Gesund oder krank

Michael Rutschky

Freitag, 9- September 16
Während die eigentlichen Sommermonate in puncto Wetter durchwachsen waren, berichtet Ralf Nestler im Tagesspiegel, imponiert der September durch Sonne, schöne Wärme, Trockenheit, was die Bürger genießen. (Das Foto zeigt einen Mann im Park, der genießerisch seinen nackten Oberkörper der Sonne darbietet.) Noch kann man nicht sagen, dass dieser September der wärmste der aufgezeichneten Wettergeschichte sei; am 3. September 1911 maß man in Jena 36,5 Grad, und auch in den Jahren 1947, 1949 und 1953 herrschten im September Sommertemperaturen.
Aber die Hitze in diesem Jahr macht bereits der Landwirtschaft zu schaffen; die Ernte beginnt früher, und die Erträge schrumpfen. Die Elbe musste an verschiedenen Stellen für den Güterverkehr gesperrt werden wegen allzu niedriger Wasserstände. In Brandenburg und in Sachsen-Anhalt drohen Waldbrände.

Samstag, 7. Mai 16
Bei einer Umfrage gaben 80 Prozent der Vegetarier und Veganer an, berichtet Stefan Sauer in der Berliner Zeitung, dass sie wegen ihrer Gesundheit auf den Verzehr von Fleisch verzichten. Das Angebot an sog. Fleischersatzprodukten steigt ständig; im Jahr 2015 brachten es diese Produkte auf einen Gesamtumsatz von 454 Millionen Euro.
Aber die Experten warnen davor, diese Ersatzprodukte dauerhaft zum Hauptnahrungsmittel zu machen. Die Herstellung ist sehr aufwändig; bei Soja verlieren dabei die Vitamine und die Mineralstoffe, auf die es den Essern so dringend ankommt, ihre Wirksamkeit für die Ernährung. Außerdem kommen künstliche Zusätze wie Geschmacksverstärker, Aromastoffe und Konservierungsmittel zur Anwendung, weshalb man die Produkte nicht mehr als natürlich qualifizieren kann. Andere Untersuchungen ergeben überhöhte Gehalte an Fett, Salz und gesättigten Fettsäuren und an chemischen Verdickungsmitteln.
Und ein zweites Argument, dass die Vegetarier und Veganen zur Rechtfertigung anführen, dass ihre Ernährungsweise die Tierwelt schont, muss angezweifelt werden: Viele Fleischersatzprodukte enthalten, etwa um Wurstqualität vorzutäuschen, Eiklar – das massenhaft bei der Käfighaltung von Hühnern gewonnen wird.

Donnerstag, 28. April 16
2005 unternahm eine Delegation der Schüler-Union Berlin – Jugendorganisation der CDU – eine Reise nach Riga, berichtet Sabine Beikler im Tagesspiegel, und dabei wurden Videoaufzeichnungen gemacht, die junge Männer mit Naziabzeichen zeigen, wie sie Nazisprüche grölen. 2008 gelangten diese Aufnahmen zu ersten Mal an die Öffentlichkeit; jetzt publizierten die Bild-Zeitung und die B.Z. sie erneut.
2008 zogen Danny Freymark, Lukas Krieger und Christian Brzezinski sofort die Konsequenzen und verließen für einen gewissen Zeitraum die Partei. Jetzt kandidieren alle drei für die Wahlen zum Abgeordnetenhaus. Sie äußern Reue, und es gibt keine Gründe, an ihrer Aufrichtigkeit zu zweifeln. Mike Samuel Delberg, Repräsentant der jüdischen Gemeinde Berlin, bezeugt ihr Engagement für die Gemeinde und für den Staat Israel.
Sie haben sich also von der kurzfristigen Nazi-Infektion erholt, hätte unsere Freundin Jutta gespottet, und sind wieder kerngesund.

Montag, 11. April 16
Am Wochenende fand im FEZ, Wuhlheide – berichtet Marisa Janson im Berlinteil der taz – die Messe Rohvolution statt, wo man Grünkernburger, ultravitaminreiche Smoothies und sog. Naturkosmetik vorgeführt bekam. Wer die Strahlung seines Handys fürchtet, konnte sie für 20 Euro beseitigen lassen (Sonderpreis); dasselbe beim Laptop kostete 45 Euro. Für 4599 Euro bekommt man Lebensenergie in die Wasserversorgung zuhause gespeist, was für 15 Jahre hält. Man kann sein Daheim auch vollständig gegen schädliche Erdenergien abschirmen lassen, die Entzündungen, Krebs und Kinderlosigkeit verursachen.
In dieser Form Gesundheit zu erstreben, sinniert der Anthropologe, ist krank, Eine bekannte Dialektik.

