Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

Lieber Siegfried,
als ich heute um 7 Uhr – keine Bange, da hatte ich bereits abgewaschen – die Blumen schnitt und ihnen frisches Wasser gab, da überkam mich wieder so eine physikotheologische Stimmung und ich murmelte bzw. es murmelte „Flieder, Malven – und Pfingstrosen!“ aus mir. Was aber sollte das bedeuten? Nun, mit „Flieder“ (Syringa) ist eine Pflanzengattung aus der Familie der Ölbaumgewächse gemeint, dessen schöne Blüten, sie strömen einen betörenden Duft aus, wir im Frühling gerne in Vasen stellen, wo sie dann, hastdunichtgesehen, allzuschnell verwelken; aber sie sind so schön und riechen so gut, dass wir es im nächsten Jahr genauso halten. „Malven“ (Malva) wiederum sind Pflanzen aus der Familie der Malvengewächse, deren Blüten den Sommer ankündigen, so rot und weiß und zart, so zerrisslich, möchte ich fast sagen, dass schon beim Kaufe das Vergehen zu spüren ist als leiser, schöner Schmerz. Und die „Pfingstrose“ ist eben eine Rose, die man zu Pfingsten – kleiner Scherz: Die Pfingstrose“ (Paeonia) ist eine Pflanze aus der Familie der, Überraschung!, Pfingstrosengewächse, die so wunderschön und prachtvoll ist, dass man es kaum beschreiben kann.

Einmal in jedem Frühling gibt es gleichzeitig Flieder UND Pfingstrosen zu kaufen, und einmal im Sommer Malven UND Pfingstrosen, aber nie Malven UND Flieder. Die Päonie ist also die Verbindung zu den beiden anderen Lieblingsblumen, sie ist auch die allerschönste, und diese drei gemeinsam sind das Große Blumendreieck meiner kleinen physikotheologischen Verirrung. Sie sind schon einzeln, noch viel mehr im Verbunde, ein starker Hinweis darauf, dass die Schöpfung IM PRINZIP okay ist, mit oder ohne Gottesglaube, das ist fast egal; und an eben diesem Wochenende hatte ich nicht nur meine lieben Freunde zu Besuch und zum Essen eingeladen (Blattsalate und Pfifferlinge; mit Feta gefüllte Lammkeule mit Schnibbelbohnen und Kartoffeln; Rote Grütze mit Sahne), sondern auch einen Riesenstrauß Malven rot und weiß (wie bei der Currywurst, freut sich jetzt der „Berliner“ in Dir) UND einen Strauß dieser rosanen Päonien mit den quittegelben Staubgefäßen, die so ausladend und prachtvoll aufgehen wie das Dekolleté einer sehr schönen Frau in einem Ballkleid auf einem Fest in Versailles Mitte des 19. Jahrhunderts – sie riechen übrigens nicht gut, stinkeln fast ein wenig, aber das ist nicht wichtig. Und als ich also die Malven und die Pfingstrosen um 7 Uhr neu arrangierte, ihnen auch zärtlich Komplimente zuflüsterte, wie man mit einer geliebten Katze spricht (Ja was seid ihr hübsch! Solch schöne Blumen!), da ging mir das Herz auf und es murmelten eben, siehe oben, diese Worte aus mir heraus. War es gar Gott, der aus mir sprach? Ich weiß es nicht, will es aber auch nicht gänzlich ausschließen.

Was Dich, den knallharten Realisten, aber viel mehr interessiert als dieses „halbschwule Blumengequatsche“ (so wörtlich!) ist die Frage, wann ich denn abgewaschen hätte. Diese Frage ist leicht zu beantworten: Um 6 Uhr ging’s los, und schon nach einer Stunde war ich fertig, denn der Abwasch war überschaubar, außer dem Freund und der Freundin war nur noch, als Ehrengast, der Herr Henschel dabei, der Schriftsteller, und ich hatte, in spaßhafter Weise, aber durchaus ernsthafter Absicht deutlich gemacht, dass ich dankbar wäre, wenn nicht jeder vier oder gar fünf Trinkgefäße benutzen würde; ich trinke schließlich den Crémant UND den Weißwein aus demselben Glas, und zwischendurch auch mal ein Gläschen Sprudel, da muss der Herr Igor nicht immer ein Sektglas, ein Weinglas, ein (alkoholfreies!) Hefeweizenglas, ein Mineralwasserglas, ein Schnapsglas und, ungelogen, gelegentlich auch noch ein superbauchiges Rotweinglas nutzen (und beschmutzen, so sieht es nämlich aus der Perspektive des Abwaschers aus). (In dieser Hinsicht, aber nur in dieser, ist Frl. Rikchen vorbildlich, sie hält sich den ganzen Abend an einem, verreck, stillen Mineralwasserglas fest.) Ob ein Abend mit Gästen wirklich gelungen ist, entscheidet sich, das ist eine alte These von mir, beim Aufräumen und Abwaschen am nächsten Tag; wenn dabei mehr als dreimal der Spruch der Tante Jolesch aus einem herausmurmelt, „Gäste sind Tiere“, hat der Abend als gescheitert zu gelten.

Über die Rose hat sich Brockes geradezu weitschweifig ausgelassen, hier also, im grünen Himmel eines Blumen- und Kräutergartens, erwähnt er immerhin auch die Päonie:

Die dunkelrote Glut der Amaranten,
Der bunte Mohn, worauf wie Diamanten
Der Tropfen Menge lag,
Samt der Päonien blutrotem Funkeln,
Convolvulen, Violen und Ranunkeln,
Die teils wie Himmelblau und Silber, teils vergüldet,
Und teils in roten Flammen glühn;
Der frischen Kräuter holdes Grün,
Das tausendfach gefärbt, das tausendfach gebildet,
Bemüheten sich gleichsam in die Wette,
Als ob ein jedes Sinne hätte,
Durch ihrer Blätter Pracht und Schein
Zu ihres Schöpfers Ruhm ein Gegenwurf zu sein.
Man kann in blauen Blumen hier,
In einer sternenförmgen Zier,
Wie weiße Sterne dort am blauen,
Viel blaue Stern am grünen Himmel schauen.

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