Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

Um 7 Uhr, lieber Siegfried, erreiche ich die geheime Badestelle, der Fluss liegt glatt und ungekräuselt vor mir, nur in der Mitte spielen einige Wellen. Ich lehne das Rad an die angestammte Weide Nummer 2336, will mich zum Baden bereit machen, plötzlich bemerke ich, dass ich beobachtet werde! Es ist, zehn Meter vom Ufer entfernt: Bibermann! Er liegt ruhig im Wasser, blickt in meine Richtung, und ich beginne sofort, ihn mit milder, gutturaler Stimme zu umschmeicheln: „Na, wie geht’s, wie steht’s, olle Bibermann? Alles fit im Schritt?“ Wobei ich, ohne einen richtigen Grund dafür angeben zu können, seinen Namen englisch ausspreche, also „Bibermänn“, aber es fühlt sich richtig an, so vom Bauchgefühl her, Du verstehst? Da taucht er weg, dann wieder auf, und blickt weiter in meine Richtung. Ich quatsche auf ihn ein, Liebesgflüster, zärtliche Dummheiten, nach einer Minute wird es ihm zu blöd, längerer Tauchgang und Abschwimmen Richtung Lindwerder. Ich aber fühle mich gebenedeit und schwimme ohne Widerworte, obwohl es ein bisschen kühl ist, die Runde um die Wasserskiboje.

Visuelle Highlights sind der schöne, wolkenlose Himmel, den mehr als zehn Kondensstreifen, frische und im Verwehen begriffene, schraffieren – monochromes Blau, von einem feinen Pinsel mit weißem, aktionistischem Strich signiert. Das zweite, auch sehr poetische Bild, habe ich beim Schwimmen: Über dem Wasser, in der Nähe des Grunewalder Ufers, wo die gerade über die Bäume lugende Sonne noch nicht hinkommt, liegt feiner Nebel, eigentlich nur Dunst, man muss genau hinschauen, um ihn zu erkennen, so zart, so schön, so vergänglich. Das Wasser ist noch ganz angenehm, aber als ich ihm entsteige, schlottere ich doch ein wenig: Ob dies schon das heurige Abbaden war?
Dein Kurt

Dem Biber hat auch Brockes ein Gedicht gewidmet, dessen erste Hälfte den tierischen Baumeister rühmt (im zweiten Teil wird das Bibertöten, des Pelzes wegen, als gottgefällig dargestellt, das lassen wir dann lieber mal weg, ich möchte meine gutnachbarschaftliche Beziehung zu „Bibermänn“ nicht gefährden):

Wo eins von allen andern Thieren den Menschen was Beträchtlichs zeiget,
So ist es dieß besondre Thier; indem, was man an ihm erblickt,
Fast alles das, was Thierisch heißt, in seinem Bauen übersteiget,
Da solches nicht allein von ihm bewundernswürdig zugeschickt,
Da es die größten Bäume fällt, das Holz in richt’ge Stücke theilet,
Sie auf die breiten Schwänze legt, mit ihnen nach der Wohnung eilet,
Sie künstlich, regelmäßig fügt; ja, dass die Flut sie nicht verschwemmet,
Mit großer Vorsicht, Müh und Fleiß oft einen ganzen Fluß verdämmet.
Sie theilen ihre Wohnung selbst in unterschiedne Stockwerk ein,
Damit sie in dem obersten, bey feuchten Zeiten, sicher seyn.

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