Hier und dort

Michael Rutschky

Sonntag, 13. November 16
In der Brandenburger Niederlausitz leben ungefähr 20 000 Sorben, berichtet Sandra Dassler im Tagesspiegel, die sich auch Wenden nennen. In der sächsischen Niederlausitz sind es dagegen ungefähr 40 000 – eine Volkszählung, die genaue Zahlen ergäbe, verbietet sich von selbst, Erinnerung an den Völkermord. Aber es gibt eine Initiative für ein sorbisch-wendisches Lokalparlament, den Serbski Sejm. Doch steht die Domowina, der Dachverband der sorbisch-wendischen Institutionen, der Idee skeptisch gegenüber; er hat ca. 7300 Mitglieder. Wenn man bedenkt, wie viele deutsche Bürger sorbisch-wendische Wurzeln haben, kommt man auf Hunderttausende. Allerdings sind sie in der deutschen Bevölkerung gleichsam verschwunden; dass Namen wie Wendt, Wende, Windisch, Wünsche, Konzack oder Noack diese Herkunft aufbewahren, weiß kaum jemand.

Donnerstag, 11. August 16
Gestern entschied das Landgericht Potsdam, berichtet Katrin Bischoff in der Berliner Zeitung, dass die Dackelhündin, die von ihren Haltern in Bayern Lullu genannt wurde, an ihre ursprünglichen Besitzer in Ferch/ Mittelmark, wo sie Bonnie hieß, zurückgegeben werden muss. Im April 2012 entwischte die Welpe aus dem Auto ihres Besitzers, des Försters Manfred Kühl, als der im Spargelhof Klaistow die Tür öffnete. Anna K. aus Bayern, die ihre Familie in Glindow besucht hatte, fand das Tier an einer Autobahnauffahrt herumirren und nahm es mit. Sie wollte sich dann neue Papiere für den Dackel ausstellen lassen; so wurde dessen Chip gelesen, und die Familie Kühl erschien mit ihrem Besitzrecht. Sie wollte, trotz der vergangenen Jahre, in denen Lullu sich in Bayern eingelebt hatte, den Dackel zurück; keine Einigung möglich. So kam es zum Prozess. Allerdings muss Ferch an Bayern eine Aufwandsentschädigung von über 3000 Euro zahlen.

Dienstag, 31. Mai 16
Gestern veröffentlichte das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung, berichtet Tobias Miller in der Berliner Zeitung, Zahlen über die Entwicklung zwischen Ost- und Westdeutschland in den Jahren 1991 bis 2014. Demzufolge zogen 2014 – zum ersten Mal seit der Wiedervereinigung – mehr Menschen von West nach Ost als umgekehrt, exakt 7201. Allerdings fand der Zuwachs vor allem in Berlin statt – zieht man die entsprechende Zahl ab, verminderte sich die Bevölkerung im Osten kontinuierlich wie all die Jahre zuvor.

Freitag, 8. April 16
Man kann es immer noch im Internet anschauen, berichtet Lina Schwarz in der taz, wie am 8. April 2011 auf der A 19 bei Kavelstorf nahe Rostock sich eine Massenkarambolage ereignete, zehn Tote, über 130 Verletzte. Von einem riesigen Kartoffelfeld hatte sich eine Sandwolke erhoben, die den Autofahrern komplett die Sicht verhüllte.
Jetzt präsentierte das Schweriner Umweltministerium einen sog. Erosionsereigniskataster, der genau aufführt, wo in Mecklenburg-Vorpommern solche Katastrophen drohen, weil sich der Erdboden in Sand verwandelt, der unkontrollierbar von hier nach dort treibt. –
Das kommt einem doch bekannt vor, sinniert Onkel, der alte Reaktionär, lockere Massen, die sich von dort nach hier ergießen, und niemand gebietet ihnen Einhalt.

Mittwoch, 16. März 16
Uwe Hübner, 53, hat seine Kindheit und Jugend in den Niederlanden verbracht, als Waisenkind in einer Pflegefamilie – berichtet Gerrit-Jan Kleinjan in der Berliner Zeitung – und betreibt jetzt in der Boxhagener Straße, Friedrichshain, einen Imbiss, der niederländische Gerichte offeriert, Bitterballen und Frikandel, Kassouffles und natürlich Pommes frites (die höheren Standards als die deutschen entsprechen). An der Wand hängen Reproduktionen von van-Gogh-Gemälden und die niederländische Flagge; de Molen heißt der Laden. Auf den Tischen liegen Broschüren, die den Einheimischen die fremden Gerichte erklären. Gern kommen holländische Touristen hierher. Uwe Hübner erkennt die Zugehörigkeit vor allem an einem: Deutsche verzehren die Gerichte mit Messer und Gabel, Niederländer mit den bloßen Händen.

Freitag, 11. März 16
Anlässlich der Tourismusbörse in Berlin berichtet Edith Kresta in der taz über Sicherheitsprobleme des Reisens. Nach Tunesien, nach Ägypten und in die Türkei wollen signifikant weniger, wegen der aktuellen Terroranschläge, die im Sinai sogar ein russisches Flugzeug betroffen haben, was den russischen Markt schrumpfen machte. Die Experten haben aber die Gefahrenlage genau im Blick und können präzise Warnungen aussprechen. Großer Beliebtheit erfreuen sich spanische Reiseziele, aber auch der Iran boomt, und bei den Deutschen anhaltend Deutschland selber. Im Jahr 2015 waren 69,2 Millionen unterwegs, die 87 Milliarden Euro ausgaben.
Aber über kurz oder lang, mosert Onkel, der alte Reaktionär, werden Isfahan und Bilbao und Garmisch genauso langweilig wie Daheim.

Dienstag, 26. Januar 16
Das Landgericht in Verden, berichtet Peter Burghardt in der SZ, verurteilte einen 50-jährigen Mann und seine 18-jährige Tochter zu Gefängnisstrafen, weil sie die 40-jährige Mutter respektive Ehefrau in der gemeinsamen Wohnung, Thedinghausen, Niedersachsen, verhungern und verdursten ließen, nachdem sie, betrunken, gestürzt war und sich den Oberschenkel gebrochen hatte. Die Polizei fand im März 2015 die Leiche auf dem Sofa, nur noch 26 Kilo schwer und unbeschreiblich verdreckt.
Sie haben das Sofa zum inneren Ausland erklärt, sinniert der Anthropologe, zu Robinsons Insel, und Mutter dorthin verbannt. Sie war ja ständig betrunken und deshalb sowieso nicht hier.

Dienstag, 12. Januar 16
Die Bürger-AG Village macht einen eigenen Vorschlag, berichtet Ulrich Paul in der Berliner Zeitung, wie Flüchtlinge auf dem ehemaligen Flughafen Tempelhof angesiedelt werden könnten – nein, keinesfalls durch Bebauung des ehemaligen Flugfeldes: die hat ja ein Bürgerentscheid gesetzlich ausgeschlossen.
Sondern durch Errichtung mehrstöckiger Holzhäuser innerhalb der ehemaligen Hangars. Alle Brandschutzbestimmungen ließen sich einhalten. Man könnte mehr als acht bis neun Quadratmeter pro Bewohner ansetzen – so könnten die Bauten den Bewohnern mehr Privatsphäre verschaffen. Sind die Flüchtlinge anderswo untergebracht, ließen sich die Häuser zerlegen und anderswo nutzen.
Eine reizvolle Verschränkung von Hier und Dort, sinniert der Anthropologe. In das Hier des Hangars wird ein Dort eingebaut, das Flüchtlingen (von dort) hier zeitweise Unterkunft gewährt…

Sonntag, 10. Januar 16
Der britische Maler Frank Auerbach, hoch berühmt in seiner Heimat und in der Welt – berichtet Markus Hesselmann, einer Monographie von Catherine Lampert folgend, im Tagesspiegel – wurde 1931 in Berlin geboren. 1939 konnte er, als Achtjähriger, nach Großbritannien entkommen und verlebte dort eine glückliche Kindheit und Jugend. Keine nostalgischen Gefühle gegenüber der Güntzel- oder der Uhlandstraße oder dem Bayerischen Platz.
Seine Eltern wurden, wie die seines Cousins Marcel Reich-Ranicki, ermordet. An beide Paare erinnern in der Güntzelstraße 49 respektive 52 sog. Stolpersteine, Metallplatten im Trottoir mit den Namen und Daten. Bislang hat es keine Ausstellung der Malerei Frank Auerbachs in Berlin gegeben – anders als im Fall seines Freundes Lucian Freud, ebenfalls ein Berliner – und es scheint Frank Auerbach auch nicht besonders an einer solchen Ausstellung gelegen. Es verbindet ihn, wie gesagt, kein Heimweh mit dem Berlin seiner Kindheit.
Zugleich eine Geschichte über Einst und Jetzt.

Dienstag, 29. Dezember 15
Sahra Wagenknecht, Vorsitzende der Linksfraktion im Bundestag – berichtet Markus Decker in der Berliner Zeitung – hat sich scharf gegen den Einsatz der Bundeswehr gegen den Islamischen Staat in Syrien und im Irak ausgesprochen. Dort findet sich gar nicht der Ursprung dieser Kämpfe. Sondern hier. „Ohne den Krieg im Irak gäbe es den IS nicht“, erklärte Sahra Wagenknecht in einem Interview der dpa. „Ohne die Bombardierung Libyens und die Destabilisierung Syriens wäre er längst nicht so stark. Der Westen, vor allem die USA, haben dieses Monster mit ihren Kriegen groß gemacht.“
Wäre es da nicht vernünftig, hätte unsere Freundin Jutta gespottet, wäre es nicht äußerst wünschenswert, wenn Deutschland zum Krieg gegen den Westen, vor allem gegen die USA zurückkehrte? Dann wäre über kurz oder lang auch der Islamische Staat erledigt.

Samstag, 19. Dezember 15
Dies Wochenende findet in China, berichten Friederike Zoe Grasshoff und Martin Wittmann in der SZ, die Wahl der Miss World statt. Im Sinne des Regionalismus viel wichtiger aber ist, dass in Dithmarschen Maren Glatter und Silke Nöhren als Kohlköniginnen amtieren; in Ichtershausen Anja Fabricius als Nadelprinzessin und in Neuhausen Christin Kopitzke als Nussknackerkönigin; in Graal-Müritz Charline Völkel als Rhododendrenkönigin und in Bodenmais Christin Herrmann als Weißwurstkönigin; in Waldsee Bianca Traut als Braunviehkönigin und in Wuppertal Laura Niederheide als Bierkönigin.
Trotzdem, mault das junge Ding spöttisch, ich möchte lieber in der Welt, also in China sein.

Montag, 30. November 15
Am Samstagabend meldete der Erste Bürgermeister Olaf Scholz – referiert die Berliner Zeitung dpa – dass die Bürger die Frage, ob Hamburg sich für die Olympiade 2024 bewerben solle, abschlägig beschieden haben: 51,6 Prozent der der Befragten lehnten ab, 48,6 Prozent stimmten dafür. Hamburg folgt München: 2013 hatten die Bürger Münchens entschieden, dass die Stadt und die Region 2022 nicht die Winterolympiade ausrichten wollen.
Recht so! strahlt Onkel, der alte Reaktionär. Die Jugend der Welt zu Gast in Hamburg (oder München)? Nein danke. Soll sie doch zu Hause bleiben, die Jugend der Welt. Hier stellt sie doch bloß Unfug an.

