Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

Lieber Siegfried,

gestern holte mich Herr Rutschky um 11.30 Uhr ab, wir fuhren nach Lauchhammer, knapp zwei Stunden dauert’s; viele Wolken, schwül, aber auf der Autobahn (nach Dresden) musste man das Fenster dann schließen, sonst wurde es zu laut für eine Unterhaltung. In meinem nächsten Leben, wenn ich ein Auto habe, muss es eins mit Klimaanlage sein. Wir sprachen noch einmal über den „Förster vom Silberwald“, in enthusiastischem Abscheu sozusagen, auch über Gott und Trömp und die Welt. Wenn wir beide alleine sind und ich keine Sorge haben muss, dass er einen dritten, vorzugsweise Fräulein Richter, anschnauzt, ist es eigentlich sehr entspannt, wir können mittlerweile sogar ganz gut miteinander schweigen, was ich immer als ein Zeichen von Nähe angesehen habe, und es gelang mir eigentlich auch nur mit meinen Geliebten, wenn wir verliebt waren (wenn wir nicht verliebt waren, war mein Schweigen bedrohlich), und mit meinen besten Freunden.

Lauchhammer ist ein richtiges Kaff, der Teil, in den wir fuhren, besteht aus hutzligen Einfamilienhäusern, deren Herkunft aus Katen und Häuslerbauten durch die runderneuerten Renovierungen (oh segensreicher Baumarkt, du Speerspitze westlicher Werte) hindurchdünstet; alles soweit proper, dagegen habe ich nichts; nach der Leninstraße rechts abbiegen, und schon sind wir da. Frau Döring, Anfang dreißig, empfängt uns, kaum hat Herr R eingeparkt. Sie lebt hier mit ihrer Großmutter in solch einem Häuschen, arbeitet im Schichtdienst, ist aber im Herzen Hundezüchterin, Cocker-Spaniels. Fünf muntere Kläffer begrüßen uns, wutschen umher, die Farbe nennt man Blauschimmel, es ist ein herzerwärmendes Gewusel, Chaos with attitude. Nun wird der Hund Quarto auf einen Arbeitstisch gesetzt und mit Scheren, Kämmen, Rasiermaschinen traktiert, ausgekämmt, epiliert, was er erstaunlich gelassen über sich ergehen lässt. Frau Döring mag Herrn R, und er sie, weshalb es lange dauert, bis er dann doch einen Verweis bekommt: Es sind einfach zu viele Grannen und Verwirrlungen und Verknotungen im Fell, es muss besser gebürstet werden, was Herr R auch für die Zukunft verspricht. Schuld aber hat Bruder Linde, mit dem klebrigen Saft in ihrem Blühzeug, in dem der Hund schnobert, und so schließt sich der Kreis. Es gibt Sahnestücke mit Kaffee, süß und lecker. Ein Gang durch den großen, gepflegten, aber nicht zu gepflegten Garten; ordentlich und lässig zugleich. Die Nachbarsfrau blickt beifällig auf die Hunderasselbande, man muss keine Angst haben, dass sie sich über das Gekläffe beschwert. Nun der zweite Teil der Säuberungs- und Trimmaktion, ich darf auch einmal assistieren und den Hund halten, wenn an besonders kitzligen Stellen herumgeschnibbelt wird; das ist anstrengend, denn man muss eine gute Mischung hinkriegen zwischen Festhalten und Sanftheit, also immer auf die Befindlichkeit des Tieres achten, den Griff lockern, dann wieder ein bisschen fester halten; ich lese doch gerade den letzten Knausgard-Band und bin voller Bewunderung für die Eltern, die drei Kinder aufziehen, und bin mir sicher, war es auch immer, von Kindheit an, dass ich das nie hinbekommen hätte, es fällt mir ja schon schwer, mich bei einem Tier durchzusetzen, geschweige ihm meinen Willen aufzuzwingen, letztlich Weicheialarm. Sehr fremd diese Menschen, so anders ihr Leben, aber nun, ich bin zum dritten Mal hier, bekomme ich sie doch langsam lieb, es ist der Rau-aber-herzlich-Typ, der sich wacker und tapfer hält, Respekt und Sympathie, meine Guuden. Um 18.30 Uhr wieder zu Hause, erschöpft und zufrieden.

Dein Kurt

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