Montag, 21. März 16
In Ostrach-Hahnennest, Baden-Württemberg – berichtet Bernward Janzig in der taz – erproben Bauern den Anbau von Durchwachsener Silphie, um den Mais als Energiepflanze zu ersetzen. Anders als der Mais, der – krank – stark auf Unkrautvernichtungsmittel angewiesen ist, kommt die Silphie ohne dieselben aus; sie verbreitet sich auch nicht invasiv, sondern bleibt im Lande und ernährt sich redlich vom Zuhandenen (gesund). Sie blüht reichlich ab Juli, was den Honigbienen nützt (gesund); sie muss nicht jährlich neu gesetzt werden wie der Mais, krank, weil es viel Arbeit und Maschineneinsatz fordert. Ab dem zweiten Jahr braucht sie keinen Kunstdünger mehr.

Dienstag. 8. März 16
Das Pflanzenschutzmittel Glyphosat, berichtet Sarah Kramer im Tagesspiegel, wird weltweit wie in der Bundesrepublik am häufigsten eingesetzt, in der Landwirtschaft wie in privaten Kleingärten. Vor allem der Chemiekonzern Monsanto produziert Glyphosat; Monsanto erwirtschaftet damit ein Drittel seines Umsatzes. Von dem Konzern beauftragte Gutachter haben behauptet, Glyphosat zeitige keinerlei gesundheitlichen Schäden beim Menschen. Zu demselben Urteil kommen aber auch unabhängige Gutachter. Andere meinen bewiesen zu haben, dass das Pflanzenschutzmittel mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit beim Menschen Krebs erzeugen könne. Jetzt müssen die EU-Mitgliedstaaten darüber entscheiden, ob Glyphosat, weil gesund, weiterhin in Europa eingesetzt werden darf; oder ob Glyphosat, weil es krank macht, verboten gehört.

Donnerstag, 4. Februar 16
In Bayern geht die Zahl der Krebserkrankungen weiter zurück, meldet dpa. 2013 waren es 67 500, 2012 waren es noch 68 300, und 2011 kam es zu 69 500 Krebsfällen. 2010 erkrankten sogar 71 200 Personen. Allerdings stiegen bei Frauen die Fälle von Lungenkrebs von 2008 im Jahr 2011 auf 2128 im Jahr 2012, und die Gesundheitsministerin Huml hält deshalb an den dringenden Warnungen vor Tabakkonsum fest. –
Bayern wird also immer gesünder, hätte unsere Freundin Jutta gespottet, das ist ja krank. Da machen nur die Frauen Hoffnung, die strikt am Rauchen festhalten.

Freitag, 8. Januar 16
Neueste Forschungen haben im Magen der „Ötzi“ genannten Feuchtmumie, berichtet Jana Schüttler im Tagesspiegel, das Bakterium Heliobacter pylori nachgewiesen. Sein Magen war lange unzugänglich, weil er hinter den Dünndarm rutschte, als der Mann vor 5300 Jahren in den Tiroler Alpen, von einem Pfeil getroffen, abstürzte. Er starb an inneren Blutungen.
Er war um die 50 Jahre alt. Er litt, wie die Forscher herausfanden, an einer Borrelieninfektion und an abgenutzten Zähnen, Bandscheiben und Gelenken; an Gallensteinen, Laktoseintoleranz und Arteriosklerose. Dabei muss er als gesund gelten; seine Lebenserwartung betrug noch zehn bis zwanzig Jahre. Bevor ihn der Pfeil traf, hatte er Brot, Apfel, Hirsch- und Steinbockfleisch sowie Speck verzehrt. Er war in den Tiroler Alpen von 2500 auf 3210 Meter Höhe gestiegen.
Mühe macht jetzt seine Konservierung: um den Zerfall auf das Äußerste zu verlangsamen, muss er immer wieder überfroren werden. Das schränkt die Untersuchungsmöglichkeiten ein. –
Dass er sich überhaupt so lange erhalten hat – sinniert der Anthropologe – verleiht ihm eine höhere, symbolische Gesundheit, welche Schäden auch immer diagnostiziert werden.

