Grüne Insel mit Goldrand

Kurt Scheel

Eine Kindheit auf Altenwerder

Das Besondere an einer Insel ist ihre Inselhaftigkeit, alles so schön übersichtlich. Da ist die Insel, nennen wir sie Altenwerder, und drumherum ist DAS ANDERE, aber dazu kommen wir später. Wir sind in der Kindheit und müssen erst einmal die Insel kapieren, selbst wenn sie so winzig ist wie Altenwerder: ein an den Ecken abgerundetes Rechteck von zwei Kilometern Länge und einem Kilometer Breite, ringsherum brav von einem Deich geschützt, in der Mitte vom Querweg durchzogen. Obstplantagen, Gemüsegärten und Weiden mit Kühen in Halbtrauer. Viele kleinere und größere Gräben, deren Schlick bei Ebbe betörend und auch ein bisschen unheimlich dünstet, bei Flut führen sie das klarste Wasser, leicht gekräuselt, man möchte sofort ein Fisch sein.
Und statt eines langweiligen Meeres, womit „richtige“ Inseln sich dicke tun, gibt es im Osten den Köhlbrand, im Süden die Süderelbe, im Norden die Dove Elbe; drumherum feindliches Ausland, ich sage nur Finkenwerder, Moorburg, Waltershof; zweitausend Einwohner, eine kleine Festung in Indianerland, Fort Apache bei Hamburg, sozusagen.
Für einen kleinen Buttje ist das in den fünfziger Jahren ein Paradies, Altenwerder ist ein Traum, und ich kann, was wahrscheinlich ein Glück ist, dorthin nie zurückkehren, selbst wenn ich wollte. Es gibt nur die Erinnerung, denn der Fortschritt und das Kapital in Gestalt der Hamburger Hafenerweiterung haben meine Insel zerstört, heute ist das ein Containerterminal, und wenn quartalsmäßig die neuesten Exportdaten in der Tagesschau verkündet werden, können Sie in den illustrierenden TV-Bildern den Namen „Altenwerder“ auf den Kränen erkennen, und jedes Mal gibt es mir einen Stich ins Herz.

Wir wohnten genau in der Mitte der Insel, am Kirchweg, neben Sankt Gertrud, und die Kirche und der Friedhof sind so ziemlich das einzige, was noch übrig ist. Die meisten Häuser aber standen entlang des Deichs – Süderdeich, Westerdeich, Elbdeich, Dreikatendeich, da waren auch der kleine Fischereihafen und die Anlegestelle für das Fährschiff nach Hamburg, Sankt-Pauli-Landungsbrücken, das man benutzte, wenn man auf eine gefährliche Expedition ging und nachmittags, neu eingekleidet bei C&A und erschöpft vom Getriebe der Großstadt, nach Hause zurückkehrte.

