Einst und jetzt

Michael Rutschky

Freitag, 23. September 16
Vor zwei Jahren triumphierte der IS, als er das Dorf Dabiq im Norden Syriens erobert hatte, berichtet Moritz Baumstieger in der SZ. Denn unter den Verlautbarungen des Propheten Mohammed findet sich eine, die dieses Dorf zum Austragungsort der Entscheidungsschlacht zwischen den Gläubigen und den Ungläubigen erklärt, eine Schlacht, mit der die Zeit endet. „Sie werden sich gegen euch unter 80 Flaggen vereinen, und unter jeder Flagge sind 12000.“ Zwar werde während des Kampfes ein Drittel der Muslime fliehen, ein zweites Drittel getötet, aber dann erringen die Gläubigen einen strahlenden Sieg, der die Apokalypse einleitet. Eine entsprechend gloriose Bedeutung maß die IS-Propaganda Dabiq zu. Als Jihadi John vor laufender Kamera den Entwicklungshelfer Peter Abdul-Rahman Kassig enthauptete, verkündete er: „Heute beerdigen wir den ersten amerikanischen Kreuzritter in Dabiq. Wir warten sehnsüchtig auf das Eintreffen des Restes eurer Armeen.“
Jetzt stehen in der Tat Armeen vor Dabiq, um das Dorf vom IS zurückzuerobern, muslimische Truppen, türkische und Soldaten der Freien Syrischen Armee.

Donnerstag, 8. September 16
Das Farbfoto zeigt die bunten Wälder von Maine im Indian Summer. Doch hat das bekannte und berühmte Rotgold einen Stich ins Violette.
Die Eiszeit hat in Nordamerika den Regenwurm komplett ausgerottet, berichtet Torsten Harmsen in der Berliner Zeitung. Aber seit dem Jahr 1600 kehrte er zurück, in den Pflanzenballen, die europäische Siedler aus der alten Heimat mitbrachten. Seitdem breitet er sich mit Geschwindigkeit in den Wäldern und Gärten Nordamerikas aus und verändert deren Ökosysteme.
Während die Wühlarbeit des Lumbricus rubellus das vielfältige Wachstum der Gärten fördert, befürchten internationale Forscher, dass seine Genossen die Artenvielfalt der nordamerikanischen Wälder gefährden. Vor allem die große Trauerglocke, den Teufelskrückstock, die Waldlilie, die Weißwurz und die Blutwurz.
Zugleich ein Beitrag zum Kapitel Hier und dort.

Freitag, 22. Juli 16
Ralf Irmscher, 59, arbeitet als Unternehmensberater und als ehrenamtlicher Bürgermeister des brandenburgischen Dorfes Münchehofe, berichtet Torsten Müller in der Berliner Zeitung. Vor 50 Jahren schmuggelte sein Vater für ihn ein Asterix-Heft aus Westberlin nach Pankow, und seitdem arbeitet sich Ralf Irmscher fleißig und umsichtig in die Rolle eines antiken Römers ein. Er verzehrt dessen Speisen und Getränke; er studiert die römische Geschichte und Literatur; er ließ sich eine Tunika schneidern, fabrizierte eigenhändig die Herrschaftszeichen eines römischen Legaten und erzählt so bei entsprechenden Veranstaltungen im slawisch-germanischen Brandenburg vom antiken Rom.

Freitag, 15. Juli 16
Vor 20 Jahren konnte Roland Emmerich in seinem Film „Independence Day“, erklärt Tobias Kniebe in der SZ, die Menschheit noch vereinen und – unter amerikanischer Führung – die Aliens besiegen lassen, was den großen Publikumserfolg des Films verständlich macht. Heute ist Amerika, ist die Menschheit so zerrissen wie nie – Rassenunruhen, Kriege – was der Misserfolg von „Independence Day: Wiederkehr“ widerspiegelt. Will Smith fehlt überhaupt in der Besetzung, und Bill Pullman, damals der strahlend siegreiche Präsident, ist dem Wahnsinn verfallen. –
Zugleich ein Beitrag zum Kapitel Einheit oder Zwietracht (einst E., heute Z.).

Freitag, 22, April 16
Einst wurden die Palastbauten der Ostberliner Stalinallee erbaut, um die künftigen Wohnstätten der siegreichen Arbeiterklasse zu verkörpern. Zwei dieser Paläste, direkt am Strausberger Platz gelegen, berichtet Ulrich Paul in der Berliner Zeitung, kaufte im Jahr 2007 der norwegische Immobilienunternehmer Einar Skjerven. Er hat, als Anreiz, eine der Wohnungen mit DDR-Mobiliar und DDR-Utensilien ausstaffiert; er bietet die Wohnungen als Eigentum zunächst den Mietern an und, wenn sie ablehnen, externen Interessenten. Die Wohnung kostet 4000 Euro pro Quadratmeter; die – zahlreichen – Interessenten kommen aus Italien und Spanien, aus Frankreich und Griechenland und aus Nahost.

Montag, 4. April 16
Die Menschen, die jetzt in Südamerika leben, charakterisiert ein Erbgut – referiert Hanno Chanisius in der SZ eine Studie aus dem Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena – das sich komplett vom Erbgut der Ureinwohner unterscheidet. Mumien lieferten das Vergleichsmaterial; nichts verbindet ihre Gene mit denen irgendeines der aktuellen Bewohner. Der letzte gemeinsame Vorfahr muss vor ca. 9000 Jahren in Südamerika gelebt haben. Die Besiedlung des Kontinents begann vor ca. 25 000 Jahren. Bewohner Sibiriens wanderten über die Landbrücke nach Alaska ein und zerstreuten sich vor ca. 16 000 Jahren in kleinen Gruppen über Nord- und Südamerika. Schon gegen 14 600 BC erreichten sie den Süden Chiles.

Donnerstag, 10. März 16
Einst begann Stefan Mappus mit 23 Jahren seine politische Karriere im Gemeinderat von Mühlacker im Enzkreis, berichtet Christina Schmidt in der taz. Als letzten Mai in Mühlacker eine repräsentative Gartenschau eröffnet wurde, blieb Stefan Mappus ohne Einladung.
Mit 43 Jahren wurde er Ministerpräsident von Baden-Württemberg, und von da an ging’s bergab. Den heftigen Wutbürgerprotest gegen den neuen Hauptbahnhof in Stuttgart, bekämpfte Stefan Mappus mit staatlicher Härte – und musste sich schließlich Schlichtungsgesprächen fügen. Aggressiv verteidigte er die Atomkraftwerke, als in Fukushima eines explodierte. Endgültig abstürzen machte ihn der Deal, den er am Parlament vorbei mit einem großen Energiekonzern einfädelte. Anklage wegen Untreue. Er war nur 15 Monate Ministerpräsident.
Jetzt arbeitet Stefan Mappus als Vorstandsmitglied bei einem IT-Beratungsunternehmen in München. Er ist ihr Netzwerker, operiert heute in Köln, dann in Marburg an der Lahn, in Stuttgart. Christina Schmidt traf ihn in Düsseldorf.

Montag, 15. Februar 16
Einst, am 2. September 1986 verließ der 21-jährige Edgar Latulip seine Heimatstadt Kitchener, Kanada – berichtet Claus Hulverscheidt in der SZ – um mit dem Bus nach Niagara Falls zu fahren. In der Kleinstadt St. Catherines, ein Zwischenstopp, stieg er aus, man weiß nicht warum, und verschwand spurlos.
Jetzt ist er wieder da. Vermutlich ist er damals schwer und kompliziert gestürzt, und eine Amnesie verhüllte ihm seine Herkunft und Identität. Er lebte dann 30 Jahre lang ungestört in St. Catherines, unter einem behördlich genehmigten neuen Namen. Aber jetzt tauchten allmählich Bruchstücke in seiner Erinnerung auf, die ihn identifizierten und mit deren Hilfe die Behörden seine Spur bis nach Kitchener zurückverfolgten. Seine Mutter, Silvia Wilson, lebt inzwischen in Ottawa und ist überglücklich. –
Wahrscheinlich konnte er sie einfach nicht mehr ertragen, hätte unsere Freundin Jutta gespottet, da blieb 1986 nur das Untertauchen. Aber nach 30 Jahren ist sie so alt und klapprig, dass sie ihm nichts mehr anhaben kann.

Samstag, 13. Februar 16
Einst, ungefähr 6400 Jahre BC, berichtet Gudrun Janicke für dpa, starb das Kind vermutlich an Unterernährung. Es wurde nur sechs Monate alt. Man begrub es aufrecht und ließ das Grab eine Weile offen stehen. Man wartete zu, bis der Oberkörper mit dem Kopf umgefallen war; dann schloss man das Grab – die Verfahrensweise deutet darauf, dass das Kind einer Familie von höherem Rang angehörte.
Jetzt weiß man noch nicht, ob es sich um einen Knaben oder ein Mädchen handelte. Jetzt besteht das Kind nur noch aus dem blanken Schädel und einem Haufen Knöchelchen, Rippen, Händchen, die Wirbelsäule. Entdeckt wurden sie in einem Gruppengrab bei Groß Fredenwalde in der Uckermark.

Sonntag, 17. Januar 16
130 Tierarten treten im Alten Testament auf, berichtet Sebastian Leber im Tagesspiegel, und Ende der sechziger Jahre gründete Avraham Yoffe, israelischer Kriegsheld, eine Initiative, die in der Wüste Negev solche Tierarten des Alten Testaments wieder ansiedeln wollte, Wildesel, Antilopen, Gazellen, Strauße.
Der Hai Bar Yotvatan existiert fort, wenn auch mit geringem Erfolg. Zwar lebten hier Strauße – aber sie ließen sich nicht auswildern. Manche starben bei Verkehrsunfällen, die anderen verschwanden spurlos. Von der Dorkasgazelle existierte bald eine ansehnliche Herde – aber Hyänen brachen ein und rissen zahlreiche Tiere. Die Oryxgazellen wurden, wenn sie über die Grenze nach Jordanien wechselten, immer wieder erschossen, weil die Sender an ihrem Hals, mittels deren die Tierparkverwaltung sie orten konnte, für Spionageinstrumente gehalten wurden. So geschah es aus demselben Grund in Ägypten mit Störchen, im Iran mit Streifenhörnchen, im Libanon mit Adlern.
Aber der Negev-Tierpark gibt nicht auf. mit seinen Anstrengungen, Tiere aus dem Alten Testament in Israel anzusiedeln. Die Wildesel sind ein Erfolg.

Donnerstag, 17. Dezember 15
Jetzt stellt die Firma Riffelmacher & Weinberger in Roth bei Nürnberg – berichtet Hans Kratzer in der SZ – ihre Produktion von Lametta, dünne Streifen silberfarbenen Stanniols als Christbaumschmuck, ein. Einst war ein Christbaum ohne Lametta undenkbar. Den Baum damit zu schmücken – und im Neuen Jahr, wenn der Baum entsorgt wurde, wieder einzusammeln – gehörte zu den festen Familienbräuchen, die im 19. Jahrhundert aufkamen. Jetzt ist das Lametta schon lange aus der Mode; die Christbaumkugeln aus Glas, die Riffelmacher & Weinberger immer noch vertreiben, werden in China hergestellt.

Montag, 14. Dezember 15
Einst, vor 30 Jahren – berichtet Cathrin Kallweit in der SZ – fuhr die Hälfte der österreichischen Bevölkerung winters Ski in den einheimischen Bergen. Jetzt ist es nur noch ein Drittel. Der Schwund blieb lange unbemerkt, weil ausländische Touristen den Skibetrieb an den entsprechenden Orten aufrechterhielten, vor allem Russen, aber auch Chinesen, Koreaner, Japaner und US-Amerikaner. Die Österreicher fahren im Winter lieber in den Süden. In den Neunzigern wurden die obligatorischen Schul-Ski-Ferien gestrichen, sodass der Nachwuchs ohne Anreiz und Training blieb.