Mittwoch, 30. Dezember 15
Seit zwölf Jahren findet im Schwuz zu Neukölln – berichtet Daniel Kister im Berlinteil der taz – alle zwei Monate eine Schlagerparty statt, bei der die Teilnehmer, hauptsächlich Männer, mitsingen, tanzen und sich sukzessive entkleiden. Es kommt regelmäßig zu Geschlechtsverkehr, aber der ordnet sich, so DJ Jupiter, der Veranstalter, immer wieder gern dem Musikgeschehen unter. „Wenn mir während des Fickens eine Schlagerzeile durch den Kopf geht und ich mitsingen will“, erklärt ein 33-jähriger Stammgast, „ist das schon sehr herausfordernd.“ Ein 63-jähriger Stammgast kritisiert die Teilnehmer, welche die Prioritäten umkehren, als Spießer. Sie widmen sich den Geschlechtsfreuden viel zu mechanisch, als würde ein Porno gedreht.

Montag, 28. Dezember 15
Schwärme von Staren kommen im Winter über die Stadt Rom, berichtet Paul Kreiner im Tagesspiegel, man spricht von vier Millionen. Vor allem am Abend findet die Invasion statt – tagsüber suchen die Vögel Nahrung in der Landschaft ringsum – und das Schauspiel, das die sich unablässig wandelnden Formen der Schwärme im Himmel bieten, ist von großer Schönheit und erfreut die Touristen.
Anderseits verschmutzt der massenhaft anfallende Vogelkot die Stadt erheblich. Er verätzt den Lack der Autos, die im Freien parken; die Gehsteige werden glitschig und stinken; in manchen Gegenden braucht man unbedingt beim Ausgang einen Schirm. Am Heiligabend musste eine Durchgangsstraße teilweise gesperrt werden, weil Regen den Vogelkot in einen rutschigen Film verwandelte, auf dem Moped- und Motorradfahrer sich nicht aufrecht halten konnten.

Dienstag, 1. Dezember 15
In den neunziger Jahren, berichtet Nadine Zeller in der SZ, verliehen die amerikanischen Wissenschaftler Pawel und Margaret Jastreboff dem Phänomen den Namen Misophonie: der Überempfindlichkeit – die sich bis zu Wut- und Hassausbrüchen steigern kann – mit der manche Menschen auf Geräusche reagieren, die anderen überhaupt entgehen, schmatzen, schlürfen, mit den Fingern trommeln, das Klicken, wenn man den Kugelschreiber ein- oder ausfährt. Manche Forscher meinen, dass die Zahl derer, die an dieser idiosynkratischen Überempfindlichkeit leiden, die Zahl der Misophoniker zunehme. Es findet unter den Forschern auch eine Diskussion darüber statt, ob Misophonie als Krankheit (oder bloß als Wahrnehmungsstörung) zu klassifizieren ist. Die Psychologin Petra Bühler, Frankfurt am Main, sieht die Grenze zur Krankheit überschritten, wenn der Misophoniker sein Verhalten anpasst: wenn die Tochter beispielsweise nicht mehr zusammen mit den Eltern essen kann, weil das Schmatzen von Vater/Mutter ihr vollkommen unerträglich geworden sind.
Aber das ist doch vollkommen gesund! empört sich das junge Ding. Wenn man seine Eltern am Ende unerträglich findet.

Mittwoch, 25. November 15
In der SZ referiert Werner Bartens eine neue, sehr gründliche Metastudie, die Forscher der Universität Roskilde angefertigt haben: wie erfolgreich Ritalin und die vergleichbaren Medikamente den Aufmerksamkeitsmangel und die Hyperaktivität von Kindern und Jugendlichen bekämpfen.
Berücksichtigt wurden 12 000 Probanden – und die Forscher bleiben skeptisch, ob die Medikamente wirklich die versprochene Wirkung zeitigen. 72 der 185 ausgewerteten Studien wurden von der Pharmaindustrie gesponsert, verfallen also sogleich dem Misstrauen. Auf einer Skala von 0 bis 72 Punkten wurde die Wirkung der Medikamente von den Experten nur mit 9,6 Punkten bewertet. Auf einer anderen Skala – von 0 bis 100 Punkten – stufen Eltern und Kinder die klinische Relevanz der Medikamente mit sieben Punkten ein. Außerdem zeigen sie Nebenwirkungen, vor allem Schlafstörungen und Appetitlosigkeit. –
Sag ich doch die ganze Zeit! hätte unsere Freundin Jutta gespottet. Aufmerksamkeitsmangel und Hyperaktivität charakterisieren gesunde Kinder und Jugendliche. Sie setzen sich mühelos gegen Ritalin und dies ganze Zeugs durch.