Sonntag, 22. November 15
In dem einstöckigen Haus an der Stadtmauer, Mönchenstraße 1, Jüterbog – berichtet Christoph Stollowsky im Tagesspiegel – fanden regelmäßig Treffen mit Flüchtlingen statt, Deutschkurse, Teestunden, vielgestaltige Hilfen. Nach einer NPD-Kundgebung aber schleuderten Demonstranten Böller und andere Explosivkörper in das Häuschen, und es brannte aus. Jetzt versammelten sich Gegendemonstranten, die Kirchenlieder sangen, dazu ein Posaunenchor; außerdem Karl-Heinz Schröter, Innenminister von Brandenburg, sowie Markus Dröge, Bischof der Evangelischen Kirche Berlin Brandenburg. Sie wandten sich auch gegen Arne Raue, den Bürgermeister. Er hat auf der Website der Stadt vor jedem Kontakt mit den Flüchtlingen gewarnt, weil sie Infektionskrankheiten verbreiten könnten, etwa Tuberkulose. Im Stadtrat gab es keine Mehrheit für den Beschluss, den Eintrag zu löschen.

Samstag, 24. Oktober 15
Die Kleinstadt Leavenworth liegt im US-Bundesstaat Washington, in einer alpin anmutenden Gebirgslandschaft, berichtet Maria Hubschmid im Tagesspiegel. Ursprünglich ernährte sie sich durch Holzwirtschaft, aber die ging seit den dreißiger Jahren allmählich ein. Anfang der Sechziger kam ein gewisser Bob Rodger, der als US-Soldat in Bayern stationiert gewesen war, mit seinem Lover – wie man damals noch nicht wusste – auf die Idee, das Städtchen komplett zu bajuwarisieren und so zu einer Touristenattraktion zu machen. Seit 1978 gilt als Gesetz, dass die entsprechenden Bau- und Dekorationsvorschriften eingehalten werden müssen; daran halten sich sogar McDonald’s und Starbucks und verzichten auf ihre Standardausstattung. Jeden Morgen eröffnet Bob Johnson, 82, um 8 Uhr 15 und um
9 Uhr 15 den Tag für die Gäste seines Hotels Enzian, indem er auf einem Alphorn bläst; das er vor 31 in Berchtesgaden erworben hat.

Montag, 17. August 15
Thorsten Hampel hat sich für den Tagesspiegel bei Andreas Sachse, Förster in Hammer, Landkreis Dahme-Spreewald, über die Brücken informiert, die es dem Wild ermöglichen, an verschiedenen Stellen die Autobahn in Brandenburg zu überqueren, ohne Verkehrsunfälle zu verursachen. Fotos, die von automatischen Kameras gemacht wurden, dokumentieren die Passage von 772 Hasen, 584 Rehen, 436 Füchsen, 59 Dachsen, 39 Kranichen, von 48-Mal Dam- und 22-Mal Schwarzwild. Des Weiteren Waschbären, Marder, Marderhunde und Katzen. Und am Morgen des 9. Juni 2014 passierte eine Elchkuh. Keine Straßenkarte verzeichnet diese Brücken; sog. Irritationsschutzwände schirmen sie gegen den Verkehr ab. Ein reines Dort.

Samstag, 15. August 15
Der Emmer, den die Archäologen bei Lietzow, Landkreis Havelland, gefunden haben – berichtet Rolf Brockschmidt im Tagesspiegel – stammt wohl ursprünglich aus Mesopotamien. Ebenso kamen in der Jungsteinzeit die Erbsen von dort hierher; die ältesten Erbsenfunde machte man in Syrien. Um 5000 BC fanden diese Einbürgerungen statt. Dasselbe gilt für den Flachs, der als Lein auch zu Leinöl verarbeitet wurde. Wozu hier das giftige Bilsenkraut diente, ist unbekannt; jedenfalls baute man es an – es stammt aber aus Nordafrika, Indien und China. Immer hier wuchs der Wildapfel – allmählich aber wurde kultiviert.

Freitag, 31. Juli 15
Die Familie Schulze ist aus Winsen in Niedersachsen verschwunden, berichtet Robert Klages im Tagesspiegel, Vater Marco (41), Mutter Sylvia (43) und Tochter Miriam (12).Im Haus der Familie wurden ihre Ausweispapiere sowie eine Katze gefunden; davor standen der Dacia Sandero von Marco Schulze sowie Mutters Auto. Es fehlt ein grünes Herrenfahrrad. Die Polizei fand keine Spuren der Familie in dem nahen Waldstück oder in dem verwilderten Gelände des Elbufers. Weder Angehörige der Familie noch Nachbarn äußerten Ideen über deren Verbleib. Dass sie einfach in die Ferien abgereist sind, kann ausgeschlossen werden.
In der Regel kann man das Dort in ein Hier verwandeln, sinniert der Anthropologe. Man braucht sich bloß dorthin zu begeben. Das geht hier nicht. Die Schulzes haben sich ins Dort davongemacht.

Dienstag, 30. Juni 15
Ein Rechtsanwalt Benjamin Düsberg, berichtet Elmar Schütze in der Berliner Zeitung, erklärte jetzt seine Zuständigkeit für mehrere Familien, die in dem sog. Horrorhaus in der Grunewaldstraße 87, Schöneberg, leben. Der Vermieter überließ verschiedene Wohnungen des Hauses vielköpfigen Roma-Familien aus Rumänien, und die angestammten Mieter begannen sich heftig über Lärm, Dreck, Einbrüche und Schlägereien zu beschweren. 200 Polizei-Einsätze. Vermutlich will der Vermieter, meinen die Altmieter, alle Parteien aus dem Haus vertreiben, um es luxuriös zu sanieren und gewinnbringend neu zu vermieten. Rechtsanwalt Düsberg weiß zu berichten, dass der Vermieter immer wieder Roma-Familien vertreiben lässt, gegen bestehende Mietverträge. Schwere Männer tauchen auf und fordern drohend das Verlassen der Wohnung.
Also ein vielfach verschachteltes Hier und Dort, sinniert der Anthropologe. Der Vermieter, fürchten die Altmieter, will sie von hier, ihren Wohnungen, nach dort vertreiben. Er verwandelt das Mietshaus in ein Dort, indem er Familien aus Rumänien einquartiert, die das Haus durch Lärm, Dreck usw. unbewohnbar machen. Er vertreibt die rumänischen Familien, um das Haus neu zu nutzen, ein höchsteigenes Hier. .

Sonntag, 21. Juni 15
Das große Foto im Tagesspiegel zeigt mehrere Drahtkäfige mit grauen, blauen und rosa Streben. Man erkennt darin kleine Hunde, die hecheln. Dazwischen sitzt ein riesiger Chow mit gesträubtem Fell, dem die lila Zunge heraushängt, weil er ebenfalls hechelt. Aufregung.
Diese Hunde, liest man, wurden auf einem Markt für Hundefleisch in Yulin, China, von Tierschützern freigekauft. Hier findet jährlich das Gourou-Festival statt, bei dem Tausende von Hunden zubereitet und verzehrt werden. Allerdings lässt die Leidenschaft für Hundefleisch in China allgemein nach. In Peking, Shanghai und anderen großen Städten hält man längst Hunde als pets.

Freitag, 5. Juni 15
Das Ehepaar Ioana und Marin Predescu lebt in Uricani, das in einer besonders armen Region Rumäniens liegt, und verbringt jetzt drei Monate in Brandenburg, auf dem Hof Mötzow, zwecks Spargelstechen, berichtet Silviu Mihai in der Berliner Zeitung. Hier bekommen sie mehr, als wenn sie zum Tomatenpflücken auf die Plantagen nach Spanien oder Italien führen; letztes Jahr verdienten sie in zweieinhalb Monaten 3000 Euro, sodass sie sich einen Familienurlaub am Schwarzen Meer leisten konnten. Deutsche Spargelstecher findet man nicht, erklärt Heinrich Thiermann, der Besitzer von Hof Mötzow. In Rumänien, erzählt Marin Predescu, ist Spargel als Gemüse unbekannt.

Montag, 1. Juni 15
Michail Saakaschwili, 47, war von 2004 bis 2013 Präsident Georgiens. Jetzt wurde er von Präsident Petro Poroschenko, berichtet Nina Jeglinski im Tagesspiegel, in der Ukraine eingebürgert und zum Gouverneur der Region Odessa ernannt. In Georgien hatte er nach zwei Amtszeiten nicht noch einmal für das Präsidentenamt kandidieren dürfen; in der Ukraine gehen Gerüchte um, Präsident Poroschenko wolle irgendwann Saakaschwili zum Regierungschef ernennen. In Georgien war gegen ihn wegen Unterschlagung und Amtsmissbrauch ermittelt worden, weshalb Saakaschwili nach Amerika ins Exil ging. In der Ukraine hofft man, dass er Odessa zu einem solchen Boom verhilft, wie es ihm in Georgien mit der Hafenstadt Batumi gelungen war.
Das ist ja, spottet Onkel, als werde Rainer Brüderle Landeshauptmann in Kärnten und demnächst Bundeskanzler in Österreich…

Samstag, 30. Mai 15
Man trifft den Imam Murad Atajew, aus Dagestan gebürtig, im Erdgeschoss eines Mietshauses zu Berlin Moabit, berichtet Jens Mühling im Tagesspiegel. Hier betreibt er sein Gebetshaus. Er soll sich in einem russischen Internetinterview als IS-Aktivist bekannt und die Hinrichtung von Journalisten und Schwulen, die Zerstörung von Kulturdenkmälern durch den IS gerechtfertigt haben. Neinnein, versichert der kleine, dicke, etwa 30-jährige Imam freundlich auf Russisch, so habe er das nicht gesagt – er habe das Interview mitgeschnitten und werde es gern vorspielen – aber nicht jetzt, jetzt sei er mit Gebetvorbereitungen beschäftigt. Im Übrigen erkläre sich die Angelegenheit daraus, dass Russland glauben machen wolle, Deutschland decke Terroristen, um davon abzulenken, dass es selber Terroristen in der Ukraine deckt.

Sonntag, 19. April 15
1907 erfand der Schweizer Julius Maggi, berichtet Jesko von Dohna im Tagesspiegel, die gleichnamige Würze; es ging ursprünglich um haltbare Nahrung für Soldaten und Schiffsbesatzungen. Heute sind Maggi Cubes fester und überaus beliebter Bestandteil der Küche Afrikas. So verkauft Nestlé, zu dem Maggi unterdessen gehört, allein im Westen des Kontinents pro Tag um die 100 Millionen Würfel. Inzwischen gelten sie als genuin afrikanisch – in Guinea-Bissau heißt der Stoff „Gusto“, im Senegal „corrige Madame“. Dabei handelt es sich um ein reines Gewürz, keineswegs um eine Beigabe mit zusätzlichem Nährwert. Afrikaner, die in Berlin leben – hat sich Jesko von Dohna erzählen lassen – versorgen sich in ihren Spezialitäten-Läden regelmäßig mit den unverzichtbaren Maggi-Würfeln. Versteht sich, dass europäische Kritiker die Überfremdung der afrikanischen Küche durch das europäische Würzmittel bemängeln und die Rückkehr zu authentischen Zutaten propagieren.