Mittwoch, 9. Dezember 15
Jetzt, da ich in der Berliner Zeitung den Bericht von Harald Biskup und Markus Decker lese, ist das Jetzt, von dem sie berichten, noch gar nicht eingetreten, aber es liegt in der unmittelbaren Zukunft. Beate Tschäpe wird heute vor dem Gericht in München durch ihren Anwalt Mathias Grasel eine Erklärung zum Nationalsozialistischen Untergrund und seinen Taten verlesen lassen. Ihr anhaltendes Schweigen gehört damit dem Einst an (ebenso wie der NSU). Aber jetzt ist, wie gesagt, dies neue Jetzt noch gar nicht eingetreten; Harald Biskup und Markus Decker referieren fleißig, was aus dem neuen Jetzt sich ergeben könnte, ein Geständnis, Reue, Erleichterungs- und Befriedigungsgefühle der Nebenkläger.
Da haben sie dann morgen ausgiebig zu erzählen, hätte unsere Freundin Jutta gespottet, was alles mit dem neuen Jetzt nicht eingetreten ist, wie gründlich Beate Tschäpe alle enttäuscht hat.

Montag, 8. Dezember 15
Einst, am 7. Juni 1708 griff der britische Admiral Charles Wager mit seinen Kriegsschiffen vor der Küste Kolumbiens einen spanischen Flottenverband an – berichten Reiner Wandler und Gereon Asmuth in der taz – und jetzt, am 27. November 2015 wurde das Wrack der San José dort entdeckt, in einer Tiefe von 600 Metern. Ca. 200 Tonnen, Gold, Silber und Edelsteine hatte die San José an Bord – was jetzt auf bis zu 17 Milliarden Dollar geschätzt wird. Dabei ist ungeklärt, wem der Schatz gehört, Kolumbien oder Spanien.
Dass das Vereinigte Königreich, das einst die Spanier schlug, jetzt leer ausgeht – spottet Onkel, der alte Reaktionär – versteht sich ja von selbst.

Freitag, 4. Dezember 15
Jetzt ist in Marktl am Inn nicht mehr viel von Josef Ratzinger, der hier geboren wurde, präsent – referiert Matthias Köpf in der SZ die Bachelor-Arbeit einer Kulturwissenschaftlerin, die den Bürgern Marktls ihre Ratzinger-Kenntnisse abgefragt hatte. Einst, vor zehn Jahren, als Ratzinger zum Papst gewählt wurde, überschwemmten die entsprechenden Devotionalien die kleine Stadt, Papstbilder, Papstbier und Papstwürste, Kerzen und Rosenkränze mit dem Papstmedaillon. Das alles findet sich jetzt nur noch selten in Marktl, zweieinhalb Jahre nach Ratzingers Rücktritt – der ja auch nicht in Marktl, sondern in Italien seinen Ruhestand genießt – ein Schwund, der die politische und kirchliche Obrigkeit Marktls enttäuscht.
Er west ohnehin in der Ewigkeit, hätte unsere Freundin Jutta gespottet, und die Ewigkeit kennt weder Jetzt noch Einst.

Mittwoch, 7. Oktober 15
Der Mann, der jetzt in Karlsruhe vor Gericht steht, ist 48 Jahre alt und hat sich freiwillig gestellt, berichtet Charlotte Theile in der SZ. Einst, am 21. Juli 1986, er saß auf einer Parkbank im Schlossgarten und trank Bier, fragte ihn eine junge Italienerin nach dem Weg. Er bekam eine Erektion und folgte ihr – er weiß jetzt nicht mehr, was genau damals geschah; nur das Bild, dass ein Stock in ihren Mund schlägt, hörte seitdem nicht auf, ihn zu beschäftigen. Deshalb ging er jetzt zur Polizei, und das Gericht hofft, endlich den Mord an Antonella Bazzanella aufklären zu können. Spaziergänger fanden einst ihre Leiche; sie trug eine weiße Bluse, einen orangefarbenen Pullover und Jeans, in ihrer Handtasche Rätselhefte.

Sonntag, 30. August 14
Einst, am Anfang des neuen Jahrtausends – berichtet Bernd Matthies im Tagesspiegel – kostete ein wahrhaftes Feinschmecker-Menu unter 100 Euro; man traute sich nicht drüber. Damals strotzten die Gerichte von kostbaren Zutaten, Steinbutt, Hummer, Kaviar; acht Gänge – wie heute üblich – wären zuviel gewesen, aber die Portionen waren größer.
Heute kostet ein Menu von acht Gängen in dem wahren Feinschmecker-Lokal Facil, Berlin-Tiergarten, 185 Euro – es gibt aber auch vier Gänge für 108. Gleichzeitig kultiviert die Küche das Bodenständige, Eisbein von Bauer Beuthes Wollschwein mit Bohnen, Fenchel und Trappistenbier; Rehrücken in einer Blutsauce mit Schwarzer Johannisbeere, Kohlrabi und Quinoa.
Zugleich also eine Geschichte über Oben und Unten, hätte unsere Freundin Jutta gespottet; im Facil wird das Eisbein zum Juwel.

Freitag, 14. August 15
Einst ging die Landesregierung Brandenburgs davon aus, berichtet Thorsten Metzner im Tagesspiegel, dass nach dem Ende der DDR Häuser und Höfe, ja ganze Dörfer im Lauf der Zeit leer fallen, weil die Bevölkerung sukzessive Brandenburg verlässt. Unter dem Ministerpräsidenten Matthias Platzeck wurden zwischen 2003 und 2007 entsprechende Prognosen formuliert, wurde über Strategien des Gegensteuerns nachgedacht. Jetzt zeigt sich, dass die Entwicklung weit weniger dramatisch verläuft. Das Amt Gartz in der Uckermark beispielsweise meldet die Ansiedlung polnischer Familien in dem aufgelassenen Dorf, das einst als Schreckensbeispiel diente. Anderswo ziehen Kreative und andere Stadtflüchtlinge ein, die immer schon auf dem Lande wohnen wollten. Die Entwicklung verläuft nicht einsinnig – anderswo erwecken die sog. Speckgürtel, die um die großen Städte entstehen, Besorgnisse.

Montag, 20. Juli 15
1913 wurde dieser Dampfer auf der Meyer-Werft in Papenburg an der Ems gebaut – berichtet Johannes Dieterich in der Berliner Zeitung – und anschließend sogleich in seine Teile zerlegt, die in 600 Kisten an den Tanganjikasee in Ostafrika verfrachtet wurden. Wieder zusammengesetzt, dominierte das Schiff, das auf den Namen „General Goetzen“ getauft worden war, beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs kurzfristig das Gewässer.
Unterdessen heißt der Dampfer „MV Liemba“ und transportiert zweimal wöchentlich Passagiere über den See, der in der Länge 1500 Kilometer misst. Seit Burundi an seinem nördlichen Ufer ein Bürgerkrieg erschüttert, nutzen immer wieder Flüchtlinge die Liemba, um den Repressalien in ihrer Heimat zu entkommen. Personal des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen organisiert die Transporte.

Freitag, 10. Juli 15
Einst beteiligten sich in Nordeuropa und -amerika die Hummeln fleißig an der Produktion und Reproduktion der Pflanzenwelt (durch Bestäuben), referiert Tina Baier in der SZ eine Studie kanadischer Forscher. Jetzt treiben sich immer weniger Hummeln in diesen Gegenden herum. Die Forscher erklären es aus dem Klimawandel: Den Hummeln wird es zu warm, und sie erweisen sich – anders als andere Insekten – als unfähig, kühlere Siedlungsgebiete zu suchen. Die Forscher erklären es daraus, dass ihre Vorfahren aus der Arktis stammen, während viele andere unserer Insekten ihren Ursprung in den Tropen haben. Keinen Beitrag zur Hummelverminderung leistet die intensive Landwirtschaft – die man für das Bienensterben verantwortlich macht – : Die Hummeln verschwinden auch in den landwirtschaftsarmen Gegenden.

Mittwoch, 6. Mai 15
Einst wurde Connewitz, berichten Ulrike Nimz und Cornelius Pollmer in der SZ, als „Leipzigs Montmartre“ gefeiert, ein Siedlungsort der frisch aus dem DDR-Sozialismus entronnen Boheme, die hier Häuser besetzt und andere befreite Gebiete geschaffen hat. Obwohl jetzt viele solcher Häuser gentrifiziert und neue Luxusbauten entstanden sind, konserviert Leipzig-Connewitz erfolgreich diese Vergangenheit. Hin und wieder Teerbomben gegen die Neubauten, Graffiti; eine Grünanlage wurde über Nacht „Ulrike Meinhof Park“ getauft. Die revolutionäre Vergangenheit verdichtet sich in „Conne Island“, ein überdauerndes Subkulturlokal, das am Rand des Viertels zu finden ist, ein Flachbau unter Bäumen. Als er 1991 verkauft werden sollte, kam es im Leipziger Rathaus zu schweren Fights. „Kommt nicht ein Teil der Kultur in unsere Hand, setzen wir die Stadt in Brand“, lautete die ungeschickte, aber effektvolle Parole. Abgebrannt ist unter ungeklärten Umständen jetzt die Platane am Connewitzer Kreuz, ein Dingsymbol; Juliane Nagel, Landtagsabgeordnete der Linkspartei, kann nicht sagen, wann eine neue gepflanzt wird,

Sonntag, 5. April 15
Das Foto zeigt eine dicke Frau in einem roten Kleid. Sie steht in einem offiziellen Raum, den man nicht identifizieren kann, sie legt die Hände ineinander, den Kopf zurück und lächelt knapp und überlegen.
Einst gehörte Gloria, Gräfin von Schönburg-Glauchau – berichtet Claudia Keller im Tagesspiegel – zu einer verarmten Adelsfamilie. Aber mit 20 heiratet sie den 34 Jahre älteren Johannes von Thurn und Taxis, Milliardär, und bekommt mit ihm drei Kinder. Sie inszeniert sich als Luxus-Punk und verbringt ihr Leben als immerwährende Party, in Rio de Janeiro, in St. Moritz, in London, in Paris. Dann stirbt Johannes von Thurn und Taxis, herzkranker Alkoholiker, und sie muss das Unternehmen sanieren. Was ihr gelingt. Heute feiert sie Ostern in London, geht täglich zur Messe in die Oratorianerkirche Brompton, weil die Messe hier auf Lateinisch zelebriert wird, was sie besonders erhebt. Überhaupt pflegt sie den Umgang mit besonders konservativen katholischen Kirchenfürsten – wie dem ehemaligen Kölner Kardinal Joachim Meisner – mit denen sie einverständig über den modernen Sittenverfall zu klagen liebt, vor- und außerehelicher Geschlechtsverkehr, Abtreibung, Homosexualität.

Mittwoch, 25. März 15
Das Foto zeigt ein rattenähnliches Tier mit blaugrauem Fell und buschigem Schwanz, das sich innig in die offenen Hände eines Mannes schmiegt, von dem man nur diese Hände und die nackten Oberarme sieht. Die laotische Felsenratte, schreibt die SZ, ist ein Abkömmling der seit elf Millionen Jahren ausgestorbenen Familie der Diatomyidae, ein Abkömmling, von dem man erst seit zehn Jahren weiß, dass er existiert, ein überlebendes Einst, das man auf einem Markt in Laos entdeckt hatte. Die Wissenschaftler bestimmten die familiale Abkunft anlässlich eines Nervs im Innenohr der Ratte..

Dienstag, 17. März 15
Zwischen 1970 und 1986 drehte eine „Staatliche Filmdokumentation“ genannte Gruppe Material, berichtet Kurt Sagatz im Tagesspiegel über eine anstehende TV-Sendung, das den desolaten Zustand der DDR abbildete. Ursprünglich sollten hohe Funktionäre über die Anstrengungen interviewt werden, die der Aufbau des Sozialismus kostete; so verrät einer vor der Kamera voller Stolz, welchen Widerstand die Bauern der Kollektivierung entgegensetzten: einmal wollte ein ganzes Dorf über Sassnitz nach Schweden emigrieren. – Unter dem Titel „Berlin-Totale“ zeichnete die SFD Alltagsszenen auf: den Alkoholismus bei Betriebsfeiern; die Wohnverhältnisse eines Rentnerpaares, bei dem es jahrelang durch die Decke regnete; ein junges Paar, das seinen Ehekredit aufnimmt; die ruinösen Straßen am Prenzlauer Berg.
Die Dokumentation war für die Zukunft gedacht: Wenn der Sozialismus verwirklicht wäre, sollten die Filme einem zufriedenen DDR-Publikum vorführen, welche Mühen einst der Weg in das gelungene Jetzt gekostet hatte. 1986 wurde die SFD aufgelöst; augenscheinlich glaubte die SED selber nicht mehr an ihre strahlende Zukunft.

