-Biographie „The Last Lion“ von William Manchester zu lesen, Ulrike hatte sie mitgebracht vom Büchertisch im Flur ihres Hauses; ich gucke mal rein, dachte ich gutmütig, aber es wird mir ja sowieso zu anstrengend sein im Original, also was soll’s. Und nun hat sich herausgestellt, dass es sich sehr einfach und flott liest, und da ich ja sowieso ein Churchill-Verehrer bin („My Early Life“ ist eine brillante Autobiographie!), könnte es sein, dass ich diese 1400 sehr engbedruckten Seiten auch noch wegschnabulieren muss, wie und wann soll das alles bloß enden?! Zum Beginn des großen Unterfangens aber habe ich mir eine kleine, humoristische Geschichte ausgedacht, die in der Tiefenstruktur eine Liebeserklärung an England ist (UND gleichzeitig eine Reflexion über Pleonasmus und Tautologie!), vielleicht wird sie Dich erheitern. –

Wie pervers und ungebildet ist die englische Oberklasse wirklich?! Ein Nachtrag zum Brexit

Ein weißer Schimmel stand neben einem Apfelschimmel, als Lady Montgomery die Stallungen betrat. „Soll ich den weißen Schimmel oder den“, sie zögerte kurz, „anderen Schimmel reiten?“, fragte die heftig atmende Lady den schwarzhaarigen, muskulösen, mit enganliegenden Lederhosen und einem zerrissenen T-Shirt nur notdürftig bekleideten Stallburschen, „oder lieber dich, du geiler schwarzer Rappe?!“ „Am liebsten Letzteres, Mylady“, antwortete dieser schmunzelnd, „wenn ich Euer Ladyship jedoch darauf aufmerksam machen dürfte, dass ‚schwarzer Rappe’ ein Pleonasmus, wenn nicht gar eine Tauto“ – doch mitten im Wort brach er ab, da ein scharfer Peitschenhieb ihn quer über die ganze Fresse blutig zeichnete. „Schweig, du ekelhafter Riesenschwanz, und wage es nie wieder, mir den Unterschied zwischen Pleonazismus und Tautoirgendwas (im Original: pleonacism and tauto-something) zu erklären, oder ich werde dich züchtigen, wie ich noch niemals Lord Peregrine gezüchtigt habe, auf dass du es dein Lebtag nicht vergessen wirst!“ Kaum hatte sie diese Worte ausgesprochen, rauschte Lady Montgomery auch schon mit wallendem Busen wütend aus den weitläufigen Stallungen von Chichester Manor und beschloss, Sir Peregrine Mitteilung zu machen vom skandalösen und respektlosen Verhalten des Stallburschen mit dem Riesenschwanz, Pleonazismus, lachhaft! –

Du wirst es bemerkt haben, aber falls nicht: es wird geschmunzelt! Und dass der linguistische Hintergrund dieser derb-komischen Erzählung in der Tradition von „Tom Jones“ durchaus intrikat ist (denn „weißer Schimmel“ geht eben doch!, und was ist eigentlich der Unterschied zwischen Pleonasmus und Tautologie?), wird Dir als Literaturwissenschaftler ja auch schon längst aufgefallen sein. „Unterhalten und belehren“ heißt die Devise, und Du magst entscheiden, wie gut mir das heute wieder einmal gelungen ist.

Dein Kurt

Und wenn Du glaubst, in meiner „cautionary tale“ würde die englische Oberschicht unzulässig verunglimpft, so füge ich an, was Manchester auf Seite 337 seiner Biographie erzählt: 1910, nach dem Tod von Edward VII., sagt dessen Hauptgeliebte Alice Keppel (Nebengeliebte waren u. a. Winstons Mutter Jenny und Lillie Langtry [siehe die Roy-Bean-Filme] zu Clementine Churchill, Winstons Ehefrau: Wenn Sie die Karriere Ihres Mannes wirklich befördern wollen, sollten Sie die Geliebte des neuen Königs werden. Als Clementine ablehnte, kritisierte Keppel sie als „positively selfish“!

Advertisements