Samstag, 18. April 15
Korea, berichtet Tina Hüttl in der Berliner Zeitung, dringt unwiderstehlich nach Berlin vor, in Gestalt seiner Küche. Das Dae Mon am Monbijouplatz inszeniert sich als ein richtiges Feinschmeckerlokal, kostbar eingerichtet, hohe Preise, kleine Portionen. Schwarzer Kabeljau mit Calamaretti, Salicorn, grünem Spargel, gerösteter Nori-Alge, rosa Blüten und einem Püree, das Tina Hüttl als Aprikose identifiziert. Apfelschweinebauch mit Bohnen, das sind grüne Bohnen, Saubohnen und ihre Kerne, die es außerdem als Püree gibt. Dazu scharfe Kürbiswürfel. Entenbrust mit Kimchi, Feigen, Pakchoi und Paprikamus. Alles schön gemacht. Aber zuwenig Korea, meint Tina Hüttl, und zuviel Berliner Chic.

Freitag, 10 April 15
Ufuk C., jetzt 21 Jahre alt, wuchs in München auf, berichtet Christian Rost in der SZ, der Vater Metallarbeiter, die Mutter Hausfrau; alle drei gegenüber dem Islam indifferent. Als aber Ufuk eines Abends mit Kumpels Lärm machte und die Polizei kam; als er flink zu Allah betete, um das Schlimmste abzuwenden und das Schlimmste tatsächlich ausblieb – da änderte sich das. Er schaute sich die Propagandavideos von Salafisten an und beschloss, nach Syrien in den Kampf gegen Assad zu ziehen und als Mitglied einer Al-Qaida-Untergruppe den Märtyrertod zu erleiden. Das würde seinem Leben, das bisher nur zu einer enttäuschenden Schulkarriere und einer Lehrstelle als Bäckereifachverkäufer geführt hatte, schlagartig einen hohen Sinn verleihen. Allerdings nahm er dort in Syrien dann bloß an Schießübungen teil, wirkte bei Propagandavideos mit und langweilte sich beim Wachdienst. So kehrte er nach München zurück. Und steht hier jetzt vor dem Oberlandesgericht. Doch scheint er die Aufmerksamkeit, die ihm deshalb zuteil wird, zu genießen.

Dienstag, 7. April 15
Jascha Edert ist 19 und bereitet sich auf die Reifeprüfung vor, berichtet Simon Grothe im Tagesspiegel. Allerdings nicht an einem Berliner Gymnasium, sondern zu Hause per Fernabitur. Schulräume hält er nicht aus; die Mitschüler behindern seine Konzentration erheblich: „Besonders wenn in der Reihe vor mir jemand Schnitzelbrötchen gegessen hat-“ Er leidet dort an idiosynkratischer Reizbarkeit. So bleibt er hier und präpariert sich durch intensives Lesen. Keine Musik. Die beste Zeit zum Lernen entsteht in der abendlichen Dämmerung: „Wenn es draußen still wird und ich einen Text lese, dann kommt der Stoff auf einmal dort an, wo er hin soll.“

Dienstag, 24. März 15
In der SZ interviewt Boris Herrmann den südamerikanischen Archäologen David Schávelzon zu den Ruinen, die er im argentinischen Dschungel entdeckt hat: Drei Häuser, die im Zweiten Weltkrieg errichtet, aber nie genutzt wurden. Traditionell baute man hier Häuser nur aus Holz – diese hier sind aber aus Stein, sie stehen auf einer steinernen Plattform und werden von einem Aussichtsturm überragt, der die Umgebung zu kontrollieren erlaubt. Man fand deutsche Münzen aus dem Jahr 1938 und Meißner Porzellan. Daniel Schávelzon – briefmarkengroßes Porträt eines fröhlichen Mannes mit Brille, grauem Haar und Bart – meint, der Komplex sei als geheime Residenz für höchste Naziführer geplant worden, die 1943/44 ahnten, dass sie den Krieg verlieren würden und eine Zuflucht im fernen Ausland benötigten. Man wusste noch nicht, spottet Schávelzon, dass sich nach ’45 die geflohenen Naziführer frei in Südamerika bewegen konnten und gar kein geheimes Refugium brauchten.

Samstag, 14. März 15
Die Olivenhaine auf der süditalienischen Halbinsel Salento, berichtet Paul Kreiner im Tagesspiegel, eine Jahrhunderte alte Traditionslandschaft, die unzählige Bauernfamilien am Leben erhält – ganz abgesehen von ihrer ästhetischen Überzeugungskraft als Versammlung knorriger Naturskulpturen – diese Olivenhaine müssen auf einer Tiefe von 15 Kilometern gefällt werden. Die Feuerbakterie – Xylella fastidiosa – hat sie infiziert und bedroht von hier aus Ölbaum- und Obstplantagen. Das Bakterium ist ein Einwanderer. Es wurde in Costa Rica beobachtet, und die Nachforschungen laufen darauf hinaus, dass es über Zierpflanzen und ihren Export hinaus in die Welt gelangt. Es zerstört bereits Weinberge in Kalifornien und Zitrusplantagen in Brasilien.

Freitag, 6. März 15
Andreas von Knorre, 22, und Elton Heinz, 21, beide aus Sachsen gebürtig – berichtet Willi Germund in der Berliner Zeitung – sind vergangenes Jahr in ein Bahndepot eingebrochen und haben Waggons mit Graffiti bemalt. Wir befinden uns in Singapur. Das Gericht verurteilte die beiden jungen Männer zu je neun Monaten Gefängnis sowie drei Stockhieben. Zu diesem Zweck wird man mit heruntergelassenen Hosen auf ein spezielles Gestell gefesselt, und der Gefängniswärter schlägt mit einem speziellen Rohstock so oft auf den nackten Hintern, wie das Gericht bestimmt hat.
Gut so! strahlt Onkel, der alte Reaktionär, Prügel für die Nestbeschmutzer. Hierzulande bekämen die Kerle noch einen Kunstpreis für ihre Schmierereien.

Dienstag, 66. Februar 15
Wer mehr als acht Stunden schläft, referiert Werner Bartens in der SZ einen Bericht aus der Fachzeitschrift Neurology, läuft stärker Gefahr, einen Schlaganfall zu erleiden. Die Gründe sind unklar. Der Aufenthalt dort impliziert hier längere Ruhephasen in der Horizontalen, was die Gefäße beansprucht. Im Blut treten häufiger Entzündungsstoffe auf, die Halsschlagadern schwellen an, es kann zu Hochdruck und zu Vorhofflimmern kommen. Ebenso unklar ist, ob das lange Schlafen eine Erkrankung verursacht oder bloß anzeigt.

Freitag, 20. Februar 15
Das Foto zeigt einen strahlend lächelnden Mann, der einen Glasteller voller Goldmünzen in die Kamera hält. Er trägt einen weißen Bademantel und darunter einen Taucheranzug aus schwarzem Gummi.
Der Israeli Kobi Twina hat mit seinem Kumpel Tzvika Feuer, berichtet Lissy Kaufmann im Tagesspiegel, im Meer vor Caesarea einen Goldschatz von 2000 Münzen entdeckt, die dort rund tausend Jahre verborgen lagen, vermutlich Steuergelder, die ein Schiff nach Ägypten transportieren sollte, ein Schiff, das dort wahrscheinlich im Meeresboden vergraben liegt. Die überraschende Verbindung zwischen Hier und Dort – die zugleich eine von Einst und Jetzt ist – stellten die Winterstürme her, die das Mittelmeer so in Bewegung bringen, dass seine Wellen den Sand am Meeresboden umschichten.

Donnerstag, 19. Februar 15
Im Januar stattete Ilhan Alijew, Präsident von Aserbaidschan, der Bundesrepublik einen Besuch ab, berichtet Claudia von Salzen im Tagesspiegel, und vor dem Kanzleramt in Berlin demonstrierten Tural Sadigli und seine Freunde, Exil-Aserbaidschaner aus Nürnberg – das Foto zeigt sie aufgebaut wie eine Fußballmannschaft – für die Freiheit der politischen Gefangenen in ihrer Heimat. Wenig später bekamen der Vater und der Bruder von Tural Sadigli in Baku Schwierigkeiten mit der Polizei. Sie fand im Auto des Bruders angeblich Rauschgift, 1,5 Kilogramm – dafür drohen ihm mehrere Jahre Gefängnis. Dem Vater wurde bedeutet, die Festnahmen erklärten sich aus der Demonstration in Berlin, gegen den Präsidenten.

Samstag, 14. Februar 15
Die Innenminister der Länder haben sich darauf verständigt, berichtet Ulrike Scheffer im Tagesspiegel, dass die Asylanträge von Kosovaren in Zukunft beschleunigt bearbeitet werden sollen. Die Anzahl der Anträge, dauerhaft von dort nach hier zu gelangen, steigt dramatisch: über 35 000, heißt es, seit Anfang des Jahres, um der Korruption, der Kriminalität und dem ökonomischen Elend dort zu entkommen (nur ein Drittel der arbeitsfähigen Bevölkerung hat Arbeit). Dabei stehen die Chancen der Kosovaren schlecht. Nur 0,3 Prozent wird zuerkannt, dass sie aus politischen Gründen dort nicht bleiben können. Schlepper verfrachten die Flüchtlinge mit Bussen nach Ungarn, wobei Serbien, das sie durchqueren müssen, den Zustrom anscheinend unbehindert durchlässt (Serbien, das den Kosovo weiterhin als Teil seines Staatsgebiets betrachtet und nicht als eigenen Staat anerkennt).

Dienstag, 3. Februar 15
Katherina Reiche, 41, Bundestagsabgeordnete der CDU, parlamentarische Staatssekretärin im Bundesverkehrsministerium, Chefin der CDU in Potsdam – berichtet Thorsten Metzner im Tagesspiegel – ist hier nicht mehr zu ereichen. Denn sie will demnächst Hauptgeschäftsführerin des Verbandes Kommunaler Unternehmen in Deutschland werden, einer Lobby-Organisation, die Stadtwerke, Wasser-, Energie-, Entsorgungs- und Stadtreinigungsunternehmen vertritt, Jahresumsatz 110 Milliarden. Sven Petke hingegen, ihr Ehemann, gibt seinen Posten als Vertriebsmanager für Osteuropa bei Bombardier auf, um sein CDU-Landtagsmandat in Potsdam behalten und seine politische Karriere weiterverfolgen zu können.
Eine solche Figur, bei der sich die Wege von hier nach dort und von dort nach hier dergestalt überkreuzen – sinniert der Literaturprofessor – nennt man in der Rhetorik Chiasmus.

Samstag, 24. Januar 15
Andreas Zmuda, 52, und Doreen Kroeber, 42, fliegen mit einem Ultraleichtflugzeug um die Welt, berichtet Simon Grothe im Tagesspiegel. Vor zwei Jahren kündigten sie ihre Jobs, liquidierten ihren Haushalt auf und machten sich auf die Reise. Das Ultraleichtflugzeug – ein motorisierter Drachen, bei dem die Passagiere im Freien sitzen – erwarben sie in Florida und reisten über Mexiko, Kolumbien und Argentinien nach Brasilien, rechtzeitig für die Fußballweltmeisterschaft. Jetzt verbringen sie zwei Monate in Berlin, um mit Vorträgen über ihre Reisen das notwendige Geld für das Weiterreisen aufzutreiben. Demnächst geht es dann über Kanada und Skandinavien nach Mitteleuropa, und von dort nach Afrika. 2015 wollen Zmuda und Kroeber in Sydney, Australien, landen – als sie dies Reiseziel beim Zwischenstopp in Mexiko den Einheimischen verrieten, wurden sie ausgelacht; ein Sturm hatte das spillerige Flugzeug zur Landung gezwungen.
Also – schwärmt das junge Ding – : weder hier noch dort.