Sonntag, 15. März 15
Einst verschloss sich Albanien, berichtet Timo Reuter im Reiseblatt des Tagesspiegel, hermetisch gegen den Tourismus; der Diktator Enver Hoxha erwartete ständig Angriffe von außen: So ließ er überall im Land kleine Bunker bauen, insgesamt ungefähr 700 000, die man heute noch sieht.
Jetzt ist Albanien für den Tourismus geöffnet, aber Misswirtschaft und Korruption schränken seine Möglichkeiten ein. Doch finden sich gerade außerhalb der einigermaßen bewirtschafteten touristischen Zentren Gegenden, die besondere Aufmerksamkeit verdienen. Wenn man an der Südküste die 130 Kilometer zwischen Vlore und Sarande abfährt – was bis zu vier Stunden dauern kann – gelangt man in einen meditativen Ruhezustand, den die Einheimischen „rehat“ nennen. Und so geht es weiter. Am Strand von Dymades erheben sich zwar zwei Luxushotels, aber die kleinen Campingplätze und Bungalows bieten mehr Erholung. Im Grunde verdanken sich die besonderen touristischen Möglichkeiten Albaniens seiner Rückständigkeit, dass es zwischen Einst und Jetzt verharrt.

Montag, 9. März 15
Einst befand sich auf diesem Gelände an der Warschauer Straße in Friedrichshain das Reichsbahnausbesserungswerk, berichtet Matthias Bolsinger im Berlinteil der taz, weshalb es noch heute als RAW-Gelände firmiert. Jetzt wurde es von seinem isländischen Eigner an die Göttinger Firmengruppe Kurth Immobilien verkauft. In der Zwischenzeit aber sind hier Clubs, Ateliers. Konzerthallen, Sportstätten und Bars entstanden, und man fürchtet, dass Kurth Immobilien diese Nutzer und ihr Publikum vertreiben wird, um eine Wohnanlage zu bauen. Die Firma äußert sich nicht klar über ihre Zukunftspläne. Die Siedler hängen zwischen Gegenwart und Zukunft in der Luft.

Samstag, 7. März 15
Heute leitet Dhanya eine Yoga-Schule in Chemnitz, berichtet Dirk Engelhardt in der Berliner Zeitung. Damals, als Chemnitz noch Karl-Marx-Stadt und Dhanya noch Birgit Rößger hieß, war Yoga verdächtig. 1979 verhängte der Deutsche Turn- und Sportbund der DDR sogar ein Verbot über die „Sportart aus dem Fernen Osten“; erst 1986 erschien ein erstes Yoga-Buch in der DDR; die SED sprach von „Yoganastik“. Beate Rößger hatte bei einer Freundin ein Yoga-Buch aus Westdeutschland entdeckt und arbeitete sich ein. Schließlich erhielt sie die offizielle Erlaubnis, privaten Yoga-Unterricht zu erteilen – obwohl Yoga eigentlich nur von Medizinern erlernt und betrieben werden durfte.
So kündigt sich leise, sinniert Tante, im Einst das Jetzt an…

Dienstag, 17. Februar 15
Klaus G., 74, sitzt seit 50 Jahren im Gefängnis, berichtet Olaf Przybilla in der SZ, weil er damals fünf Menschen ermordet hat, den Filialleiter eines Sparkasse, in der er 3000 Mark erbeutet hatte; einen Kunden, weil er glaubte, der sei bewaffnet und greife ihn an; eine Mutter und ihren Sohn, die ein Waffengeschäft betrieben; den Hausmeister eines Kaufhauses, der ihn aufhalten wollte, nachdem Klaus G. eine Frau zu berauben versucht hatte.
Jetzt entlässt ihn die JVA Straubing auf Bewährung. Damit er sich in der seit 1965 so gründlich veränderten Welt zurechtfindet, wurden diverse Übergangsriten vom Einst ins Jetzt für ihn veranstaltet. Wie man sich heutzutage an einer Tankstelle und in einem Discountmarkt benimmt; wie Geldautomaten und Smartphones funktionieren. Gemeinsam mit anderen Häftlingen unternahm er Ausflüge in den Bayerischen Wald, zur Walhalla, in große Städte und ihre Museen. Klaus G. wird in einem Männerheim leben, von Sozialarbeitern betreut. 2012 schrieb er einen Brief an die Lokalzeitung, dass er sich in den vergangenen Jahrzehnten gründlich geändert habe und nicht mehr der gefühllose Killer von einst sei.

Donnerstag, 11. Februar 15
Jetzt bilden sich in Venezuela vor den Geschäften sofort lange Schlangen, berichtet Sandra Weiss im Tagesspiegel, denn fast alles hat sich in Mangelware verwandelt, Klopapier ebenso wie Eier ebenso wie Aspirin. Einst ermöglichte das Erdöl, über das Venezuela reich verfügt, ein autoritäres Wohlfahrtsregime, das Lebensmittel und Benzinpreise und Sozialhilfen aller Art hoch subventionieren konnte und die Bürger durch Wohltaten an sich band. Aber jetzt fällt der Ölpreis, und Venezuela kann sich die Importe, auf die das Regime mangels eigener Produktion angewiesen ist, kaum noch leisten. Einst rief Präsident Hugo Chavez für Venezuela den Sozialismus des 21. Jahrhunderts aus – jetzt droht seinem Nachfolger Nicolas Maduro die Niederlage in jeder Form.

Sonntag, 8. Februar 15
Einst residierte in dem Gebäudekomplex an der Joachimsthaler Straße, berichtet Cay Dobberke im Tagesspiegel, ein großer Beate-Uhse-Laden, der jede Art von Sexartikeln anbot; sowie die beliebte Kneipe Hanne am Zoo und das Hostel A&O. Letztere machten schon vor Jahren dicht; Beate Uhse sucht seit längerem ein neues Quartier, bislang erfolglos. Die letzten Läden, die jetzt noch bewirtschaftet werden, schließen im Lauf des Monats. Das große Loch in der Fassade erklärt sich aus Materialentnahmen, die dem Abriss vorausgehen. Die Fassade selbst fällt im März.

Mittwoch, 31. Dezember 14
In der taz versammelt Dominic Johnson zum Jahreswechsel Nachrichten über Einst und Jetzt: Einst bildeten Europa und die USA den Mittelpunkt der Welt, jetzt bilden sich neue Zentren. 2010 erwirtschafteten die zehn reichsten Industrienationen 52 Prozent des Weltinlandprodukts; dies Jahr waren es nur noch 50 Prozent, und der Trend führt weiter nach unten. 1950 lebten 22 Prozent der Weltbevölkerung in Europa, 2050 werden es nur noch sieben Prozent sein. Der islamische Staat im Nahen Osten, Russlands Angriffe auf die Ukraine, früher hätten sie politische oder sogar militärische Reaktionen des Westens ausgelöst – jetzt bleiben sie aus. Einst schienen die Demokratien in Europa und in den USA als uneinholbare Modelle – jetzt herrschen mit großem Erfolg der „Big Man“, Putin in Russland, Erdogan in der Türkei, Al Sisi in Ägypten, al-Bashir im Sudan und so fort.

Samstag, 27. Dezember 14
Nach Erkenntnissen der Deutschen Bank, zitiert der Tagesspiegel einen Bericht der dpa, befinden sich noch 169 Millionen Scheine und sogar 24 Milliarden Münzen der D-Mark-Währung in den Kisten und Kasten der Bürger. Einer Emnid-Umfrage zufolge motiviert Nostalgie 74 Prozent derer, die D-Mark horten; 24 Prozent halten die D-Mark für eine sichere Wertanlage und 22 Prozent haben das Umtauschen einfach vergessen, – Das Umtauschen von D-Mark in Euro bleibt möglich: Von Januar bis November dieses Jahres kam es dazu rund 188 000 Mal.

Montag, 22. Dezember 14
Der türkische Präsident Erdogan setzt seine Bemühungen fort, die Zukunft der Türkei nach dem Vorbild ihrer Vergangenheit zu gestalten. Die türkische Bildungskonferenz, von Regierungsanhängern dominiert – berichtet Susanne Güsten im Tagesspiegel – beschloss, dass die Schüler der religiösen Imam-Hatip-Gymnasien (weniger als zehn Prozent der türkischen Oberschüler insgesamt) künftig Osmanisch lernen müssen, die Sprache des osmanischen Hofes, die Kemal Atatürk, der Gründer der modernen Türkei, in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts abschaffte. Erdogan wünscht sogar, dass darüber hinaus das Osmanische zu erlernen Pflicht für alle türkischen Gymnasiasten wird.

Donnerstag, 18. Dezember 14
Einst, im Jahr 1990, lag das arithmetische Mittel der Lebenszeit, referiert Werner Bartens in der SZ eine Studie aus The Lancet, weltweit bei 46,7 Jahren. Heute liegt es bei 59,3. Wer 1990 geboren wurde, kann mit 65,3 Jahren rechnen; wer 2013 geboren wurde, erhält mit Wahrscheinlichkeit 71,5 Jahre Lebenszeit. Frauen in den Pyrenäen (Andorra) können 86,7 Jahre alt werden; Männer in Katar 81,2. Schlecht steht es in Lesotho (Afrika): Männer 45,6 Jahre, Frauen 51,2. 1990 starben in den armen Ländern doppelt so viele Menschen wie heute an Infektionskrankheiten wie Masern, Tuberkulose etc. In den reichen Ländern sterben heute weit weniger Leute als 1990 an Schlaganfall, Herzinfarkt und anderen Kreislauferkrankungen.
So könnten wir eigentlich, zürnt innig das junge Ding, in Optimismus und Zukunftshoffnungen schwelgen.

Samstag, 13. Dezember 14
Einst begann mit dem Schulabschluss und dem Anfang des Universitätsstudiums, berichtet Johann Osel in der SZ, ein freies Leben in puncto Party, Rumtreiben, Sex. Man war ja über 18 Jahre alt. Jetzt aber gibt es, aufgrund der verkürzten Gymnasialzeit und der aufgehobenen Wehrpflicht, viele Studenten, die noch minderjährig sind, laut Statistik um die 3000. Um nach 0.00 Uhr zu feiern, brauchen sie eine Genehmigung der Eltern, einen spöttisch so genannten Mutti-Zettel. Aber auch alle anderen Lizenzen des Volljährigen fehlen ja noch, Arbeit am Uni-Computer, Beschäftigung mit jugendgefährdenden Schriften, allgemeine Geschäftsfähigkeit (ohne die man keinen eigenen Telefonanschluß erhält).

Freitag, 5. Dezember 14
In Simbawbe gibt es Schwierigkeiten, berichtet Johannes Dieterich in der Berliner Zeitung, Einst und Jetzt zu sortieren. Zwar wurde Robert Mugabe, 90, wieder zum Vorsitzenden der Staatspartei bestimmt und zum Kandidaten für das Amt des Staatspräsidenten, der 2018 neu gewählt wird. Am Ende seiner Amtszeit wäre er 99, ein das Jetzt seit 1980 unaufhörlich beherrschendes Einst.
Gleichzeitig beginnen Nachfolgekämpfe. Joice Mujuru, Mugabes Stellvertreterin, könnte, indem sie ihn im Amt beerbt, ein neues Jetzt stiften. Doch strebt nach demselben Amt auch Emmerson Mnangagwa, 68, Geheimdienstchef unter Mugabe – gegen den dieser jedoch seine 40 Jahre jüngere Ehefrau Grace in Stellung bringt. Bislang nur als „Gucci-Grace“ verspottet, die sich mit Vorliebe dem Luxus-Shoppen widmet, tut sie sich neuerdings durch scharfe Angriffe gegen Joice Mujuru hervor. Folgte sie ihrem Ehemann im Amt nach, entstünde eine das Einst und das Jetzt unauflöslich verbindenden Kontinuität.

