Schein und Wirklichkeit

Michael Rutschky

Fremder Mann in meinem Bett.

Mittwoch, 27. Juli 16
Ein 17-jähriger Tschetschene, der in Kyritz, Brandenburg lebt – meldet der epd – gab bei der Polizei, die nach ihm gefahndet hatte, zu Protokoll, dass er das Video, in dem er sich mit Selbstmordabsichten präsentiert, nur aus Jux und Langeweile produziert und veröffentlicht habe. Seine Pistole, im Rucksack verwahrt, erwies sich als Spielzeug.

Montag, 27. Juni 16
Unter dem Titel Panther-Workshop veranstaltet die taz regelmäßig Übungen für Nachwuchskräfte; diesmal dürfen sie vier Seiten zum Thema Lüge verfassen.
Jonas Kühlberg und Kathrin Riesinger beschäftigen sich mit dem Wahrheitsgehalt von Meinungsumfragen. Die IG Metall hat herausgefunden, dass 95 Prozent der Werktätigen es ablehnen, am Samstag zur Arbeit zu kommen – eine Umfrage des Marplan-Instituts ergab dagegen, dass 80 Prozent dazu bereit wären.
Walter Krämer, Professor für Statistik, erklärt den Unterschied. Die IG Metall hatte die Frage unter das Rubrum gestellt: „Votum für ein freies Wochenende“. Marplan hingegen hatte die Frage mit einer Bedingung versehen: „wenn es für die wirtschaftliche Situation des Unternehmens notwendig wäre“.
Sag ich doch die ganze Zeit, räsoniert das junge Ding, es gibt keine Wirklichkeit. Alles Schein.

Freitag, 20. Mai 16
2014 starb mit 67 Jahren der Rentner Manfred S., berichtet Susanne Höll in der SZ, der in Schwalbach am Taunus ein kleines Gartenbauunternehmen betrieben hatte. Sein Leben war vollkommen unauffällig verlaufen. Niemals wären sie, erklärte die Polizei, auf die Idee gekommen, ausgerechnet Manfred S. sei ein notorischer Serienmörder – nach seinem Tod entdeckte seine Tochter in seiner Garage Leichenteile, die von der Polizei Britta D. zugeordnet wurden, eine Prostituierte, die zehn Jahre zuvor verschwunden war. Auf dem Computer von Manfred S. fand man sadistische Videos von äußerster Grausamkeit, und es entstand der Verdacht, dass er für vier weitere Prostituiertenmorde verantwortlich sei. Womöglich hat er auch Tristan Brübach auf dem Gewissen, 14 Jahre alt, im Frankfurter Stadtteil Höchst ermordet und so gründlich verstümmelt, dass man ihn nur mittels der Schulbücher, die er mit sich geführt hatte, identifizieren konnte. Noch ist die Strecke der Opfer von Manfred S. nicht vollständig ausgemessen, und es bestehen Zweifel, ob das je gelingen wird.

Montag, 29. Februar 16
Im Jahr 2010 stimmten gut 53 Prozent der Schweizer einer sog. Ausschaffungsinitiative zu, berichtet Charlotte Theile in der SZ, der zufolge Ausländer, die straffällig werden, stiekum ausgewiesen werden können. Allerdings fügte das Parlament dem Gesetz eine Härtefallklausel hinzu, bevor es in Kraft trat – und die Schweizerische Volkspartei, Autorin der ursprünglichen Initiative, startete jetzt eine sog. Durchsetzungsinitiative, die sogar Bagatellfälle dergestalt zu regeln forderte, sogar bei in der Schweiz geborenen Ausländern. Ein Gerichtsverfahren sollte ausgeschlossen werden.
Aber am Sonntag stimmten nur 41,1 Prozent dafür; die Mehrheit lehnte ab. Nicht das Volk habe so entschieden, protestierte der SVP-Nationalrat Roger Koeppel, vielmehr habe ein „Aufstand der Eliten“ stattgefunden.

