Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

Und als dann um 8.30 Uhr, lieber Siegfried, ein ordentliches Gewitter losbrach, konnte ich nicht umhin, mir schmunzelnd selber mit der rechten Hand auf die linke Schulter zu klopfen: Gut gemacht, Herr Scheel! Was war geschehen? Die Wettervorhersage hatte ab 8 Uhr eine Regenwahrscheinlichkeit von 80 Prozent angegeben, das hätte für Dich und andere Normalverbraucher bedeutet, dass der sonntägliche Radelausflug („leider, leider“) ausfallen müsse; Du hättest Dich auf die andere Seite gedreht und mit dem besten Gewissen der Welt „weitergeratzt“ (so wörtlich!). Was aber tat Herr Scheel? Fieberhaft ging er alle Alternativen durch, sein Verstand, „a fine tuned machine“ (Trömp), lief auf Hochtouren: Wenn es ab 8 Uhr höchstwahrscheinlich regnen wird, man aber die Radtour nicht einfach (und schmählich) absagen will, was macht man dann? Grübelgrübel, doch dann hatte ich die Lösung, und sie war so einfach! Einfach sehr früh losfahren und vor 8 wieder zu Hause, im sicheren Port, sein. Gedacht, getan!

Und so war ich also um 4.35 Uhr auf der Paulsborner Straße unterwegs, wunderte mich milde über den Fuchs, der zehn Meter vor mir die Straße querte und mich dann ohne mit der Wimper zu zucken auf dem Gehsteig passierte, drei Meter entfernt. Auf dem Hüttenweg eine ausgewachsene Wildsau, fünf Meter neben dem Radweg, mich garstig anknurrend, nein, skeptisch angrunzend. Um 5.45 Uhr am geheimen Badeplatz, den ich fluchtartig verließ, als ich ein Husten hörte, das offensichtlich von Bruder Mitmensch kam, und da sah ich auch schon das kleine grüne Zelt – kein Problem, es gibt ja dort drei oder gar vier in sich abgeschlossene Badestellen, also zog ich ein Haus weiter, in die von der Buhne geschützte Schilfregion. Alles grau, neblig, nein: diesig. Sah schön aus, vornehm, wie ein künstlerisch wertvolles Schwarzweißfoto; kein Wind. Langsam stapfte ich in den Fluss, das Gatower Ufer gegenüber war ein dunkelgrüner, mit dickem Pinsel gemalter Streifen, weder der Grunewaldturm rechts noch der Fernsehturm Wannsee links waren im Dunst zu sehen; dort, wo die Sonne aufgegangen sein sollte, war es nur unwesentlich heller als ringsumher. Alles still, sehr still, nur die Flugzeuggeräusche von Tegel schienen mir lauter als gewöhnlich. Doch was ist das? Eine Ente ist es nicht, schwimmt auch viel zu schnell; eine Wasserratte?! Nein, der Kopf, der aus dem Wasser ragt, ist zu dick: Es ist, verreck!, ein Biber! Zehn Meter entfernt von mir schwimmt er ans Ufer, zu einem Weidenbaum, dessen Zweige ins Wasser hängen, und nun sehe ich ihn nicht mehr, höre aber tatsächlich Beißgeräusche! Seelenruhig ist er dabei, seinem Tagwerk nachzugehen und Äste abzunagen! Langsam und verdutzt, fast ein wenig verzaubert stapfe ich weiter in die Havel hinein, falte ich gar die Hände zu einem Gebet? Nein, das denn doch nicht, aber eine gewisse Frömmigkeit überkommt mich schon, die sich noch steigert, als ich, nun bereits schwimmend, von eben diesem Biber umrundet werde, in sechs, sieben Meter Entfernung. Das Tier sieht mich an, ich blicke zurück und bin festlicher gestimmt als die einfältige Kreatur, die nun taucht, automatisch zähle ich mit, einundzwanzig, zweiundzwanzig, nach fünfzehn Sekunden taucht olle Bibermann wieder auf, alles geschieht völlig geräuschlos, und jetzt, tut mir leid, muss das Wort kommen: Es ist verwunschen.

Wieder am Strand, und schon kommt Frau Ente mit sieben Küken angespaddelt. Ich habe vier Madeleines dabei, drei fürs Getier, eine für mich, was mir bei den Enten den Ehrentitel „Ernährer und Großer Erpel“ einträgt, aber auch im Himmel beifällig aufgenommen wird: Denn siehe, er ist ein Gerechter vor dem Herrn, und ich will ihn segnen: Wer aber 75 Perzent seines Besitzes dem Nächsten gibt, doch selber nur ein Viertel behält, der ist ein Dynamit Gottes (so steht es auf meinem Konfirmationskärtchen!) …

Um 7.45 Uhr war ich zu Hause, hatte gerade das säubernde und entsandende Wannenbad (nur phantasielose Menschen glauben, das Baden in der Wanne gegen das Baden im Fluss ausspielen zu müssen) genommen, und als nun, siehe oben, der Regen lärmend fiel, da schnurrte ich fast vor Vergnügen: Planung, Logistik, Risikobereitschaft und ein unerschütterlicher Glaube an die eigenen Fähigkeiten – das ist es doch, was die deutsche Leitkultur so einzigartig und so beliebt macht in der ganzen Welt, und ich bin der Beweis!

Doch der wahre Held dieser Geschichte, das bin natürlich nicht ich (moi), das ist der Biber! Zu dem aber sagt der „Physiologus“: „Ist ein Wesen, heißt Biber, ganz sanft und ruhig. Seine Geschlechtsteile sind nützlich als Arzenei. Wenn er nun vom Jäger verfolgt wird und merkt, dass man ihn fassen werde, reißt er diese sich ab und wirft sie dem Jäger hin. Gerät er dann aber an einen anderen Jäger, legt er sich auf den Rücken. Merkt nun der Jäger, dass der Biber keine Geschlechtsteile mehr hat, dann lässt er von ihm ab … Wohlgeredet hat also der Physiologus über den Biber.“

Eine diametral entgegengesetzte Perspektive auf den Biber nimmt Robert Gernhardt in seinem Bildgedicht „Mitte des Lebens“ ein: „Mit dem ersten Glockenton / ging der Biber in Pension; / und die Zeit, die ihm noch blieb, / folgte er dem Lustprinzip.“ Ich wüsste, wofür ich mich entscheide, aber ich will Dir nicht vorgreifen.

Dein Kurt

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