Montag, 7. September 15
Das Gesundheitszentrum Tanzheimat in Inzmühlen bei Handeloh, Lüneburger Heide – berichtet Peter Burghardt in der SZ – wurde am Wochenende von einer Gruppe aus Ärzten, Heilpraktikern und Homöopathen genutzt, die schon am Samstag auffällig wurden, weil sie schwere Vergiftungserscheinungen, vermutlich durch Drogen verursacht, zeigten: Sie torkelten unansprechbar über das Gelände. Vermutlich hatten sie 2 C-E, genannt Aquarust, verkostet, das zu einer Abenteuerreise in die eigen Seele verhelfen soll.
150 Helfer kamen mit Polizeiautos, Rettungs- und Feuerwehrwägen, um den Naturmedizinern bei ihren Halluzinationen und Angstzuständen beizustehen, das Herzrasen, die Atemnot und die Krämpfe zu lindern. Sie wurden ins Krankenhaus transferiert, wo sie schon am Sonntag ausgenüchtert waren. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz.
Sie werden sich darauf rausreden, hätte unsere Freundin Jutta gespottet, dass Medikamente, die in der Zukunft ihre segensreiche Wirkung erweisen, zunächst einmal als Gifte mit schlimmen Folgen in Erscheinung treten.

Mittwoch, 19. August 15
Neuesten Studien zufolge – 13 000 Kinder und Jugendliche im Alter zwischen einem und 17 Jahren wurden exploriert – leiden 0,9 Prozent in Deutschland an Zöliakie, berichtet Werner Bartens in der SZ. Zöliakie ist eine Allergie gegen das Gluten in Weizen und anderen Getreidesorten, die zu Bauchschmerzen und Verdauungsstörungen und schwereren Erkrankungen führen kann. Andere Studien widmen sich der sog. Gluten-Sensitivität, zu der sich beispielsweise sechs Prozent der Amerikaner bekennen (während 0,6 Prozent an Zöliakie leiden). Die Gluten-Sensitivität hat allen Forschungen zufolge nichts mit Gluten selber zu tun; es handelt sich um keine abgeschwächte oder Vorform der Zöliakie, sondern um eine Angelegenheit der Imagination.
Da fragt man sich natürlich, hätte unsere Freundin Jutta gespottet, ob es sich bei dieser Sensitivität um ein Zeichen von Gesundheit oder von Krankheit handelt.

Mittwoch, 5. August 15
Der Guru von Lonnerstadt, der sich selbst vor Gericht als Lehrer der zeitlosen Wahrheit bezeichnete – berichtet Katja Auer in der SZ – wurde samt seiner Lebensgefährtin jetzt vom Bundesgerichtshof endgültig verurteilt. Das Urteil des Landgerichts Nürnberg-Fürth gilt, drei Jahre Haft wegen schwerer Misshandlung von Schutzbefohlenen. Der Guru hatte dem Sohn seiner Lebensgefährtin, der an Mukoviszidose litt, alle von der Schulmedizin verordneten Medikamente einzunehmen untersagt; stattdessen Meditation und Fasten, mit 18 Jahren werde er geheilt sein. Der Junge floh zu seinem Vater und kam wieder in ärztliche Behandlung; er wog nur noch 30 Kilo und litt an schweren Lungenschäden.

Donnerstag, 16. Juli 15
Marlene Mostler (CSU), die Drogenbeauftragte der Bundesregierung – berichtet Rainer Woratschka im Tagesspiegel – fordert von den Kinder- und Jugendärzten der Republik, dass sie Symptome von Computerspielsucht und Medienabhängigkeit schärfer registrieren.
Eine nichtrepräsentative Studie in Nordrhein-Westfalen hat ergeben, dass 60 Prozent der Neun- bis Dreizehnjährigen keine halbe Stunde ohne PC oder TV verbringen können. 40 Prozent der Dreizehnjährigen leiden an Lern- und Konzentrationsstörungen; das Lesen von Büchern kommt dramatisch zu kurz. Der aktuelle Drogenbericht rechnet mit einer halben Million Internetabhängiger in Deutschland, das ist ein Prozent der Gesamtbevölkerung; zweieinhalb Millionen gelten als gefährdet. Bei den 14- bis 16-Jährigen sind es aber schon vier Prozent, wobei Geschlechtsunterschiede nur insofern schneiden, als Mädchen sich auf die sozialen Netzwerke konzentrieren, die Jungs dagegen auf Computerspiele.
Warum lobt die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, hätte unsere Freundin Jutta gespottet, die Kinder und Jugendlichen nicht einfach dafür, dass sie sich so früh und so umfassend Computer-, TV- und Internetkompetenz erwerben?