Freitag, 12. Februar 16
Die freie Unternehmensberaterin Karolin Schwarz in Leipzig – berichtet Ann-Christin Korsing in der taz – betreibt seit Montag im Netz die Seite HOAXmaps Auf einer Deutschlandkarte erscheinen die Orte, aus welchen drastische Schauermeldungen kommen, die sich rasch als Gerüchte erweisen: dass Flüchtlinge Schwäne schlachten und kochen, dass sie junge Mädchen schwängern, einen abgeschnittenen Kopf zur Schau stellen usw. Ein Link führt regelmäßig zu dem Zeitungsartikel, der die Meldung als Fama enttarnt.

Freitag, 22. Januar 16
In mehreren Studien hat der italienische Tiermediziner Frederico Infascelli nachgewiesen, berichtet Kathrin Zinkant in der SZ, dass genmanipuliertes Soja seine Spuren in Fleisch und Muttermilch der Nutztiere hinterlässt; die Transgene bewirken Schäden.
Jetzt hat die Pharmakologin Elena Cattaneo nachgewiesen, dass diese Studien gefälscht sind. Cattaneos Verdacht entzündete sich an den Fotografien, die die Studien illustrierten: Manche schienen im Sinn der Anklage überarbeitet, andere tauchten in mehrfach auf und sollten jeweils ganz unterschiedliche Befunde belegen. Infascellis Institut hat sieben Studien zurückgezogen.

Samstag, 2. Januar 16
Schon am 23. Dezember gingen bei der Obrigkeit, berichten Georg Heil, Georg Mascolo und Katja Riedel in der SZ, Hinweise auf islamistische Anschläge in München ein. Als Ziel wurden der Hauptbahnhof und der Bahnhof Pasing genannt. Die Obrigkeit konnte die Informanten im Irak selber befragen.
Schließlich ging die Obrigkeit davon aus, dass fünf bis sieben Selbstmordattentäter an Silvester aktiv werden könnten. Die genannten Bahnhöfe wurden gesperrt. Massive Polizeipräsenz. Allerdings blieb unklar, ob die namentlich bekannten Attentäter wirklich in der Stadt weilten – ob es sie überhaupt gibt.
Keine beobachtbare Aktivität; so gab die Polizei die Bahnhöfe wieder frei. Die Obrigkeit geht aber davon aus, dass die islamistische Bedrohung akut bleibt. –
Die Obrigkeit hat sich die Attentäter ausgedacht! schimpft das junge Ding. Um die Bevölkerung in Angst und Schrecken zu versetzen und ihre eigene Macht zu demonstrieren!

Dienstag, 6. Oktober 15
Letzten Dienstag geriet Manfred Götzl, der in München den Prozess gegen den Nationalsozialistischen Untergrund leitet, wieder mal in Wut – berichtet Annette Ramelsberger in der SZ – : zum dritten Mal erschien die Zeugin Meral Keskin, die bei dem Nagelbombenattentat in Köln verletzt worden sein soll, nicht zu ihrer Aussage vor Gericht. Beim ersten Mal hatte sie angeblich das Flugzeug verpasst; beim zweiten Mal war sie angeblich auf dem Weg zum Gericht zusammengebrochen. Letzten Mittwoch war auch ihr Anwalt Ralph Willms nicht zur Stelle. Dann legte er sein Mandat nieder, und es wurde unabweisbar, dass Meral Keskin gar nicht existiert. Am Samstag verhörte die Polizei Attila Ö., der in Köln im selben Haus wie Meral Keskin zu wohnen und regelmäßig Kontakt mit ihr zu haben behauptet hatte – nein, er kenne sie gar nicht. Wozu genau die erfundene Zeugin dienen sollte, ist noch unklar.

