Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

Dies, lieber Siegfried, ist ein Herbsttag, wie ich schon viele sah; vor allem Ende September, während der Oktoberfestzeit, gibt es sie, da steht die Luft still, als atmete man kaum, und dennoch fallen raschelnd, hier und da, die Früchte ab vom Rosskastanienbaum.
Um 6.15 Uhr bin ich losgefahren, die Straßenbeleuchtung war noch nicht abgeschaltet, und als ich nun um halb acht die geheime Badestelle an der Havel erreicht habe, scheint die Sonne hinter mir gerade so eben über die Grunewald-Bäume aufs gegenüberliegende Gatow, milde und auroren-rötlich, dass auch gleich die niedrig stehenden Wölkchen vor Vergnügen im Pink eines vorschriftsmäßigen Mädchenzimmers aufleuchten, fast glaubt man, eine Wolke müsse jetzt aus Gründen der Bildharmonie die Form eines Einhorns annehmen, aber das bleibt dann doch, zum Glück, eine (mädchenzimmerfeindliche?) Männerphantasie.

Kaum Wellen, Dunst auf dem Wasser. In der Ferne ein einzelner Schwan. Und schon ziehe ich die Badehose an – hahaha, reingefallen, zum Schwimmen ist es NATÜRLICH viel zu kalt, Lufttemperatur vielleicht zehn Grad, Wasser so um die 15 Grad, schudder, in meiner beigen Rentnerjoppe, dem Wollmützchen und den gefütterten Handschuhen sehe ich ja auch eher wie ein Polarforscher aus, jedenfalls nicht wie jemand, der das Badevergnügen sucht. Stattdessen inspiziere ich das Terrain, ob die Enten im Schilfareal gründeln? Nischte zu sehen, die Madeleines bleiben in der Tasche. Bibermänn, das ist klar, wird sich um diese späte Stunde nicht zeigen, liegt wohl in seiner Burg, die Biberin verwöhnend oder geräuschvoll ratzend. Keine Tiere zu sehen oder zu hören – warte mal? Was pocht denn da? Es ist Bruder Specht, im großen Weidenbaum hinter mir! Jetzt sehe ich ihn auch, er sitzt ganz oben und pochelt so fein und zart, als arbeite er mit Schalldämpfer. Auf der Rückfahrt durch den Wald wirft die immer noch niedrig stehende Sonne meinen Schatten zierlich auf die Böschung des Hohlweges, hübsch sieht das aus, ich bin auch viel schlanker. Nichts stört die Feier der Natur, dies, könnte man fast annehmen, ist die Lese, die sie selber hält, denn heute löst sich von den Zweigen nur, was vor dem milden Strahl der Sonne fällt, in der Regel sind das Kastanien. Um 9.15 Uhr bin ich zu Hause, innerlich heiter, äußerlich bibbernd, mir ist kalt und ich brauche ein heißes Bad.

Dein Kurt

Damit dieser Bericht nicht völlig unpoetisch bleibt, überlasse ich Freund Basho das letzte Wort: kono aki wa / nande toshiyoru / kumo ni tori, in der englischen Übersetzung: This autumn / Why am I ageing so / Into the clouds a bird.

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