Sonntag, 6. Juli 15
Die Wechseljahre machen 30 Prozent der Frauen leiden, berichtet Daniela Martens im Tagesspiegel, Schlafstörungen, Stimmungsschwankungen, Depressionen, Hitzewallungen. Man fühlt sich krank. Aber die Medikamente, welche die Symptome beseitigen sollen, können noch stärker krank machen. Silke Behrens (Name geändert) versuchte es mit einem Extrakt von der Traubensilberkerze. „Es hat mich total zusammengehauen. Ich hatte plötzlich schlimme Blutungen, fühlte mich furchtbar.“ Lange Zeit verabreichten die Ärzte Hormonpräparate. Aber 2002 enthüllte eine Langzeitstudie in den USA, dass Frauen wegen der Hormongaben leichter an Brustkrebs erkrankten; auch traten leichter Schlaganfälle auf. Allerdings sind die Ergebnisse nicht eindeutig: von 1000 Frauen, die Hormonpräparate nahmen, erkrankten neun im Laufe eines Jahres an Brustkrebs; bei Frauen, die keine nahmen, waren es sechs. „Östrogene können das Wachstum manche Tumore anregen“, erklärt der Gynäkologe Christian Albring, „doch sie verursachen keinen Krebs.“
Weiblichkeit, hätte unsere Freundin Jutta gespottet, ist eben selber eine Krankheit.

Samstag, 13. Juni 15
Der Historiker Nils Franke hat im Auftrag des rheinland-pfälzischen Umweltministeriums eine Studie über Naturschutz und NS angefertigt, berichtet Andreas Speit in der taz. Ein gewisser Werner Bauch hat ausführliche Planungen zur Einbettung von Auschwitz in die Landschaft entwickelt, Planungen, die von Heinrich Himmler und dem Lagerkommandanten Höß begrüßt wurden. Ein gewisser Alwin Seifert erwarb sich Verdienste um die Einbettung der Autobahnen – als NS-Prestigeprojekt – in die deutsche Landschaft. Ein gewisser Werner Hirsch arbeitete an der landschaftlichen Gestaltung des sog. Westwalls als „grüner Wehrlandschaft“. Diese Männer setzten nach Kriegsende ihr Karrieren in den entsprechenden Organisationen fort, in der BRD ebenso wie in der DDR.

Donnerstag, 11. Juni 15
Der Gerichtspsychiater Norbert Nedopil hat ein langes Gespräch mit Beate Tschäpe geführt, berichtet Konrad Litschko in der taz. Ihre Verteidigungsstrategie, während der Verhandlung grundsätzlich zu schweigen, strengt sie extrem an. Sie fühle sich am Ende; den Gerichtssaal erlebe sie als Kriegsgebiet; sie sei kaum noch imstande, ihre Mimik zu beherrschen. Sie leide an Konzentrationsstörungen, Müdigkeit, Erbrechen. Dazu Röschenflechten.
Und ich dachte immer, sinniert das junge Ding, nichts sei gesünder als dauernd den Mund halten!

Sonntag, 31. Mai 15
Auf das gesündeste entwickelt sich, berichtet Stefan Jacobs im Tagesspiegel, seit 15 Jahren der Naturpark Südgelände in Berlin-Schöneberg. Ehemals ein Güterbahnhof – in der riesigen Lokhalle werden demnächst Carl Orffs „Carmina burana“ aufgeführt. Dahinter wuchern auf dem Fundament von Betontrümmern Wildrosensträucher, Holunderbüsche, Birken und Moos. Besondere Aufmerksamkeit richtet sich bei jeder Führung durch den Park immer wieder auf den prachtvollen Ahornbaum, der direkt aus der verfallenen Schwelle eines Gleises wächst – der Same hatte irgendwann diese Stelle zum Siedeln gefunden. Schön verrotten Infrastrukturelemente des ehemaligen Bahnhofs, hier eine stählerne Wasserpumpe, dort ein Weichenstellhebel – drüben steht eine leibhaftige Lok herum. In der Lokhalle siedelt auch die Künstlergruppe Odious, die regelmäßig durch Reparaturen das Stahlgerüst des Wasserturms am Einstürzen hindert und mit ihren Kunstwerken die strotzende Wildnis möbliert.