Samstag, 2. Mai 15
Maria Dohmen referiert in der Berliner Zeitung, wie eine Jury diverse Wurstsorten beurteilte, die nicht aus Fleisch sondern aus verschiedenen anderen Materialien bestehen. Der vegetarische Schinken-Spicker ähnelt realer Wurst am meisten, in puncto Aussehen ebenso wie Konsistenz; allerdings hinterlassen die Geschmacksverstärker eine deutliche Spur im Mund. Auch den Veggie-Aufschnitt von Vegetarisch Lecker! könnte man fast verwechseln; allerdings dringen bei der Sorte „Klassik“ Hefe und wiederum die Geschmacksverstärker zu sehr nach vorn. Wie gemischter Aufschnitt von Heirler dagegen zeigt unappetitliche Grau- und Gelbtöne und die Scheiben bröseln. Die vegetarische Mortadella von Eden präsentiert sich ebenfalls grau bis orange, und die Konsistenz erinnert an Gummi.

Mittwoch, 29. April 15
Schon als Jungs in den Neunzigern, berichtet Juri Sternburg im Berlinteil der taz, begeisterten sich die Brüder Ahmed und Hussein Chaer für American Wrestling. Jetzt betreiben sie in Neukölln eine Schule. Zwar bestehen beim American Wrestling die Kämpfe ausschließlich aus Show, aber die muss man trainieren. Dabei kommt es nicht einmal auf ansehnliche Muskulatur an. Orlando imponiert in dieser Hinsicht wenig; dafür mit Tattoos und Piercings und blauen Leggings. Vor drei Monaten kam er aus der mexikanischen Gruppe der Luchadores-Wrestler, die bei ihren Auftritten bunte Masken zu tragen pflegen, nach Berlin. Nach jeder Übung imponiert Orlando durch Brusttrommeln, Triumphgeschrei und spanische Verwünschungen. Das Foto zeigt einen schweren Mann, der über eine Turngerät (Bock) hechtet, um bäuchlings auf einer blauen Matratze, die am Boden liegt, zu landen.

Dienstag, 31. März 15
Dass Andreas Lubitz vor vielen Jahren an Selbstmord dachte, berichtet Bernd Dörries in der SZ, wussten seine Ärzte, weil er sich in Behandlung begab. Die Pilotenausbildung in der Lufthansa-Schule Bremen fiel ihm unerträglich schwer, wie er Freunden in seiner Heimatstadt Montabaur gestand. Aber die Depression verschwand, sodass er 2009 die Pilotentauglichkeit bestätigt erhielt. Dass seine Akte mit SIC gekennzeichnet wurde – erläuterte jetzt der Pressesprecher – bedeutete nur, dass er sich regelmäßigen Gesundheitschecks unterziehen musste; das SIC kann auch auf Augenleiden oder Hörschäden verweisen. 2014 jedenfalls erklärten ihn die Ärzte wiederum für tauglich. Für den Tag, an dem er den Airbus mit sämtlichen Passagieren gegen die Pyrenäen flog, lag eine Krankschreibung vor, von der er aber keinen Gebrauch machte; ob sie ihm Depression bescheinigte, wollte der Pressesprecher nicht sagen. Seinen Eltern in Montabaur und seiner Lebensgefährtin in Düsseldorf hatte er keinerlei Selbstmordabsichten auch nur angedeutet. Dass er diesen Amokflug plante, hatte er perfekt kaschiert.

Mittwoch, 25. Februar 15
Eine 50-jährige Frau steht vor dem Amtsgericht Kiel, zitiert die Berliner Zeitung einen Bericht von dpa, wegen Betrug und Urkundenfälschung. Sie hat an Gymnasien in Mölln, Lübeck, Lübstorf und Bad Kleinen Kunst und Deutsch unterrichtet – aber sie hat nie an einer Universität auf das Lehramt studiert. Sie flog in Mölln auf, wo sie am Marion-Dönhoff-Gymnasium unterrichtete und der Schulleiter Verdacht schöpfte.
Aber wie steht es um die Schüler, die sie in Deutsch und Kunst unterrichtet hat, empört sich das junge Ding. Haben die in Wirklichkeit gar nichts gelernt?

