Warum ist „Babylon Berlin“ so abstoßend?

Kurt Scheel

Weil es so verlogen ist. Nichts stimmt. Das Mädchen ist viel zu dünn für das damalige Schönheitsideal. Zwei Reichswehroffiziere in Uniform treffen sich mit einem dicken Kriminaler, dem man den Kriminaler auf zehn preußische Landmeilen (fast achtzig Kilometer!) ansieht, zu einem konspirativen Gespräch im Café Josty, ausgerechnet! Die Russen sind so russisch, dass man kotzen möchte: Erst schlägt der Mann der Frau ins Gesicht, dann die Frau dem Mann, dann ficken sie (was man zum Glück nicht sieht), und dann rauchen sie die „Zigarette danach“! Dann verrät sie ihn an die Geheimpolizei. Nein, diese Russen! Um es auf den Punkt zu bringen:

Die „Charaktere“ müssen das machen, was im Drehbuch steht, und darin steht, was „geile Bilder“, am besten computeranimiert, hervorbringen könnte; die Figuren sind einer relativ albernen, nach historischen Faktoiden (Café Josty, blutiger erster Mai in Neukölln, Zoffjetmörder, Schupo mit Tschako, Berlin ist ja sooo pervers) organisierten Handlung unterworfen, auf Gedeih und Verderb. Ob man es ihnen abnimmt, ob es zu ihnen passt, ist wurscht. Die Geschichte wird nicht als das erzählt, was irgendwie glaubhafte („runde“) Personen erleben, sie dürfen gerne ein bisschen exzentrisch sein; sondern diesen armen Handlungsgestalten, diesen Handlungsschemaschemen ist genau vorgeschrieben, wo sie hingehen müssen, welche Zufälle ihnen in den Schoß fallen, damit DIE HANDLUNG irgendwie einigermaßen plausibel bleibt, jedenfalls nicht total absurd wird. Es geht also weder um historische Wahrheit noch um literarische Wahrheit, in der man einer Figur folgt und ihr glaubt, was sie erlebt und was sie erzählt, weil sie so glaubwürdig ist; es geht darum, eine deutsche Erfolgsserie zu machen, die genug Klischees, darf’s ein bisschen Nazi mehr sein?, zeigt, auf dass man sie gut vermarkten und verkaufen könnte im feindlichen Ausland. Nicht einmal die Continuity haut hin: Der Held trinkt sein Bierglas aus, und dann ist es wieder voll, im selben Dialog; die Russin bricht den versiegelten Waggon auf, und keinen der Bahnarbeiter und Polizisten juckt’s. Usw. Dass solch teurer Scheißdreck, in mancher Hinsicht durchaus state of the art, von der deutschen Vorab-Kritik gefeiert und gehätschelt wurde, sollte ihr das Rückgrat brechen, wenn sie eines hätte. Aber sie versteht sich ja seit Jahrzehnten als Promoter und Mentor dieser deutschen Scheiße, deren Ursünde die volkspädagogische Gutgemeintheit ist, die weder Realismus noch artifizielle Überspannung („The Singing Detective“) zulässt. „Babylon Berlin“ ist feige, riskiert nichts, und glaubt komischerweise, es sei mutig, fistfucking mit Muddi zu zeigen (Vaddi, eine Heinrich-George-Parodie, hackt derweil im Hinterhof Schweinekoteletts, und die Kettenhunde geifern dazu): Germans, especially Berliners, are very, very strange!

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