Brief an Siegfried Kohlhammer

Kurt Scheel

Anbaden! Kaum hatte ich dieses Wort gedacht, noch nicht einmal ausgesprochen, ertönte das wehe Jaulen des inneren Schweinehunds, aber ich ließ mich nicht beirren und stieg um 5.22 Uhr auf mein treues Raleigh urban – gute Autos kann der Brit’ seit Jahrzehnten nicht mehr bauen, aber in der Fahrradfertigung ist er immer noch spitze, vielleicht sollte er es einmal mit der Faustkeilproduktion versuchen? Wenn das jetzt, lieber Siegfried, ein bisschen englandfeindlich rüberkommt, dann liegt es daran, dass mich der Brexit immer noch kränkt, es ist doch das Sehnsuchtsland von Kindheit an, und nun das! Boris Johnson, der mich nicht nur haarfarbenmäßig an Trömp erinnert, ist genau so ein charakterloser Spieler, und dass er nicht so dumm und ungebildet ist wie der Amerikaner, macht die Sache nur noch gemeiner.

Um 6.24 Uhr war ich an der geheimen Badestelle, etwas unterhalb von Lindwerder, genau gesagt auf der Höhe des Wasserskigebiets. Ein Entenpaar kam auch gleich angespaddelt, ich holte meine Madeleine aus dem Knappsack, warf die Bröckchen den zwei Meter entfernten „broovn Antn“ (E. Henscheid) zu, die, nicht faul, dieselben manchmal sogar im Flug erhaschten, und schon fielen zwei weitere Entenpaare lärmend vom Himmel, ich hätte mich glatt „Entenvater Kutte“ nennen können. Recht zänkisch sind sie, die Hübschen, und ein Paar einer etwas kleinerer Art, der Erpel mit einem roten fedrigen Hals, war besonders rüpelig (Mandarinenten heißen sie, ich habe nachgesehen). Die zwei Madeleines waren verfüttert, nun hatte ich gar keinen Grund mehr, nicht ins Wasser zu gehen, also zog ich mich, leise seufzend, aus und um. Die neuen Badeschuhe in einem leicht metrosexuellen Hellblau und dem dazu passenden Namen „fashy“ sahen todschick aus, der wasserdichte Brustbeutel, klüglich gefüllt mit einem Zehneuro-, einem Fünfzigeuroschein und dem Personalausweis, hing fachmännisch geknüpft an der Badehosenstrippe, unn nu nischt wie rein inn Wannsee bzw. die Havel. Komisch, war gar nicht kalt! Milde, sanft, fast ein wenig ölig kam mir das Wasser vor, unpassenderweise rauschte mir das Wort „Muttermilch“ durch den Kopf, lächelnd wies ich es als unpassend zurück und stapfte in dem etwas muttigen Sandboden weiter voran, flach ist der Strom hier, erst nach etwa vierzig Metern muss man schwimmen, dann sieht man auch zur Rechten den Grunewaldturm aus den Bäumen lugen, zur Linken den Fernsehturm Wannsee. Gegenüber Gatow, und über Dir ein blauer Himmel, der mit Wolken von Osten nach Westen so übergossen ist, als hätte der Schöpfer ein Schüttbild in der Manier Jackson Pollocks malen wollen, aber noch viel schöner! Denn am Ende des Wolkenschwalls franste dieser aus, in regelmäßige Schlieren, handgefertigt wie aus der Werkstatt eines großen Niederländers. Und nun zog auch noch (ich treibe auf dem Rücken, kann alles genau studieren) ein Flugzeug unterhalb der Wolken, vor diesen sich schwarz und elegant abhebend, vorüber, passierte den transparenten Halbmond über Schwanenwerder, kein Kondensstreifen. Die Sonne im Osten durchbricht jetzt die Wolken, und wenn nun noch „Also sprach Zarathustra“ einsetzen würde, mächtig und pathetisch wie bei „2001“, gäbe es nix zu meckern. Watt mutt, datt mutt (B. Engholm).

Ich schwimme sprotzend und walrossartig bis zur Wasserskiboje, umrunde sie, langsam geht es zurück; der Gatower Kuckuck! Und nun eine Kuckucksantwort von meiner Seite, von Lindwerder? Süß! Vor dem durch Buhnen geschützten Schilfgürtel paradieren sieben Schwäne, oder acht? Nein, sieben. Ist das nicht alles wunderbar?! Und ich habe noch gar nicht berichtet, dass ich auf der Havelchaussee von einem Wildschwein eskortiert wurde, einem Jungtier, das hundert Meter neben mir herlief, wenn es ein Fähnchen geschwenkt hätte, wäre ich mir wie ein Staatsgast vorgekommen. Das sei nun aber gelogen, murmelst Du, denn auf der viel befahrenen Havelchaussee wäre Bruder Schwarzkittel schon längst plattgemacht. Du Ungläubiger, schleudre ich Dir entgegen: HEUTE ist diese Straße für den Autoverkehr gesperrt, eines „Events“ wegen, eines Radrennens (am Sonntag!). Ich sage die reine Wahrheit, wie folgende Episode bestätigen wird (so etwas kann man sich nicht ausdenken): Ein Mann in Superradlerverkleidung, mit einem Helm wie Lord Helmchen, spricht, nein schreit beim Fahren in sein Mobiltelefon, da es mangels Verkehr so ungewöhnlich ruhig ist, muss man jedes Wort verstehen, und diese Witzfigur scheißt einen Untergebenen zusammen! Beim Radeln („Training“) auf der Havelchaussee beschimpft dieser Idiot einen Mitarbeiter, bloß keine Zeit verschwenden: „Das gibt uns keine Punkte“, tobt er, „das können Sie so nicht machen!“ Er zieht zügig an mir vorbei, ich lache, es soll höhnisch klingen, transportiert aber nur Fassungslosigkeit; als er mich vermutlich nicht mehr hören kann, sage ich halblaut „Arschloch“, immerhin. So schön die Schöpfung! So arschlochartig die Menschen, nicht alle, natürlich, aber doch immer wieder! Wenn diesen Radler nun ein Blitz getroffen hätte, oder eine plötzliche Blockade seines Hinterrads, niemand hätte Gott einen Vorwurf gemacht! Dass er völlig auf schnelle, piesackende Wunder (Kleine Sünden straft der liebe Gott sofort) verzichtet hat, grämt mich gelegentlich. Um 8.35 Uhr war ich in der Xantener Straße, ein bisschen erschöpft und ziemlich beglückt.

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