Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

Lieber Siegfried,

Andrei Kontschalowskis „Paradies“ hat mich beeindruckt: Eine russische Gräfin, die zwei jüdische Kinder in Paris versteckt, wird verhaftet, der französische Polizeioffizier verspricht ihr die Entlassung, wenn sie mit ihm schläft, er wird dann, bevor es zum äußersten kommt, von der Résistance liquidiert. Sie landet im KZ in Polen, dort trifft sie ihren ehemaligen Liebhaber, einen schönen deutschen Adligen, der nun ein (idealistischer) SS-Mann ist und sie zu retten verspricht – sie geht schließlich, als die Russen anrücken, freiwillig ins Gas, um ihre Freundin und eben die beiden Kinder (siehe oben) zu retten. Als sollte das nicht genügen, Dir Kotzgeräusche zu entlocken, darf ich noch ein Sahnehäubchen draufsetzen: Die Gräfin, der Polizist und der SS-Mann sprechen zwischendurch immer mal wieder in die Kamera, wie in einem Verhör, aber sie haben keine Angst, tragen eine Art (vornehme) Häftlingskleidung, es kann also nicht bei der Gestapo sein; und es ist dann tatsächlich das Verhör beim Einlass ins Paradies, denn die Gräfin wird mit den Schlussbildern erlöst und hineingelassen, wie uns eine Stimme verkündet, dann wird das Bild heller und schließlich strahlend weiß … Ein großartiger, bewegender Film, und alles was in meiner Nacherzählung krude und gaunerhaft klingen mag, wie Holocaustkitsch, ist eindringlich, mit höchster Genauigkeit im Dekor, einer großartigen Kamera und hervorragenden Schauspielern. Nie wird der Film peinlich, selbst die mysteriösen, traumhaften Szenen, das märchenhafte Ende sind mit großem Feingefühl gemacht; der Regisseur, jetzt achtzig, hat als Jungspund mit Tarkowski zusammengearbeitet, und eine Prise davon ist hier zu schmecken, aber eben nur eine Prise. Ach ja, in in künstlerisch wertvollem Schwarzweiß ist der Film auch noch. Ein bisschen wie ein Pirandello-Theaterstück, und gleichzeitig von einem unheimlichen, überwirklichen Realismus, da stimmt jeder Kragenknopf, hat man das Gefühl.

Heute habe ich im Tegeler See gebadet, um 5.20 Uhr ging es los, zum Charlottenburger Schloss, die Spree entlang (zwei Jungkarnickel huschten vor mir über den Weg, ein Fischreiher erhob sich schwerfällig in die Lüfte), Rosen und Hortensien, Winden und Sommerflieder und Hibiskus in allen Farben zierten die Laubenkolonien, am schönsten, prächtigsten aber die Stockrosen, so vornehm und volkstümlich zugleich! Daran hätten auch wir, lieber Siegfried, uns ein Vorbild nehmen sollen, aber jetzt ist es zu spät, leider. An der Rohrdammbrücke dann abgebogen, Richtung Siemensstadt. Die S-Bahn-Station existiert noch, als Rosthaufen, als Drachenskelett, ein großartiges Monument von Verfall und Zähigkeit, triumphal alles überdauernd. Nach genau einer Stunde bin ich auf der Wasserstadtbrücke, quere die Havel, dann nach Hakenfelde, das Aalemannufer entlang, und da kommt auch schon die brave Fähre, die mich und zwei Autos nach Tegelort bringen wird. Der junge Kassierer lächelt freundlich, wünscht gar einen guten Tag, ich kann gerade noch die Schockstarre überwinden und ihm den einen Euro für mich und mein Raleigh reichen, dann die erleichterte Erkenntnis: Wir sind ja gar nicht in Berlin, sondern in Spandau, und die dortigen Residenten wollen mit den rauen Berlinern nicht in einen Topf geworfen werden, Du kannst also ganz beruhigt sein. Nun durch den Tegeler Forst, und kurz hinter der Insel Scharfenberg begebe ich mich ans Wasser, nahe am Radweg, aber hinter einem umgestürzten Baum vor neugierigen Blicken geschützt, und so ziehe ich mich in aller Seelenruhe um, auf die schicken fashy-Badeschuhe kann ich hier verzichten, denn der Seeboden ist aus Sand und fest, und ich schwimme der Sonne, die hinter Tegel aufsteigt, innerlich jauchzend entgegen. Das Inselchen gegenüber heißt auch Lindwerder, wie die Insel beim geheimen Badeplatz der Lieper Bucht, originell sind sie nicht, die Baliner, eigentlich beruhigend. Ruhig ist es hier um 7 Uhr, nur die Flugzeuge dröhnen im Zehnminutentakt über mich hinweg, was aber das erregende Gefühl, der letzte Mensch zu sein, nur noch verstärkt. Wenn da nicht dieser fremde Mann wäre, der nun, zu dieser unmöglichen Zeit, mit viel Getöse ins Wasser plumpst, in gerade einmal hundert Meter Entfernung! Rücksichtslos! Um 9.10 Uhr bin ich zu Hause, der Hintern schmerzt, aber der Geist triumphiert, wieder einmal.

Dein Kurt

Über Stockrosen habe ich in meiner kleinen Reclam-Ausgabe des „Irdischen Vergnügens in Gott“ nichts gefunden, aber über die Rose hat sich Brockes nahezu endlos ausgemärt, hier ein paar Zeilen, die durch die hübsche Schnuppernase am Ende wohl gerechtfertigt sind vor Gott und den Menschen:

Wenn sie sich öffnet, sieht in ihr die frohe Seele
Ein’ angenehme kleine Höhle,
In welche, nebst dem Blick, den Geist
Ein lieblich-roter Wirbel reißt,
Den tausend Blätterchen, die wir daselbst verspüren,
Wie sie sich inwärts drehn, formieren.
Erwägt die Kraft, so man in diesem Wirbel sieht,
Da er, nebst Blick und Geist, die Nas auch in sich zieht.

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