Dienstag, 30. Dezember 14
In den drei Jahren, in denen Oliver Sporys seine Schwäbische Bäckerei in der Prenzlauer Allee/ Ecke Danziger Straße betrieb – berichtet Stefan Strauss in der Berliner Zeitung – musste er sich regelmäßig gegen Anfeindungen wehren: Graffiti wie „Schwaben raus“ oder Spucke an der Schaufensterscheibe u. a. m. Zwar bot der Bäcker in Ostberlin Laugenbrötchen und Brezeln, Bauernrahmkuchen mit Pflaumen, Rhabarber oder Apfel an – aber ebenso die einheimischen Schrippen. Doch sogar der Politiker Wolfgang Thierse monierte, dass es bei Oliver Sporys „Wecken“ zu kaufen gab: Überfremdung. Jetzt zieht Oliver Sporys von Prenzlauer Berg nach Kreuzberg, weil die Miete für seine Gewerberäume sich ständig weiter erhöhte. Und in Kreuzberg gilt der Schwabe als Einheimischer aus Süddeutschland.
Dem Foto nach könnte Oliver Sporys auch Türke sein.

Sonntag, 28. Januar 14
Seit Ende 1944 bildet Sigmaringen, am Rand der Schwäbischen Alb gelegen, und sein Hohenzollernschloss – referiert Björn Rosen im Tagesspiegel – ein Exterritorium: Hier residiert die Regierung von Vichy-Frankreich, mit Marschall Pétain an der Spitze, seit Frankreich selber von den Westalliierten befreit worden ist und sie den General de Gaulle an die Spitze gesetzt haben.
Am Weihnachtsabend organisiert das „Comité Artistique et Littéraire“ im Lichtspieltheater Sigmaringen ein kulturelles Spektakel mit der Pianistin Lucienne Delforge und dem Schauspieler Robert le Vignon. Auf dem Schloss wird von Montag bis Samstag ab neun, am Sonntag ab zehn Uhr die Trikolore aufgezogen. Italien, Japan und das Deutsche Reich selber unterhielten in Sigmaringen Botschaften bei der exilierten Vichy-Republik. Hier erschien eine Zeitung „La France“ und ein Sender strahlte das Programm „Ici la France“ aus. Pétain residiert im obersten Stockwerk des Schlosses, im Stockwerk darunter sein Premier Pierre Laval – faktisch regiert, von der Nazis installiert, Fernand de Brinon, ehemals Botschafter Vichys in Nazi-Nordfrankreich. Am 21. April verlässt Pétain Sigmaringen.
Zugleich eine Geschichte über Einst und Jetzt.

Samstag, 20. Dezember 14
Der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) vermutet – berichtet Markus Decker in der Berliner Zeitung – dass die Volksbewegung Pegida (Patriotische Europäer Gegen die Islamisierung Des Abendlandes) deshalb im Osten Deutschlands (in Dresden) so viele Bürger mobilisiert, weil dort zu Zeiten der DDR nur sehr wenige Ausländer (Muslime) lebten. „Ausländer kannte man vielleicht aus dem Westfernsehen.“ Umfragen ergeben, dass die Ostdeutschen Pegida eher in der Mitte des politischen Spektrums verorten (36 Prozent) als die Ostdeutschen (27 Prozent). 45 Prozent der Westdeutschen halten Pegida für rechts oder rechtsextrem, bei den Ostedeutschen sind es 41 Prozent.
Zugleich eine Geschichte über Einst und Jetzt.

Freitag, 19. Dezember 14
Am Moritzplatz in Kreuzberg, berichtet Stefanie Baumeister im Berlinteil der taz, betreiben Anna Küfner und Verena Warnke ihren Zweimeilenladen. Er bietet nur Waren an, die im Umkreis von ca. drei Kilometern produziert worden sind, einen Kakao-Schalen-Tee aus Mitte, den Wodka „Berliner Winter“ vom Arena-Gelände, die Klebetatoos aus Kreuzberg, Honig von einem Imker aus Neukölln. Allerdings schließt der Pop-up-Laden am Sonntag schon wieder – vielleicht eröffnen Anna Küfner und Verena Warnke demnächst einen neuen Zweimeilenladen in einem anderen Stadtteil.
Das wäre doch herzlich zu wünschen, träumt das junge Ding, dass es nur noch das Hier gibt.

Sonntag, 14. Dezember 14
Immer wieder entweichen in Berlin und Brandenburg wilde Tiere aus dem Zirkus, aus dem Zoo, aus Privathaushalten, berichtet Christoph Stollowsky im Tagesspiegel. Der jüngste Fall ist das Kamel Selima, das den Zirkus Magic verließ, der gerade auf der Halbinsel Stralau gastiert. Im Frühjahr trieb sich in Bernau eine vier Meter lange Riesenpython herum; gleichfalls im Frühjahr war in Spandau eine andere Riesenschlange unterwegs. Im November wanderte der Nashornbulle Hulk durch Luckenwalde; er gehörte zum Zirkus Voyage. Das Känguru Zippe, das aus dem Tierpark Werder ausbrach, ist immer noch nicht wieder eingefangen.
So strebt alles Lebendige, philosophiert Tante, von hier nach dort.

Sonntag, 6. Dezember 14
Hier in Westerham bei München, auf dem Parkplatz der Akademie der Industrie und Handelskammer – berichtet Laura Montorio im Tagesspiegel – übt man, was dort in Moskau und anderswo passieren könnte und wie man sich dann verhält: Eine Frau taucht vor dem Auto auf, das zu einem Meeting fährt, sie scheint in Not und bittet um Hilfe. Das Auto bremst, wie es sich in einem solchen Fall gehört – da taucht von der Seite ein Mann auf und sucht die Fahrertür zu öffnen. Er zieht eine Pistole und fordert die Insassen zum Aussteigen auf – aber das Auto gibt Gas, die Frau springt zur Seite und der Mann schießt auf das flüchtende Auto…
Mit solchen Simulationen werden hier in Deutschland Geschäftsleute und politische Funktionäre auf Missionen in Ländern vorbereitet, in denen Entführungen und Geiselnahmen drohen. Zugleich eine Geschichte über Schein und Wirklichkeit.

Montag, 1. Dezember 14
Damit Weihnachtspäckchen und -pakete rechtzeitig und korrekt von hier nach dort gelangen, berichtet Jessica Tomalla im Tagesspiegel, muss man eine gewisse Umsicht walten lassen. Manche Dienste nehmen Sendungen noch bis zum 23. Dezember an. Bei anderen ist der 22. der Stichtag, ein dritter funktioniert nur bis zum 19. Sendungen innerhalb Europas sollten bis zum 15. Dezember abgeschickt werden, für die USA gilt der 2. Dezember. Die Verpackung sollte den automatischen Sortiermaschinen keine Hindernisse bieten, und wenn auf der Adresse der Empfänger mit seinem Spitznamen angegeben ist, kann die Auslieferung unter Umständen misslingen: wenn der Empfänger am Schalter seinen Ausweis vorzeigen muss, in dem der Spitzname natürlich fehlt.

Sonntag, 23. November 14
Sören Kittel porträtiert im Tagesspiegel zwei Journalisten, die aus Seoul über Korea berichten, den Deutschen Malte Kollenberg und den Spanier Atahualpa Amerise. Dabei drängt sich jede Geschichte aus Nordkorea, das sie so gut wie gar nicht besuchen dürfen, nach vorn und unterdrückt südkoreanisches Material. Als besonders fruchtbar erwiesen sich in dieser Hinsicht die 40 Tage, in denen der geliebte Führer Kim Jong Un verschwunden war – da konnte man nach Belieben das Nichtwissen mit Spekulationen ausfüllen. Wirklichkeitshaltige Storys erlangt man sehr viel seltener, und sie sehen anders aus. So unternahm Amerise vor acht Wochen seine erste Reise in den Norden, und eine seiner Geschichten schildert, wie ihn nachts in seinem Hotelzimmer heftiger Lärm aufweckt. Er schaut aus dem Fenster und erblickt eine hell ausgeleuchtete Großbaustelle, laut von Volksmusik beschallt. So etwas hatte er in Südkorea nie erlebt.

Freitag, 14. November 14
Das Foto ist schwer verständlich. Es zeigt eine felsige Landschaft in Aufsicht, in der vorn links ein formloses Gerät herumsteht, das aus mehreren röhrenförmigen Teilen zusammengesetzt scheint – wenn das Gerät so in der Landschaft steht, kann sie nicht in Aufsicht fotografiert sein. Eher handelt es sich um eine schräge Felswand.
Am Mittwoch, kurz nach 17 Uhr, berichtet Patrick Loewenstein in der taz, traf in Darmstadt die Nachricht ein, dass der Philae genannte Forschungsroboter auf dem Tschuri genannten Kometen sicher aufgesetzt sei – bei einem ersten Landungsversuch war er abgeprallt. Tschuri befindet sich in 500 Millionen Kilometern Entfernung von der Erde; der Flug dorthin dauerte mehr als zehn Jahre. Die Wissenschaftler hoffen, aus Philaes Beobachtungen Aufschlüsse über die Entstehung des Sonnensystems zu erhalten. Es geht also zugleich um ein zeitlich weit entferntes Dort.

Samstag, 9. August 14
Im Osten Berlins, in Köpenick existiert seit den dreißiger Jahren ein Gelände, berichtet Karin Schmidl in der Berliner Zeitung, das Neu-Venedig heißt, eine Freizeitkolonie. 450 Grundstücke, von sechs Kanälen umflossen, die 13 Brücken überspannen. Die Häuser auf den Grundstücken dürfen nicht größer als 60 Quadratmeter sein und eignen sich nicht für den Daueraufenthalt: Zwar gibt es Strom in Neu-Venedig, aber keine zentrale Wasserversorgung.
Wer das Dort genießen will, sinniert der Anthropologe, muss irgendwann in sein Hier zurückkehren.

Freitag, 8. August 14
In Herford/ Westfalen finden Auseinandersetzungen statt, berichtet Konrad Litschko in der taz, die Kämpfe im Irak gewissermaßen kopieren. Ein Imbissbetreiber hatte in seinem Laden ein Plakat aufgehängt, das für eine Demonstration warb: der Jesiden (und ihrer Freunde) in Herford gegen die Gotteskrieger des IS, die im Irak die Jesiden als Ungläubige verfolgen.
Daraufhin attackierten sechs Männer den Imbissbetreiber und einen 16-jährigen Gast mit Messern. Woraufhin sich später 300 Männer versammelten, die wahllos, wie es scheint, Personen und Sachen angriffen. Die Polizei stoppte die Fighter und stellte verschiedene Waffen sicher. Sie nahm inzwischen auch die ursprünglichen sechs Angreifer des Imbiss fest, sämtlich polizeibekannt, aus.Tschtschenien stammend (was die Invasion des Hier durch das Dort noch einmal erweitert). In NRW leben viele islamistische Gotteskrieger; insbesondere die Salafisten tun sich immer wieder hervor, durch Demonstrationen, durch ihre Prediger.