Dienstag, 21. April 15
Die sog. VW-Autostadt in Wolfsburg betreibt insgesamt zehn eigene Restaurants, berichtet Bernhard Honnigfort in der Berliner Zeitung. Sie werben zur Zeit für ihr Angebot in gesunder Ernährung, „vital, vegetarisch, vegan“. Fleischkonsum bringe Gesundheitsrisiken mit sich, die Landwirtschaft erzeuge Umweltschäden, Treibhausgase, intensiver Ressourcenverbrauch. Werner Hilse, Funktionär des niedersächsischen Bauernverbandes, hat einen Protestbrief geschrieben. Besonders empört ihn, dass ausgerechnet die Autoindustrie die Landwirtschaft beschuldigt, Umweltschäden hervorzurufen.

Freitag, 17. April 15
In der SZ referiert Matthias Drobinski eine Studie, für die Eckhard Frick SJ 8600 Priester und andere katholische Seelsorger über ihre Lebenszufriedenheit befragt hat (macht es gesund, zur seelischen und religiösen Gesundheit anderer Leute beizutragen?).Die Lebenszufriedenheit dieses Personals ist insgesamt hoch; ein Drittel verfügt über starke Reserven für schwierige Problemlagen, und nur 14 Prozent fürchten sich vor einem Burn-out (schwere Depression). Zwei Drittel der Priester wissen positive Erfahrungen mit der Ehelosigkeit zu berichten, ein Drittel allerdings klagt. Leichter haben es jene Priester, die intensive Freundschaften pflegen können.
Wußt‘ ich’s doch die ganze Zeit, spottet Onkel, der alte Hagestolz, unsereins lebt mehrheitlich auf der sicheren Seite. Schon eine wöchentliche Skatrunde ersetzt den Ehestand vollständig.

Samstag, 28. März 15
In dem Lokal Daluma am Weinbergsweg in Mitte, schreibt Tina Hüttl in der Berliner Zeitung, kann man, wenn man es am Sonntagmorgen zum Frühstück aufsucht, zugleich die Gesundheitssünden des Samstagabends, Alkohol, Chips, Burger, abbüßen. Sie trank zur Eröffnung einen Green Giant Smoothie, ein Riesenglas grüner Flüssigkeit, die sich aus Spinat, Papaya, Trauben, Petersilie, Spirulina-Algen und Minze zusammensetzt. Ihr Begleiter, an einer Halsentzündung leidend, trank Burning Man, ein Gläschen mit Ingwer, Zitrone, Cayenne-Pfeffer und Oregano-Öl. Er verspürte keine heilsame Wirkung. Dann verzehrten sie ein Kokos-Joghurt mit einer Caju-Acerola-Mischung, respektive ein probiotisches Müsli mit Acai und Beeren. Schließlich aß Tina Hüttl noch ein Mittagsgericht, Quinoa mit rohen Champignons, Sprossen, Salat und einer Sauce aus Mandelbutter, Limetten, Leinöl und Ingwer. Wenigstens schmeckte ihr das ausgezeichnet.
Nach der italienischen, sinniert der Anthropologe, dringt die chinesische Küche hierzulande ein. Die Lebensmittel sollen nicht einfach der Ernährung dienen und Wohlgeschmack erzeugen, sie sollen medizinische Wirkung tun.

Freitag, 20. März 15
Die Sängerin und Filmschauspielerin Liza Minelli, 69 Jahre alt – zitiert der Tagesspiegel dpa – lässt melden, dass sie eine Entzugsklinik aufgesucht hat. „Im Augenblick macht sie großartige Fortschritte“, erklärte ihr Pressemann, „Minelli hat jahrelang tapfer gegen Drogenmissbrauch gekämpft und – wann immer sie eine Behandlung benötigte – diese auch in Anspruch genommen.“ Jedenfalls hat sie sich in all den Jahren immer wieder ausgiebig über ihre Suchtkrankheiten geäußert.
Sie geht mit diesen Krankheiten, hätte unsere Freundin Jutta gespottet, also auf äußerst gesunde Weise um.