Donnerstag, 4. Dezember 14
Einst hieß der Weihnachtsmann, den das Berliner Kaufhaus des Westens beschäftigte, Peter Georgi; jetzt heißt er Fritz, berichtet Tabea Pauli im Tagesspiegel, und verschweigt seinen Nachnamen. Das KaDeWe hat Peter Georgi (72) gekündigt, und es existiert im Netz bereits eine Initiative, die auf die Wiederanstellung von Peter Georgi dringt. 1500 Bürger aus dem ganzen Bundesgebiet haben bereits unterschrieben (das Jetzt soll wie das Einst bleiben).
Fritz ist acht Jahre jünger als Peter Georgi und sein Vollbart weit bescheidener. Auch ist er ganz in Weiß gekleidet (Peter Georgi trug Rot), weil das KaDeWe dies Jahr „Weiße Weihnachten“ proklamiert. Fritz mimt seit langem den Weihnachtsmann, bei verschiedensten Gelegenheiten. Er lebt in Göttingen und kommt für den Berliner Job extra herüber.
Zwei Fotos zeigen den Unterschied zwischen Einst und Jetzt. Peter Georgi schaut wie eine Juxfigur aus mit seinem exorbitanten Bart, während man Fritz für einen Imam halten könnte, wäre da nicht der Weihnachtsbaum mit den Kugeln im Hintergrund.

Samstag, 29. November 14
Franziska Felber spaziert für den Tagesspiegel mit dem Musiker P. R. Kantate durch den Görlitzer Park in Berlin-Kreuzberg; 2003 hatte er den Park mit dem Song „Görli Görli“ als multikulturelles Paradies verherrlicht, das Türken und Hippies und Schwarze und Punks friedlich und glücklich bevölkerten. Jetzt herrscht hier Unfrieden, weil die Obrigkeit Jagd auf die Dealer macht, die ihren Stoff an den Mann zu bringen versuchen; oft Asylbewerber, die sonst keiner Arbeit nachgehen können. Einzig der Kinderbauernhof erinnert an die einstigen Paradieszustände: „Dass hier niemand fremd ist im Park“, kommentiert P. R. Kantate. „Und jetzt ist es so, dass sich alle fremd fühlen.“

Dienstag, 25. November 14
Auf Kuba findet man in großen Mengen Motorräder des Typs Simson sowie MZ, einst in Zschopau, DDR, produziert, berichtet Isaac Risco für dpa, einen Beitrag, den die Berliner Zeitung abdruckt. Es finden sich auch Autos der Marken Trabant und Wartburg. Die Motorräder wurden meist von Kubanern eingeführt, die in der DDR studierten und/oder arbeiteten; ihre robuste Bauweise, die das Reparieren leicht machte, erwarb ihnen große Sympathie. In Santiago de Cuba haben die Behörden sogar erlaubt, mit den DDR-Motorrädern einen Taxidienst zu organisieren.
So ist dies, sinniert der Anthropologe, zugleich eine Geschichte über Hier und Dort. Einst hier in der DDR, jetzt dort auf Kuba.

Montag, 17. November 14
Einst kamen zu den Nebelkrähen, berichtet Claus-Dieter Steyer im Tagesspiegel, die sich jetzt wieder in Schwärmen in der Stadt versammeln, um diese Jahreszeit Schwärme von Saatkrähen aus Russland hinzu. Seit 2005 bleiben sie aus, ihre Schlafplätze am Potsdamer Platz, am Reichstag, am Alexanderplatz, im Tiergarten bleiben leer. 2005 wurden die letzten Mülldeponien geschlossen, auf denen sich die russischen Saatkrähen in Berlin zu bedienen pflegten. Dafür gibt es Mülldeponien in Russland selbst, im Baltikum und in Weißrussland, auf denen sie ihre Nahrung finden.

Mittwoch, 24. August 14
Einst verfügte die Sowjetarmee frei über drei Prozent des DDR-Territoriums, berichtet Lothar Heinke im Tagesspiegel. Acht Millionen Soldaten taten von 1945 bis zu ihrem Ende Dienst in der DDR; ihre Lastwagen kannte jeder, CA stand darauf, was die Bevölkerung ironisch mit C&A übersetzte. 1550 Orte in der DDR kann man als sowjeteigen zählen, darunter Berlin-Karlshorst, das die Sowjets Karlowka nannten; 300 Wohnungen wurden hier nach dem Abzug frei.
Jetzt repräsentieren bei einer Ausstellung im Museum Karlshorst nur 70 Schaustücke die Besatzung der DDR durch die Rote Armee, Plakate, Kampfanleitungen, Tagebücher, Kaderakten, selbstgefertigte Souvenirs, Stadtpläne. Man kann auch das schmiedeiserne Tor bewundern, das einst, unter Strom gesetzt, den Zugang zum sowjetischen Quartier Karlshorst versperrte. Einst und Jetzt sind mit der Unterscheidung von Hier und Dort verquickt.

Montag, 11. August 14
Im Tagesspiegel porträtiert Steffi Pyanoe Stefan Bär, der zu einer Gruppe namens Urban Explorers gehört, die verlassene Orte aufsuchen und dokumentieren. Jetzt reist er nach Prypjat, eine Geisterstadt in der Nähe von Tschernobyl – nach der Reaktorkatastrophe wurden die Einwohner evakuiert, aber mit dem Versprechen, sie dürften bald zurück. Ein Versprechen, das nie erfüllt wurde, weshalb in Prypjat jetzt alles so steht und liegt wie einst.

Donnerstag, 7. August 14
Jetzt ist Arye Sharuz Shalicar 36 Jahre alt und einer der Pressesprecher der israelischen Armee, berichten Sidney Gennies und Lissy Kaufmann im Tagesspiegel. In zehn Sprachen kann er der Welt – den Medien von CNN bis zum Deutschlandfunk – den Krieg im Gazastreifen erklären.
Geboren wurde er einst in Deutschland, als Kind jüdischer Iraner. Das Judentum, Israel interessierte ihn kein kleines bisschen; keine Bar Mizwa, zu Hause sprach man Persisch. Als seine Familie von Spandau nach Wedding zog, entstanden heftige Kämpfe mit den hier einheimischen türkischen und arabischen Peers, die ihn als Juden identifizierten und diskriminierten. Sharuz Shalicar entwickelte sich zu einem typischen Kleingangster, dessen Leben Drogen, Graffiti, Kriminalität, Messerkämpfe und Hiphop bestimmten. Boss Aro wird er genannt, und die Kämpfe bringen ihn dem Zionismus immer näher. Er schreibt ein autobiographisches Buch, „Ein nasser Hund ist besser als ein trockener Jude“. Mit 23 Jahren wandert er aus. Das Foto zeigt einen fleischigen jungen Mann im pinkfarbenen Polohemd, den Kopf kahl geschoren, der ernst, ja abweisend in die Kamera schaut.

Mittwoch, 30. Juli 14
Maputo, Hauptstadt von Mosambik: in einem kleinen Park ziehen jeden Morgen bei Sonnenaufgang ältere Männer, berichtet Ronen Steinke in der SZ, die Fahne der DDR auf. Sie nennen sich „Madgermanes“, nach „Made in Germany“, und wenn sie vermeiden wollen, dass ihre Mitbürger mitkriegen, was sie reden, sprechen sie deutsch statt portugiesisch.
20 000 von ihnen lebten einst in der DDR, zwecks Ausbildung; denn das frisch vom portugiesischen Kolonialregime befreite und sich sozialistisch nennende Mosambik brauchte dringend Fachkräfte und erhielt Hilfe von der DDR. Die Madgermanes waren damals junge Männer und hatten eine herrliche Zeit, Geld, Alkohol, Partys, Mädchen. Juma Madeiro, 51, reicht Fotos herum, die ihn mit Anfang 20 beim Posieren auf der Kühlerhaube eines Autos zeigen, im Sakko, in Lackhosen und mit Stiefeletten, einen Drink in der Hand. Ins Freibad gehen, und gleich umringen dich die weißen Girls!
Die DDR ermöglichte einst den jungen Afrikanern das Leben der Jeunesse dorée – woran sie jetzt daheim in Mosambik nur traurig zurückdenken können.

Samstag, 19. Juli 14
Einst organisierte eine gewisse Judith Demba, für die Grünen im Abgeordnetenhaus – berichtet Frederik Bombosch in der Berliner Zeitung – die Nolympia-Kampagne gegen die Bewerbung Berlins um die Sommerspiele 2000. Jetzt ist sie, 57 Jahre alt, Geschäftsführerin der Naturfreunde Berlin und beginnt eine Kampagne gegen die neuerliche Olympiabewerbung Berlins zu organisieren. „Zwanzig Prozent der Schulkinder können nicht schwimmen, ihre Schulen sind marode. Dafür ist kein Geld da, aber allein für die Bewerbung will die Stadt 60 Millionen Euro ausgeben.“

Freitag, 18. Juli 14
Das Foto zeigt einen dicken alten Mann mit weißgrauem Monsterschnurrbart, der an seinem Arbeitstisch sitzt, auf dem Schreibmaschinen in verschiedenen Reparaturzuständen stehen, und in die Kamera strahlt. Eine Art Genrebild.
Im Bundestagsausschuss zur NSA-Affäre, berichtet Christoph Stollowsky im Tagesspiegel, wurde (ironisch?) erörtert, ob man den Schriftverkehr des Regierungsapparats nicht wieder über mechanische Schreibmaschinen abwickeln sollte. Auf sie hätten die USA keinen elektronischen Zugriff.
Drei Geschäfte in Berlin handeln noch mit solchen Maschinen von einst, wobei es allerdings selten um fabrikneue Exemplare geht, meist um Antiquitäten; meist geht es nur um deren Reparatur. Um 1994, berichten die Schreibmaschinenleute, brach der Handel drastisch ein – seitdem geht es langsam, sehr langsam wieder aufwärts. Immer wieder finden sich Aficionados, die mit Leidenschaft an diesen Schreibmaschinen von einst hängen.

Sonntag, 13. Juli 14
Vor mehr als zehn Jahren drehte das Fernsehen im Gutshaus Belitz bei Rostock die Doku-Soap „Gutshaus 1900“, berichtet Katja Bülow im Reiseblatt des Tagesspiegel, das Gutshaus konservierte sich selbst als diese Kulisse und bietet Touristen Gelegenheit zu Zeitreisen vom Jetzt ins Einst. Keine Zentralheizung, stattdessen Kachelöfen, keine Elektrizität, kein TV oder Radio, stattdessen Kerzenlicht und Waschschüsseln in den Zimmern. Der Tourist kann in einer Gesindekammer übernachten oder in einem hochherrschaftlichen Schlafgemach (der Nachttopf unter dem Bett ist nicht obligatorisch, schmunzel, im Erdgeschoss findet man ein WC).
Barbara Werle, 59, einst Projektleiterin in der IT-Branche, die das Hotel betreibt, läuft in historischer Kleidung herum, die sie selbst schneidert (Foto einer entsprechend kostümierten Dame im Garten vor dem Herrenhaus). Meist verstehen die Gäste den Aufenthalt als Geschichtsunterricht – vor allem erstaunt sie, welche Zeit und Mühe einst der Alltag kostete, die einfachsten Verrichtungen.

Mittwoch, 9. Juli 14
Mehr als 16 000 Unterschriften, berichtet Rolf Lautenschläger im Berlinteil der taz, gegen den Wiederaufbau der Garnisonkirche in Potsdam konnte vorgestern eine Bürgerinitiative dem Stadtwahlleiter übergeben. 13 326 Voten, zehn Prozent der Wahlberechtigten, hätten genügt; jetzt hofft die Initiative auf einen endgültigen Bürgerentscheid gegen die Garnisonkirche, abzuhalten im September 14.
Die Kirche war 1968 von der DDR-Regierung gesprengt worden als Monument des preußischen Militarismus; am 21. März 1933 hatten die Nazis die Garnisonkirche als Bühne für den sog. Tag von Potsdam genutzt, bei dem der frisch gebackene Reichskanzler Hitler seine Loyalität gegenüber dem Reichspräsidenten Hindenburg und der preußischen Tradition zelebrierte.

Dienstag, 24. Juni 14
Einst trugen die Bademeister im Strandbad Wannsee als Dienstuniform weiße Wollpullover, Matrosenmützen und weiße Baumwollhosen, berichtet Nantke Garrelts im Tagesspiegel (das historische Foto zeigt sie allerdings in dunklen Shorts und ärmellosen weißen Trikothemden). Jetzt sollen die Bademeister im Strandbad Wannsee wieder in dieser historischen Dienstkleidung auftreten (und die dunkelblauen Trainingsjacken ablegen). „Es geht darum, das Strandbad Wannsee als historische Anlage mit seinem spezifischen Charakter zu betreiben“, erklärt der Sprecher der Berliner Bäderbetriebe.
Also praktisch als Museum, hätte unsere Freundin Jutta gespottet. Bald gilt dann auch wieder der Zwickelerlass von 1932 für den züchtigen Abschluss der männlichen Badehose. Und der Bikini wird selbstverständlich verboten. Schwimmen und Sonnen nur noch im historischen Kostüm.