Mittwoch, 18. Februar 15
Im Januar ging der afghanische Taliban Mullah Abdul Rauf Khadem mit ungefähr 100 Kämpfern zum IS über, berichten Thomas Ruttig und Borhan Osman in der taz, und wurde zum stellvertretenden Gouverneur der Provinz Chorasan ernannt. Das ist der historische Name eines Gebiets, das von Afghanistan über den Iran sich bis in die ehemalige SU erstreckt und zusammenhängend seit Langem nicht mehr existiert – letzten Sommer hatten dort versprengte Splittergruppen von Gotteskriegern dem IS ihre Loyalität erklärt. Allgemein gestaltet sich das Verhältnis der Taliban zum IS prekär. Der Taliban-Führer Mullah Omar und der Kalif al-Baghdadi beanspruchen denselben Titel, Oberhaupt aller Gläubigen. Mullah Abdul Rauf Khadem, stellvertretender Gouverneur der imaginären Provinz Chorasan, wurde Anfang Februar durch einen US-Drohnenangriff getötet.

Dienstag, 11. Dezember 14
Mario Schmidt arbeitet als Markenexperte beim Bamberger Zollamt, berichtet Anja Greiner im Fränkischen Tag, und hat regelmäßig Sendungen daraufhin zu überprüfen, ob sie gefälschte Markenware enthalten. Eben ein paar Turnschuhe. „Die Fälschungen werden immer besser.“ Oft gibt schon der Strichcode oder das angegebene Herkunftsland den entscheidenden Hinweis – aber Genaueres darf Mario Schmidt nicht verraten, denn das würde den Fälschern nützen. Beim Einzelstück entstehen dem Empfänger in der Regel keine Probleme. Finden sich aber mehrere Exemplare in dem Paket, muss man gewerbsmäßigen Betrug vermuten. Alle Fälschungen – Kleider, Schuhe, Medikamente – kommen einmal monatlich ins Müllheizkraftwerk im Hafengebiet und werden verbrannt.

Dienstag, 23. September 14
Das Bezirksamt Mitte von Berlin hat es Gunther von Hagens untersagt, berichtet Uwe Aulich in der Berliner Zeitung, in den Sockelbauten des Fernsehturms am Alexanderplatz eine Dauerausstellung seiner Leichenpräparate (20 Ganzkörper und 200 Teile) einzurichten. Das Berliner Bestattungsgesetz schreibt vor, dass Leichen bestattet werden – Gunther von Hagens behauptet dagegen, es handle sich gar nicht um Leichen sondern um wissenschaftliche Exponate. Er will gerichtlich klären lassen, was die Objekte in Wirklichkeit sind, tote Menschen oder wissenschaftliche Präparate.

Montag, 18. August 14
Christine Haderthauer, gegenwärtig noch Chefin der bayerischen Staatskanzlei – berichtet Andreas Rüdenaue in der taz – wurde als Christine Cuntze in Schleswig-Holstein geboren und verbrachte nur einen Teil ihrer Kindheit in Bayern. Aber Erwin Huber schien es nützlich, die Frau aus Norddeutschland als neue, unwiderstehliche CSU-Kraft aufzubauen. Der Name des Mannes, den sie heiratete, bajuwarisierte sie hinreichend. 2013 trat sie bei einer Parteiveranstaltung endlich im Dirndl auf – jetzt steckt sie samt ihrem Ehemann in Schwierigkeiten wegen der Firma, für die ein geisteskranker Strafgefangener bildschöne Modellautos baute, die von der Firma teuer verkauft wurden. Dabei brachte Haderthauer die Affäre sogar den bayerischen Ehrentitel ein, „a Hund“ zu sein.

Freitag, 4. Juli 14
In Frankfurt (Oder) wird der Prozess gegen den sog. Maskenmann fortgesetzt, berichtet Claus-Dieter Steyer im Tagesspiegel. Der Mann soll 2011 in Bad Saarow eine Familie überfallen und einen Wachmann schwer verletzt haben; 2012 soll er am Storkower See einen Banker entführt und seine Familie erpresst haben.
Heute sagte eine 44-jährige Nachbarin über die Lebensgewohnheiten des Mannes aus – aber als der Richter fragte, ob sie den Mann irgendwo im Saal entdecken könne, musste die Frau verneinen.
Ähnlich ging es ein paar Tage zuvor einem Rentner. Auch er erkannte den Angeklagten nicht wieder. Schon während der Gerichtsverhandlung wechselte der „Maskenmann“ mehrfach sein Aussehen: zuerst mit Vollbart; dann glattrasiert; jetzt mit frischem Bartansatz. „Ich bin der Falsche“, hatte er am Anfang des Prozesses erklärt.

