Gesund oder Krank

Kurt Scheel

Warum ist Hanya Yanagiharas Roman „Ein wenig Leben“ so ein widerwärtiges Buch? Weil es eine Art von Kinderpornographie ist, die vor Päderasten zu warnen vorgibt. Die Autorin hat erklärt, dass sie sich über das Thema Missbrauch nicht ernsthaft kundig gemacht, es ist in diesem Roman so etwas wie eine Metapher, die allgemein für das Böse steht, und das ist insofern geschickt, weil Kindesmissbrauch in unseren Zeiten das ultimative Böse ist; was der Holocaust für die Vergangenheit, ist Kindesmissbrauch für die Gegenwart: nicht zu überbieten. Und so wird uns also die Geschichte eines bei der Geburt ausgesetzten und in einem Kloster aufgezogenen Babys erzählt, das von Kindesbeinen an von den Klosterbrüdern vergewaltigt und gefoltert wird (Höhepunkt ist die Schilderung einer mit Olivenöl eingeschmierten Hand des Kindes, die dann in Flammen gesetzt wird; die Vergewaltigungen werden nur konstatiert, nicht ausgemalt). Als Achtjähriger wird unser Hiobsheld Jude St. Francis (!) dann von einem Päderasten, der im Kloster als „Bruder Luke“ Unterschlupf gefunden hat, entführt und auf einer monatelangen Reise durch die USA als Stricher vermietet, mehrfach täglich, gerne auch Gruppenvergewaltigung (wir befinden uns NICHT im 19. Jahrhundert, sondern Mitte der 1970er Jahre).

Als Bruder Luke gefasst wird, hängt er sich auf, Jude wird einem Waisenhaus übergeben, wo die Vergewaltigungen durch die Mitwaisen und das erwachsene Personal fortgesetzt werden; als Luke flieht, gerät er in die Hände eines satanischen Doktors, der ihn nach unzähligen Vergewaltigungen im dafür eingerichteten Keller seines Hauses mit dem Auto zu Tode zu hetzen versucht. Irgendwie überlebt Luke, schwer verletzt, er hinkt jetzt leicht, bekommt wegen des sehr guten Unterrichts im St. Francis Kloster (es war nicht alles schlecht) und weil er ein Genie ist, ein Stipendium für ein SEHR gutes College, wo er dann seine drei Freunde fürs Leben trifft, die selbstredend auch Genies sind, sie bleiben für die nächsten dreißig Jahre, komme, was wolle, eine Art heiliges Quartett mit der Kultfigur Jude im Zentrum. Jude studiert Mathematik (weil Mathematik so elegant ist), dann aber auch Jura und wird, selbstredend, Topanwalt einer Topkanzlei in New York; der eine Freund wird Stararchitekt, der andere Starkünstler, der dritte Filmstar (so vom Typus Michael Fassbender). Da Jude aber durch seine FURCHTBARE Lebensgeschichte sehr verstört ist und sich ihrer schämt, spricht er mit NIEMANDEM darüber, auch nicht seinen allerallerbesten Freunden, statt dessen „ritzt“ er sich regelmäßig, um den UNVORSTELLBAREN Schmerz, den sich der normale Leser gar nicht vorstellen kann, irgendwie abzuleiten, und zwar ritzt er sich so stark, dass die Narben auf seinem Körper, die zum Teil ja auch von den Folterungen im Kloster herrühren, sich ganz schlimm entzünden, ein (sehr eng befreundeter) Doktor ist der einzige, der Jude jemals nackt gesehen hat, wenn er ihm das tote, verfaulende Fleisch wegschneidet, Katheter legt, ins Gewissen redet: Mit diesen Selbstverstümmelungen muss aber nun wirklich bald Schluss sein! Aber Jude, er kann nicht anders, ritzt sich weiter, leider, und das wird ausführlich und immer wieder mit großen Blutlachen farbig geschildert. Doch da alle ihn lieben und ihn bitten, damit aufzuhören und auch mehr zu essen, er ist so furchtbar dünn, obwohl er gerne (und gut!) für seine Freunde kocht, können wir auf den fast tausend Seiten etwa fünfhundertmal den Satz lesen „Es tut mir leid“ bzw. „Es tut mir so leid“, entweder Jude sagt es zu den Freunden, denen er soviel Kummer bereitet, oder die Freunde sagen es zu Jude, weil sie es ganzganz schlimm finden, wie ihm vom Schicksal mitgespielt wurde. Auf Seite 897 kommt der Entschuldigungssatz siebenmal vor, das ist der Rekord, aber drei-, viermal pro Seite ist nicht ganz selten. Dass Jude dann mit dem Filmstar über die Freundschaft hinaus eine Liebesbeziehung eingeht, geschlechtliche Orientierung in diesem Roman sowieso als Wahlmöglichkeit erscheint, gibt dem Ganzen dann auch noch einen gendermäßig fortschrittlichen Dreh, zumal der Sex bei unserem Liebespaar sowieso bald eingestellt wird, Jude ist durch den jahrelangen Missbrauch sexuell irgendwie verstört und hat an dem ganzen Kram keinen Spaß mehr, was der Filmstar einsieht, sie schlafen aber im selben Bett und schenken sich schöne Parfums und so Sachen; die Liebe und die Freundschaft (aber ist das nicht dasselbe, fragen sich bedeutungsvoll die Kritiker) nimmt eher noch zu. Als sie es am Anfang noch miteinander treiben, gibt es EINMAL die vielsagende Formulierung „drang er in ihn ein“, aber schweinischer wird es nicht; Pornographie ohne schmutzige Worte und Homosexualität ohne Analverkehr, das ist in der Literatur des 21. Jahrhunderts nicht Prüderie, sondern eine reife Leistung an Leugnung, de Sade hätte sich totgelacht. Alles kann, nichts muss: bei Grausamkeiten explizit, im Sexuellen verschwurbelt, das ist der Sado-Maso-Kitsch dieser Autorin.