Sonntag, 3. August 14
Die Touristen inspizierten gestern mehr-minder lustlos, berichtet Jörn Hasselmann im Tagesspiegel, die Brache an der Cuvrystraße (Berlin-Kreuzberg), die sich, wie die Reiseführer behaupten, zu einem romantischen Exterritorium entwickelt habe.
Es gibt eine Art Hauptstraße, von den Rumänen und Bulgaren ordentlich bebaut, Bretterbuden wie Reihenhäuser. Die wilden Behausungen der deutschen und polnischen Obdachlosen dagegen verbergen sich auf dem überwucherten Gelände, und die Blockhütte, die, laut Beschriftung, der König des Dorfes bewohnt, steht leer: ein japanischer Architekt, ist zu erfahren, der hier, mit seiner italienischen Frau, zuweilen das Wochenende verbrachte.
Irgendwann soll das Gelände geräumt werden, luxuriöser Wohnungsbau steht an. Aber das junge Ding unterdrückt seine Schimpfrede, dass damit wieder einmal eine Utopie vernichtet werde, wieder einmal…

Donnerstag, 31. Juli 14
Das Foto zeigt eine hübsche Frau von etwa 50 Jahren, die zaghaft lächelnd für die Kamera posiert: Anne-Kathrin Scharlach, berichtet Lutz Pehnert in der Berliner Zeitung, arbeitet in Minden/ Westfalen, in der Fachbibliothek für Architektur und Bauingenieurwesen – sie stammt aber aus Weißwasser/ Oberlausitz, und sie hört nicht auf, Heimweh zu empfinden.
Bis zum Untergang der DDR arbeitete sie in Weißwasser als Bibliothekarin bzw. in der Lohnbuchhaltung eines Baustoffhandels. Dann fielen diese Arbeitsplätze weg. Ihr Weg führte Anne-Kathrin Scharlach nach Bielefeld, wo sie aber nur als Supermarkt-Kassiererin Arbeit fand. Da bot Minden unzweifelhaft mehr.
Aber unverändert zieht es sie zurück nach Weißwasser, und im Februar schien sie der Heimkehr ganz nahe: Zittau suchte eine Bibliothekarin, und das Vorstellungsgespräch verlief ausgezeichnet. Aber Zittau – nahe bei Weißwasser
gelegen – konnte als Gehalt bloß 600 Euro pro Monat bieten, das wäre einfach zu wenig, und so bleibt Anne-Kathrin Scharlach ins Dort von Minden gebannt.

Donnerstag, 17. Juli 14
Das Foto zeigt eine undurchsichtige Hinterhofsituation: vor zwei Flachdächern, teilweise bewachsen, und einem hübschen Balkon mit Freizeitutensilien erhebt sich ein hoher, gestufter Kasten, dessen Fensterraster bunte Quadrate und Rechtecke ausfüllen (rot, gelb, hellblau, grün).
Den idyllischen Innenhof eines Wohnquartiers in Prenzlauer Berg, berichtet Fatina Keilani im Tagesspiegel, hat der riesige Anbau, der ursprünglich bloß das Vorderhaus um einen Seitenflügel ergänzen sollte, komplett blockiert. Das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig urteilte jetzt, dass dieser Anbau, der die vorgeschriebenen Abstände zwischen den Häusern ignoriert, abgerissen werden muss.
Hier und dort, sinniert der Anthropologe, bildet halt allüberall eine elementare Unterscheidung.

Donnerstag, 3. Juli 14
Die Flüchtlinge, die seit Dezember 2012 die Gerhart-Hauptmann-Schule in Berlin-Kreuzberg besetzen, berichten Sabine Beikler und Werner van Bebber im Tagesspiegel, werden aus dem Gebäude nicht restlos von der Polizei vertrieben. Die verbliebenen 40 Besetzer dürfen Räume im Seitenflügel nutzen, sie haben Zugang zum Dach und erhalten Hausausweise, die ein privater Sicherheitsdienst kontrollieren wird.
Das Foto zeigt von hinten einen dunkelhäutigen Mann im Streifenpullover und in Jeans, der auf dem Flachdach steht und über Baumgrün auf die Stadt und in die Ferne blickt. Von diesem Dach hatten die Besetzer sich zu stürzen gedroht, sollte die Polizei sie zu vertreiben versuchen.

Donnerstag, 26. Juni 14
Das Foto zeigt eine Horde Männer, die einheitlich nach links außerhalb des Bildes schauen und sich mit allen Gesten der Begeisterung und Erregung aus Sofas erheben, die auf einem grünen Rasen stehen.
Die Zuschauermengen, die im Stadion An der Alten Försterei, Berlin-Köpenick, auf einem Großbildschirm der Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien folgen – berichtet Karin Schmidl in der Berliner Zeitung – sind ihrerseits Gegenstand begeisterter Berichterstattung hier und dort auf der Welt. Der britische Guardian erzählte ebenso davon wie der australische Sidney Herald und die Washington Post. Sogar Vietnam und Bangladesh nahmen Notiz.
So muss man sich wieder mal fragen, seufzt der Anthropologe in einem Anfall von Dekonstruktivismus. ob die Unterscheidung von Hier und Dort überhaupt noch schneidet.

Freitag, 20. Juni 14
Der Höhlenforscher Johann Westhauser, 52, ist wieder hier, berichtet Ina Pachmann in der Berliner Zeitung, auf der Erdoberfläche, oben auf den Berchtesgadener Alpen.
Vor elf Tagen war Johann Westhauser bei seinen Forschungen tief im Innern der Riesending-Schachthöhle, die hier in den Berchtesgadener Alpen sich öffnet, von einem Steinschlag getroffen worden, was ein schweres Schädel-Hirn-Trauma bewirkte. Einen Tag später begannen die Rettungsarbeiten, die unter Aufbietung von viel Kraft, Technik, Intelligenz und Personal den Höhlenforscher aus dem senkrecht in das Gebirge versenkten Labyrinth jetzt endlich von dort unten wieder nach hier oben transportierten.

Mittwoch, 18. Juni 14
Im Iran ist Alkoholtrinken bekanntlich verboten und wird bestraft. Aber es gibt Orte, berichtet Naomi Conrad, wo man die generelle Prohibition durchbricht – in Ghalaat zum Beispiel, knapp hundert Kilometer von der Stadt Schiras entfernt, der Name eines ehrwürdigen Weinbaugebiets. Ein freiheitliches Dort inmitten des repressiven Hier.
In der Tat versammelt sich an den Wochenende in Ghalaat eine festliche Gemeinschaft, Frauen tragen das Kopftuch besonders weit auf das Haar hinaufgeschoben, Männer spielen Billard, es riecht nach Haschisch.
Aber die direkte Frage, wo man hier Wein erwerben könne als Tourist, bleibt unbeantwortet. Doch, viele Bürger von Schiras kommen wegen des Weins hierher, erklärt ein junger Mann ausweichend – er selber trinke allerdings lieber Wodka oder Whisky… Als Tourist werde man am besten im armenischen Club von Teheran bedient – die Ungläubigen kommen leichter an den Stoff – aber in dem Club selber wird man von dem distinguierten Kellner abgewiesen.. Man halte sich, rät er diplomatisch, besser an die eigenen Begleiter.
Sie haben ihre Wodka-Flaschen auf den Tisch gestellt, als der Weinbote klingelt. Eine Flasche Schiras kostet zwanzig Dollar. – Beliebt ist auch das spöttisch so genannte Halal-Bier. Man mischt Hefe und Zucker in das einheimische alkoholfreie Getränk und lässt es gären.
Für den Touristen findet sich also nirgendwo eine echte Enklave in dem alkoholfreie Hier.

Sonntag, 15. Juni 14
Einige der Iraner, die in Berliner Asylbewerberheimen leben, treten vom Islam zum Christentum über, berichtet Benjamin Lassiwe im Tagesspiegel. Elia Hosseini beispielsweise, der sich in der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche zu Steglitz letztes Jahr taufen ließ und seitdem eifrig am Leben der Gemeinde teilnimmt.
Schon im Iran fand er Anschluss an christliche Untergrundgruppen. Das strenge islamische Reglement für das Alltagsleben – beispielsweise das obligatorische Freitagsgebet – erweckten sein Unbehagen; als er an einem Feiertag im Autoradio Musik hörte, belästigte ihn die Religionspolizei. Sein Vater bedrohte ihn mit einem Messer wegen seines religiösen Ungehorsams.
Dagegen nimmt der Gläubige im Christentum die religiösen Übungen freiwillig auf sich, und es gibt keine Überwachung. Das Foto zeigt einen jungen Mann mit dunklem Haar und Bartwuchs, der in die Kamera strahlt; neben ihm steht ein älterer Mann in einem hellen Ornat mit Stickerei, im Hintergrund erkennt man die Kanzel und den Altar mit dem Kruzifix – : verlässlich das Hier von Steglitz, im Unterschied zum Dort von Teheran.

Freitag, 6. Juni 14
Der Uckermärker Picknickkorb, berichtet Stefan Strauss in der Berliner Zeitung, enthält zum Beispiel Uckerkaas und Fassbutter, Sekt aus Prenzlau und Apfelwein vom Gutshof Kraatz, Orient-Kaffee aus Lychen und Wildsalami vom Gut Kerkow; Klostervollkornbrot sowie Marmor- und Apfelkuchen im Glas aus Angermünde.
Donata Gräfin Fugger, aus Süddeutschland nach Groß Fredenwalde übergesiedelt, hat den Uckermärker Picknickkorb in seiner streng regionalistischen Form erfunden. Letztes Jahr erhielt sie dafür auf der Internationalen Tourismusbörse in Berlin einen Preis. So etwas kann das magere Wirtschaftsleben der Uckermark stimulieren. Sie bildet – größer als das Saarland bemessen – den am dünnsten besiedelten Landkreis Deutschlands. Die Einwohnerzahl sinkt kontinuierlich; 1990 lag sie bei 170 000, letztes Jahr waren es noch 122 000. Die Arbeitslosigkeit überstieg inzwischen 16 Prozent.
Versteht sich, dass der Uckermärker Picknickkorb nicht für die Uckermärker bestimmt ist. Es sind die Berliner – Paare, Familien, Reisegruppen, Bürogemeinschaften – , die hierher ihre Ausflüge unternehmen; Donata Gräfin Fugger verkauft ihnen die gefüllten Körbe und sammelt die geleerten hinterher wieder ein. Sie empfiehlt Picknickplätze, die Hügelgräber, die Luthereiche, den Wallberg. Auch mehrere kleine Seen bieten sich an.
Und dort durchdringen sich dann, träumt der Anthropologe, das Hier und das Dort, wie der Tourist es liebt, innig und wohlschmeckend.

