Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

Um 6.35 Uhr, lieber Siegfried, war ich an der Havel, und fünf Minuten später drin. Von links kam eine Entenmutter mit vier, nein fünf Welpen bzw. Küken aus dem Schilf angeschwommen, rechts in der Ferne ein Schwanenpaar. Apropos: Wusstest Du, dass Schwanenwerder eigentlich ganz anders hieß? Sandwerder nämlich, und erst der Kaiser hat’s 1901 dann gestattet, dass daraus das pompöse Schwanenwerder wurde, usw.: Das kann sich ja heute jeder selber auf Wikipedia ansehen, und ich liebe das Netz dafür, so ein wunderbarer Ort des Nachschlagens und der Recherche! Wenn man aber wie ich mit Büchern und Lexika und ohne das Internet vierzig geworden ist und einen riesigen Vorrat an unnützem Wissen angehäuft hatte, der dann, durch die neue Technologie, schlagartig entwertet bzw. seiner Exklusivität beraubt wurde, dann wird man verstehen, dass ich auch manchmal etwas ambivalent auf diesen Fortschritt reagiere. (Jahrzehntelang war ich fast der einige Mensch, der wusste, dass der Förster vom Silberwald den Namen „Hubert Gerold“ trägt, heute genügt ein Click auf Google; praktisch wie Luthers Bibelübersetzung: IM PRINZIP lobenswert, aber für die Priesterschaft doch auch ein schwerer Schlag gegen ihr Herrschaftswissen.)

Ich schwimme also zur Wasserskiboje, und als ich ruhig und friedlich zurückspaddle, sehe ich dort, wo mein braves Raleigh im Gebüsch verborgen ist, etwas Rötlich-Gelbes umherhuschen, größer als eine Ratte, kleiner als ein Wolf, also ungefähr Katzenformat. Na so was, denke ich verwundert und leicht blöde, ein bisschen alarmiert, aber äußerlich unbeeindruckt, fast cool; lege ich einen Zahn zu? Ich versuche, jede Nervosität zu verbergen, peitsche aber doch schneller in meinem eigentümlichen Brustschwimmerstil das unschuldige Wasser der Havel, das wellenlos und wehrlos unter einem tiefen Wolkenhimmel liegt. Jetzt bin ich noch zwanzig Meter vom Strand entfernt, und da liegt auf dem Sand etwas Grünes: mein Handtuch! Und auf dem Grünen etwas Rötliches! Das ist, verdammt will ich sein, ein Fuchs! Ein junger Fuchs! Vor Empörung, jetzt sind’s noch zehn Meter, schreie ich „He!“ oder so ähnlich, und der Fuchs, das Füchslein hüpft hoch und hoppelt, aufreizend ruhig, jedenfalls ohne Panik davon, blickt er gar noch frech und spöttisch zurück?! Meine Panik, hätte ich welche, wäre im Vergleich jedenfalls größer, das steht fest.

Der Fuchs hat tatsächlich das Handtuch, das ich auf einem Baumstamm bereitgelegt hatte, zum Strand geschleppt und es sich darauf gemütlich gemacht! Ich schwöre, jedes Wort ist wahr! Die verschwitzte Kleidung – Unterhose, T-Shirt, Hemd, Hose – roch ihm vermutlich zu streng nach Mensch, die hat er ignoriert. Und das hässliche (ein geradezu kreischendes Hellgrün), aber saubere Handtuch hat der gemütvoll-gemütliche Verbrecher tatsächlich an einer Ecke auch noch angeknabbert! Ich wollte es erst wegschmeißen (Tollwut?!), aber nun habe ich es doch aufbewahrt und werde es als Beweis für meine Schauergeschichte jedem Ungläubigen, der Zweifel hegt, vorweisen!

Dieses wahre Erlebnis lässt den Brexit in einem neuen Licht erscheinen, denn er ist doch LETZTLICH auf den Kampf zwischen Deutschen und Briten um die Strandliegen in Spanien zurückzuführen. Angeblich haben die Deutschen diese Liegen sehr früh morgens mit ihren Handtüchern belegt, und die Briten, schlechte Verlierer (im Unterschied zu uns, ich sage nur 1945 und vor allem 1966), haben dann irgendwann die Schnauze voll gehabt (M. Thatcher: „They are different, not like us“); und, so meine Vermutung, es waren gar nicht „die Deutschen“ (DIE Deutschen gibt es nicht, es gibt ja auch nicht DEN Islam), die mit ihren Handtüchern die Liegen reservierten, sondern: Füchse! Spanische Füchse, die aus alter Anhänglichkeit (Legion Condor) dem perfiden Albion (Gibraltar!) eins auswischen wollten. Es klingt verrückt, wie eine üble Verschwörungstheorie, aber ich würde diese Hypothese zu diesem Zeitpunkt nicht ausschließen wollen.

Nachtrag zu meiner Schmunzel-Theorie, in poetischer Form:

Ein Mund zum Schmunzeln,
Ein Arsch mit Runzeln:
Das ist jedenfalls viel gesünder
Als schmunzelnde Ärsche und runzlige Münder!

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