Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

Um 5.52 Uhr, lieber Siegfried, machte ich mich frohgemut auf den Weg zur Havel, aber circa zwanzig Minuten später war der Traum eines sommerlichen Badevergnügens ausgeträumt, ins Wasser gefallen bzw. eben gerade nicht: Meinem Hinterrad war die Puste ausgegangen, vulgo: Platter. Ich pumpte noch einmal auf, mit dem Mute der Verzweiflung, aber der Schlauch sah nicht gut aus, schlaff und zuwiderig, ich erspare Dir einen derben Vergleich. So schob ich denn, von der Clayallee bis nach Hause, mein „braves“ Raleigh, ein britisches Produkt, zuverlässig wie Boris Johnson, ich konnte nur „perfides Albion unseligen Angedenkens“ vor mich hin murmeln. Eine Stunde Spießrutenlaufen durchs liebliche Wilmersdorf, immerhin rief mir keiner „Wer sein Rad liebt, / schiebt“ zu, man muss ja dankbar sein heutzutage im rauen Berlin („Trinkgeld oder Fresse!“). Aber das Herz war mir doch schwer, denn nun müsste ich, sinnierte ich gramvoll, den schweren Gang zur Fahrrad-Box in der Konstanzer Straße antreten und um Reparatur flehen. „Det Rad ham Se aba nich bei unz jekooft!“, würde man mich anherrschen, und ob das Vorzeigen meiner Quittung fürs nachweisbar hier erstandene Billigrad die strengen, ganzkörpertätowierten Herren milde stimmen könnte?

Ich dachte mir schon einmal eine Legende aus, das Raleigh sei mir geschenkt worden, ich könne quasi nichts dafür, ob man für diesmal nicht Gnade vor Recht usw. – „Aba voa Mitte Julei jeht janischt“, würde man mich bescheiden, und ich würde mich eilfertig, fast devot bedanken, widerlich! Ich hasste mich schon jetzt und fast noch mehr die Fahrrad-Box-Herren, aber dann kam alles ganz anders! Denn der zuständige Mechaniker, tatsächlich schwer tätowiert, mit einem fünfmarkstückgroßen Holzteller im Ohrläppchen und etlichen Metallteilen im Gesicht, inspizierte das Raleigh und sagte, freundlich lächelnd und ohne jeden Versuch der an sich ja gerechtfertigten Demütigung, ich könne das reparierte Rad in zehn Minuten abholen, wies mir sogar den Weg zu einem Café; gekostet hat’s dann 61,30 Euro, dafür sei das Rad aber auch „maximal“ gegen einen Platten gefeit, mit doppelverstärktem Mittelrist und Seitenstabilisator. Du siehst, lieber Siegfried, Vorurteile stimmen häufig nicht, auch und gerade der Echtberliner kann freundlich und kompetent sein, man weiß es vorher einfach nicht, q. e. d.

Doch nicht nur Berlin beschäftigt mich unentwegt, sondern auch der Gott wohlgefällige Kampf gegen die Phrase. Es ist ein heroischer, freilich aussichtsloser Strauß, aber man kann doch versuchen, die Phrasendrescher durch Verballhornungen ein wenig zu necken. Der Kästner-Spruch „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es“ beispielsweise ist ja im Prinzip gar nicht falsch, aber mittlerweile doch ein Ärgernis, als er so oft und von so vielen Idioten benutzt wird, dass man dagegen vorgehen sollte. Mein Vorschlag zur Verhohnepiepelung (Dekonstruktion) desselben: „Man wird nicht ‚einfach so’ der Besitzer eines Rittergutes – außer man tut es!“ Kann man vielleicht noch verbessern, ich bin für Kritik und Anregungen dankbar, aber es ist immerhin ein Anfang! Ausgereifter ist vielleicht mein Angriff auf den von Tucholsky inspirierten Schnack der Tourismusbranche, wenn sie davon schwärmt, „im Urlaub die Seele baumeln zu lassen“; stattdessen könnte man, mit versonnener Stimme, schlicht sagen: „Im Urlaub endlich einmal die Eier baumeln lassen“, was durchaus in Tucholskys Sinn wäre, denn in „Deutsch für Amerikaner“ macht er einen Vorschlag, den ich, hier schließt sich der Kreis, „Berliner Konversation“ nennen möchte: „Meinen Frau Gräfin nicht auch, dass heute ein rechtes Scheißwetter sein dürfte?“

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