Sonntag, 22. Juni 14
Das Foto zeigt einen feisten, wütend lächelnden Mann von ca. 60 Jahren, in eine bayerische Phantasieuniform gekleidet, grün und mit geflochtenen Achselklappen, der die rechte Hand zum militärischen Gruß an die Hutkrempe hebt (eine Geste, die den Eindruck von leutselig unterdrückter Wut verstärkt).
Einst war Dr. Ludwig Kreidl ein Superstar der CSU, berichtet Tatjana Kerschbaumer im Tagesspiegel. Vom Ingenieur zum Bürgermeister, vom Bürgermeister zum Landtagsabgeordneten, vom Landtagsabgeordneten zum Landrat. Als Günther Beckstein Ministerpräsident in Bayern wurde, galt Dr. Ludwig Kreidl als Kandidat für das Innenressort.
Jetzt ist er verschwunden. Der Absturz begann damit, dass sich seine Dissertation über den Kosovo-Krieg als neunzigprozentiges Plagiat erwies. Die Universität erkannte ihm den Doktortitel ab, und Kreidl bat um Entschuldigung. Dann aber kam heraus, dass er sich von der Kreissparkasse Miesbach-Tegernsee – deren Aufsichtsratsvorsitzender Ludwig Kreidl war – zu seinem 60. Geburtstag eine pompöse Feier ausrichten ließ, die fast 120 000 Euro kostete. Das war zuviel. Jeder Bürger des Landkreises konnte jeden Sparkassenangestellten nach Belieben befragen und beschimpfen. Kreidl, der schon auf eine neue Kandidatur als Landrat verzichtet hatte, trat als Kreisvorsitzender der CSU zurück und tauchte ab.

Samstag, 21. Juni 14
Vor zwei Monaten, berichtet Ana Gordijenko in der taz, setzte sie sich aus Simferopol nach Lemberg ab. Jetzt kehrte sie zurück.
Auf dem Bahnhof weht statt der ukrainischen die russische Fahne. Der Grenzübertritt gestaltet sich kompliziert. Ausgiebige Verspätungen lähmen den Zugverkehr – dafür boomt der Flugverkehr, insbesondere die tschetschenische Linie Grosni-Avia.
Viele Autofahrer haben ihr ukrainisches Nummernschild gegen ein russisches eingetauscht. Das Bankensystem hat sich aufgelöst: die ukrainischen Institute sind geschlossen, die russischen noch nicht gestartet. In der einzigen geöffneten Bank herrscht ein kompliziertes System des Schlangestehens nach Nummern, ein System, das sich fortlaufend ändert. In besondere Schwierigkeiten geraten die Hochschulabsolventen. Zuerst hieß es, ihre ukrainischen Diplome behielten die Gültigkeit – dann aber bekamen sie nur russische Diplome, und die gelten außerhalb Russlands nichts; die russische Annexion der Krim wird ja international nicht anerkannt.
Zwar erhalten die ukrainischen Beamten und Rentner jetzt 25 Prozent mehr Gehalt (das in Rubel und nicht mehr in Hrywna ausgezahlt wird), aber gleichzeitig steigen die Preise. Warenmangel ist in den Supermärkten aber nicht zu erkennen. In der Familie von Ana Gordijenko schaut man traditionell ausschließlich russisches Fernsehen – sie bat darum, während ihres Aufenthalts auf TV überhaupt zu verzichten.

Donnerstag, 19. Juni 14
Das Foto zeigt einen älteren Mann mit Schnauzer und gegeltem, scharf nach schräg hinten gekämmtem Haar, der verwegen auf dem Lenker einer Harley Davidson lehnt.
Ingolf Kühn arbeitete in der DDR als Kraftfahrer, berichtet Frederik Bombosch in der Berliner Zeitung. Immer mal wieder handelte er sich Ärger ein: indem er beispielsweise nach einem Unfall auf der Transitautobahn einem LKW-Fahrer aus dem Westen spontan Erste Hilfe leistete; indem er Rallyestreifen, wie er sie auf der Autobahn an Westfahrzeugen bewundert hatte, auf seinen Sattelschlepper malte.
Nach dem Untergang der DDR kam Ingolf Kühn nach einer Zeit mit der Airbrush-Verzierung von Kraftfahrzeugen und mit abstrakter Malerei ausgezeichnet ins Geschäft. Autoproduzenten und -händler versorgten ihn mit Aufträgen – schließlich meldete sich Abu Dhabi und wollte Ingolf Kühn sogar zum Umzug bewegen. Das Guggenheim in Abu Dhabi will seiner abstrakten Malerei eine Ausstellung widmen; der Scheich Hamdad bin Hamdan al Nahyan fungiert als treuer Förderer.
Aber Ingolf Kühn bleibt hier in Cottbus. Er hat ein ehemaliges Schnapslager zu einem luxuriösen Feenpalast ausgestaltet, der ihm jederzeit den krassen Unterschied zwischen Einst (DDR) und Jetzt vor Augen führt.

Samstag, 14. Juni 14
Einst bildete das Gelände des Fischmarkts an der Großen Elbstraße in Hamburg, berichtet Stefanie Maeck in der Berliner Zeitung, ein dunkles Gelände schmutziger, aber ehrlicher Arbeit, krass unterschieden von den feinen Geschäftslokalen der City. Heute erheben sich um den Fischmarkt neue und luxuriöse Appartementhäuser, und die Große Elbstraße entwickelt sich zu einer der teuersten Gegenden Deutschlands.
Noch trifft man unter den Fischmännern Echtmenschen mit komplexen Biographien. Der Pole, der daheim sechs Semester Germanistik studiert hat und dann seiner großen Liebe nach Deutschland folgte; der Portugiese, dessen Eltern bereits hier arbeiteten (der also nicht weiter kam); der Türke, der einst als Steuerfachangestellter beschäftigt war und sich heute durch Perfektionismus auszeichnet; dazu Fremdenlegionäre, ehemalige Schiffsköche und ihresgleichen. Sie verkörpern schon jetzt das Einst, worin das Hamburger Fischmarktgelände bald verschwunden sein wird. Das schöne Foto zeigt das langgestreckte Gebäude der Fischauktionshalle (wilhelminisch) im Abendlicht.

Mittwoch, 11. Juni 14
In Berlin-Steglitz, Schönhauser Straße/ Ecke Bergstraße, berichtet Vinzenz Greiner im Tagesspiegel, wurde jetzt der 500-Kilo-Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg entschärft, den man am Samstag bei Bauarbeiten entdeckt hatte. Eine bislang unbekannte Präsenz des Einst im Jetzt – eine deutsche Bombe mit einem russischen Zünder – viele Bomben der Luftwaffe fielen im Lauf des Krieges der Roten Armee in die Hände und wurden von ihr eingesetzt. Der Sprengmeister Detlef Jaab hatte versprochen, dass die Bombe leicht zu entschärfen sein werde.
Er behielt Recht. Gleichwohl hatten 2900 Anwohner im Umkreis für die
Dauer der Aktion ihre Wohnungen zu räumen – Notquartiere in eine Sportschule, im Club Steglitz usw., bis das Einst aus dem Jetzt verräumt war. Das Foto zeigt Detlev Jaab, wie er neben der Bombe kniet und den ausgebauten Zünder der Kamera präsentiert.

Samstag, 31. Mai 14
Einst bildeten die Bahnhöfe in Brandenburg wichtige wirtschaftliche und soziale Zentren, berichtet Peter Neumann in der Berliner Zeitung. Sie verkauften Fahrkarten, boten Warteräume und Gaststätten, Gepäckschalter und Güterabfertigung. Dann begannen die Bahnhöfe, nach Einstellung des Betriebs, zu verfallen; die Deutsche Bahn weigerte sich, die Immobilien zu verkaufen, weil das ihr Vermögen beim Börsengang geschmälert hätte.
Aber jetzt hat der Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises Uckermark, Reinhart Müller-Zetzsche, den Bahnhof Prenzlau Vorstadt gekauft und baut ihn zu einem Wohnhaus um. Der Bahnhof Luckenwalde beherbergt jetzt die Stadtbibliothek, und in dem Bahnhof Lübbenau machte eine Pension auf.

Mittwoch, 28. Mai 14
Am Sonntag lehnte eine große Mehrheit der Berliner Bürger bei einem Volksentscheid jedwede Randbebauung des Tempelhofer Feldes ab. Auf Dauer soll es so bleiben wie einst, als der Flugverkehr eingestellt und das Gelände in einen Park verwandelt wurde; kein neues Jetzt mit Landesbibliothek und Wohnbauten.
Heute berichtet Stefan Alberti im Berlinteil der taz über die Kontroversen, die der Volksentscheid in der Großen Koalition, die Berlin regiert, ausgelöst hat: welche Partei die Bürger durch welche Vorschläge in die falsche Richtung führte (letzten Endes, denken die Parteien, sind doch die Parteien und nicht die Bürger für die Entscheidung verantwortlich). Der Stadtentwicklungssenator Michael Müller erklärte bei einer Pressekonferenz: „Man muss offenbar zur Kenntnis nehmen, dass viele Bürger Veränderungsprozesse gar nicht so positiv empfinden wie ich.“
Habermas! hätte unsere Freundin Jutta gespottet. Die Bürger wehren jeden Versuch des Systems (des Senat, der Bauindustrie), die Lebenswelt zu kolonisieren (Neubauten am Rand des Tempelhofer Feldes), strikt ab. Unbedingt ist das Einst im Jetzt unverändert zu konservieren.

Donnerstag, 22. Mai 14
Einst war Holger Apfel Mitglied der NPD, schließlich Fraktionsvorsitzender im sächsischen Landtag, berichtet Matthias Meisner im Tagesspiegel, am Ende sogar Bundesvorsitzender. Dann trat er von allen Funktionen zurück und verließ sogar die Partei – weil er einen jungen Kameraden sexuell belästigt habe, hieß es; Burn-out, erklärte die Partei. Jetzt betreibt Holger Apfel mit seiner Frau Jasmin auf Mallorca ein Restaurant, Maravillas Stube. Das Foto zeigt einen Mann im gelben Polohemd, der ein Metalltablett mit gefüllten Gläsern trägt und mit seinem dicken Gesicht in die Kamera strahlt. „Heil Apfel!“ hätte unsere Freundin Jutta gespottet.

Dienstag, 26. März 13
Könnte man auch unter hier/dort verbuchen, murrt das junge Ding: Im Tagesspiegel berichtet Matthias Meisner über Sylvia-Yvonne Kaufmann, 58, die jetzt für die SPD im Wahlkreis Berlin-Lichtenberg kandidieren will, Europawahl 2014. Einst, von 1999 bis 2009, saß sie dort für die PDS respektive die Linkspartei, stand dem Europaparlament sogar für drei Jahre als Vizepräsidentin vor. 1976 war sie in die SED eingetreten, 2009 verlor sie die Unterstützung der Linkspartei und ließ sich von Franz Müntefering für die SPD gewinnen. Ob sie es in Lichtenberg schafft, ist zweifelhaft. Briefmarkengroßes Porträtfoto.

Dienstag, 19. März 13
Das Foto zeigt das Röntgenbild einer von Tuberkulose befallenen Lunge. Im Berlinteil der taz referiert Igor Mitschnik einen Bericht des Robert-Koch-Instituts. In Berlin nehmen die TB-Infektionen wieder zu; 52 waren es dies Jahr bereits (bis März).
Ein Grafik zeigt, dass 316 Personen sich im Jahr 2012 infizierten; 2009 nur 265; im Jahr 2000 allerdings 423. Da stimmt doch schon wieder was nicht, hätte unsere Freundin Jutta geschimpft. Von 2000 bis 2012 nahm die Zahl der TB-Infektionen erkennbar ab, von 423 auf 316 – von 2009 bis 2012 allerdings zu, von 265 auf 316. Aber welche Jahreszahl soll man zum Ausgangspunkt der Diagnose nehmen, 2000 oder 2009? Und rechnet man die 52 Fälle des Jahres 2013 hoch, kommt man auf 208 und müsste einen drastischen Rückgang diagnostizieren. Aber die Zeitung (und das Robert-Koch-Institut), hätte unsere Freundin Jutta geschimpft, möchten halt eine Zunahme erkennen, um davor dringend zu warnen.

