Einst und jetzt

Kurt Scheel

Im FAZ-Magazin war gestern ein interessanter Artikel, der den 75. Geburtstag Paul McCartneys zum Anlass nimmt, an die Berichterstattung der Zeitung über die Beatles zu erinnern – ich stelle mir das so vor, dass der Autor Jörg Thomann (sagt mir nichts), als er am Gedenkartikel saß, das Archiv zum Thema konsultiert hat und in eine tiefe Krise geriet. Denn es ist kaum zu glauben, wie uninformiert, herablassend, dümmlich diese Beiträge sind. Im ersten FAZ-Artikel von 1963 ist die Rede von „kreischenden Teenagern“, die „Eintrittskarten für ein Jazzkonzert der ‚4 Beetles’ (Käfer) zu ergattern“ versuchen. 1964 schreibt die FAZ den Namen „Beatles“ immerhin richtig, muss aber kritisch anmerken: „Selbst die fanatischsten Anhänger der Beatmusik bestreiten nicht, dass ihre Texte und Melodien ziemlich minderwertig sind.“

„Mit ausgestreckten Armen und Hüften, mit geschlossenen Augen und offenen Mündern wird ein geschlechtsloser Veitstanz aufgeführt“, Fazit: Bei den Beatles handelt es sich um eine „landesweite Mistkäferplage“ (im Hintergrund hört man ein Gemurmel, das wie „Entartete Kunst von Ratten und Schmeißfliegen“ klingt). Einige Monate später wird kulturkritisch bedauert, dass diese „kindischen Gitarre- und Paukenspieler“ dem Zeitgeist entsprechen, der offenbar den „ungehobelten, platten, ungeistigen Wahnsinn braucht“, den „die vier tumben Radausänger aus England“ fabrizieren. „Wes großen Geistes Kinder, die nur die Pflege ihrer Kunst, doch keine Körperpflege kennen!“ (Gammlerverdacht!) 1967 beschäftigt sich die FAZ höhnisch mit „Paul Mc-Cartney“, „Paul McCartnoy“, „Paul McCarthy“. Den fast versöhnlichen Abschluss dieser Berichterstattung, die dem klugen Kopf vor und hinter der Zeitung verpflichtet ist, bietet Karl Heinz Bohrer, „eine der wichtigsten intellektuellen Stimmen dieser Zeitung“ (was ohne Zweifel stimmt), der in seinem respektvollen, ja sympathetischen Nachruf auf John Lennon 1980 festhält, dieser sei der „Erfinder der unvergesslichen Songs“ der Beatles, wobei er sich besonders bewegt zeigt von „Yesterday“: „John Lennon war Yesterday“. Dass Lennon „Yesterday“ weder geschrieben noch gesungen noch überhaupt dabei mitgespielt hat, wird in einem Leserbrief nachgereicht. Keine Ahnung haben – aber auf höchstem Niveau!, das ist bei Bohrer ja nicht so selten, und er ist immer damit durchgekommen, also warum nicht? Da er jedoch ein früher Liebhaber der Beatles war, schon 1965, wie er angibt, soll er hier als einziger begnadigt werden, die FAZ aber sollte sich schämen, schlicht und ergreifend, und dies nicht durch einen halbironischen Artikel zu verschleiern versuchen.

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