In Altenwerder war man in Sicherheit. Alles wohlgeordnet: Die Jahreszeiten gaben sich richtig Mühe – der Frühling knospend und blühend, die Apfel-, Kirschen und Pflaumenbäume in weißem oder rötlichem Glanz; der Sommer lang und heiß; der Herbst stürmisch und fruchtbeladen, der Winter knackte vor Kälte wie auch das Eis auf den Gräben, die uns zum Schlittschuhlaufen einluden – alles, wie es sich gehört. Weihnachten, Ostern, Pfingsten, dann eine Durststrecke (so viele Sonntage nach Trinitatis!), die nur von Erntedankfest, Bußtag („Ein feste Burg ist unser Gott“) und Volkstrauertag aufgeheitert wurde. Sonntags Kindergottesdienst, um 13 Uhr dann „Große Kindervorstellung“ im Kino der Eltern, den „Altenwerder Lichtspielen“. Das bisschen Schule und Hausaufgaben riss man auf einer Arschbacke ab, und dann hinaus!
Mit selbstgebastelten Angeln ging’s zum Quergraben, um Stippler, wie bei uns die Stichlinge hießen, zu fangen. Köder waren Regenwürmer, die man vorzüglich alten Kuhfladen entnahm. Die Stippler zerfielen in die dicken Weibchen und die am Bauche rotschillernden Männchen, die „Dokters“ genannt wurden. Für einen Dokter bekam man zwei Dicke beim Tauschen – heutzutage eine unvorstellbare Diskriminierung der Weiblichkeit, aber damals gab es noch keine Genderstudies, herrschte alltäglicher Machismus! Im übrigen wurden alle gefangenen Stippler, unabhängig vom Geschlecht, in heißes Wasser geworfen und ihrer Bestimmung als Hühnerfutter zugeführt.
Auf der Süderelbe konnte man Boot fahren und, wenn man’s geschickt anstellte, Aalreusen plündern. Apropos kriminelle Energie: Im Sommer und im Herbst wurden im großen Stil Kirschen, Äpfel, Birnen, Pflaumen geklaut. Als ich an einem Tag zweimal im selben Obstgarten erwischt werde, verprügelt mich der sehr schlechtgelaunte Bauer erheblich, aber das trägt man cool, der Dorfpolizist Willy Wiesel (Echtname!) wird weder von Bauern- noch von Elternseite mit solchen Bagatellen behelligt, Selbstjustiz ist die Devise! Wir brechen auch gerne in Gemüsegärten ein, Gurken, Möhren, Erbsen, Erd- und Stachelbeeren, alles stößt auf reges Interesse und wird alsbald von der kindlichen Räuberbande brüderlich (no girls!) verzehrt.
Richtig gefährlich wurde es nach Weihnachten, da rottete sich die eine Hälfte der Dorfjugend gegen die andere zusammen: zwei brandschatzende Horden auf der Jagd nach den ausrangierten Weihnachtsbäumen, die dann im Januar festlich verbrannt wurden. Wer die meisten Bäume hatte, war König, es ging um die Ehre, und da fließt bekanntlich schnell Blut: Wir Kinder und Halbwüchsigen schlugen mit ungewohnter Brutalität aufeinander ein, manchmal mit Stöcken und Dachlatten, man brach ohne zu zögern fest verschlossene Schuppen und Garagen auf, wenn man dort ein Tannenbaumlager der feindlichen Partei vermutete. Wenn aber Moorburger in großer Zahl anrückten, hielten die Altenwerder (es heißt eben nicht Altenwerderer!) zusammen und schlugen die feindlichen Kohorten glorreich in die Flucht, ausnahmslos.
Die Jugendgewalt war erheblich, und die Täter wurden immer jünger, schon damals! Aber im Ernst: Gewalt und Tod waren unsere ständigen Begleiter, kaum ein Jahr verging, in dem nicht einer der Kumpane – es waren immer Jungs – beim Baden ertrank, beim Schlittschuhlaufen einbrach und absoff, und Pastor Heinrich Kunig musste wieder einen kleinen Sarg zum Friedhof begleiten. Hein-Paster also vorneweg, mit Halskrause und Barett, der Wind – immer weht der Wind – bläht seinen Talar, und er sieht stattlich und furchterregend und ein bisschen lächerlich aus. Der Sarg wird in einer gläsernen, mit Troddeln verzierten Leichenkutsche transportiert, die zwei Pferde tragen schwarze Schabracken, Kutscher ist der Suffkopp Hinnerk, der einen „eischen“ Daumen hat und Warzen besprechen kann. Dann die Familie und die Honoratioren – alteingesessene Fischer und Bauern – mit Zylinder und im Bratenrock (wir sind in den fünfziger Jahren), alles sieht recht würdig und gesittet aus, nur die Nachhut des Trauerzuges erzählt schon auf dem Hinweg Döntjes und lacht sich schief. Nach der Beerdigung sind dann eigentlich alle sehr fidel, der Leichenschmaus in Altenwerder soll in der Regel lustiger und orgiastischer als jede Hochzeit verlaufen sein.
Es wurde viel gestorben. Schwermütige Bauern auf dem Altenteil erschossen oder erhängten sich, Fischer blieben „draußen“ (Nordsee ist Mordsee), geschwängerte Fremdgeherinnen nahmen Gift (E 605!) – Ochsen und Schweine und Gänse und Hühner waren sowieso habituell dem Tode geweiht und wurden alle naslang geschlachtet: Mein Vater hackt einem Huhn auf dem Hauklotz den Kopf ab, und es flattert durch den ganzen Schuppen! Oder als ich einmal eine Bisamratte mit dem Spaten zweigeteilt habe. Oder der arme Maulwurf, dem ich mit der Plattschaufel den Kopf einschlage, vom Nesterausnehmen und Schießen auf Vögel mit Zwille oder Luftgewehr ganz zu schweigen. Leben und Tod sind in Altenwerder also eng miteinander verbunden, wie es die aktuelle Kulturkritik gerade wieder fordert, praktisch ein ewiges Stirb und Werde – grässlich!
Schön war das Wasser: angeln, segeln, rudern, baden, Schlittschuh laufen und Eishockey spielen. Schön war der Wind: Drachen steigen lassen, sich einfach durchpüstern lassen, mit geschlossenen Augen und ausgebreiteten Armen. Schön war die Erde, wenn sie so brünstig duftete und ihre Gaben uns darbot. (Weniger schön war es, wenn ich den elterlichen Gemüsegarten im Frühjahr und im Herbst umgraben musste, und der Marschboden ist so schwer und lehmig, dass mir beim Graben vor Anstrengung und Wut die Tränen kommen.) Und dann das Viehzeug, die Kühe und Pferde, auf denen man gelegentlich, wenn der in der Regel zu meidende Landmann einen guten Tag hat, reiten durfte! Oder Trecker fahren! Schön war das Feuer, wenn man das trockene Gras abbrannte – einmal, in meiner heißesten Zündelphase, habe ich ungewollt ein ganzes Kornfeld abgefackelt, man ist mir zum Glück nicht auf die Schliche gekommen, aber mir ging der Arsch doch ziemlich auf Grundeis, die Angstlust erinnere ich bis heute.
Das Besondere an meiner Kindheit in Altenwerder waren die Elemente, das Elementare. 1962 haben es die Elemente dann etwas übertrieben und sich zur großen Sturmflut zusammengerottet, dreihundert Tote im Hamburger Raum, die meisten im benachbarten Waltershof, unsere Grüne Insel aber war nur abgesoffen und mit Sachschaden davongekommen. Die Natur, die Elemente: Das ist das Altenwerderische für mich, auch wenn sich das Kind, das ich einmal war, natürlich nicht für „die Natur“ interessierte. Aber wenn die Störche auf den Wiesen herumstolzierten, wenn die Kraniche am Himmel zogen, wenn wir die ersten Schachbrettblumen und Wiesenchampignons fanden, Vögel und Frösche und Schlangen und Fische fingen, wenn wir uns prügelten und den Eltern, den Erwachsenen, den wütenden Bauern entkamen; und wenn der Quergraben, einmal im Jahr, voller Glasaale war, Tausende, Millionen, eine Explosion von Vitalität und Schöpfungskraft; oder einmal, als ich einen mit Vergissmeinicht zugewachsenen Graben fand und eine Blumensode herauszog, und da hing an ihr ein Feuersalamander, der in solchen ungeheuren Farben schillerte, da wusste ich: Das ist das Glück, und es existiert nur in dieser Sekunde, ich erinnere mich genau.

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