Mittwoch, 4. Juni 14
Das Foto wurde in einem Tal bei Oberstdorf geschossen, berichtet Christian Sebald in der SZ, ein schäferhundartiges Tier im Waldesgrün, das aufmerksam sichert – das Landesamt für Umwelt identifizierte das Tier zweifelsfrei als Wolf. Im März entdeckte man am Wendelstein eine tote Hirschkuh, die aller Wahrscheinlichkeit nach ein Wolf gerissen hatte. Kurz danach sichteten Autofahrer im Landkreis Erding ein Tier, bei dem es sich unverkennbar ebenfalls um einen Wolf handelte.
Nach Oberstdorf könnte der Wolf aus einem Tal des österreichischen Vorarlberg zugewandert sein, 15 Kilometer entfernt. Oder aus dem schweizerischen Chur, 90 Kilometer entfernt – für Wölfe leicht zu überwinden. Franz Hage vom Alpwirtschaftlichen Verein erklärte im Bayerischen Rundfunk, der Wolf muss wieder weg.

Dienstag, 4. Juni 14
Die Abwässer Dresdens, berichtet Bernhard Honnigfort in der Berliner Zeitung, enthalten, verglichen mit den Abwässern anderer Städte, ungewöhnlich viel Chrystal Meth. Nur osteuropäische Städte wie Prag oder Budweis übertreffen Dresden in dieser Hinsicht. Nach Dresden (hier) kommt das Zeug aus Tschechien (dort), wo viel Chrystal Meth in primitiven Privatlabors produziert wird.
Und dann, eifert das junge Ding, soll die Droge den Konsumenten ja auch stiekum von hier nach dort transportieren…

Montag, 2. Juni 14
Die Euro-Kita in Frankfurt (Oder) zeichnet aus, berichtet Thorsten Müller in der Berliner Zeitung, dass hier auch Kinder betreut und beschäftigt werden, die mit ihren Eltern auf der anderen Seite des Flusses, in Slubice leben und täglich herüber kommen. Zwar ist die Amtssprache Deutsch, aber hier arbeiten auch zwei polnische Erzieherinnen, und die deutschen müssen bei der Einstellung versprechen, dass sie Polnischkurse belegen werden. 54 Kinder besuchen die Euro-Kita, darunter 20 polnische Mädchen und Jungen, die dort tagsüber immer wieder die Sprache zu wechseln lernen. So soll vermieden werden, dass ein substanzieller Unterschied zwischen hier und dort überhaupt entsteht.
Das herzige Foto zeigt zwei kleine Mädchen, die an einem Tisch sitzen und mit ihren Zeigefingerchen gemeinsam auf eine Landkarte zeigen, die darauf liegt.

Freitag, 23. Mai 14
Das Foto zeigt eine Frau im schwarzen Ganzkörperschleier – von Kopf bis Fuß – , die am Ufer eines hübschen Sees steht, hinter dem sich Berge mit grünen Wiesen und Wäldern erheben. Österreich.
Zell am See hat sich zu einem außerordentlich beliebte Ferienort für Touristen aus den arabischen Golfstaaten entwickelt, berichtet Martin Zips in der SZ, die hier als „Golfis“ bezeichnet werden. Es gibt ein „Café Istanbul“, einen Telefonladen, der in arabischer Schrift für seine Angebote wirbt, ein Restaurant, auf dessen Terrasse Männer Wasserpfeife rauchen, in Begleitung ihrer verhüllten Frauen. Es gibt eine Informationsbroschüre für die Golfis, die etwa über die ganz andere Kleiderordnung der einheimischen Frauen informiert. Wenn der Ramadan kommt, erwartet man noch ganz andere Touristenmengen.

Montag, 25. März 13
In der SZ schreibt Bernd Dörries über Dr. Hartmut Hopp, der jetzt in Krefeld lebt. In Chile, wo er als Arzt der berühmten Colonia Dignidad wohl an der Folterung von Gegnern des Pinochet-Regimes teilnahm, wurde er wegen sexuellen Kindesmissbrauchs zu fünf Jahren Haft verurteilt. Das blieb für seinen Aufenthalt in Deutschland bislang ohne Folgen. In Krefeld sollen bis zu 30 Personen aus der ehem. Colonia Dignidad einen Safe Haven gefunden haben. Ein Gericht müsste entscheiden, ob Dr. Hopp seine Strafe in Deutschland abzusitzen hat. Vor seinem Haus protestiert Amnesty International. Kein Foto.

Mittwoch, 20. März 13
In der Berliner Zeitung berichtet Frank Nordhausen über Ghassan Hitto, geboren 1963 in Damaskus, den jetzt in Istanbul die Nationale Syrische Koalition zum Chef einer Übergangsregierung bestimmt hat. Schon als junger Mann emigrierte er in die USA, studierte dort Mathematik und Informatik, heiratete eine Einheimische und zeugte vier Kinder. Praktisch ist er also US-Amerikaner. Das Foto, Briefmarkengröße, zeigt seinen Kopf en face.
Er muss von dort kommen, sinniert Tante, wenn er’s hier gut machen soll.

Donnerstag, 14. März 13
In der taz berichtet Bernd Kramer über das Institut für transkulturelle Gesundheitswissenschaften an der Universität Viadrina in Frankfurt (Oder). Gutachter der brandenburgischen Landesregierung rieten vergangenes Jahr, das obskure Institut zu schließen, das Kooperationsverhältnisse beispielsweise mit der Deutschen Gesellschaft für Energetische und Informationsmedizin unterhält, die sich für Geistheilen u. ä. interessiert. Eine Masterarbeit im Weiterbildungsstudiengang Komplementärmedizin will statistisch beweisen, dass ein gewisser Aluminiumspiegel mit Außerirdischen ebenso wie mit Vergangenheit und Zukunft zu kommunizieren erlaubt. Dass das Institut nicht geschlossen wurde, heißt es, erklärt sich aus der Subventionierung durch private Wirtschaftsinteressen, insbesondere Erzeuger homöopathischer Arzneimittel. Kein Foto.
Im Drüben fischen, spottet der Anthropologe.

Sonntag, 3. März 13
Im Tagesspiegel berichtet Tiemo Rink über Bayern in Berlin – ungefähr 8000 kommen pro Jahr. Monumental präsent macht sich Bayern in dem riesigen Lokal Hofbräu nahe dem Alexanderplatz, einer 6000 Quadratmeter großen Halle, wo krachend getrunken, gegessen und gefeiert wird – das Foto zeigt einen weiblichen und einen männlichen Kellner in Tracht, begeistert grinsend, in den Händen volle Maßkrüge aus Glas. Der Verein der Bayern in Berlin dagegen, in Lichterfelde angesiedelt, vor 137 Jahren gegründet, schrumpft. Einst zählte er fast 900 Mitglieder, jetzt sind es noch 50. Die sog. Miesbacher Tracht gilt als kanonisch für die Brauchtumspflege; vom Schuhplattler merkt man sich, dass Frauen daran nur diskret, am besten gar nicht geschminkt teilnehmen dürfen.
Meiner Meinung nach, murrt Onkel, sollte Bayern endlich die Bundesrepublik verlassen und sich dem Salzburger Land anschließen; da gehören sie hin.

Freitag, 22. Februar 13
Morgen, berichtet Jürgen Gottschlich in der taz, trifft zum ersten Mal eine Delegation der kurdischen Partei BDP mit Abdullah Öcalan zusammen, dem seit 14 Jahren inhaftierten Chef der militanten PKK (deren legaler Zweig die BDP ist). Das Ergebnis komplizierter Verhandlungen und Kompromisse mit der türkischen Zentralregierung. Die Delegation schifft sich am Südufer des Marmara-Meeres ein und fährt zu der Insel Imrali, wo Öcalan im Gefängnis sitzt.
Also auch räumlich eine Überschreitung von hier nach dort.

Samstag, 16. Februar 13
In der Berliner Zeitung berichtet Hinnerk Berlekamp über den Meteoriten, der im Ural, nahe der Stadt Tscheljabinsk explodierte, wobei die Druckwelle ca. 1200 Menschen verletzte. Der Meteorit maß zwei bis drei Meter im Durchmesser; er beschädigte 3000 Häuser und eine Eishalle. Ein Stück des Meteoriten riss ein Loch von acht Metern in das Eis des Tscherbakul-Sees, wie das Foto zeigt.
Er hätte dort draußen bleiben sollen, spottet Onkel, der Meteorit, statt hier reinzuschneien. Dann wäre er auch nicht explodiert…

Freitag, 15. Februar 13
Der Konsum der Droge Chrystal Meth, berichtet der Tagespiegel, breitet sich in Berlin und Brandenburg aus. Hergestellt wird sie in Tschechien – der deutsche Innenminister Hans-Peter Friedrich berät in Prag mit seinem tschechischen Amtskollege Jan Kubice über Gegenmaßnahmen.
Genau, spottet Onkel, sie können das Zeug doch dort in Tschechien lassen, statt es hierher nach Berlin und Brandenburg zu importieren.

Samstag, 9. Februar 13
In der taz berichten Nadine Michel und Wolf Schmidt über Achim S., ehemaliger Metzgerlehrling, der seit 1996 für den Verfassungsschutz die rechtsradikalen Skinheads auskundschaftete, also eine wohltätige Instanz hier über die Gefahren informierte, die sich dort zusammenbrauten. Im Jahr 2000 aber wechselte Achim S. in die USA und trat dort insgeheim dem Ku-Klux-Klan bei. Er kehrte hierher zurück und betrieb von Schwäbisch Hall aus als Reverend Ryan Davis seinen Ableger des Klan, gleichzeitig hier und dort agierend. Der Verfassungsschutz schaltete ihn als V-Mann ab, wie das heißt, und Achim S. rekrutierte vom Kochertal aus weiter deutsche Mitglieder des Klan. Er kam auf 20 bis 30 Mitglieder (darunter zwei Bereitschaftspolizisten aus Böblingen), eine kleine geheime Kolonie des Dort im Hier (nach eigenem Verständnis des Hier im Dort, denn der Klan will ja die jetzige Fremdherrschaft, die das Hier zum Dort entfremdet, vertreiben und den einstigen Ureinwohnern das Terrain zurückerstatten, das zum Dort entfremdete Hier restituieren). Allerdings agierte in der Klanzelle von Achim S. wiederum ein V-Mann des Verfassungsschutzes, Thomas R., unter dem Namen Corelli, und so weiter.


Sonntag, 3. Februar 13

Im Tagesspiegel referiert Andrea Dernbach über die Sinti und Roma („Zigeuner“), die seit fast 1000 Jahren hierher kommen. Den Namen Sinti leitete man lange daraus ab, dass sie angeblich aus der indischen Provinz Sindh stammen; inzwischen spricht viel dafür, dass es sich um einen Tarn- oder Spitznamen aus dem Rotwelsch handelt. Die Roma kommen vom Balkan (wo sie immer noch zahlreich siedeln); Rom bedeutet Mann (oder Ehemann) in ihrer Sprache, dem Romani, und gilt für alle Angehörigen der Ethnie. In England heißen sie bekanntlich Gypsies, weil sie angeblich aus Ägypten stammen (deshalb hießen sie früher im Deutschen Ägyptier).
Von Altersher gelten sie als Inbegriff der Fremden, kommentiert der Anthropologe, die kommen und nicht richtig bleiben. Weshalb die Einheimischen sie am liebsten gleich wieder vertreiben würden.


