Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

Um 7.15 Uhr ging es also los – warum so spät, höre ich Dich, mein lieber Siegfried, gelangweilt fragen. Nun, die Antwort ist einfach: Vorher sah’s verschärft nach Regen aus, aber jetzt schien der Himmel über Ostberlin, der ehemaligen Hauptstadt der ehemaligen DDR, aufzuklaren, und so fuhr ich funkensprühend Richtung Havel. Funkensprühend? Jawohl, und keineswegs im übertragenen Sinne! Denn über Nacht hat sich der Blütenstaub der Linden und des Ahorns auf die Straße gelegt, als hätte der Herrgott seinen großen Pinsel in den gelben (jaune) Farbtopf der Schöpfung getunkt bzw. als hätte Christo eine seiner Kunstaktionen durchgeführt, und da ich immer mit Licht fahre, funkelten also die vom Reifen (Pneu) aufgewirbelten Baumblütenteile im gleißenden Licht der Fahrradlampe, ein ganz wundersames Bild! Wie Hephaistos, Quatsch: Helios sauste ich durch Wilmersdorf, an der israelischen Botschaft vorbei (immer von drei oder vier Polizisten bewacht), und dann war ich an der geheimen Badestelle. Eine leichte Brise sorgte für geschäftige Wellen, und schon stand ich im Wasser, es war wärmer als gedacht! Aber dieser Eindruck, eine optische oder haptische oder wasweißich Täuschung entstand durch den kühlen Wind, wodurch das Wasser fast angenehm wirkte. Auf der Rückfahrt wurde ich von einem Vater mit fünfjährigem Sohn (auf seinem Kinderfahrrad!) überholt, aber anstatt zu fluchen oder in Tränen auszubrechen, schmunzelte ich still in mich hinein. Richtige Männer dürfen weinen, aber sie dürfen auch schmunzeln, ohne an Männlichkeit zu verlieren. Jedenfalls bei uns, in der arabischen (islamischen) Welt ist das anders – nicht besser, aber anders!

Apropos schmunzeln: Bei J. J. Voskuil („Das Büro“, sieben Bände, sehr lesenswert) wird unentwegt geschmunzelt, oft schmunzelt sogar der autobiographische Held Marten wie verrückt. Das ist auffällig, weil normalerweise in richtiger Literatur nicht geschmunzelt wird, und wenn, dann ist es für den Schmunzler stigmatisierend. William Faulkner, Arno Schmidt: schmunzelfreie Zonen; auch alles, was ich in den letzten Wochen mit Gusto gelesen habe, Anthony Powell, Knausgard, Henry James. Bei Robert Gernhardt und Eckhard Henscheid hingegen, und das sind ja ganz Große, wird ordentlich etwas weggeschmunzelt, auch bei Hermann Lenz oder in Gerhard Henschels Martin-Schlosser-Romanen. Vielleicht sollte man das Schmunzeln zu einer literaturkritischen Kategorie machen, so wie es bei Borges die taxonomische Kategorie „Tiere, die dem Kaiser gehören“ gibt: „Sehr gute Literatur, obwohl viel geschmunzelt wird“.

Aber als ich so vor mich hin denkelte und spintisierte, querte da ein winziger Frosch den Radweg, er war so groß wie mein Fingernagel (des kleinen Fingers!), er hüpfte jedoch schon wie ein Alter: Das müssen Frösche offenbar nicht lernen, das haben sie in den Genen, ein Hüpf- oder Hopsgen sozusagen; eigentlich beneidenswert (auch Känguruhs). Dies erschien mir als ein Zeichen, eine trostreiche Lehre: Manchmal hat man sich in nutzloses Grübeln verrannt, ist deprimiert, wie soll’s nur weitergehen? Und dann spürt man, und sei es durch ein Fröschlein, dass man im Einklang mit dem großen, geheimnisvollen Plan der Schöpfung steht! Wahrscheinlich werden wir uns nie wieder sehen, aber als Bruder Frosch eben in mein Leben hopste, wurde er ein Teil davon, hier steht er nun in meinem wahrheitsgetreuen Bericht, vielleicht für alle Ewigkeit? Wenn ich schon lange tot bin, wird „Scheels Fröschlein“ immer noch den Menschen guten Willens Trost spenden, wer weiß? Das letzte Wort aber soll Barthold Hinrich Brockes haben, sechs Zeilen aus der „Betrachtung verschiedener zu unserem Vergnügen belebten Insekten“:

Wie manche Art von Wespen und von Bienen
Erblicket man in dem beblümten Grünen!
Die Hummel fliegt mit Brummen hin und her;
Ihr Körper scheinet in sich schwer,
Als wenn er in der Luft ein kleiner Bär
Mit Flügeln wär.

Hätte ich was zu sagen im Hummelreich, wäre Brockes dort schon längst Ehrenbürger.

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