Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

Lieber Siegfried,

um 7 Uhr fuhr ich los, zur geheimen Badestelle an der Havel. Da ich bei dieser Tour zumeist Waldwege befahre, störten die vielen Autos nicht so sehr, bin auch nur dreimal von Radlern überholt worden. Natürlich ist um diese späte Stunde die Ausbeute an interessantem Getier gering: zwei Spechte hörte ich pocheln, sah sie aber nicht; zwei Fischreiher strichen kiräend über den Fluß, in der Ferne dann der obligatorische Schwan; keine einzige Ente, natürlich kein Bibermänn – doch halt! Als ich nämlich um MEINE Weide Nummer 2336 herumging, auf die Wasserseite, sah ich, dass einer der Stämme: angenagt war! Triumph! Denn einige meiner (falschen) Freunde hatten meine Bibergeschichten mit einem mitleidig-erklärenden Hinweis abschmettern wollen, ob ich denn nicht wisse, dass das „meistens“ (so wörtlich!) Fischotter und keine Biber seien, die man hier in Berliner Gewässern erspähe? Als hätte ich behauptet, mich mit Marilyn Monroe getroffen zu haben, und dann war es doch nur Sonja Ziemann! Aber die Nagespuren waren nun der endgültige Beweis! Meine Rache würde fürchterlich ausfallen, vor versammelter Mannschaft würde ich die Fischotter-Fraktion demütigen – aber anstatt sie dann zu vernichten, würde ich ihr lächelnd verzeihen, was, unter Gentlemen, als NOCH demütigender gilt! Das Leben kann schön sein!

Statt schöner Tiere sah ich immerhin Menschen: den ersten Wasserskiläufer in diesem Jahr! Und wie brav er – nein, es war eine Frau, man hörte es an ihrer Stimme, wenn sie mit der Motorboot-Mannschaft das nächste Desaster besprach – wie brav sie wieder ins Wasser plumpste, was bei einem ungefestigten Charakter wie dem meinen zu Anfällen von Schadenfreude führen kann, leider. Aber die Frau im Neoprenanzug (15 Grad Wassertemperatur!) war unermüdlich und blieb so gutgelaunt, dass sie mir imponierte und ich mich tatsächlich freute, als sie es dann endlich aus dem Wasser heraus und in die aufrechte Position schaffte, für einige Sekunden, und wieder plumps. Nach diesem ersten Erfolg hatte sie das Prinzip immerhin geschnallt und kam nun regelmäßig hoch, stand einmal sogar etwa eine Minute auf den Brettern, bravo! Mit ihr (und mir, wegen überwundener Schadenfreude) zufrieden machte ich mich um halb neun auf den Rückweg, diesmal über die Försterei Alte Saubucht, und hinter dem Pechsee dann schon wieder: Menschen! Und so viele! Muss das sein, grummelte ich in meinen gepflegten Fünftagebart, aber dann begriff ich: Es sind diese KLEINEN Menschen, man nennt sie „Kinder“, und die sind mir in den letzten Jahren merkwürdigerweise sehr ans Herz gewachsen. Ich weiß, dass es ein starkes Zeichen für Vergreisung und Senilität ist, aber ich bekenne trotzdem: Seit zwei, drei Jahren rührt es mich unendlich, wenn ich kleine Kinder sehe, reale, auf der Straße, aber auch solche im Bild, im Fernsehen. Eine unvergessliche Szene, in der Xantener Straße: Ein Dreijähriger, der hinter seinem Vater ein paar Meter zurückgeblieben ist, hastet ihm hinterher, in diesem komischen Zwergengewackel kleiner Kinder, und als der Knirps auf gleicher Höhe mit dem Vater ist, streckt er dem, ohne hinzusehen, die Hand hin, die dieser prompt und demütig ergreift! Da brach ich in Tränen aus: dieses Vertrauen, diese Sicherheit, diese selbstverständliche Liebe!

Im Fernsehen, in den Nachrichtensendungen, tauchen kleine Kinder zumeist als Opfer auf, bei Hungersnöten, Kriegen, Naturkatastrophen, dann zeigt man ihre verweinten oder verängstigten Gesichter, und obwohl ich solche medialen Inszenierungen natürlich nicht naiv anschaue, sondern eben als abgezockter Durchblicker, ist es mittlerweile so, dass ich dann regelmäßig die Augen schließen muss, weil ich es nicht ertrage. Worauf ich nicht stolz bin, was ich keineswegs als Zeichen für besondere Sensibilität empfinde, aber ich kann es nicht ändern: Die böse Realität, sogar die schlimmen Bilder davon, ertrage ich sehr viel weniger als vor einigen Jahren; durchgehende Verweinlichung (Churchill war übrigens auch eine Heulsuse: „I am a blubberer“ sagte er mit mehr Stolz als Scham). Wenn kleinen Kindern (oder Tieren) etwas angetan wird, bin ich fassungs- und hilflos, kann nur hilflose Verwünschungen oder Tränen hervorbringen. Und das mir, der ich mein Leben lang mit Begeisterung den Satz von W. C. Fields zitiert habe: Wer Hunde und kleine Kinder hasst, kann kein ganz schlechter Mensch sein.
Aber zurück zu den vielen kleinen Menschen im Grunewald, was wollten die hier? Des Rätsels Lösung: Wandertag! Und so wuselten sie umher, machten auch recht viel Lärm, aber ich blieb ihnen gewogen und war sogar etwas gerührt. Denn organisiert war diese Hundertschaft, zumeist Mädchen, in Tandemteams: Einer Vierjährigen, durch die Körpergröße und die gelbe Warnweste leicht zu erkennen, war eine Halbwüchsige, dreizehn oder vierzehn Jahre alt, beigeordnet, als Aufpasser und Mentor sozusagen; viele hielten sogar die Hand! Und man konnte den Großen ansehen, dass sie ihre verantwortungsvolle Aufgabe als ein bisschen peinlich empfanden, aber doch auch geschmeichelt waren, und so soll es sein! Vielleicht könnte man das sogar als Merksatz formulieren: Wer öffentlich etwas Gutes tut und dabei ein Gefühl von Peinlichkeit und Geschmeicheltsein empfindet, dessen moralische Reflexe sind intakt. Und so hatte mich wieder einmal eine Radtour mit der Schöpfung versöhnt, wahrscheinlich nur für kurze Zeit, aber immerhin bis zehn Uhr, da kam ich zu Hause an, mit einem Pfund Maronen im Gepäck, die hatte ich auf dem Nestorstraßenmarkt gekauft, aber das ist eine andere Geschichte.
Dein Kurt

Was ich eigentlich sagen will, hat Urs Theckel in seinem Gedicht „Kleine Kinder“ poetisch auf den Punkt gebracht:

Kleine Kinder sehen dich mit großen Kinderaugen an:
Wer da nicht gerührt ist, der ist kein guter Mann!

Kleine Kinder sind (im Sinne Ernst Blochs): Vorschein, Hoffnung, Paradies,
doch kaum werden sie größer (Pubertät!), betragen sie sich unglaublich fies!

Ach, blieben kleine Kinder doch für immer klein,
dann könnte die Welt eine bessere sein!

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