Brief an Kohlhammer

Kurt Scheel

Lieber Siegfried

um 5.13 Uhr Abfahrt, um 6.12 Uhr Ankunft an der geheimen Badestelle, fünf Minuten später stapfte ich, in der kleidsamen grüngelb-karierten Badehose und zusätzlich mit „fashy“-Badeschuhen und dem bewährten Brustbeutel versehen, in die Havel, die fast spiegelglatt vor mir lag; und schon hob der Gatower Kuckuck an, fast schon einfallslos sein ewiggleiches, doch erstaunlicherweise immer wieder schönes Lied zu singen. Ich aber spaddelte in meiner eigenwilligen Interpretation des Brustschwimmens, gelegentlich unterbrochen vom vorschriftsmäßigen Ausruhen als „Toter Mann“ auf die Wasserskiboje zu, umrundete sie in respektvollem Abstand und begab mich wieder zum Ausgangspunkt. Eine gute halbe Stunde hatte ich gebraucht, das sollte als ordentliche Normerfüllung gelten, und so begann ich mich wieder anzukleiden. Doch wer trat, wie aus dem Nichts, plötzlich auf den Strand, geschäftig mit dem Kopfe wackelnd? Bruder Erpel! DER Erpel oder EIN Erpel? Egal! Erfreut holte ich die Madeleine aus dem Rucksack, das Tier kam nun bis auf einen halben Meter an mich heran, wenn es ein Nordafrikaner gewesen wäre und ich eine junge Frau, hätte ich mich bedrängt gefühlt, aber so war alles in Ordnung, und ich warf ein Bröckchen Proustgebäck ins Wasser, das der Erpel geschwind aufschnappte und dann, mit Wasser vermischelnd, hinunterschnoddelte. Das ließ sich die Gemahlin nicht zweimal sagen, und schon rauschte sie mit großer Bugwelle heran. Ich musste lachen, wie dieses sicherlich IM PRINZIP liebevolle Entenpaar futterneidisch nach den Bröckchen sprang, fast wie wir Menschen, warf dann aber, wie ein gerechter Gott, das Futter mal diesem, mal jener zu, so geht es doch auch! Praktisch das Konzept des Sozialstaats schon dem dummen Getier predigend, nämlich Ausgleich und Schutz des Schwachen, gegen Ellbogenmentalität und Raubtierkapitalismus.

Sehr zufrieden mit mir wollte ich gerade aufs Rad steigen, da ertönte linkerhand ein Geschnatter und Gesprotze, fast erhob sich ein Getobe, und ich sah, was meine Greisenaugen, die schon vieles, allzu vieles gesehen haben, noch nie erblickt hatten: Hunderte von Vögeln, die unter Gekreische aufs Wasser schlugen, das, wie es in der Phrase heißt, zu kochen schien, aber es war wirklich so, und da es das erste Mal ist, dass ich sie benutze, bitte ich die Formulierung zu akzeptieren. Hundert bis zweihundert dunkle, fast schwarze Vögel, einige Fischreiher gesellten sich hinzu, die also auf einer Länge von dreißig Metern im Wasser schwammen und tauchten und offensichtlich eine organisierte Fischjagd veranstalteten, eine fidele kriminelle Vereinigung. Nach zwei, drei Minuten jeweils erhob sich der hintere Teil des Schwarms und bildete die neue Spitze, Richtung Lindwerder, so die fröhliche Hatz fortsetzend. Ich verlor den Schwarm erst aus den Augen, als er ins Gewässer zwischen der Insel und dem Ufer einzog, immer noch lärmend wie ein Trupp alkoholisierter Hertha-Fans.
Es waren dies aber Kormorane, wie ich zu Hause dann herausfand, und am besten ist es, Du legst Dich nicht mit ihnen an, vor allem, wenn Du ein Fisch bist. Aber auch der Mensch (moi), dem die Tiere (ALLE Tiere) IM PRINZIP untertan sein sollen, so hat es der Herr jedenfalls verkündet, war recht froh, dass er vom sicheren Port aus das Spektakel beobachten konnte. Um 8.20 Uhr war ich dann wieder in der Xantener Straße, und siehe, ich verkündige Dir große Freude: Denn dies ist das Goldene Dreieck des Sommers, und es ist auch noch gleichschenkelig: eine Stunde Anfahrt durch den Grunewald via Schwarzer Weg, eine Stunde Baden mit Entenfüttern und Vogelkunde (fakultativ), eine Stunde Rückfahrt via Pechsee. Und wer nun an Brockes („Irdisches Vergnügen in Gott“) oder zumindest Rühmkorf („Irdisches Vergnügen in g“) denkt, der darf bei der nächsten Ausfahrt wieder dabei sein und bekommt sogar einen Backstagepass.
Dein Kurt

Damit es nicht gar zu besonnt und paradiesisch wird, reiche ich ein Rencontre im Grunewald nach, gegen Viertel vor sechs: eine ältere Dame mit ihrem freilaufenden Hund, der ich mich gemächlich nähere, die mich auch sieht, ich fahre langsam an ihr vorbei, und da rennt plötzlich der Hund neben mir her und schnappt nach meinem Bein – ich will, erschreckt, gerade die Geschwindigkeit erhöhen und fliehen, da packt mich die Wut, ich bremse scharf, springe vom Rad und rufe empört: „Gute Frau, Sie haben Ihren Hund nicht unter Kontrolle!“ Wahrscheinlich hatte ich sagen wollen: Nehmen Sie (eventuell noch ein Schimpfwort anhängend) Ihren verfluchten Köter an die Leine!, aber bevor ich meine schwächliche Ansprache rhetorisch verschärfen kann, sagt die Frau: „Es tut mir sehr leid!“, und das kommt so erkennbar von Herzen, dass ich stutze und nur noch „Bitte sehr!“ antworten kann, fast schäme ich mich meiner Empörung, obwohl ich doch eindeutig im Recht war, ich hätte also quasi mit Gottes Segen pöbeln können! Selig sind die Friedfertigen …

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