Warum seine selbstlosen, langmütigen Freunde, die durch ihr eigenes Leben und ihre extraordinären Karrieren keineswegs von dem Schmerzensmann Jude (a pain in the ass, wenn Sie mich fragen) ablassen, ihm so verfallen sind, wird nicht recht klar, das müssen wir einfach glauben, das hat sich die Autorin so ausgedacht, und warum auch nicht, schließlich ist sie die Autorin. Aber warum wir, die Leser (von den Kritikern ganz zu schweigen), diesen ausgedachten Quatsch glauben sollen, bleibt undurchsichtig. Es wirft, mit anderen Worten, kein gutes Licht auf eine Kultur, die sich solch einen, im strengen Sinne, Schundroman von tausend Seiten zu Herzen nimmt und kollektiv in Tränen ausbricht, deren sich auch manche hartgesottenen Kritiker nicht schämen. Fast sehnt man sich nach dem Insert so vieler Filme, „Nach einer wahren Geschichte“, doch solcher unverschämten Lüge wäre nicht einmal Hanya Yanagihara fähig: Missbrauch als Metapher, Geschlechtsidentität als Wahlmöglichkeit (Freud: Die Anatomie ist das Schicksal), Opferkult – das sind die drei Zutaten, aus denen ein widerwärtiges Gebräu gerührt wurde. Jesus musste sich opfern, um Heiland zu werden; hier genügt zur Heiligsprechung, den Opferstatus verliehen zu bekommen. Aber dass Jude kein Heiliger ist, sondern ein gottverdammtes Arschloch, das das Leben seiner Freunde vergiftet und herabzieht, hätte wenigstens EIN Gerechter unter den Kritikern erkennen müssen. Somit bleibt nur die Sodomlösung: Herr Zebaoth, übernehmen Sie.

Hanya Yanagihara: Ein wenig Leben. Roman. Aus dem Englischen von Stephan Kleiner. Hanser Berlin 2016.

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