Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

Die Große Wannsee-Tour, zum ersten Mal in diesem Jahr, lieber Siegfried! Abfahrt um 4.35 Uhr, die Paulsborner hoch, aber, wenn ich Dir das in Erinnerung rufen darf, nicht rechts in die Pückler-Straße zum Grunewaldsee abbiegen, sondern weiter die Clayallee runter, dann rechts in die Argentinische Allee und wieder rechts in die Matterhornstraße, nach einer guten Stunde ist man dann auf dem Wannseebadweg, und Du fragst grummelnd, was dieser Umweg „bringen soll“ (so wörtlich). Nun, das kann ich Dir leicht erklären, und Du bist sogar der Nutznießer dieser Aktion. Denn die heiße Phase des Wahlkampfes hat gerade begonnen, und das bedeutet unter anderem, dass die Masten an den unschuldigen Straßen mit Plakaten behängt werden, und es bietet mir die schöne Gelegenheit, Dir mittels einer soziologisch und medientheoretisch fundierten Analyse die Wahrheit über die Parteien und ihre Politik näherzubringen.

Was zuerst auffällt, und ausgesprochen positiv: Nur ein Drittel der Plakate zeigt Politikerköpfe, und fast niemand lacht richtig, mit Zähnezeigen und allen Schikanen, das traut sich nur der CDU-Kandidat Gröhler (Name nicht geändert), also richtigrichtig old School, vielleicht aber auch nur Dusseligkeit. Merkel, Schulz und die jeweiligen Wahlkreiskandidaten halten den Mund geschlossen, haben wohl den Auftrag zu lächeln, aber es reicht in der Regel nur zu einem Grienen oder gar Schmunzeln. Merkel sieht ganz adrett, aber müde aus; sie muss noch einmal ran und sich jetzt weiter mit Typen wie Trömp, Seehofer, Putin, Erdogan herumärgern, das tut sie aus Liebe zu Deutschland, als Patriotin, aber Freude kommt da nicht auf, und man kann sie verstehen. Schulz sieht aus wie ein trockener Alkoholiker aus Würselen, immer eifrig, immer bemüht, aber es liegt kein Segen darüber; Politik als Rehamaßnahme, vielleicht hätte er einfach weitersaufen sollen. Doch jetzt wird’s interessant: Lindner von der FDP wie auch die Schnurzelkandidaten dieser Partei gucken alle ernst, fast angepisst – als seien sie geradewegs Supermodels! Auch so mit Dreitagebart, offenem Hemd, saucool, und Lindner setzt noch einen drauf, auf einem Großplakat hält er den Kopf gesenkt, er blickt dich nicht an, man kann sein Gesicht nur erahnen, und die Botschaft ist klar: Dies ist ein verwundeter Mann, der in seiner Jugend – vielleicht bei den Regensburger Domspatzen? – belästigt wurde, der aber sein traumatisches Erlebnis überwinden will und deshalb nun eine Opferinitiative ins Leben gerufen hat; und da Lindner attraktiv ist, an Gewicht abgenommen, an Haupthaar aber zugenommen hat, sieht man diese Plakate ganz gerne, bekommt jedenfalls keinen Schreck.

Der Hammer aber sind die AfD-Plakate! Entweder sind die Alternativler alle notgeil, oder sie sind tatsächlich die Superstecher! „’Burkas’? Wir stehn auf Bikinis“ behauptet der Text, als Blickfang dienen zwei hübsche Mädchenhintern. Noch schöner aber das Potenzprotzer-Plakat: „’Neue Deutsche’? Machen wir selber.“ Da hat sich der Jaguarfahrer Gauland offenbar auf seine alten Tage noch einmal an die schönen Ordensburgzeiten erinnert, als willige Maiden von ausgewählten SS-Männern beschält wurden, um dem Führer neue Soldaten zu schenken; oder steckt Höcke hinter dieser Idee? Jedenfalls können nun patriotisch gesinnte und echtdeutsche Frauen (Ariernachweis nicht nötig) unter dem Stichwort „Ordensburg 2.0“ an Alexander Gauland schreiben bzw. mailen (c/o Alternative für Deutschland, Berlin; afd@t-online.de) und einen Antrag stellen (bitte mit aktuellem Foto), jede Zuschrift wird beantwortet (Bild zurück). Dass Frauke Petry ihren jüngsten Sohn, ein frischgeschlüpftes Baby, auf einem Plakat vorführt, hat ihr zwar eine Anzeige wegen Kindesmissbrauchs eingebracht (von Lindner?), aber das Ziel ihrer Aktion ist es, das „Mutterverdienstkreuz mit Pauken und Trompeten“ ab dem zehnten Kind ins Grundsatzprogramm ihrer Partei aufnehmen zu lassen. „Ich kann auch ohne AfD die demographische Wende für Deutschland schaffen, und zwar alleine!“ soll die kleine Frau mit dem dämonischen Sexappeal ihrer (lesbischen) Konkurrentin Weidel (Spottname: „Trockenpflaume“) auf dem letzten Parteitag ins Gesicht geschleudert haben, und es ist offensichtlich keine leere Drohung. Das Schmierige, Swingerclubartige der AfD-Wahlwerbung entspricht jedenfalls der Anmutung ihres Personals wie ihres Programms, praktisch „Trau dich“, wie es auf den Plakaten ungeschönt heißt. Rein werbetechnisch betrachtet also Gold für die AfD, Silber FDP, Bronze CDU und SPD, Ehrenbambi für die Linke und Bündnis 90/Die Grünen.

Um 6 Uhr erreiche ich die geheime Badestelle, schwimme um die Boje herum, acht Enten im Flegelalter werden mit drei Madeleines gefüttert, auf der Rückfahrt im Grunewald läuft ein Jungwildschwein leise quiekend vor mir davon, aber das nützt alles nichts, tut mir leid: Liebe Tiere, liebe Wolkenformationen, liebe Schöpfung und lieber Gott, die ich euch so gerne rühme und besinge, heute hattet ihr keine Chance gegen die heiße Phase des von (deutscher) Menschenhand gemachten Wahlkampfs, um den uns die Welt beneidet; Kultur schlägt Natur mit dem WM-Ergebnis Deutschland gegen Brasilien (7 zu 1). Um 8.03 Uhr zu Hause, erschöpft, aber auch irgendwie angenehm agitiert.

Dein Kurt

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