Mittwoch, 11. März 15
Besonders hartnäckige Gesundheit zeichnet das Mycobacterium tuberculosis aus, berichtet Adelheid Müller-Lissner im Tagesspiegel, wenn es Menschen aus Osteuropa besiedelt; dann leistet es den Medikamenten, die gegen die Tuberkulose eingesetzt werden können, lange erfolgreich Widerstand. Eine Studie diskutiert 39 Fälle, die zwischen 2008 und 2013 auftraten, und nur einer stammte aus Deutschland (ohnedies gedeiht die Tuberkulose in Osteuropa besser). Allerdings verfeinern die Ärzte im Klinikum Emil von Behring, Berlin-Zehlendorf, unablässig ihre Methoden, das kerngesunde, multiresistente Mycobacterium tuberculosis aus dem Osten (beispielsweise Tschetschenien) auszuschalten.

Montag, 2. März 15
Am Wochenende fand in Bremen ein Großeinsatz der Polizei statt, berichtet Reimar Paul in der der taz. Mannschaftswagen mit bewaffneten Beamten kontrollierten die Innenstadt, Polizisten sicherten den Hauptbahnhof und die Synagoge. Zwei Männer wurden festgenommen, inzwischen aber wieder freigelassen. Ein libanesischer Staatsbürger wurde verdächtigt, Schusswaffen besorgt zu haben, die bei einem salafistischen Attentat hätten verwendet werden können. Keine Befürchtung erfüllte sich, und der Einsatz wurde vermindert – aber keineswegs abgebrochen.
Das ist doch krank! schimpft das junge Ding, immer gleich das Schlimmste zu befürchten! – Nein, das ist wie bei einer Infektion, widerspricht Onkel, alle Abwehrkräfte müssen sich sofort am Gefahrenherd versammeln.

Freitag, 23. Januar 15
Vergangenes Jahr kehrte Andrzej S., knapp 18, aus Kirgisistan nach Neukölln zurück, berichtet Timo Kather im Tagesspiegel. Das Jugendamt hatte ihn verschickt, weil er eine Karriere als Intensivtäter gestartet hatte, Diebstähle, Raubüberfälle, Körperverletzung. Er war erst zwölf. Er stammt aus einer Chaosfamilie, die 2008 aus Polen zugewandert war, häusliche Gewalt, sexueller Missbrauch. Weil keine Spezialeinrichtung für jugendliche Intensivtäter ihn aufnehmen wollte, kam er nach Kirgisistan, wo er fünf Jahre bei einer Bauerfamilie lebte, ohne Straftaten zu begehen, Russisch lernte, sich eine Freundin zulegte, einen Schulabschluss ins Auge fasste. Aber er litt an Heimweh. Nach Neukölln zurückgekehrt, ging es mit der Kriminalität gleich wieder los. Jetzt verurteilte ihn das Gericht zur Einweisung in die geschlossene Abteilung der Psychiatrie.
Sag ich doch die ganze Zeit, murrt Onkel, der alte Reaktionär. In der Steppe bei den Bauern wird man gesund – in der großen Stadt wird man verrückt und kommt gleich in die Klapse.

Mittwoch, 14. Januar 15
Seit 25 Jahren belästigt ein Stalker, berichtet Jannis Brühl in der SZ, den Dortmunder Bürger Uwe Kisker, 54. Das Foto zeigt einen Mann mit Bauch, im karierten Hemd, der angestrengt in ein Mikrophon spricht, das er in der Hand hält. Er macht den Moderator für einen Dortmunder Fernsehsender. Der Stalker meldet sich per Telefon, Mail oder SMS mit verschiedenen Verwünschungen und Beleidigungen. Am Telefon schweigt er seit Langem. Anfangs gab er als sein Anliegen zu Protokoll, er wolle Tina. Das ist die Frau von Uwe Kisker, und sie reimten sich die Geschichte so zusammen: Der Stalker habe sich als Teenager in Tina verliebt und komme nicht davon los. Ein Fall von Amour fou, seit 25 Jahren unverändert.
Krank! schwärmt das junge Ding, eindeutig krank.