Sonntag, 17. März 13
Im Tagesspiegel berichtet Thomas Loy über das Brunnenviertel im Berliner Wedding, das vor 50 Jahren einer sog. Flächensanierung unterzogen wurde. Damals begrüßte man den Abriss der Mietskasernen, der „15 000 typischen Bruchbuden“ und feierte die Sanierung als „großstädtische Flurbereinigung“. Heute beklagt der Soziologe Harald Bodenschatz die „urbane Verödung, die Beseitigung urbaner Strukturen und Plätze sowie der sozialen und funktionalen Vielfalt.“ Die 80-jährige Rentnerin Margot Visser wohnt zwar seit langem gern in den ehemaligen Neubauten, erinnert sich aber mit Nostalgie an das alte Brunnenviertel. Ein kleines Foto zeigt sie auf der Couch in ihrem Wohnzimmer, einen kleinen Hund auf dem Schoß; das große Foto zeigt die Stadtlandschaft mit den Neubauten aus den sechziger Jahren.
Im Einst wurde also – unwissentlich – ein besseres Einst vernichtet, dem wir jetzt nachtrauern sollen, resümiert der Anthropologe.


Mittwoch, 6. März 13

Das große Foto zeigt eine Strandszene mit Elvis Presley in Schwarz, Ursula Andress im Bikini und einem muskulösen jungen Mann in Badehose, ein Still aus dem Film „Fun in Acapulco“. Das kleine Foto zeigt eine undurchsichtige Straßenszene: Zwei Uniformierte in Waffen stehen hinten auf einem Pickup, der durch die Stadt patrouilliert.
Sandra Weiß berichtet im Tagesspiegel, wie Acapulco, wo einst Hollywoodstars wie Elizabeth Taylor und Johnny Weissmuller schöne Feste feierten und von den Touristen bewundert wurden, jetzt einen exquisiten Kriegsschauplatz für Drogenbanden abgibt, Schießereien, Entführungen, Schutzgelderpressungen, Mafiamorde; 1170 Tote im vergangenen Jahr.
Die gute alte Geschichte, seufzt Tante befriedigt, wer einst den Himmel berührte, küsst jetzt den Staub


Donnerstag, 14. Februar 13

In der taz erzählt Heide Oestreich eine Geschichte nach, die ursprünglich Kerstin Zander vom Selbsthilfeforum für die Opfer psychischer Gewalt erzählt hat. Einst bezauberte Frank die frisch von Ernst getrennte Anke durch den Elan, mit dem er ihre Zahnarztpraxis erneuerte, durch die kleinen Reisen, die er immer wieder mit ihr unternahm, durch die vielen liebevollen Aufmerksamkeiten, mit denen er sie überhäufte. Doch dann beginnt ein trübes, unglückliches Jetzt. Regelmäßig verspottet Frank Anke gemeinsam mit den jüngeren Angestellten der Praxis („aber nicht wieder den falschen Zahn ziehen“); im Bett läuft es immer schlechter; beschwert sich Anke, erklärt Frank sie für neurotisch. So ungefähr, erklärt Kerstin Zander, läuft es immer bei psychischer Gewalt.


Dienstag, 12. Februar 13

Papst Benedikt XVI (Joseph Ratzinger) tritt aus Altersgründen zurück. In der taz beschreibt Robert Torck ausgiebig, wie die Theologie, Dogmatik und Kirchenpolitik des ängstlichen Mannes die römische Kirche seiner bayerischen Kindheit (einst) in der Gegenwart (jetzt) restituieren sollte. Das Foto zeigt den weißen alten Mann am Stock voranschreitend, knapp hinter ihm sein hübscher Privatsekretär Gänswein, der aber auch nicht die Zukunft verkörpert, wie das junge Ding spottet, „sondern Roman Orthodox Chic.“


Freitag, 8. Februar 13

Im Tagesspiegel berichtet Sidney Gennies über das Verschwinden des Filmvorführers – in der DDR einst ein richtiger Ausbildungsgang, den man mit einem Zertifikat abschloss. Dies Jahr werden bei der Berlinale fast alle Filme in digitaler Version gezeigt; über 3000 der insgesamt 4640 Kinos in der BRD haben sich auf diese Technik umgestellt – in Berlin werden es dies Jahr vermutlich sämtliche Kinos geschafft haben, wiewohl die Umstellung 100 000 Euro pro Kino kostet.
Einst brauchte es, um einen Film vorzuführen, komplizierte handwerkliche Fähigkeiten – jetzt genügen Kommandos auf der Computer-Tastatur.


Donnerstag, 7. Februar 13

Im Berlinteil der taz porträtiert Martin Rank Frank Meene, der die Firma Bären Kohle leitet. Einst florierte der Kohlenhandel in Berlin: 40 000 Öfen heizten nach der Wiedervereinigung die Wohnungen der Stadt; Frank Meene und seine Mitarbeiter lieferten am Tag 200 Kunden Heizmaterial. Sie gerieten, wie er erzählt, in interessante Situationen: Studentinnen, die für die Kohle sexuell bezahlen wollten… Jetzt hat Frank Meene am Tag nur noch 15 bis 20 Kunden zu beliefern, der Kohlenhandel verschwindet. Zwischen 1991 und 2000 finanzierte der Senat Sanierungsmaßnahmen am Wohnungsbestand mit ungefähr fünf Milliarden Euro; der Winterschleier aus Ruß und Kohlengestank, der einst die Stadt einzuhüllen pflegte, löste sich auf.


Montag, 4. Februar 13

In den Berliner Gefängnissen, berichtet im Tagesspiegel Jörn Hasselmann, nimmt die Gewalttätigkeit zu. Sowohl der Gefangenen untereinander als auch der Gefangenen gegenüber dem Justizpersonal. Die Angriffe auf das Personal steigerten sich zwischen 2010 und 2011 von 10 auf 20; die Angriffe untereinander von 272 auf 284. Besonders krass der Fall des Mesut A. in der JVA Tegel: Er sollte den Mithäftling Torsten P. töten, weil dieser einem Bekannten mit der Schrotflinte ins Gesicht geschossen hatte.
Früher war alles besser, hätte unsere Freundin Jutta gespottet. Da begegneten die Sträflinge den Wärtern und einander mit höchstem Respekt.


Samstag, 2. Februar 13

In der Berliner Zeitung berichtet Sebastian Höhn über die Abstimmung, mittels deren die Anwohner verhindert haben, dass die Treitschkestraße in Steglitz einen neuen Namen erhält. Der Historiker und Reichstagsabgeordnete Heinrich von Treitschke prägte im 19. Jahrhundert die Parole, die dann die Nazis übernahmen, „Die Juden sind unser Unglück.“
So ragt in Gestalt mancher Straßennamen das Einst unreformiert ins Jetzt. Beispielsweise mit dem Hindenburgdamm in Steglitz oder der Einemstraße in Schöneberg. Der Generalfeldmarschall von Hindenburg ernannte als Reichpräsident Adolf Hitler zum Reichskanzler; der wilhelminische Kriegsminister Karl von Einem forderte die Ausmerzung der Homosexuellen und begrüßte die Machtergreifung.
Aber wenn die Anwohner abstimmen dürfen, halten sie hartnäckig an solchen Straßennamen aus dem Einst fest.


Mittwoch, 30. Januar 13

In der SZ referiert Guido Bohsem die Studie, derzufolge im Jahr 2011 620 000 Mädchen und Jungen an ADHS, dem sog. Zappelphilipp-Syndrom, erkrankt waren, 42 Prozent mehr als 2006. Zugrunde liegen die Zahlen der größten deutschen Krankenkasse, der Barmer GEK. Die Krankheitsfälle verteilen sich höchst unterschiedlich über die Bundesländer; Hauptstadt von ADHS ist Würzburg.
Klar, jetzt werden die Kinder immer nervöser, hätte unsere Freundin Jutta gespottet. Wir saßen einst kerzengrade im Unterricht und nahmen mit höchster Konzentration den Lehrstoff in uns auf. Auch daheim herrschte tiefe Ruhe in der Kinderschar.


Dienstag, 29. Januar 13

Die Zahl der Unternehmenspleiten in Berlin, berichtet Peter Kirnich in der Berliner Zeitung, vermindert sich zunehmend. Im Jahr 2012 meldeten insgesamt 1280 Firmen Konkurs an – das waren 100 weniger als 2011. So läuft es seit 2003: da gingen noch 2240 Unternehmen pleite.
Zunehmend abnehmend, hätte unsere Freundin Jutta gespottet, das gibt es doch so gut wie nie. Es sei denn beim Regenwald oder der Aufklärungsquote bei Kapitalverbrechen.


Sonntag, 27. Januar 13

Im Tagesspiegel schreibt Lothar Heinke über die Wilhelmstraße in Berlin, einst das politische Machtzentrum Deutschlands. An der Voßstraße 1, wo sie in die Wilhelmstraße mündet, befand sich die von Albert Speer entworfene Neue Reichskanzlei Adolf Hitlers – jetzt residiert an dieser Stelle das chinesische Restaurant Peking-Ente, das sich, wegen des historischen Orts, einer gewissen Beliebtheit erfreut.
Schweinefleisch süß-sauer hätte der Führer als Vegetarier ja verschmäht, spottet unser alter Freund Achim. Aber vielleicht hätte ihm die Sauer-scharf-Suppe gemundet.


Samstag, 26. Januar 13

In der taz beschreibt Helmut Luther das Villgratental in Osttirol, das seine Rückständigkeit gegenüber den anderen Berg- und Skigebieten kultiviert. Keine Lifte, keine Großhotels, keine Partys, keine Animationsprogramme. Stattdessen „in Jahrhunderten gewachsene Kulturräume“, einsame Schneelandschaft, „sich der Wachstumsideologie verweigern“. Kerzenbeleuchtung in den Hütten, Duschen im Freien, Plumpsklos. Die Städter seien begeistert – aber nicht alle Einheimischen machen mit.
Ferien in der guten alten Zeit, lobt Onkel. Aber da fährst du doch nie hin, schimpft das junge Ding.


Mittwoch, 23. Januar 13

In der SZ berichten Charlotte Frank und Jens Schneider über David McAllister, der bis Sonntag (einst) hoffen durfte, die Landtagswahlen in Niedersachsen zu gewinnen und Ministerpräsident zu bleiben. Jetzt weiß man nicht, was er, geschlagen und immer noch fassungslos, in Zukunft unternehmen wird. CDU-Vorsitzender in Niedersachsen bleiben – aber keinesfalls Oppositionsführer im Landtag werden. Minister in Berlin?
Seine grauen Schläfen, hätte unsere Freundin Jutta gespottet, sind garantiert eingefärbt.
Das Foto zeigt David McAllister, wie er vor der Porträtgalerie der niedersächsischen Ministerpräsidenten entlang schreitet; man erkennt den vergessenen Gerhard Glogowski, Siegmar Gabriel und Christian Wulff.


Montag, 14. Januar 13

In der SZ betrachtet Hans Hoff die Unterschiede, die im Dschungelcamp von RTL – Ich bin ein Star. Holt mich hier raus! – mit dem Tod des kleinen dicken Moderators Dick Bach (im vergangenen Jahr) entstanden sind. Dem neuen Moderator Daniel Hartwich fehlt jetzt das Spezifische, das Dirk Bach einst mit sich selber ins Spiel brachte (worin immer es bestand); er macht seine Sache brav. Vor allem unterscheidet er sich im Habitus zu wenig von der Moderatorin Sonja Zietlow (die einst zusammen mit Dirk Bach agierte und jetzt weitermacht). Zu der eisig-spöttischen Sonja Zietlow aber fuhr Dirk Bach ein unvergleichliches, schwer fassbares Kontrastprogramm.
Das Foto zeigt weder Dirk Bach, noch Daniel Hartwich, noch Sonja Zietlow. Sondern die gegenwärtigen Kandidaten des Dschungelcamp, als Büsten in einer Art Blumenbeet arrangiert.


