Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

Um 5.50 Uhr geht es los, lieber Siegfried, Richtung Spandau, und wenn ich nicht innerhalb von sechzig Minuten die Havel gequert habe, gar noch auf der Wasserstadtbrücke und derjenige bin, dem die Stunde schlägt, wird sie unter mir zusammenbrechen, ich habe da ein sicheres Gefühl! Also nicht gesäumt und das brave Fahrrad ordentlich gepeddet! Doch gemach, schon um 6.43 Uhr habe ich die Brücke hinter mir gelassen und Hakenfelde erreicht, jetzt kann mir nichts mehr passieren, und so radle ich im Sonnenschein, von einem angenehm kühlem Lüftchen umfächelt, havelaufwärts, von der Elkartstraße an immer direkt am Fluss entlang, die Fußgängerbrücken über den Aalemann- und den Teufelsseekanal nehme ich im ersten Gang (vor einem Jahr musste ich noch absteigen, so schlapp war ich da!), dann den Mauerweg hoch, an diesem unglaublich tristen Campingplatz vorbei, es sieht aus wie eine aufgelassene Hühnerlegebatterie, da bin ich doch sehr froh, dass ich seit Jahrzehnten keinen Urlaub mehr machen und irgendwo hinfahren und mich vergnügen muss.

Es gibt hier auch ausgewiesene Badestellen, mit Sandboden und flachem Zugang zum Fluss, aber die sind um diese Zeit menschenleer und wirken irgendwie verkommen, wie notdürftig gesäuberte Müllplätze, also weiter! Jetzt bin ich im Wäldchen der Papenberge und ergetze mich wieder an dem Werbeschild eines Cafés, das „hausbackenen Kuchen“ anbietet, ist das nicht süß?! Der höchste Papenberg ist übrigens 231 Meter hoch, und das überrascht Dich, „So hoch?“, höre ich Dich murmeln, und dann willst Du wieder mit Deinem alten Partytrick Eindruck schinden und erklärst so nebenbei, dass der höchste Berg der Lüneburger Heide „bekanntlich“ der Wilsederberg sei und tatsächlich 169 Meter aufrage, über dem Meeresspiegel! Doch flugs biege ich rechts ab, in den Waldweg hinein, nach dreißig Metern bin ich am Ufer, gegenüber Konradshöhe. Wie schön der Fluss glitzert! Das Raleigh wird hinter einem Baum geborgen, schon bin ich in der Badebüx, auf fashy-Schwimmschuhe kann ich verzichten, der Boden ist hier fest und sandig. Aua! Was piekt denn da? Es sind die vielen Kiefernzapfen im Wasser, deshalb werde ich beim nächsten Mal, denn dies ist eine sehr schöne, bald wieder zu beehrende Badestelle, die nützlichen Schuhe nicht verschmähen. Das Wasser ist warm und weich, sanft und schmeichelnd, die Sonne scheint mir ins Gesicht, leicht könnte ich den Fluss durchschwimmen, 300 Meter sind’s vielleicht, aber was soll ich in Konradshöhe, und was wird dann aus dem braven Raleigh? So spaddele ich also in meinem Bereich eine halbe Stunde umher und freue mich meines Daseins. Um 9.30 Uhr bin ich zu Hause, komischerweise gar nicht so sehr erschöpft.
Dein Kurt

Letzten Monat habe ich den sechsten, den vorletzten Band von Voskuils „Das Büro“ abgeschlossen, es ist schon eine Weile her, dass ich mit soviel Spannung einen viertausendseitigen Roman gelesen habe, und es passiert darin nur das, was eben so, in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, im Leben eines niederländischen Wissenschaftsbeamten für Volkskunde passiert: Konferenzen, Intrigen, Duckmäusereien, Kongresse, Vorträge, Statuskämpfe, Geburtstagsfeiern, Urlaubsreisen, Besuche von Informanten und Bauernhausmuseen, Knatsch mit der etwas verrückten Ehefrau, es werden Tausende Tassen Kaffee und Tee in diesem Epos getrunken, auch häufig Genever (lieber alter als junger) – es ist also alles noch viel weniger aufregend und spektakulär als in Knausgards „Mein Kampf“, wo ja auch das wirkliche Leben dargestellt werden soll, und dennoch habe ich „Das Büro“ verschlungen. Voskuil erzählt seine (autobiographische) Geschichte gut, angemessen, aber unspektakulär, uneitel, fast zurückhaltend, ohne literarisch zu protzen; er tut so, als sei sein Roman ein ziemlich nüchterner, Langeweile und Wiederholung, Banalität und Pedanterie nicht scheuender Bericht übers wirkliche Leben, und ich habe ihn mit klopfendem Herzen gelesen, ganz anders als Prousts mich dann doch ziemlich bald, sagen wir nach zweitausend Seiten, ermüdender Roman (den ich aber dann doch, dies sei Frau Passig ins Stammbuch geschrieben, brav zu Ende gelesen habe). Dass ich mich mit der Hauptfigur Maarten Koning identifiziere, dass ich sowieso ein sehr identifikatorischer Leser bin, was wohl als etwas primitiv gilt, weiß ich; ich kann auch gar nicht recht erklären, wieso ich mich so gerne und so lange in dieses dumme, kleine Leben des Maarten Koning habe hineinziehen lassen, ich kann es hier nur bekennen. Die Rezeption des Romans in Holland – fanartige Begeisterung einerseits, Kopfschütteln (das soll Literatur sein?!) und Unverständnis andererseits – lässt vermuten, dass sich hier wirklich die Geister scheiden; ich denke weiter darüber nach.

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