Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

um 5.54 Uhr (ich hatte tatsächlich den Impuls, 5.55 Uhr zu schreiben, aber dann hättest Du gleich den Verdacht gehabt, das sei eine literarisierte Zahl, und mir ist doch die Wahrhaftigkeit meiner Berichte wichtig, „die ganze Wahrheit, und nichts als die Wahrheit“) radelte ich die Paulsborner Straße hoch. Im Grunewald dann ein Frischlingsrudel zur Linken, drei, nein vier schwarze Striche flitzten im Unterholz davon. Um exakt 6.51 Uhr am geheimen Badeort der Lieper Bucht (der Baum, an den ich immer mein braves Raleigh lehne, trägt übrigens die Nummer 2336; sehr geheimnisvoll, am 23. habe ich ja Geburtstag, und 36 ist mir seit eh und je eine besonders liebe Zahl gewesen, der Baum ist, Zufall?, eine Weide!); vier Schwäne als Empfangskomitee, ein Fischreiher erhebt sich mühsam in die Lüfte (elegant sieht anders aus), als er davonzieht, stößt er einen hässlichen Schrei aus, ein Kirää oder Karää unseligen Angedenkens.

Schlau hatte ich mir zu Hause schon die Badebüx angezogen, schlüpfe pfeilschnell aus dem Obergewand, und dann, die wackeren Badelatschen schützen die zarten Füßlein, stapfe ich stattlich, majestätisch gar in die Havel und schwimme bis zur Boje, die das Wasserskiareal markiert. Leider habe ich in diesem Jahr noch keine Läufer gesehen, sie plumpsen immer so schön ins Wasser, was mir ein gutes, ein fröhliches Gefühl gibt. Es ist nicht direkt Schadenfreude, sondern mehr eine Zustimmung zu dem Gedanken, dass das Leben eben nicht ganz einfach ist und man gelegentlich bzw. unentwegt Nackenschläge einstecken muss. Um 8.43 Uhr war ich wieder zu Hause, erschöpft, aber müde.

Als ich durch den Wald radelte, auf diesen schmalen Wegen, und die Bäume stehen so nahe, hatte ich eine Eingebung: Das sieht ja aus wie eine Kamerafahrt! Man blickt nicht auf den Boden, sondern so halbhoch in die Weite, und diese Perspektive erinnert tatsächlich ans Kino, es ist jedenfalls ein deutlich anderer Blick auf die Welt als der eines Fußgängers, und auch die Geschwindigkeit, zwischen 10 und 15 Kilometer pro Stunde, ist anders, fließender, beschwingter als beim Gehen, wie angenehm beschwipst. Und da man im Walde und zu dieser Stunde nicht auf den Verkehr achten muss, kann man so schön ins Grübeln und Denkeln kommen; es ist nicht nur eine andere Sichtweise als sonst, sondern fast eine andere Seinsweise. Vielleicht ist das ein Grund, warum mir das Radfahren, obwohl ich dabei ungustiös schnaufen und schwitzen muss, so wichtig geworden ist, über den ursprünglichen Gesundheitsverbesserungs- und Körperertüchtigungplan hinaus.

In Leipzig gibt es organisierte Kuschelpartys, wogegen nichts zu sagen ist, im Gegenteil: Sie haben mich, nicht ihr geringstes Verdienst, zu einem mahnenden Gedicht auf die mittlerweile von allen (bis auf Trömp) geliebte Kanzlerin inspiriert; als alter Sozialdemokrat greife ich in den Wahlkampf ein – Wer, wenn nicht ich? Wann, wenn nicht jetzt? Wo, wenn nicht hier?

Vor Erdogan kuschen, mit Macron kuscheln,

Ihm beim G-20-Gipfel sogar die Haare verwuscheln:

Das ist, sagt Schulz, ein Anschlag auf die Demokratie, Frau Merkel!

Das ist asymmetrische Demobilisierung, auf gut deutsch: ein großes Geferkel!

Gerade wir Intellektuellen (und Intellektuellinnen), wir Männer und Frauen des Geistes und des Wortes müssen unser Scherflein beitragen und dem Schulz-Express die glühenden Kohlen unserer Gedankenblitze in den Kessel schieben, auf dass er wieder an Fahrt gewinnt (bzw. gewönne)!

Dein Kurt

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