Freitag, 1. Februar 13

In der taz berichtet Ulrike Winkelmann, wie der Verteidigungsminister de Maizière in einer Aktuellen Stunde des Bundestages begründete, warum die Bundeswehr mit Kampfdrohnen ausgestattet werden sollte. Dass das Waffensystem dort unterwegs ist, aber hier bedient wird, schaffe keine völkerrechtlich oder moralisch bedenkliche Situation; dass Soldaten dann und nur dann sorgsam mit Waffen operieren, wenn sie selber in Lebensgefahr sind, sei ein zynischer Gedanke (dem das Verteidigungsministerium nicht folgen kann). Dass Drohnen gezielt Gegner töten können, sei einer ihrer strategischen ebenso wie moralischen Vorteile – Deutschland kennt sich aus mit Flächenbombardements.
Dies war das Zentralargument, das Redner der Linkspartei gegen die Kampfdrohnen vorbrachten: Sie bauen die Tötungshemmung ab. Die Kämpfer müssen im selben Raum agieren, um sich ihrer Verantwortung bewusst zu bleiben. Wer aus der Ferne Waffensysteme steuert, verfällt leicht der Illusion, dass er bloß an einem Computerspiel teilnimmt.
Das Foto zeigt im Profil einen ernsten jungen Mann, der an einer entsprechenden Anlage operiert, den Steuerknüppel in der Hand.


Donnerstag, 31. Januar 13

Anlässlich des 30. Januar veranstaltete der Berlinteil der taz eine kleine Umfrage unter Touristen. Darunter June-Young Kim, 23. „Ich habe keine Ahnung, was heute vor 80 Jahren in Berlin passiert ist. Ich komme aus Südkorea und bin auf Europareise. Gestern bin ich in Berlin angekommen. Morgen geht es schon wieder weiter, nach Amsterdam. Ich habe keine Zeit, mich intensiver mit der Geschichte von Berlin zu befassen. Aber mich interessiert auch eher das Berlin von heute.“
Also gleichzeitig ein Beitrag zum Thema Einst/ jetzt, kommentiert der Anthropologe. Statt jetzt im Hier zu erscheinen, bleibt das Einst im Dort verschwunden.


Montag, 21. Januar 13

Im Berlinteil der taz berichtet Juri Sternburg über den Stand der Dinge, den im Bezirk Prenzlauer Berg die Auseinandersetzungen zwischen Einheimischen und zugewanderten Schwaben erreicht haben. Juri Sternburg selber verteilte vor zwei Jahren einen Sticker „Welcome to Schwabylon“ in der Gegend, was lebhafte Reaktionen hervorrief. Jetzt macht sich eine anonyme Gruppe unter derselben Parole für ein befreites Gebiet, für eine autonome Schwabenzone um den Kollwitzplatz stark. Das Foto zeigt eine Hauswand mit dem ungelenk geschriebenen Graffito „Ich bin Berliner! Du nicht!“
Den Konflikt forcierte kürzlich Bundestagsvizepräsident Thierse, als er sich darüber beschwerte, dass in einer Berliner Bäckerei Wecken statt Schrippen geordert wurden. Irgendwie als Gegenzug sollte gelten, dass jetzt eine Portion Spätzle den Kopf des Denkmals von Käthe Kollwitz verunzierte.
Scherzhafte Distinktionsspiele, schmunzelt der Anthropologe. Einst wäre es zu Bandenkämpfen gekommen, The Gangs of Prenzlauer Berg.


Samstag, 19. Januar 13

Im Tagesspiegel berichtet Dagmar Dehmer über die sog Umweltbewusstseinsstudie des Bundesumweltministeriums und des Bundesumweltamtes. Dieser Studie zufolge rangieren Umweltsorgen bei den Bürgern an zweiter Stelle hinter den Sorgen um das wirtschaftliche Wohlergehen.
Allerdings betreffen diese Sorgen kaum je die direkte Umwelt der befragten Bürger (hier); dass beispielsweise im Weser-Emsland manche Regionen ihr Trinkwasser nicht mehr aus dem Grundwasser gewinnen wegen dessen Nitratverseuchung, beschäftigt die Einheimischen weniger. Der Klimawandel, die Verknappung der Ressourcen, das Artensterben scheinen grundsätzlich anderswo (dort) stattzufinden und nicht hier.


Freitag, 18. Januar 13

In der SZ berichtet Matthias Drobinski über die junge Frau, die vermutlich vergewaltigt wurde und die in Köln zwei katholische Krankenhäuser wegen einer Abtreibung nicht einmal berieten, geschweige dass sie das entsprechende Medikament verabreichten. Womöglich ängstigte sich das Personal, andernfalls entlassen zu werden. Es soll eine Verabredung mit dem Kölner Kardinal Joachim Meisner existieren, dass in solchen Fällen unbedingt dergestalt zu verfahren sei.
Katholische Krankenhäuser stellen – wiewohl staatlich finanziert – ein Dort dar, in dem die hier geltende Sexualmoral suspendiert ist. Dieser Kastratenverein!, schimpft das junge Ding.
Die beiden Fotos zeigen den Eingang des Sankt-Vinzenz-Hospitals sowie den Kardinal Meisner im vollen Ornat bei irgendeinem katholischen Ritual.


Donnerstag, 17. Januar 13

Die irische Lebensmittelaufsicht, meldet dpa, entdeckte in Hamburgern, die von Aldi, Lidl und anderen Discountern angeboten werden, Pferdefleisch, ein Skandal.
Pferdefleisch verschmutzt die Hamburger. Schmutz ist Materie am falschen Ort, lautet ein alter Spruch, erinnert sich Tante. Hier im Hamburger hat Pferdefleisch absolut nichts zu suchen…


Dienstag, 15. Januar 13

In der taz berichtet Thomas Ruttig über die hohe Zahl an Diplomaten und anderen Regierungsbeamten, die nach Aufenthalten im Ausland (dort) nicht nach Afghanistan (hier) zurückkehren. Es geht um 40 Prozent aller Diplomaten, um Hunderte Regierungsbeamte, um 70 Journalisten und 60 Sportler. Manche Minister haben bereits ihre Familien draußen untergebracht. Ebenso hält es das Kapital: 4,6 Milliarden US-Dollar – das entspricht dem aktuellen Regierungsbudget – gingen außer Landes.
Das aktuelle Hier Afghanistans garantieren die ausländischen Truppen, resümiert der Anthropologe. Wenn sie, wie angekündigt, abziehen, bricht unwiderstehlich das Dort ein.


Donnerstag, 3. Januar 13

In der Berliner Zeitung berichtet Gaby Herzog über die demographische Entwicklung Kubas: Wie in den Industrieländern kehrt sich die Alterspyramide um, immer mehr Alte und immer weniger Junge. Insofern erkennt man keinen dramatischen Unterschied zwischen Hier und Dort.
In Kuba freilich fehlen die Jungen, weil sie den bröckelnden Sozialismus in Richtung USA verlassen haben. „Aus Sicht der jungen Leute ist Kuba gleichbedeutend mit Stillstand“, erklärt Marcelo, 86, dessen Kinder in Florida leben, „als Arzt verdiente mein Sohn hier monatlich nur 700 Pesos“ – das wären 23 Euro. Zwar macht sich das reiche Dort hier in einer eigenen Währung namens CUC geltend, die ganz andere Einkäufe ermöglicht. Aber an CUC ist schwer zu kommen.
Das Foto zeigt Rentner in einem Seniorenzentrum, bei gymnastischen Übungen: Mit der rechten Hand an der Zimmerwand abstützen und das linke Bein seitwärts so hoch wie möglich heben. An der Wand eine Reihe von Bildern, darunter eines des jungen Fidel Castro.


Samstag, 29. Dezember 12

In der SZ erzählt Wolfgang Koydl, was man alles nicht in die Hauptpost von Karlový Varý mitbringen darf (große Verbotstafel am Eingang): Brennende Zigaretten, Hunde, Schusswaffen, Eiskremwaffeln, Fahrräder, Inline-Skates, Foto- und Videokameras. Alles unmissverständlich von dort nach hier verbannt.


Freitag, 28. Dezember 12

In der Berliner Zeitung porträtiert Sebastian Moll Marcus Samuelsson – das Foto zeigt einen hübschen dunkelhäutigen Mann mit Schirmmütze (Pepita respektive Hahnentritt), blauweiß feingestreiftem Anzug, dem obligatorischen langen Schal um den Hals, der, mit den Händen in den Hosentaschen, lächelnd in die Kamera blickt – , Marcus Samuelsson, der in Harlem (hier) das schwer angesagte Restaurant Red Rooster betreibt und vor 41 Jahren als Kassahin Tsegie in Äthiopien (dort) geboren wurde. Nach dem Tod der Mutter (Tuberkulose) von schwedischen Eltern adoptiert, kam er endlich nach New York und machte hier nach Umwegen schließlich dies Restaurant auf, das eine Küche offeriert, die afrikanische, schwedische und afroamerikanische Elemente mischt und von tout NY ebenso wie von den Einheimischen Harlems genossen wird. Der Präsident Obama pflegt hier einzukehren und hat Marcus Samuelsson bereits öfter im Weißen Haus für Staatsbankette kochen lassen.


Donnerstag, 27. Dezember 12

Im Tagesspiegel berichten Ariane Bemmer und Torsten Hampel über die Mauer – eher so etwas wie einen Zaun – , den Klaus Ecke, Geschäftsführer einer Bremer Firma, die Shoppingcenter baut und betreibt, in Staßfurt, Sachsen-Anhalt, zwischen einem solchen und dem Wasserhäuschen hat errichten lassen, das notorische Trinker zu frequentieren pflegen. Vor allem Stier-Bier und St. Hubertus-Tropfen – laut wird es, wenn Jungmänner sich zu den resignierten Alten gesellen. Die Mauer – der Zaun – trennt die Kunden des Einkaufscenters (hier) verlässlich von den Losern (dort) ab und verhindert, dass jene sich von diesen belästigt fühlen.
Das Foto zeigt die umgekehrte Perspektive. Drei Männer – aus der Trinkercommunity – stehen hier neben einem Baum und schauen über den Zaun zu dem Shoppingcenter dort hinüber. Vermutlich hat sie der Fotograf sich so aufstellen lassen.


Freitag, 21. Dezember 12

In der Berliner Zeitung berichtet Jens Blankennagel über die Elche, die neuerdings aus Polen (dort) nach Brandenburg (hier) einwandern, große, schwere Tiere, die, statt vor sich nähernden Menschen zu fliehen, stehen bleiben und gucken. So geschah es am 1. September auf dem östlichen Berliner Ring, zwischen Rüdersdorf und Erkner. Der Autofahrer konnte nicht mehr bremsen und rammte das stille stehende Tier.
So bringt sich das Dort im Hier als massives Hindernis zur Geltung, träumt der Anthropologe.
Das Foto zeigt einen Elch, der auf der Beifahrerseite ins Autofenster lugt, mit einem neugierigen, beinahe spöttischen Gesichtsausdruck.


Sonntag, 16. Dezember 12

Im Reiseblatt des Tagesspiegel beschreibt Uwe Junker Maria Island, ein Inselchen, das vor der Ostküste Tasmaniens liegt (das sich vor der Südküste Australiens befindet – schon viel Dort). 1884 mietete der Italiener Diego Beltracchi das Eiland, um es zu kultivieren. Er baute eine Zementfabrik, legte Weinberge und Maulbeerplantagen an. Es sollte zugleich ein zweites Venedig werden – was alles natürlich misslang, Diego Beltracchi verließ Maria Island. Hier ist hier und Dort ist dort.
Das Foto zeigt die Painted Cliffs, eine bizarr gemusterte Felsformation am Meer, in der zwei Männer staunend herumklettern. Die zentrale Attraktion von Maria Island, deretwegen die Touristen hierher kommen.