Sonntag, 6. Januar 13

Im Reiseblatt des Tagesspiegel berichtet Gerd. W. Seidemann, wie er die Queen Elizabeth 2, einst der Stolz der Cunard-Reederei und als Luxusliner auf Transatlantik-Routen sehr beliebt (maximal 1900 Passagiere), an einem Pier in Dubai vertäut gefunden hat, zwar sorgfältig in Schuss gehalten, aber ohne Zukunft.
2008 wurde die Queen Elizabeth 2 ausgemustert. Pläne, sie in Dubai zu einem Luxushotel-cum-Museum umzurüsten, scheiterten. Ebenso die Pläne, das schöne Schiff nach London zurückzuholen und dort zu musealisieren. Jetzt droht eine chinesische Firma, die Queen Elizabeth 2 ihren Abwrackkünsten zu unterwerfen – China strebt danach, auf dem Weltmarkt Indien in puncto Abwracken zu übertreffen, und die Queen Elizabeth 2 wäre ein besonders fetter Brocken.
Das Foto zeigt das Schiff prachtvoll vor der Südküste Manhattans, im Hintergrund ragen am höchsten die Twin Towers empor: im Jahr 1998, also unwiederbringlich einst.


Samstag, 5. Januar 13

Einst (um 1900), berichtet Karl-Ludwig Günsche in der Berliner Zeitung, lebten in Thailand (das damals Siam hieß) ca. 200 000 freie Elefanten. Jetzt sprechen Schätzungen von 2000 bis 3000 (wenn es nicht bloß 200 bis 300 sind). Einst bedeckten 70 Prozent des Landes Wälder. Jetzt sind es nur noch 20 Prozent.
Einst spielten Arbeitselefanten in der Forstwirtschaft Thailands eine bedeutende Rolle. Seit 1989 ein Waldschutzgesetz gilt, das die ausbeuterischen Abholzungen einschränken sollte, wurden viele Elefanten arbeitslos. Ihre Führer (Mahouts) ziehen mit ihnen bettelnd durchs Land. Manche Elefanten funktionieren als touristische Sehenswürdigkeiten. Das Foto zeigt ein aufbäumendes Tier im Weihnachtsputz


Freitag, 4. Januar 13

In der SZ referiert Sebastian Herrmann die psychologischen Forschungen zum individuellen Gegenwartsbewusstsein, die Jordi Quoidbach und David Gilbert von der Harvard University in Science (Bd. 339) veröffentlicht haben: „Illusion vom Ende der Geschichte“. Zwar erkennt jeder die Abweichungen, die sein persönliches Einst von seinem persönlichen Jetzt unterscheiden – aber damit ist in der Gegenwart Schluss. „Menschen betrachten die Gegenwart als einen Wendepunkt in ihrer Biographie, an dem sie endlich die Persönlichkeit geworden sind, die sie für den Rest ihres Lebens bleiben werden.“ Keine andere Frau/ kein anderer Mann mehr, die endgültige Wohnung, der endgültige Beruf, der endgültige Kunstgeschmack. Der Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit.


Mittwoch, 2. Januar 13

In der SZ berichtet Christoph Neidhart von die Neujahrsansprache, die der nordkoreanische Diktator Kim Jong Un für die Ausrufung eines neuen Jetzt genutzt habe: Dies Jahr soll die Wirtschaft unvergleichlich kräftig das Wohlergehen der Bevölkerung fördern; dies Jahr soll die Wiedervereinigung der beiden Koreas zügig voranschreiten. Allerdings bildet dies kein wirklich unvergleichliches Jetzt: Schon der Großvater Kim Il Sung pflegte an Neujahr grundstürzende Neuerungen zu verkünden, die dann ausblieben in Nordkorea. Das Foto zeigt den fetten jungen Mann mit der ausrasierten Frisur, in der bekannten Uniform, wie er am Rednerpult in eine Reihe von Mikrophonen spricht, rechts eine rote Fahne mit gelber Emblematik.


Sonntag, 30. Dezember 12

Im Reiseblatt des Tagesspiegel berichtet Roy Fabian über den Mount Hikurangi, den höchsten nichtvulkanischen Berg auf der Nordinsel Neuseelands. Hier pflegen Maori und Touristen bei Sonnenaufgang das neue Jahr zu begrüßen – obwohl die Datumsgrenze, der scharfe Schnitt zwischen Jetzt und Einst, eigentlich beim Caroline-Atoll und den Chatham Islands südöstlich von Neuseeland verläuft. Der Stamm der Ngati Porou verwaltet rituell den Übergang. Den Segen, mit dem sie ihn begleiten, gibt es kostenlos, aber der Aufstieg kostet 15 Dollar. Das Foto zeigt eine Berglandschaft, in der religiöses Schnitzwerk aufragt und eine Menschenansammlung auf den Horizont im Hintergrund schaut, wo das Jetzt aufkommt und das Einst abscheidet.


Mittwoch, 19. Dezember 12

Im Tagesspiegel berichtet Thomas Loy über Pläne, in Berlin-Steglitz – so wie in Nürnberg und Heidelberg – die Treitschkestraße umzubenennen. Die Anwohner sollen darüber abstimmen. Von Heinrich von Treitschke stammt die Parole, „die Juden sind unser Unglück.“ – Dem Hindenburgdamm einen anderen Namen zu geben, dafür tritt noch keine Initiative ein; immerhin hat Hindenburg als Reichspräsident Hitler zum Reichskanzler ernannt. Höchste Zeit, Treitschke und Hindenburg ins Einst zu verbannen


Donnerstag, 20. Dezember 12

Eine Forschungsgruppe der Universität Göttingen – meldet u.a. dapd – hat festgestellt, dass im nordwestdeutschen Tiefland sowie Mittelgebirge 30 Prozent der Flechten – eine Mischung aus Pilzen und Algen – verschwinden. Als Ursachen gelten Abholzungen sowie trockengelegte Böden. Die Flechten helfen vor Ort Schadstoffe und Klimaveränderungen zu diagnostizieren; insofern stimmt ihr Verschwinden im Einst bedenklich


Montag, 17. Dezember 12

Im Tagesspiegel berichtet Ulrike Scheffer über die Parlamentswahlen in Japan. Die liberaldemokratische Partei hat sie gewonnen und damit im Jetzt das Einst wiederhergestellt: Wie die CSU Bayern, so regierte sie Japan seit Jahrzehnten ununterbrochen. Die Demokratische Partei, die 2009 die Regierung übernahm, hat schon nach drei Jahren die Wähler gründlich enttäuscht; sie konnte kein neues Jetzt erzeugen, das die LDP auf Dauer ins Einst verbannte. Das Foto zeigt Shinzo Abe, der voraussichtlich der neue Premier wird, den Kopf nach hinten und rechts geneigt, anscheinend redend – man kann, erklärt der Anthropologe, ihren Gesichtsausdruck nur schwer lesen.


Freitag, 14. Dezember 12

In der Berliner Zeitung berichtet Tom Schimmeck über die Mittelschicht, die unterdessen in der schwarzen Bevölkerung Südafrikas entstanden ist. Dramatische Aufsteiger wie Kenny Kunene, aus armen Verhältnissen stammend, einst Kleingangster, der sechs Jahre im Knast saß und schon dort als Partymacher auffiel. Jetzt gilt er als Sushikönig der Nation. An seinem 40. Geburtstag schleckte er im weißen Sakko die Fischhappen von einem blonden Mädchen, das halbnackt im Lederbikini auf dem Tisch hingestreckt lag – so zeigt es das Foto.
Keine Spur mehr von den Idealen Nelson Mandelas, klagt das junge Ding, die vor Zeiten den Schwarzen Südafrikas die Freiheit brachten.


Dienstag, 11. Dezember 12

In der Berliner Zeitung berichtet Bernhard Honnigfort über die sog. Reichsdeutschen, über die gesamte Republik verteilte Bürger unbekannter Zahl, die der Überzeugung anhängen – und sie in eigenen Bräuchen pflegen – dass das Deutsche Reich fortexistiert und die BRD bloß eine „staatssimulative Besatzungsverwaltungsfirma“ sei. Bis vor kurzem stand den Reichsbürgern als Reichskanzler Fürst Norbert Schittke vor, ein Rentner – das Foto zeigt einen soliden Herrn mit Brille, Bart und Phantasieuniform – der aber aus unklaren Gründen abgesetzt wurde. Juristische Aufmerksamkeit erregten die Reichsbürger Ende November, weil das „Deutsche Polizei Hilfswerk“, eine ihrer Organisationen, in der Nähe von Dresden einen Gerichtsvollzieher, der Schulden eintreiben wollte, festsetzte: Er sei doch gar keine Amtsperson, denn das staatliche Gebilde, in dessen Auftrag er zu agieren vorgebe, existiere ja gar nicht.
So herrscht bei diesen Bürgern, resümiert der Anthropologe, das Einst fest über das Jetzt.


Samstag, 8. Dezember 12

Der Berlinteil der taz diskutiert die Gentrifizierung von Kreuzberg. Einst herrschte hier, behauptet Uwe Rada, die sog. Kreuzberger Mischung, die friedliche Koexistenz von Punks und Rentnerinnen, Intellektuellen und Proletariat. Jetzt segregieren sich die Milieus, die Yuppies besiedeln die Gegend um die Bergmannstraße, die Ökos die Gegend um die Wrangelstraße, die Loser das Kottbusser Tor. Entsprechend gestalten sich die Mieten. Einst gab eine Bekannte ihre Wohnung im Wrangelkiez auf, weil das Treppenhaus anhaltend nach Pisse stank – jetzt könnte sie die Miete dieser Wohnung gar nicht mehr aufbringen.


Sonntag, 2. Dezember 12

Im Tagesspiegel berichtet Gunda Bartels über Arno Specht, Journalist, Fotograf und Pressesprecher von Tuttlingen, der Bücher über Ruinen und aufgelassene Orte in Berlin und Brandenburg veröffentlicht, den Teufelsberg, den Spreepark in Treptow, das leere Ballhaus in Grünau, Labors der Fabrik VEB Chromatron in Köpenick. Solche schönen Ruinen existieren nicht im Umkreis von Tuttlingen. Man kommt leicht rein, denn die Türen stehen offen. Der Fotograf verschweigt die Adressen, damit kein Besucherstrom die Romantik gefährdet. Es fehlt jede nostalgische Klage über die Schönheit des Einst und die Hässlichkeit des Jetzt.

Die Fotos zeigen ein Propagandabild der Roten Armee in einer aufgelassenen Sowjetkaserne, ein Treppenhaus mit Rundbögen und abblätternder Farbe und den Fotografen selber, uneingeschüchtert, ja kühn blickend, die Kamera in der Hand.


Donnerstag, 29. November 12

Lei Zhengfu, einst Parteisekretär in Dangiang, dann Chongjqing – schreibt Kai Strittmatter in der SZ – wurde jetzt abgesetzt, weil ein Videoclip zeigt, wie er, 54, im Jahr 2007 mit seiner 18-jährigen Geliebten ins Bett geht. Den Riss zwischen einst und jetzt brachten Chinas Blogger und Twitter zustande, die den Sexclip sogleich verbreiteten und kommentierten. Das Foto zeigt einen breit lächelnden Herrn im Anzug, weißen Hemd und Schlips, mit breitem Gesicht und einer breiten Stirn, die der Haarausfall noch vergrößert, bei einer Parteiversammlung vermutlich – igitt, empört sich das junge Ding, den stellt man sich eklig vor beim Vögeln mit einem jungen Ding, schon besser, dass er jetzt wenigstens kein Parteisekretär mehr ist.


Donnerstag, 22. November 12

In der taz berichtet Simone Schlindwein, wie in Goma, Demokratische Republik Kongo, Soldaten und Polizisten, die hier einst dem Regime von Joseph Kabila dienten, in den Dienst der Rebellenbewegung 23. März übertreten, die das Regime jetzt geschlagen hat. Allen voran Oberstleutnant Eric Mankesi, der gleichsam als oberster Überläufer der Zeremonie im Stadion von Goma vorsteht. Ein Foto zeigt eine Gruppe ernster Männer en face, symbolische Darstellung der geschlagenen Männer vor der Transformation; das zweite Foto zeigt den Oberstleutnant Mankesi, wie er lachend den Oberstleutnant Mirindi von der M23 umarmt, symbolische Darstellung des Übertritts.


