Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

Christopher-Street-Day! Wie schade, lieber Siegfried, dass Du heute nicht dabei sein kannst! Ich hätte Dich beschwatzt bzw. in herrschaftsfreier Kommunikation zu überzeugen gewusst, dass wir als Duo, nämlich „Havelmann und Häwelmann“, mitgehen: Ich, einen Kinderwagen schiebend, als so eine Art Neptun verkleidet, mit Dreizack, starker Brustbehaarung, wasserdichtem Brustbeutel, grüngestreifter Badebüx und fashy-Schwimmschuhen, dass die Umstehenden neidisch auf mich gezeigt hätten: „Kiek ma, der Oppa da, jeil, watt?!“ oder „Der Olle traut sich watt!“ oder „Der Insulaner verliert die Ruhe nich!“ – zu Dir in der Babykarre mit dem Schild „Der kleine Häwelmann“ hätten sie wohl „Häh?!“ oder „Wattdenn, wattdenn?!“ oder „Mönsch, iss der kleen!“ gesagt, jedenfalls wären wir „The Talk of the Town“ gewesen, wie es im „New Yorker“ so schön heißt.

Den lese ich jetzt nämlich auch, ich stehe an dritter Stelle der Nahrungskette: Der Ur-Käufer ist der Schriftsteller David Wagner, er gibt den „Yorker“ (so das Kennerwort, ähnlich wie „Frisco“ für San Francisco) an Herrn R weiter, von dem ich ihn dann empfange; Du bist also die Nummer vier, wenn Du die Brosamen, die von meinem Lektüretisch fallen, aufschnabulierst. Falls Du Harume oder den Bären dann die eine (oder andere) Anekdote weitererzählst (beispielsweise: Was war der Unterschied zwischen Churchill und seiner Frau Clementine? Er hatte viel mehr Hüte als sie!), hätte die „Yorker“-Lektüre quasi Kontinente (Amerika, Europa, Asien) und Spezies (Männer, Frauen, Stofftiere) zusammengebracht, ja vereinigt, die sich zum Teil spinnefeind sind seit Jahrtausenden! Kann man Besseres über das Brückenbauende, ja Verbindende von Lektüre und herrschaftsfreier Kommunikation sagen? Wohl kaum.

Lesen (und Baden, und Radeln), das ist’s doch, was den Menschen vom Tier unterscheidet! Trömp beispielsweise ist ein funktionaler Analphabet, schon der Geruch von Büchern bereitet ihm Übelkeit! Und hat ihn irgendjemand jemals Radeln gesehen? Zum Baden müsste er seinen Anzug und seine überschwanzlange Krawatte ablegen, unvorstellbar! Wahrscheinlich ist er der einzige Mensch, der im SELBEN Anzug, in dem er seine Kinder gezeugt hat, auch beerdigt wird! Die These, er sei in eben diesem Anzug geboren worden, mit roter Fliege (!), ist freilich Fake-news (schon an der absurden „Fliege“ leicht erkennbar) und wurde aus durchschaubaren Gründen aus dem Hillary-Lager geleakt.

Aber das alles fällt nun leider ins (Havel)Wasser, weil Du eben in Japan „weilst“, „Havelmann und Häwelmann“ bleiben ein Traum, eine Dystopie (wir haben früher „negative Utopie“ gesagt, und das hat auch niemandem geschadet) unseligen Angedenkens … Andererseits: Der stampfende Rhythmus der entfesselt ravenden Menge, dieses ewige und langweilige Bummbummbumm, Bummbummbumm, Bummbummbumm (usw.), das bis in den dritten Stock hinaufschallt, ja -hämmert in meine mit Büchern vollgestopfte geschmackvolle Altbauwohnung, ist auch nicht gerade stimmungsaufhellend; fast möchte man unflätig zurückgrölen: Ich habe nichts gegen Menschen mit (zum Teil bizarrer) „anderer“ Sexualorientierung, aber geht’s nicht auch ein bisschen leiser?! In Mekka wäre das jedenfalls nicht möglich gewesen, und in Warschau, wenn die kleine Kartoffel so weiterwütet, ist damit auch bald Schluss. Ist es nicht erstaunlich? Was immer man von Schwulen/Lesben/usw. gehalten haben mag, in den letzten dreißig, vierzig Jahren ist für jedermann (und jedefrau und jedeusw) deutlich geworden, dass die Schwulenuswfeinde die allergrößten Arschlöcher sind (bzw., ausgerechnet, haben). Merke: Nicht alle Andersorientierten sind supi, aber alle Homophoben sind scheißi.

Für einen versöhnlichen Ausgang, die CSD-Parade und ihr Gelärme betreffend, zitiere ich Robert Gernhardts „Salamanderchor“, den Schluss, nachdem die Katze die Salamander zur Ordnung gerufen hat:

Die Katze geht. Es ist sehr still.
Man hört die Hummeln brummen.
Ein Kuckuck ruft. Fern bellt ein Hund.
Doch dann ertönt ein Summen.

Ein Summen erst, und dann ein Schrein –
das sind die Salamander.
Schon sind sie wieder voll in Fahrt
und brüllen durcheinander:

„Hier singt der Salamanderchor
die allerschönsten Lieder.
Auch wenn es manchem gar nicht passt:
Wir singen immer wieder!“

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