Samstag, 15. Dezember 12

Im Tagesspiegel berichtet Ulrich Zawatka-Gerlach über Michael Büge, Staatssekretär für Soziales beim Berliner Senat. Er wurde jetzt nicht zum Beamten auf Lebenszeit ernannt. Er ist seit Langem aktives Mitglied der schlagenden Verbindung Gothia, die Mitglied im Dachverband der Deutschen Burschenschaft ist, der unter dem Verdacht rechtsradikaler Neigungen steht. Staatssekretär Büge hat versprochen, aus der Gothia auszutreten, sollte sie den Dachverband nicht verlassen. Das Foto im Passbildformat zeigt einen Mann, der überrascht mit geöffnetem Mund und hochgezogenen Augenbrauen in die Kamera schaut, auf dem Kopf das rote Mützchen seiner Verbindung.
Man kann nicht gleichzeitig hier (Berliner Senat) und dort (schlagende Verbindung Gothia) sein, resümiert kühl der Anthropologe.


Sonntag, 9. Dezember 12

Im Tagesspiegel berichtet Bernd Matthies aus dem Restaurant Richard in Berlin-Kreuzberg, das einst Köpenicker Hof hieß und im Dritten Reich als Offizierscasino diente; dann Auerbach und vom Schwarzen Block im Zuge des Klassenkampfs gegen die Yuppies attackiert wurde.
Heute leitet ein Schweizer die Küche, die sich laut Selbstaussage an der aktuellen Haute Cuisine in Paris orientiert. Man pflegt einen Mischgeschmack (verschiedenes Hier und Dort). So gibt es Thunfisch mit Blumenkohl, Pulpo mit Teltower Rübchen, Hirschkalbsrücken mit Sellerie.


Dienstag, 4. Dezember 12

Die organischen Moleküle, die der Forschungsroboter Curiosity auf dem Mars entdeckt hat – meldet dpa – können einheimisch sein, oder der Roboter hat sie von der Erde mitgebracht. Wirklich von dort, diese Moleküle? Oder wieder bloß von hier?


Dienstag, 27. November 12

Jost Maurin berichtet in der taz, dass am Wochenende beim Brand einer Textilfabrik in Bangladesch über 100 Menschen umkamen. Die Fabrik produziert für das Unternehmen Kik in Nordrhein-Westfalen. Im September starben in einem pakistanischen Betrieb, der für Kik arbeitet, bei einem Brand über 250 Menschen. Ständig brechen Brände in den Textilfabriken von Bangladesch aus, das nach China den zweitgrößten Kleidungsproduzenten der Welt stellt.


Samstag, 17. November 12

Der Tagesspiegel zitiert dapd: eine Kamera des World Wildlife Fund hat bei Sperenberg, 25 Kilometer vor Berlin, eine Wolfsfamilie fotografiert, die sich offenbar hier angesiedelt hat. Das Foto zeigt ein Jungtier, mit abgesenktem Kopf schnüffelnd in der Dunkelheit unterwegs. Ein Sprecher des WWF erklärte dazu, dass Wölfe sich also anscheinend auch in Großstadtnähe niederlassen und nicht notwendig dort in der fernen Wildnis verbleiben


Donnerstag, 15. November 12

Im Tagesspiegel porträtiert Katja Reimann Carsten Endemann, einen Bundeswehrpiloten, der in Afghanistan Drohnen dirigiert (statt Flugzeuge zu steuern, wie er es sich seit seiner Kindheit wünschte). Drohnen vom Typus Heron I, die nur Aufklärung betreiben, keine Abschüsse tätigen. Carsten Endemann sitzt in einem engen Container und kann über die Kamera der Drohne genau verfolgen, was auf dem Boden gerade geschieht, zwei Männer steigen auf ein Mofa und fahren zu einer Versammlung etc. Irgendwann könnte die Bundeswehr in Afghanistan mit bewaffneten Drohnen operieren – das beschäftigt Katja Riemann vor allem – und Carsten Endemann, der als Pilot gar nicht mehr zum Einsatz kommt, lobt die Bedachtsamkeit und Sorgfalt, die bewaffnete Drohnen im Unterschied zu Kampfflugzeugen an den Tag legen können beim Abschuss.
Ein kleines Foto zeigt Carsten Endemann im militärischen Overall nichtssagend freundlich in die Kamera schauend. Ein großes Foto zeigt exemplarisch eine dieser Drohnen vom Typus Heron I über Afghanistan.


Sonntag, 11. November 12

Im Reiseblatt des Tagesspiegel schreibt Anna Pataczek über Colmar tropicale in Malaysia, eine Autostunde von der Hauptstadt Kuala Lumpur entfernt, außerhalb der allgemeinen Schwüle auf einem Hügel namens Bukit Tinggi gelegen, inmitten des Regenwaldes, aus dem Affengebrüll herüberschallt: ein Stück des elsässischen Colmar im verkleinerten Maßstab. Das echte Colmar stiftete einen Brunnen; die Kellner der Restaurants grüßen mit „Bonjour“. Vor allem Touristen aus dem Nahen und dem Fernen Osten besichtigen das malaysische Colmar, Europäer sieht man nie. Das Foto zeigt ein freundliches Mädchen (Kind) mit islamischem Kopftuch (dunkelblau), das rücklings an dem Geländer (eines Balkons?) lehnt; man schaut von oben in die Gassen des imitierten Colmar hinein.
Mehr gibt es dazu eigentlich nicht zu sagen.


Freitag, 9. November 12

Die SZ zitiert DAPD und DPA: Der syrische Präsident Assad will auf jeden Fall in Syrien verbleiben, er ist praktisch Syrien selbst, wie er dem russischen TV-Sender Russia Today in einem Interview erklärte. Das Angebot des britischen Premierministers Cameron auf freies Geleit ins Exil schlug Assad also aus. –
Ginge er von hier (Syrien) nach dort (Exil), er wäre nicht mehr Präsident Assad, klar. Aber Syrien wäre auch nicht mehr Syrien. Der Präsident hätte es von hier nach dort mitgenommen.


Montag, 5. November 12

In der taz berichtet Anett Keller über den Hitler-Kult, dem viele Jugendliche in Ostasien anhängen. Man trägt Nazi-Abzeichen als Buttons, auf Kappen und an der Kleidung. „Mein Kampf“ ist frei verkäuflich; es findet sich aber auch „Hitler starb in Indonesien“, eine dieser Fantasien, wie H. im allerletzten Augenblick aus dem Führerbunker entkam (und nicht nach Brasilien oder in die Antarktis).
Drei Deutschlehrerinnen an der Universität von Yogyakarta bieten deshalb (auf Indonesisch) ein Seminar über den NS an, das die Verbrechen Hitlers dort bekannt machen soll, Verbrechen, die hier zum Allgemeinwissen gehören. Das könnte den Kult dort behindern, womöglich verunmöglichen.
Das Foto zeigt das helle Schaufenster eines Geschäftslokals, nächtliche Dunkelheit, Passanten. Man erkennt nicht, was dort verkauft wird, Klamotten? Über dem Schaufenster prangt in Leuchtschrift als Name des Geschäfts: „Hitler“.


Montag, 29. Oktober 12

Im Berlinteil der taz berichtet Marina Mai über eine Bürgerversammlung in Grünau, Ortsteil des Stadtteils Treptow-Köpenick. Es ging um die über 100 Flüchtlinge (Asylbewerber), die im ehemaligen Polizeigebäude Unterkunft gefunden haben.

Ein Teil der versammelten Bürger äußerte Sympathie und bot Hilfe an, wollte Kinderkleidung und Spielsachen spenden (damit die von dort Geflohenen sich hier, wo sie noch nicht wirklich leben, willkommen fühlen und leichter eingewöhnen). Ein anderer Teil schimpfte auf die Zigeuner, die bloß herumlungern und sich die Zeit mit Planungen für Diebstähle und Einbrüche vertreiben; und deutschen Bedürftigen Essen, Wohnung und finanzielle Unterstützung wegnehmen (weshalb sie schleunigst von hier nach dort zurückkehren sollten).

Eine Gruppe junger Männer verließ vorzeitig die Versammlung, murrend. Man wolle sie hier doch bloß umerziehen; da könnten sie gleich zu Hause bleiben und fernsehen. Auch im Fernsehen wolle man sie andauernd umerziehen. Augenscheinlich hatten sie sich eine kämpferische Versammlung der Ureinwohner gewünscht, die den Eindringlingen Widerstand entgegensetzt (und ihre Rückkehr ins Dort initiiert). Aber nicht einmal die Kirche von Grünau erwies sich als stabiles, vom Dort sauber abgegrenztes Hier.


Mittwoch, 24. Oktober 12

In der SZ berichtet Christoph Neidhart über den Rücktritt des japanischen Justizministers Keishu Tanaka, 74. Angeblich wegen Herzproblemen. In Wirklichkeit, weil er Kontakte zur Yakuza unterhielt, der japanischen Mafia. Ein Foto wurde veröffentlicht, das ihn als Gast bei der Hochzeit eines Yakuza-Bosses zeigt.

Das Foto in der SZ zeigt einen alten Mann mit niedergeschlagenen Augen (lesend) vor einer Versammlung von Mikrophonen, die Stirn gekraust. Unklar, ob wir seiner Rücktrittserklärung beiwohnen, oder ob das Foto aus einer beliebigen früheren Pressekonferenz stammt, aber jetzt gut passt. –

Jedenfalls sollte man, wenn man hier dem Justizwesen eines Landes vorsteht, niemals dort, beim organisierten Verbrechen an Hochzeitsfeiern teilnehmen oder andere Kontakte nach dort pflegen.


Dienstag, 16. Oktober 12

Im Tagesspiegel berichtet Matthias Thibault, wie es um die Unabhängigkeit Schottlands gegenüber dem Vereinigten Königreich steht. Die schottische und die Regierung in London haben ein Referendum vereinbart, das im Herbst 2014 abgehalten werden soll. Das schottische Parlament wird das Referendum durchführen; London wird das Ergebnis anerkennen. Gegenwärtig votieren – Umfragen zufolge – 53 Prozent für den Verbleib Schottlands im UK; 28 Prozent wünschen die Trennung.

Mit der Unabhängigkeit Schottlands fände eine saubere Unterscheidung zwischen Hier und Dort statt. Schottland wäre eindeutig hier, das UK dort..


Samstag, 13. Oktober 12

Im Tagesspiegel berichten Thomas Loy und Marine Mugnier über Konflikte, die Straßenmusikanten in Berliner S- und U-Bahnen hervorrufen: Fahrgäste beschwerten sich letzten Mittwoch über das Trompeten- und Trommelspiel rumänischer Musikanten, was zu einem Streit eskalierte, bei dem ein Fahrgast zwei Zähne verlor. Grundsätzlich ist das Musizieren in U- und S-Bahnen verboten. Aber das Verbot durchzusetzen scheint nicht opportun.

Sie kamen von dort und drangen hier ein. Jetzt weiß man nicht so recht, ob man sie nicht einfach wieder nach dort vertreiben soll.

Kein inhaltsreiches Foto. Zotteliger junger Mann scheint zu singen und zu klampfen in einem verwischten U-Bahn-Abteil. Ein symbolisches (oder allegorisches) Bild.

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