Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

Und da stand er vor mir, genau wie im Haiku von Issa: Da steht der Pilz, / Mit leuchtend roter Kappe. / Gut schmeckt der Herbst.

Um 6.50 Uhr war ich losgefahren, lieber Siegfried, am Tag der Deutschen Einheit, und diese Radtour hatte ich meiner Mutter gewidmet, die am 3. Oktober 1913 geboren ward und als Kreszentia Scheel, geborene Stangl, in meiner Lebensgeschichte eine prominente Rolle spielen sollte. Mit einer bayrischen Schwäbin als Mutter, geboren in Augsburg, und einem pommerschen Vater, geboren in Stettin (quasi Polacke), aufgewachsen in Hamburg, war ich ja gleichsam die ideale Vermischelung von Ost und West, Nord und Süd, Oben und Unten, Rechts und Links, Mittler zwischen Gott und der Welt: der Superbastard, sozusagen. Aber das war Vergangenheit, Schnee von gestern, heute sollte es um die Gegenwart und gen Spandau gehen, eine Friedensfahrt der Versöhnung hatte ich geplant, also an der Spree entlang und dann auf die Freiheit, links abgebogen in die Pichelswerder Straße, dann weiter auf der Havelchaussee. Kaum Verkehr, bedeckt, aber trocken, keine Sonne. Kurz hinter der Bushaltestelle Havelweg bog ich links ab in den Grunewald, mit dem sicheren Gefühl, dass ich mich verfahren würde, und ich hatte mich wieder einmal nicht getäuscht! Schlecht gelaunt stieg ich von meinem Raleigh urban ab, Pinkelpause. Und da stand er vor mir, genau wie im Haiku von Issa!

Direkt am Waldweg, und gleich daneben zwei weitere Maronen! Immer in Gruppen! Und wenn man die erste gesehen, ihr Bild gespeichert hat, fallen einem die übrigen fast von alleine ins Körbchen. Und dort ist noch eine, nein, es sind drei! Das brave Schweizer Offiziersmesser im Rucksack ward hervorgeholt und hielt blutige Ernte! Zwanzig große Maronen, Kappendurchmesser zehn Zentimeter, und zwanzig kleine, Fünfmarkstückgröße, fand ich innerhalb einer Dreiviertelstunde, immer in Wegesnähe; wenn ich in den Wald eindrang, fand ich dort nüschte! Was meine alte Theorie bestätigt: Pilze WOLLEN gefunden werden! Pilze SUCHEN kann jeder Idiot, es kömmt aber darauf an, Pilze zu FINDEN! Diese Freude des erfolgreichen Schatzsuchers habe ich seit vielen Jahren nicht mehr erlebt, es gibt weniges, was dem gleichkommt.
Um 10 Uhr war ich zu Hause, nun ging’s ans Pilzeputzen. Nur ein knappes Fünftel war vermadet, ein guter Schnitt. Mit zwei Schalotten und einer Handvoll Speckwürfel ab in die Pfanne, in Butter die Pilze mit voller Flamme gebraten, ein Schuss Zitronensaft, Salz, Pfeffer, ordentlich Petersilie, auf zwei gerösteten Brotscheiben angerichtet; dazu ein Glas Weißwein: ahn Genuuß, würde der Herr Karl sagen, und, etwas Anspruchsvoller, wieder ein physiko-theologischer Beleg für die Gelungenheit der Schöpfung insgesamt; quasi Spinoza.
Dein Kurt

Oho! Sieh da!: Es war ihm, als habe er, ohne es zu wissen, auf diesen Augenblick, das Ansichtigwerden, auf diese Begegnung und dieses Zusammentreffen gewartet. Seit wann? Es war eine Zeit, welche sich nicht bemessen ließ: „vor unvordenklichen Zeiten“, und das konnte ebensogut vor seiner Geburt wie seit gestern sein. Übertrieb er da nicht, erst einmal vor sich selber, wie er da, hast du Augen, unversehens vor seinem ersten Steinpilz stand, einem dabei gar nicht besonders großen, freilich so gerade gewachsenen, mit einem leuchtend rotbraunen, von keiner Schnecke oder sonst einem Getier versehrten Hut und dessen reinweißer Unterseite. Wie im Bilderbuch? Mehr, wie entsprungen aus dem Fabelreich? Dieses existierte also, war Teil oder Bestand der Wirklichkeit. (Peter Handke, „Versuch über den Pilznarren“)

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