Dienstag, 1. Juli 14
Das Foto zeigt einen freundlich-vorsichtig lächelnden Mann von Ende 30, modisch den ganzen Oberkopf bedeckende Wollmütze in Grau, graues T-Shirt und braunes Cordsakko. Er steht vor dem blauweißen Schild des U-Bahnhofs Rathaus Spandau.
Torsten Rohde, berichtet Vinzenz Greiner im Tagesspiegel, Controller in Genthin, erfand 2012 eine 82-jährige Rentnerin namens Renate Bergmann, die per Twitter freimütig ihre Meinungen über urbi et orbi von sich gab und rasch viele Anhänger in der Community versammelte. Das Interesse ließ rasch nach, als Torsten Rhode das Verhältnis von Schein (Renate Bergmann) und Wirklichkeit (Torsten Rohde) klarstellte. Jetzt erscheint bei Rowohlt ein Buch von „Renate Bergmann“, Ich bin nicht süß, ich hab bloß Zucker.

Sonntag, 29. Juni 14
Das Foto zeigt eine Art Servierfräulein mit schwarzweiß gestreiften Kniestrümpfen, im oberschenkelkurzen schwarzen Kleidchen, das die linke Hand neckisch lüpft, weißem Schürzchen; die rechte Hand balanciert ein kleines Metalltablett, auf dem ein Glas Weißwein balanciert. Das Servierfräulein trägt zu zwei Haarpuscheln über den Ohren einen blonden Vollbart.
Der Australier Richard Margarey, berichtet Felix Lill im Tagesspiegel, tritt in Japan unter dem Namen Ladybeard als Crossdresser-Model, aber auch höchst erfolgreich bei Wrestlingkämpfen auf. Jetzt hat er zum ersten Mal in der Frauenliga gewonnen, indem er Cherry zu Boden zwang, ein mädchenhaftes Wesen, während Ladybeard sich durch dichte Körperbehaarung und männlich-massive Muskulatur auszeichnet. Weiblich macht ihn einzig der weiße Bikini.

Samstag, 28. Juni 14
Das Foto zeigt einen hässlichen jungen Mann mit weißblonder Prinz-Eisenherz-Frisur, der in der linken Hand auf halber Höhe eine Zigarre hält, in der rechten einen hellen Zylinder balanciert. Er feixt in die Kamera. Auf dem linken Revers seines formellen Anzugs haftet ein Ordensstern; im Hintergrund meint man den Buckingham Palace zu erkennen.
Jimmy Savile, 2011 im Alter von 84 Jahren gestorben, seit den Sechzigern mit Sendungen wie „Top of the Pops“ eine hochberühmte TV-Charge in Großbritannien – berichtet Christian Zaschke in der SZ – wird durch den zusammenfassenden Bericht einer Untersuchungskommission endgültig als Sexualgroßverbrecher entlarvt. Nicht nur, dass er zahllose Kinder und Jugendliche, mit denen er professionell zu tun hatte, für seine Geschlechtsfreuden ausnutzte, er schlich sich als prominenter Wohltäter in psychiatrische Kliniken ein und verging sich an den hilflosen Insassen. Er soll sich sogar nekrophil betätigt haben – einige der monströsen Fingerringe, die er so gern trug, waren wohl mit Glasaugen bestückt, die er Leichen entnommen hatte.

