Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

Lieber Siegfried,

um 5.10 Uhr, das ist rekordverdächtig, fuhr ich los, um 6.14 Uhr war ich an der geheimen Badestelle: grau in grau die Havel und der Himmel, mehrere dünne Wolkenschichten waren so übereinandergelegt, dass sie von innen zu leuchten schienen, obwohl die dumme Sonne, feige wie sie ist, nicht zu lokalisieren war. Sehr schwer zu malen, Constable hätte es natürlich gekonnt, aber auch Walter Klier, dessen Gebirgs- und Wolkengouachen ich bewundere, wäre so etwas zuzutrauen. (Klier ist eine merkwürdige, sehr interessante Figur: Schriftsteller von Romanen und Sachbüchern, Herausgeber der seinerzeit besten österreichischen Zeitschrift „Gegenwart“, Verfasser von Wanderführern, jetzt malt er, gegenständlich und völlig kitschfrei, der kann irgendwie alles.) Die Havel war leicht bewegt, ich musste beim Schwimmen den Kopf schief halten, damit die Wellen nicht immer in den Mund platschten; wenn ich auf dem Rücken trieb, sah ich, klein und zart, Vögel weit oben vor dem Wolkenschirm ziehen, drei, vier, zehn, dann war der Himmel wieder ganz leer.

Als ich mich angezogen hatte und gerade abfahren wollte, kam links um die Schilfecke: eine alleinerziehende Entenmutter, mit ACHT Kindern, fast schon ausgewachsen. Zielstrebig, mich aufmerksam und leise vorwurfsvoll beäugend, schwammen sie direkt auf mich zu, mir hüpfte das Herz vor Freude, ich fing gleich an zu plappern, „Broove Antn“ (siehe E. Henscheid, „Maria Schnee“), „Na, seid ihr wieder da?“, hektisch reiße ich am Zellophanetui der Madeleine herum, ich krieg’s nicht auf, da müssen die alten Zähne ran, endlich, und nun, wieder ganz der souveräne Gastgeber und Wohltäter (Band 2: „Kurt der Ernährer“; Band 1: „Der junge Kurt“, aber das nur nebenbei), bröckle ich das Küchlein und werfe es, gerecht verteilend, der Mutter und ihren Rangen zu, die keineswegs Achtung vor ihr, die sie doch unter Schmerzen geboren hat!, zeigen, sondern flink und futterneidisch schnappen, was zu schnappen ist. Jetzt kommt auch noch ein Schwan hinzu, er bleibt etwa drei Meter vom Strand und dem Entenpack entfernt, kriegt aber auch einige etwas größere Bröcklein (es sind insgesamt zwei Madeleines im Knappsack) zugeworfen, die er, fast pomadig, dann auch vor den auf ihn zustiebenden Enten gerade noch ergattern kann, einmal, das sieht sehr komisch aus, muss er den Schwanenhals entkrümmen und ausfahren, um rechtzeitig ans Ziel zu kommen. Merkwürdig, dass der große Vogel die Kleinis nicht einschüchtert, es scheint fast so, als hätte eher er Schiss – ich würde mir das jedenfalls nicht bieten lassen.

So vertändle ich also die Zeit, und es ist mir ein Hochgenuss (und dem Getier doch wohl auch!), aber als ich endlich abdampfe, fängt es an zu regnen, ein bisschen, das kann doch einen Seemann nicht erschüttern! Aber dann wird der Regen stärker, es ist, im engeren Sinne, kein Starkregen (seit wann gibt es dieses Wort in der allgemeinen Sprache, also nicht nur für Meteorologen? Ebenso: dehydriert?), aber es pladdert doch ganz erheblich; manche Warmduscher würden sagen: Es gießt. Einen Moment lang überlege ich, ob ich mich unterstellen soll – da kreuzt ein Frischling, etwa einen Meter ist er lang, schon schwarz, nicht mehr diese weißen Babystreifen, ganz dicht vor mir die Havelchaussee und verschwindet durch eine Wildschweinklappe im umzäunten Uferareal: Dies aber nehme ich zum Zeichen, dass der Herr huldreich auf mich blickt, und wenn das Schwein den Regen nit scheut, dann ein Kurt um so weniger! Ich fahre also weiter, mit einem festgezurrten irren Grinsen auf den Lippen, damit die mich passierenden Autofahrer UMS VERRECKEN nicht auf die Idee kommen, mich zu bemitleiden oder gar zu verhöhnen: Es soll so aussehen, als radelte ich eigentlich nur, wenn es Katzen und Mäuse regnet, ein Ironman- und Extremradler. Leider treffe ich auf den Waldwegen nur zwei Paare (mit Hund und Regenschirm, Weicheier!), mein überlegener Gesichtausdruck kommt also, mangels Masse, nicht richtig zur Geltung, aber egal! Der Herr sieht alles, er wird auch das sehen, und es wird ihm Eindruck machen: „Dies ist mein Knecht Kurt“, wird er sagen, „an dem ich Wohlgefallen habe – aber nicht an dem Heuchler und Schlingel Trömp, der nie in den Himmel kommen wird. Denn erstens ist zu befürchten, dass er bei der Jungfrau Maria sein ‚pussy grabbing’ probiert; zweitens schmäht er Jesus: ‚He is not a hero, he is a victim, a total loser, believe me, worst savior ever, he didn’t win!’, und schließlich habe ich keine Lust, bei seinem Empfang von ihm weggeschubst zu werden!“ Denn Gott ist ein gerechter Gott, das ist unsere einzige Hoffnung! Um 8.30 Uhr bin ich in der Xantener, nass wie eine Wassermaus („Das Büblein hat getropfet, / der Vater hat’s geklopfet / zu Haus“, da freut man sich fast, Vollwaise zu sein).

Dein Kurt

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