Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

Lieber Siegfried,
gestern war ich mit Herrn Rutschky und Herrn Brück im Kino, auf der Fahrt dorthin in der U-Bahn saßen mir zwei junge amerikanische Männer gegenüber, ein Schwarzer von etwa 150 Kilo, ein Weißer von 120 Kilo, im Touristenlook mit kurzen Hosen, T-Shirt und Sportschuhen, sie nahmen nicht vier, aber doch gut dreieinhalb Sitze auf der Bank ein; ich schlug den Blick nieder, weil der Schwatte wirklich einen ungustiösen Anblick bot. Aber ihrer Unterhaltung, durchaus zivilisiert und halblaut, konnte ich nicht ganz entgehen, so hörte ich, in einer englischen Suada, immer wieder kuriose Namen wie „Siegfried“ und „Siegmund“, und dann begannen die beiden, sich etwas vorzusingen, vorzusummen, Motive aus „Der Ring des Nibelungen“, auf deutsch, und das war eindeutig keine Show für das U-Bahn-Publikum, sondern kam von Herzen. Ich hatte die beiden, nicht ohne Grund, flugs als Abschaum abgebucht, und nun das! Ich schämte mich ein bisschen und dachte, dass der Herr mir eine Lektion hatte erteilen wollen, mit meinem gut gefüllten Verachtungsreservoir ein wenig sorgsamer umzugehen, nicht immer gleich und sofort und fast übereilig die Schleusen des Abscheus zu öffnen. Du erinnerst Dich an die Szene im Grunewald am Montag, auf meiner Radtour zur Havel, als ich die alte Frau wegen ihres mich ankläffenden Hundes anschnauzte und sie mich dann mit einem ehrlichen „Es tut mir sehr leid“ beschämte? Wenn mein Leben ein Gleichnis wäre, müsste eigentlich bald „Die dritte Versuchung des Knut Scheer“ stattfinden, ich halte Dich auf dem Laufenden.

Den Film „Wonder Woman“ musst Du Dir nicht ansehen, Herr R langweilte sich, Herr B fand ihn okay, ich fand ihn interessanter als die letzten Superheldenfilme, aber ich bin ja auch Feminist. Jedenfalls ist einer der Superschurken General Ludendorff (der Film spielt zuerst in Arkadien, im Amazonenreich, dann im Ersten Weltkrieg, Herbst 1918), und das hat mich zu einem kühnen, ja halsbrecherischen Schüttelreim inspiriert, den ich Dir nicht vorenthalten möchte:

Zwischen „Lordose“ und „Lord“
Fehlt ein sehr wichtiges Wort:
Denn stünde im Duden „lorff“,
Wär’s reimgeschüttelt „Ludendorff“!

Damit habe ich aus dem Nichts, aus einem NICHTEXISTIERENDEN Wort, ein erhebliches Etwas, nicht nur einen Reim, sondern einen Schüttelreim gemacht; das hat nicht einmal der Schöpfer hingekriegt, weder im Alten noch im Neuen Testament findet man den kleinsten und unreinsten Schüttelreim! In der Vor-Hiob-Zeit wäre ich ob solcher Anmaßung mit Glatze und Miselsucht und eklen Pickeln bestraft worden, aber seitdem Herr Zebaoth trocken ist, kann man ja auf seine Güte bauen bzw. hoffen, hat er jedenfalls keine besoffenen Tobsuchtsanfälle mehr. Irgendwann wird er wie Anton Hofreiter reden (und aussehen, hahaha).
Dein Kurt

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