Mittwoch, 25. Juni 14
Alfredo di Mauro, 52, entwickelte für den neuen Hauptstadtflughafen BER einen Teil der Entrauchungsanlage, berichtet Frederik Bombosch in der Berliner Zeitung. Sie funktionierte nicht. Alfredo Di Mauro entwarf eine neue. Und jetzt zeigte sich, dass er gar kein qualifizierter Ingenieur – die Berliner Zeitung erzählt den Stern nach – sondern bloß als technischer Zeichner ausgebildet ist. Er wirkte zunächst als freier Mitarbeiter eines Ingenieurbüros bei BER mit, eines Ingenieurbüros, das dann Pleite ging. Dann trat er mit einem eigenen Ingenieurbüro – eine geschützte Bezeichnung – auf. Die Frage ist allerdings, ob er, um seine Entwürfe einzureichen, überhaupt qualifizierter Ingenieur sein musste. Immerhin hatten die Entwürfe verschiedene Prüfungen passiert.

Montag, 16. Juni 14
Die Kambodschanerin Somaly Mam hat sich einen ausgezeichneten Ruf als Aktivistin gegen Mädchen- und Zwangsprostitution erworben, berichtet Arne Perras in der SZ, und für ihre Somaly Mam Foundation die Unterstützung von Prominenz wie Michelle Obama, Hillary Clinton, Oprah Winfrey gewonnen. Das Foto zeigt sie exzessiv lachend zwischen der kühl lächelnden Maria Furtwängler und der geradezu prustenden Sabine Christiansen (alle drei in schwarzer Abendgarderobe). 2005 veröffentlichte Somaly Mam in Frankreich ihre Autobiographie, die am eigenen Leib schildert, wie sie zur Sexsklavin abgerichtet wurde.
Aber das ist jetzt zweifelhaft geworden. Die Zeitschrift Newsweek hat in Somaly Mams Heimatdorf ermittelt, dass sie als Kind und Mädchen ein durchaus normales Familienleben genoss; keine Spur des sadistischen Großvaters, der sie angeblich versklavte. Auch die Geschichten der Frauen, die für Somaly Mams Stiftung als Kronzeuginnen auftreten, gerieten ins Wanken. So erzählte ein Mädchen vor der TV-Kamera unverkennbar Lügengeschichten über ihr Dasein als Sexsklavin.
Von der Stiftung ist dazu keine Auskunft zu erhalten. Und Somaly Mam ist inkommunikado.

Freitag, 13. Juni 14
Das Foto zeigt leere Räume mit hellen Wänden, die ungeschickt mit schwarzer Sprühfarbe beschriftet worden sind, H. H , 8 8, Ausländer raus, SS, H. H.
Vor zweieinhalb Wochen hatte Hussein Badiny sein Restaurant Costallino in der Koppenstraße, Friedrichshain – berichtet Marlene Gürgen im Berlinteil der taz – morgens verwüstet vorgefunden, aufgeschlitzte Polster, zerbrochene Küchengeräte, rechtsradikale Graffiti. Gleich gründete sich eine Facebook-Initiative, die Badiny helfen möchte, an anderer Stelle ein neues Lokal zu eröffnen.
Die Polizei ermittelt in alle Richtungen – auch gegen Hussein Badiny selber. Der Verdacht ist nicht völlig unbegründet, dass er sein eigenes Lokal verwüstet hat. Er hat Schulden, Streit mit dem Vermieter; die Nazi-Graffiti wirken untypisch ausgeführt. Aber alles bislang nur Gerüchte

Freitag, 13. Juni 14
Das Foto zeigt leere Räume mit hellen Wänden, die ungeschickt mit schwarzer Sprühfarbe beschriftet worden sind, H. H , 8 8, Ausländer raus, SS, H. H.
Vor zweieinhalb Wochen hatte Hussein Badiny sein Restaurant Costallino in der Koppenstraße, Friedrichshain – berichtet Marlene Gürgen im Berlinteil der taz – morgens verwüstet vorgefunden, aufgeschlitzte Polster, zerbrochene Küchengeräte, rechtsradikale Graffiti. Gleich gründete sich eine Facebook-Initiative, die Badiny helfen möchte, an anderer Stelle ein neues Lokal zu eröffnen.
Die Polizei ermittelt in alle Richtungen – auch gegen Hussein Badiny selber. Der Verdacht ist nicht völlig unbegründet, dass er sein eigenes Lokal verwüstet hat. Er hat Schulden, Streit mit dem Vermieter; die Nazi-Graffiti wirken untypisch ausgeführt. Aber alles bislang nur Gerüchte.