Sonntag, 18. November 12

Im Tagesspiegel berichtet Christoph Stollowsky über den Protest gegen die Abschaffung der Gaslaternen in Berlin. Etwa 300 Bürger bildeten eine Menschenkette um das Amtsgericht Charlottenburg; schwarze Schleifen an den Laternenmasten, „Verlass uns nicht“, Transparente, „Gaslaternen mit Seele“. Für die Erhaltung des schönen Einst, das (wieder einmal) dem kalten und hässlichen Jetzt geopfert werden soll.
In der Falckensteinstraße in Kreuzberg dagegen demonstrierte die Umweltbehörde – vertreten durch Staatssekretär Christian Gaebler – an einem Modellprojekt, dass man den Unterschied zwischen Gasbeleuchtung und solcher durch Leuchtdioden (LED) gar nicht bemerkt. Die Laternen selbst sollen ja bleiben; die Technik verheimlicht den Unterschied zwischen Einst und Jetzt .


Freitag, 16. November 12

In der SZ schreibt Cathrin Kahlweit über Adolf Hitlers Geburtshaus in Braunau am Inn, Salzburger Vorstadt 15. Die öffentliche Aufmerksamkeit dafür wiedererweckt hat Franz Klinzewitsch, Abgeordneter der russischen Duma in Moskau, der in einem Zeitungsinterview verkündete, er würde das Haus kaufen, hätte er genug Geld, um es dem Erdboden gleichzumachen. Davon ausgehend referiert Cathrin Kahlweit die verschiedenen Schicksale des Hauses. Und dass Hitler anscheinend wenig Gefühl damit, überhaupt mit seiner Geburtsstadt verknüpfte.
Der Wunsch von Klinzewitsch – der unrealisierbar ist, weil das Haus als Teil eines Ensembles unter Denkmalschutz steht – macht Hitler, der einst dort geboren wurde, jetzt irgendwie präsent. Was niemanden so richtig überzeugt; die Geisterbeschwörung misslingt.
Ein großes Foto zeigt das Haus en face zur Hälfte; es steht augenscheinlich leer und schaut vergammelt aus (was Hitlers geisterhafte Präsenz bekräftigt). Ein kleines Bild reproduziert das bekannte Babyfoto von Hitler im Strampelanzug, fassungslos glotzend. Ein drittes – vom Führerfotografen Heinrich Hoffmann – zeigt Hitler dämonisch im Profil, dramatisch angeschnitten vor der Kirche in Braunau, die bekannte Mütze mit dem übergroßen Schirm, hochgeschlagener Mantelkragen.


Mittwoch, 14. November 12

Der Tagesspiegel zitiert dpa, die den Entwicklungsbiologen Gerald Crabtree von der Stanford University referiert: Seit seiner Zeit als einsamer Jäger und Sammler in der Wildnis hat der Mensch erheblich an Intelligenz eingebüsst. Mit dem Ackerbau und dem Zusammenleben in Siedlungen begann das Überleben weit weniger Intelligenz zu erfordern.
Und so weiter bis zur Globalisierung. Mehr gibt es dazu eigentlich nicht zu sagen.


Samstag, 10. November 12

In der SZ berichtet Kai Strittmatter über den 18. Parteitag der KP Chinas. Obwohl die Partei bekanntlich den Kapitalismus entfesselt, ein außerordentliches Wirtschaftswachstum und eine neue Klassengesellschaft kreirt hat (inklusive einer korrupten KP), erklärt der amtierende große Vorsitzende in seiner Grundsatzrede für Vergangenheit und Zukunft immerwährende Kontinuität. „Gemeinsam mit dem Marxismus-Leninismus, den Mao-Zedong-Gedanken, der Deng-Xiaoping-Theorie und den wichtigen Gedanken der ‚Drei Vertretungen‘ ist der ‚wissenschaftliche Ausblick auf die Entwicklung‘ die theoretische Richtschnur, der die Partei lange Zeit folgen muss.“
Was die Macht und die Weisheit der KP Chinas angeht, existiert nicht der geringste Unterschied zwischen Einst und Jetzt.


Freitag, 2. November 12

Im Tagesspiegel berichtet Thomas Loy über das restaurierte Jagdschloss Glienicke (nicht zu verwechseln mit dem berühmten Schloss Klein-Glienicke). Interessante Verhältnisse von Einst und Jetzt.
Der Bau aus dem 17. Jahrhundert wurde im 19. Jahrhundert gründlich umgestaltet, im Stil der Zeit historisierend. In den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts entkernte der Architekt Max Taut das Innere und setzte außen einen modernistischen Erker aus Glas und Stahl davor. Bei der Sanierung seit 2004 erwies er sich als gründlich verrottet. Es entstand eine kräftige, von der örtlichen CDU unterstützte Bürgerbewegung, die ihn überhaupt beseitigen und die historistische Fassade aus dem 19. Jahrhundert in toto wiederherstellen wollte.
Sie zielte also auf die restlose Wiederherstellung des Einst (wie immer man es datiert). Das Einst von Max Tauts Anbau – seinerzeit das Jetzt markierend – sollte spurlos verschwinden.


Mittwoch, 31. Oktober 12

Im Tagesspiegel schreibt Nikolaus von Festenberg über den neuen Rommel-Film, mit Ulrich Tukur in der Hauptrolle. Vielfältige Unterscheidungen zwischen Einst und Jetzt.
Einst war Erwin Rommel der Star unter Hitlers Generälen (und ein fanatischer Anhänger). Einst hätte er fast Nordafrika unter deutsche Kontrolle gebracht und von dort aus Palästina sowie die persischen Ölfelder erobert.
Jetzt soll er in Nordfrankreich die alliierte Invasion zurückschlagen. Er erkennt, wie aussichtslos dieser Kampf ist, aber er kann Hitler nicht für Friedensverhandlungen gewinnen. Jetzt nähert sich Rommel dem Widerstand gegen Hitler an. Das fliegt auf, und Rommel muss Selbstmord begehen, was das Regime kaschiert, besonders pompös durch ein Staatsbegräbnis.
Einst rechnete Rommel prominent zu den moralisch einwandfreien Repräsentanten der deutschen Wehrmacht (angeblich beging nur die SS die Verbrechen). Jetzt erkennt man seine Verstrickungen. Einst schmückte das Fernsehen solche Stoffe mit melodramatischen Erfindungen privater Konflikte aus. Jetzt erzählt es die Geschichte straight.
Das Foto zeigt Ulrich Tukur, wie er Adolf Hitler (Johannes Silberschneider), der sich mit beiden Händen auf den Kartentisch stützt, die Kriegslage erläutert. Daneben steht steif Hanns Zischler mit Hitlerbärtchen (Wilhelm Keitel). Man hat die Fotos im Kopf, wie das einst im Original aussah.


Dienstag, 30. Oktober 12

In der SZ berichtet Christian Zaschke über die Verhaftung von Gary Glitter (Paul Gadd), einst Rockstar der siebziger Jahre, wegen sexuellen Kindesmissbrauchs. Viele von seinesgleichen fühlen sich deshalb jetzt in Gefahr, als Pädophile enttarnt zu werden. Einen von ihnen, Jimmy Savile, letztes Jahr mit 84 verstorben, Moderator der ruhmreichen BBC-Show „Top of the Pops“ und vielfach geehrter Wohltäter, erkennt man inzwischen als besonders raffinierten Sexualverbrecher. So pflegte er als Gönner des Stoke Mandeville Hospitals nächtens die Station für Kinder mit Wirbelsäulenverletzungen, zu der er den Schlüssel besaß, aufzusuchen und sich an den bewegungsunfähigen Patienten gütlich zu tun. Er brachte es in seiner Karriere bis zur persönlichen Freundschaft mit Margaret Thatcher – jetzt wurde sein Grabstein in Scarborough geschleift und das Grab anonymisiert.

Jetzt gerät aber auch die BBC insgesamt, einst Inbegriff von Respektabilität und journalistischer Qualität, in Verruf, weil sie die sexualverbrecherischen Protagonisten des Britpop, die sie einst bedenkenlos förderte, nicht rechtzeitig selber entlarvte.


Dienstag, 22. Oktober 12

In der SZ berichtet Marius Nobach über eine Tagung der Internationalen Heinar-Kipphardt-Gesellschaft. Anlässlich seines 30. Todestages will sie die Aktualität des Dramatikers, der vor allem dem sog. Dokumentartheater verpflichtet war und gänzlich in Vergessenheit geriet, erweisen; einst machte ihn vor allem sein Stück „In der Sache J. Robert Oppenheimer“ bekannt. Drei Tage lang widmeten sich jetzt in den Münchner Kammerspielen Publikum und Vortragende subtilen literaturwissenschaftlichen Analysen.

Über das Einst herrscht kein Zweifel, der Theatermann Heinar Kipphardt war einflussreich und berühmt. Das neue Jetzt, das ihn wieder in die Präsenz ruft, ist aber erst in Arbeit. Literaturwissenschaft, hätte unsere Freundin Jutta gespottet, ist doch bloß was für Tote.

Das briefmarkengroße Foto zeigt einen dicken, leicht verschwitzten Kopf. Haar- und Barttracht verweisen klar auf die sechziger, siebziger Jahre.


Samstag, 20. Oktober 12

In der Berliner Zeitung schreibt Thomas Klein über US-Fernsehserien. Einst, in den siebziger Jahren, griffen Formate wie „Lou Grant“ (Enthüllungsjournalist, gespielt von Edward Asner) und „Eine amerikanische Familie“ und „Roots“ mutig und direkt in den Alltag und die Zeitgeschichte ein – jetzt verabschiedet sich HBO, einst, um die Jahrtausendwende, Avantgarde mit Serien wie „The Sopranos“ und „Six Feet Under“, von solchen sozialkritischen Serien. Stattdessen Spektakel wie „True Blood“ oder „Game of Thrones“. Will man sich einem konservativen Präsidenten Romney andienen? „Lou Grant“ wurde 1982 abrupt eingestellt nach heftiger Kritik an der Außenpolitik von Präsident Reagan. –

Früher war alles besser, hätte unsere Freundin Jutta gespottet. Da verklärt sich sogar ein Dreck wie „Lou Grant“ zum Vorläufer von „The Sopranos“.


Freitag, 19. Oktober 12

In der SZ berichtet Hans Holzhaider über den Fall Heinrich Scholl, 69. Einst war er ein Star der ostdeutschen SPD; Fotos zeigen ihn strahlend mit Bundeskanzler Gerhard Schröder, mit Finanzminister Hans Eichel, inmitten des ersten Kabinetts von Angela Merkel. Lange Jahre agierte Heinrich Scholl erfolgreich als Bürgermeister von Ludwigsfelde, er wurde mehrfach wiedergewählt. Er sorgte für neue Industrieansiedlung, damit die Stadt südlich von Berlin nicht im Einst der DDR versinke.

Aber jetzt steht Heinrich Scholl vor Gericht. Ende Dezember 2011 soll er seine Ehefrau, 67, bei einem Waldspaziergang ermordet haben. Von hinten mit einem Schnürsenkel erdrosselt, eine Plastiktüte über den Kopf gestülpt, halb entblößt und mit Moos und Gras abgedeckt. Ebenfalls erwürgt habe er den Cocker-Spaniel, mit dem Frau Scholl im Wald spazieren zu gehen pflegte.

Das Foto zeigt Heinrich Scholl jetzt, in Gesellschaft seines Verteidigers. Im grauen Jackett mit Nadelstreifen, mit schwarzem Hemd und ohne Schlips. Das graue Haar feucht gescheitelt. Ernsthafter, sorgenvoller Gesichtsausdruck (keine Spur des einstigen Strahlens): seiner jetzigen Situation angemessen.


Freitag, 12. Oktober 12

Im Berlinteil der taz porträtiert Ulrike Heitmüller Michael Marek, 58, der mit 18 ein gewalttätiger Rocker war, per Motorrad eine alte Frau tot fuhr und für vier Jahre im Gefängnis saß. Jetzt nennt er sich Ritter Michael der Löwe und betreibt seit zehn Jahren in Dahlewitz – südlich von Berlin – eine sog. Gralsfamilie, die sich um gute Werke bemüht, Müllbeseitigung, Rodungen, Ausritte zu Pferd, Spiele.

Die Wandlung von Einst zu Jetzt soll die von Böse zu Gut sein. Und ist zugleich die von Wirklichkeit (Rocker in Kreuzberg) in Schein (Ritter in Dahlewitz), wobei die Ritterexistenz nicht mit der Wirklichkeit in Konflikt liegt.

Das Foto zeigt Michael Marek im Kostüm, auf Waldboden kniend, mit gesenktem Kopf und geschlossenen Augen (betend).

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