Brief an Siegfried Kohlhammer

Kurt Scheel

B4 6 lautet die alte Radlerweisheit, aber was das nun wieder bedeuten mag, wirst Du, lieber Siegfried, Dich höchstwahrscheinlich fragen, etwas missmutig; kann er denn seine kindlichen, ja kindischen Blödeleien nicht mal auslassen? Ja, das kann er – aber will er es auch? In Seniorensprache bedeutet es: Before 6, und es will uns sagen: VOR 6 Uhr morgens solltest Du Deine Ausfahrt beginnen, am besten am Sonntag, dann ist die Stadt öd und leer, von Menschen („Berlinern“) jedenfalls – so begann das heutige Abenteuer, 6.02 Uhr war es gerade geworden, also schon unter einem bösen Omen bestieg ich olle Raleigh. Das sich aber, das Omen, zum Glück nicht weiter mausig machte: Charlottenburger Park, spiegelglatte Spree (Spannenlanger Hansel, spiegelglatte Spree: Kennst Du das alte Kinderlied?), die letzten Schutthaufen der aufgelassenen Spreewiesenlauben waren entfernt und auf einer Schute abgeladen worden, was mich sogleich an meinen ersten Venedigbesuch erinnerte, als ich früh morgens aus dem Fenster Deiner Wohnung auf den Kanal sah und die Müllkähne erblickte, wie da das große Glücksgefühl mich ergriff und ich wusste: Ich bin in der Lagunenstadt!

Bruder Rhododendron hat abgedankt, die stolze Rose herrscht, auch die nicht ganz so stolze, die Heckenrose, etwas zerzaust, wohl vom Regen (und sie ist ja von Natur aus nicht so majestätisch), vielleicht aber auch vom Knispeln und Herummachen, denn Heckenrosen gelten als flatterhaft, „leicht zu haben“, sie sind sozusagen die Berlinerinnen unter den Rosengewächsen: Vergnügen für eine Nacht, ausgepresst wie eine Zitrone und dann, wie eine ausgepresste Zitrone, fortgeworfen! Schon bin ich auf der Freiheit, Richtung Spandau, möglicherweise die hässlichste Straße Berlins, und da kommen viele in die engere Auswahl, mit ihren schäbigen Gewerbebauten, den gaunerhaften Autohöfen (Bargeld sofort!), Müllverbrennungsanlagen (Ruhleben), dem Fleischgroßhandel mit dem superoriginellen und megaberlinerischen Slogan „Das ist die Berliner Wurst, Wurst, Wurst!“, jetzt aber scharf links abgebogen in die notorische Pichelswerder Straße (kennst Du das lokale Gericht „Pichelswerder Blutwurst mit Pauken und Trompeten“? Sollte ich es erfinden?), und schon flitzt die Havelchaussee unter mir hinweg, der ich, aus ihrer Perspektive, ÜBER sie hinwegflitze; naja: Da kommen schon die ersten, sich sehr lang hinziehenden Steigungen, und es hat sich ausgeflitzt. Aber schön ist es trotzdem: die Havel, Jachthäfen, Segelclubs – und das Beste: immer noch keine oder jedenfalls kaum Menschen. An der Bushaltestelle Havelweg dann diesmal richtig abgebogen, und endlich fahre ich einmal eine andere Strecke als die altgewohnte entlang, in der ich dann aber doch wieder lande, und so bin ich nach ziemlich genau zwei Stunden, um 8.06 Uhr, wieder in der Xantener, zitternd vor Erschöpfung.

Keine erwähnenswerten Tiere gesehen, keinen Kuckuck gehört, auch kein Froschgequake; mehrere Angler an der Spree, die aber immer besonders mürrisch, ja menschenfeindlich aussehen, manchmal hätte ich geradezu Lust, sie zu fragen: „Na, beißen sie gut?“, aber das wäre schlimmer als der Hitlergruß an der Klagemauer, also lasse ich es. Insekten, beim Atmen (was beim Radeln schnell zu einem lauten Schnaufen, ja Japsen führt) in den weit geöffneten Mund hineinfliegend, stören ein wenig, aber nicht lange, dann werden sie laut krächzend ausgespien, das wird ihnen eine Lehre sein. Im engeren Sinne bin ich kein Jainist, obwohl ich IM PRINZIP das Leben sogar von Ungeziefer ehre, der Herr hat’s ja geschaffen, und wer bin ich, am Schaffen und Schöpfen des Schöpfers herumzunörgeln? Nur das mit dem Weinberg und dass die zuletzt gekommenen Arbeiter GENAU SO VIEL wie die den ganzen Tag dort Schuftenden bekommen sollen, das empört mich, das ist UNFAIR! Wenn es damals Gewerkschaften gegeben hätte, mein lieber Scholli! Und auch das mit dem verlorenen Sohn hätte er nicht machen sollen! Ob er EINE SEKUNDE darüber nachgedacht hat, wie sich der (gute) Sohn gefühlt haben mag, als dem zurückkehrenden Tunichtgut ein Lämmlein geschlachtet wurde, während er, der Gute, sogar zum Geburtstag mit altem Kamelfleisch in Aspik abgespiesen (!) wurde? Gerechtigkeit sieht anders aus, mein lieber, hochverehrter Herr Zebaoth! Aber sonst ist die Schöpfung, man kann es nicht oft genug wiederholen, allererste Sahne!

In der Rosenvase aber strahlen und prunken zehn zartrote Pfingstrosen, die ungefüllten, wie aus Seidenpapier gebastelten.

Dein Kurt

Ein Schüttelreim, von dem Herr R behauptet, er habe ihn sich selbst ausgedacht: Warum sieht man beim Segelfliegen, / fast ausschließlich die Flegel siegen? (Unter uns: Die Antwort ist leicht, denn nicht nur beim Segelfliegen, auch in der Politik (Trump!) und sogar im Kulturbetrieb setzen sich die Lauten, die Frechen, die Flegelhaften durch, während wir, die Feinen und Sensiblen, marginalisiert werden, oh ja.)

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