Freitag, 23. November 12
In der Berliner Zeitung berichtet Inge Günther aus Gaza, nach dem Waffenstillstand mit Israel. Scheinbar hat die Hamas gesiegt. Junge Männer inspizieren ein Fußballstadion, das schwere Bombentreffer erlitten hat, und Mahmud, 24, erklärt, dass die Raketenangriffe der Hamas Israel in Angst versetzt und Premier Netanjahu um den Waffenstillstand haben bitten lassen. Der Journalist Sawwaf arbeitet inmitten seines zertrümmerten Büros und weiß voller Stolz, dass die Hamas Israel die Waffenstillstandsbedingungen diktiert habe. Das Foto zeigt eine sauber zerlegte Brücke, die Jugendliche neugierig inspizieren, als handle es sich um ein Siegesmonument.

Montag, 12. November 12
Dänemark, liest man im Tagesspiegel, der DPA und AFP referiert, verzichtet auf die Einführung einer Zuckersteuer und schafft die Fettsteuer wieder ab. Erstens entstehen zu hohe Verwaltungskosten; zweitens blieb die Fettsteuer ohne Einfluss auf die Ernährungsgewohnheiten der Dänen. 47 Prozent gelten als übergewichtig, 13 Prozent als fettsüchtig. Die Fettsteuer verteuerte das halbe Pfund Butter um 29 Cent. Eingeführt hatte die Fettsteuer eine konservative Regierung. Abschaffen will sie die amtierende linksliberale Regierung.
Das ist ja auch krank, hätte unsere Freundin Jutta gespottet, wenn die Regierung dergestalt die Gesundheit der Bürger optimieren will. „Bundeskanzlerin warnt vor Bratkartoffeln.“

Sonntag, 4. November 12
Im Tagesspiegel berichtet Andreas Austilat über den Untergang der Bounty. Das Schiff sank am 1. November, umgebracht von dem Hurrikan Sandy, vor der Küste von North Carolina. Die Küstenwache rettete per Hubschrauber 14 der 16 Besatzungsmitglieder; Claudine Christian, 42, angeblich direkt von Fletcher Christian abstammend, konnte nicht wiederbelebt werden.
Natürlich nicht die echte Bounty, sondern das Schiff, das sie 1960 in dem Kinofilm vertrat, als Marlon Brando Fletcher Christian spielte, der die Meuterei gegen Captain Bligh (Trevor Howard) anführt. Das Foto zeigt ein schönes Segelschiff, zu einem Drittel aufgetakelt, das man gern mit dem Original verwechselt. Aber auch der Schein verschwand jetzt vor der Küste von North Carolina.

Sonntag, 14. Oktober 12
Im Sportteil des Tagesspiegel resümiert Mathias Kallenbach den Dopingskandal um Lance Armstrong (und Jan Ullrich). Die dramatischen TV-Bilder und Fotos des Wettstreits bleiben im Gedächtnis – wenn ich richtig verstanden habe – , auch wenn sich das Vorzeichen geändert hat: schmerzhafte Kraftanstrengungen, Unfälle, Siegerposen erkennt man jetzt als scheinhaft. Die (unsichtbare) Wirklichkeit besteht aus chemischen Substanzen, die sich die Radsportler ununterbrochen zuführten.
Das Foto zeigt zwei dramatisch angeschrägt einen steilen Betonweg heraufradeln, wobei die Unterschrift den ersten Fahrer als Lance Armstrong identifiziert. Ob der zweite Jan Ullrich ist oder ihn (allegorisch, symbolisch) bloß vertritt („der Konkurrent“), bleibt offen.

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