Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

Lieber Siegfried,

es ist ein Unterschied ums Ganze, ob man um 5 Uhr oder um 9 Uhr losfährt! Der frühe Zeitpunkt bedeutet: Natur und Getier und ich in enger Zwiesprache, der späte: Bruder Mensch in all seinen (zumeist unschönen) Ausprägungen macht sich bemerkbar, in der Regel unangenehm. Aber von Anfang an! Ich holte also Frau Landes wie verabredet um 9 Uhr ab, sie klagte noch ein bisschen, ob sie es kräftemäßig wohl schaffen würde, ihr Fahrrad tauge nichts usw., ich begöscherte sie, schmunzelte souverän und abwiegelnd, und dann ging’s los. Zum Glück wenig Verkehr, aber es war doch schwierig, nebeneinander zu fahren, denn nicht der Autofahrer erwies sich an diesem Sonntag als geborener Feind des Radlers, sondern der: Mitradler!

Vor allem ein Trio von russischen Jugendlichen, dem wir mehrfach begegneten, störte („Was machen DIE hier?“, fragte vorwurfsvoll die altlinke Brigitte, bravo!), doch dann tauchten wir am Grunewaldsee in den Wald ein, und jetzt mussten wir nur noch auf die Spaziergänger und die sinnlos umher rennenden Hunde achten, was uns meistens gelang, Frau L aber, wenn sie in allzu engen Kontakt mit jenen geriet, zu missmutigen Kommentaren Anlass gab, wovon ich sie abzuhalten versuchte, denn nichts ist anstrengender, als mit adversativen Hundehaltern oder Mitradlern sich auszutauschen darüber, wer der größere Idiot ist; zum Glück musste ich nur einmal einschreiten, als Frau L einen alten Radlermann (mit nacktem, weißbehaartem Oberkörper), dem sie die Vorfahrt genommen hatte, zusammenstauchen wollte („Nichts sagen, es hat keinen Zweck!“). Erstaunlich, dass Regeln der Höflichkeit, gar der Ritterlichkeit zwischen Mann und Frau im Verkehrsgeschehen so gar keine Rolle spielen, unabhängig vom Alter. Ach ja, als wir vom Wald auf die Havelchaussee einbogen, wurde Frau L von einer radelnden Kampflesbe (vorschriftsmäßiger Sportdress, Helm usw.) angeschnauzt, dass sie besser aufpassen müsse, dabei hatte sie in gehörigem Abstand vorbildlich die Straße gequert: Balin, wie es leibt und lebt: Wenn man pöbeln kann, warum sollte man auf dieses preiswerte Vergnügen verzichten?!

Die geheime Badestelle ward ohne größere Zwischenfälle erreicht, und MEIN Plätzchen war unbesetzt (auf beiden Nebenstränden, fanden wir dann heraus, lagerten diskrete Nacktzelter). Wir konnten dennoch nicht an der angestammten Weide Nr. 2336 parken: wieder Hochwasser! Sogar die Buhne vor dem Schilfareal war in der Havel versunken. Hier, so erklärte ich der fasziniert lauschenden Begleiterin, habe also mein Rencontre mit dem Biber stattgefunden, auf Augenhöhe!, und ich führte es ihr szenisch und gestisch noch einmal vor, mit weiten, herrscherlichen Armbewegungen, die fast bis ans Gatower Ufer reichten. Sonne, leichte Brise, fröhlich hüpfendes Wasser, 22 Grad, hinein! Ich umschwamm die Boje, Frau L spaddelte, ja gründelte geradezu in der Nähe des Strandes, ihr war es wohl nicht warm genug, aber mir als Strandmeister mit ordentlich Speck auf dem stattlichen Körper war die Temperatur gerade recht. Eine Heimfahrt ohne Komplikationen, der unangenehmen Steigung vor dem Grunewaldturm nahmen wir ihren Schrecken, indem wir die Räder freiwillig schoben, was Frau L dazu führte, einige Parasolpilze am Wegesrand zu entdecken und folgerichtig auszureuten, mich aber auf die Geschäftsidee einer neuen Trendsportart brachte: Fahrradschiebing UND Pilzsuching (FUP), was nicht blöder ist als Nordic Walking, außerdem braucht man kein Geld für neue Gerätschaften auszugeben, ein alter Fahrrad hat ja jeder rumstehen, also auch ökologisch entspricht FUP durchaus den Forderungen der Zeit: Natur und Technik in harmonischer Ergänzung. An der Albrecht-Achilles-Straße trennten sich unsere Wege, um 12.30 Uhr war ich in der Xantener. Der physiko-theologische Höhepunkt des Ausflugs aber waren die vielen Schmetterlinge, zumeist Kohlweißlinge, doch auch ein Admiral war dabei und, Tusch!, ein Zitronenfalter, den ich Deiner lieben Harume mit herzlichen Grüßen widmen möchte.
Dein Kurt

Barthold Hinrich Brockes besingt den possierlichen „Kleingaukler“ (Arno Schmidt) folgendermaßen:

Wer muss sich nicht recht inniglich ergetzen
Und in der Lust sich nicht zugleich entsetzen,
Wann er das Heer der bunten Schmetterlinge
Besieht und ihren Putz erwäget?
Es sind wahrhaftig Wunderdinge
Den bunten Flügeln eingepräget.
Man wird mit großem Rechte können
Sie fliegende lebendge Blumen nennen.
Man teilet sie, nicht unrecht, insgemein
In Nacht- und Tageseulchen ein,
Die alle wunderlich formieret,
Die alle wunderlich gezieret:
Damit sogar des Nachts die Luft nicht leer
Von göttlichen Geschöpfen wär.

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