Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

Lieber Siegfried,
heute also die Supertour, ich sage nur: Hennigsdorf! Abfahrt 5.35 Uhr, die Strecke bis zu den Papenbergen kennst Du, ich habe sie vor einer Woche zierlich beschrieben. Aber heute steige ich dort nur ab, um kurz zu verschnaufen, es ist gerade 7 Uhr, und zum Baden ist es mir zu kühl, außerdem sind genau hier, an MEINEM Badeplatz, gleich zwei Hausboote vor Anker gegangen, das ist rücksichtslos, und niemand wird es mir verdenken, wenn ich, auf Einsamkeit und Freiheit im Humboldtschen Sinne bedacht, daraus meine Konsequenzen ziehe. Also weiter auf dem Mauerweg, und da steht auch schon der Wachtturm aus DDR-Zeiten, jetzt ist er ein Mahnmal, soll an das verderbte Regime erinnern, aber er ist so klein, fast möchte man ihn streicheln, der will nur spielen. Weiß und proper, sieht er mittlerweile nicht mehr zum Fürchten aus, sondern gemütlich, wie das Türmchen eines amerikanischen Forts im Western; davor hatte man einmal Angst, und nicht ohne Grund. Als sei es hundert Jahre her.

Abbiegen nach Osten in die Ruppiner Chaussee, und schon überfällt mich der nagende Zweifel: Wird es „Zur Mausefalle“ noch geben? Dieses ultradeprimierend aussehende Etablissement in, ausgerechnet!, Heiligensee, ein umfunktioniertes Einfamilienhaus, und das Betreiberpaar heißt wahrscheinlich Conny und Kalle, und wenn die Soleier aus sind, kannst du dir einen blasen lassen, „Das ist heute im Angebot“, sagt Conny: Also eine richtige Absturz- und Siffkneipe unseligen Angedenkens, und es gibt sie glücklicherweise noch! Den Vorgarten zieren sehr solide, mit der Axt designte Tische und Bänke, lustige Holzpfeiler, blauweiß und spiralig bemalt, stehen sinnlos, aber gaudiverbreitend herum, Nemesis Bayern, Uli Hoeness als bajuwarische Spielart des hässlichen Deutschen fällt einem ein, aber „east of Hennigsdorf“ ist, in Gestalt der „Mausefalle“, der Reiz der Liberalitas Bavariae noch ungebrochen.

Die Ruppiner Chaussee ist lang, endlos lang, bin ich schon in Moskau? Doch dann ist es nur Tegel, die postmodernen Häuser auf der Humboldtinsel strahlen Wohlhabendheit aus, aber keinen Reichtum, Zahnarztästhetik, BMW und SUV, aber eben doch nicht so protzig und abgedreht, dass den Besitzer eines Raleigh urban (moi) Neidgefühle zerfressen würden. Man hofft vielleicht, dass ihre Steuerhinterziehungsinvestments auf den Caymans auffliegen, ihre Autos einen Kolbenfresser (wenn es so etwas überhaupt noch in der digitalen Welt gibt) kriegen, aber ansonsten Alles Gute, und grüßen Sie Ihre Frau! Auf der Greenwichpromenade mache ich, wie die Tradition es gebietet, Halt, tupfe mir elegant mit dem kleinen Handtuch die Stirn ab, setze mich aufs Bänklein und esse einen Apfel, einige schlafgestörte Senioren huschen und hatschen und walken umher, die meisten in vorschriftsmäßiger grellfarbener Sportkleidung, die nur kleine Teile der voluminösen Körper bedeckt, ich lasse es mich nicht verdrießen und trinke mein Fläschchen Mineralwasser und betrachte wohlwollend die Mengen von Jungschwänen und Enten, erstere fatalistisch wohl auf Atzung durch Menschen wartend, die Enten aber fidel und brav und lautstark gründelnd und machend. Der Rest ist Geschichte, um 9.45 Uhr bin ich wieder in der Xantener Straße, nach dreieinhalb Stunden reiner Radelzeit noch erstaunlich fit, it’s getting better all the time, singen die Beatles prophetisch, und jetzt könnte ich Dir erzählen, dass ich sie live bei der Bravo-Beatles-Blitztournee gesehen habe, 1966 in Hamburg, und das sogar mit einem Originalticket (die werden jetzt für 500 Euro versteigert!) belegen könnte, aber das ist eine andere Geschichte, und vielleicht habe ich sie Dir sogar schon einmal oder zweimal erzählt.

Dein Kurt

Vor einigen Tagen bringe ich zwei Hosen in die Reinigung meines Vertrauens, Wilmersdorf, 8 Uhr, da läuft einige Meter vor mir ein kleiner, rundlicher Mann im schwarzen Anzug, mit dicker Brille und Vollbart, auf dem Kopfe einen Borsalino mit extrabreiter Krempe, offensichtlich ein Mitbürger mosaischen Glaubens; an seiner Hand, fast gleichgroß, ein dürrer Zwölfjähriger, mit einem ebenso großen Hut, und dieser Sohnemann hält an seiner anderen Hand den kleinen Bruder, acht, mit einer Kippa bedeckt. Das sah so komisch und traulich aus, und auch wieder, in Berlin!, so herzergreifend, dass ich am liebsten geweint oder ein Dankgebet gesprochen hätte, ich konnte es mir gerade noch verbeißen.

Advertisements