Donnerstag, 27. November 14
Ihre Arbeit in der Stadt macht die Polizisten krank, referiert Andreas Kopietz in der Berliner Zeitung eine Untersuchung der Freien Universität. 941 Beamte in Neukölln und in Friedrichshain-Kreuzberg wurden befragt: 87 Prozent klagen über mangelnde Anerkennung; 36 Prozent würden gern die Dienststelle wechseln; 15 Prozent zeigen Burn-out- und 23 Prozent Symptome von Depression oder Angstneurose. 44 Prozent leiden an Schlafstörungen, 39 Prozent an Nacken- und Schulterschmerzen, 34 Prozent an Rückenschmerzen, und 24 Prozent haben Probleme mit den Augen.
Sag‘ ich doch die ganze Zeit, triumphiert das junge Ding: Polizei abschaffen! Das wäre auch für die Polizisten selber die gesündeste Lösung.

Mittwoch, 26. November 14
Vor dem Europaparlament in Straßburg, berichtet Javier Cáceres in der SZ, hat Papst Franziskus eine Bußpredigt gehalten, in der er Europa als krank, müde und pessimistisch charakterisiert. Als die am meisten verbreitete Krankheit diagnostizierte er die Einsamkeit: „Das wird speziell sichtbar bei den alten Menschen, die oft ihrem Schicksal überlassen sind, wie auch bei den Jugendlichen, die keine Bezugspunkte und keine Zukunftschancen haben.“
Wie sich der Papst ein gesundes Europa vorstellt, hätte unsere Freundin Jutta gespottet, möchte ich mir nicht genauer vorstellen. Ununterbrochen kämen bei uns Alten fromme Nonnen vorbei, und die niedlichen Jungs könnten sich kaum retten vor fürsorglichen Priestern.

Donnerstag, 13. November 14
Die westliche Ernährungsweise, referiert dpa (vgl. Welt-Artikel) eine US-amerikanische Studie, mache zunehmend die Menschen und den Planeten krank. Der anhaltende Konsum großer Quanten Fleisch, Öl und Zucker senkt die Lebenserwartung und zerstört langfristig die Umwelt. Die westliche Nahrungsmittelindustrie könnte bis 2050 den CO2-Ausstoß bis zu 80 Prozent steigern.
Und ich dachte immer, hätte unsere Freundin Jutta gespottet, das Zentralproblem des Westens sei die unaufhaltsam steigende Lebenserwartung der Leute. Immer mehr Menschen leben immer länger. Wenn ihre Ernährungsweise den Trend umdreht, ist ja alles in Ordnung, also gesund. Weiteressen.

Freitag, 28. September 14
In Brasilien impft man Unmengen Moskitos der Art Aedes aegypti, berichtet Kathrin Zinkant in der SZ, mit dem Bakterium Wolbadia. Damit sollen sie ihresgleichen infizieren, die den Erreger des Dengue-Fiebers verbreiten. Das verhindert das Bakterium Wolbadia.
Krankheit mit Krankheit bekämpfen, räsoniert der Anthropologe gemütlich, ein ehrwürdiges Konzept. – Wahrscheinlich sammeln sich in Brasilien schon die Ökos, hätte unsere Freundin Jutta gespottet, um gegen die naturwidrige Manipulation der Stechmücken zu protestieren.

Dienstag, 16. September 14
Werktätige, die mit dem Auto zur Arbeit fahren, referiert die SZ britische Studien, leben in stärkerer Unzufriedenheit mit ihrem Arbeitsweg als solche, die zu Fuß gehen, mit dem Fahrrad fahren oder die öffentlichen Verkehrmittel benutzen. Das Gedrängel in Bussen und Bahnen, die Unsicherheit beim Fahrradfahren im Großstadtverkehr, die Belästigung der Fußgänger durch andere Fußgänger und den Verkehr insgesamt, das alles ändert nichts daran, dass Autofahrer auf dem Weg zur Arbeit von gründlicherer Unzufriedenheit geplagt werden.

Freitag, 1. August 14
Das gibt’s ja selten, spottet der Anthropologe, dass was eindeutig und irreversibel gesund oder krank ist. Meist geht’s doch um mehr oder weniger.
Frozen Yogurt, berichtet Susanne Leimstoll im Tagesspiegel, wird im Unterschied zu gewöhnlichem Speiseeis ganz ohne Fett hergestellt (was Frozen Yogurt unbedingt gesünder macht als Speiseeis). Allerdings braucht es immer noch Zucker (eindeutig eine Art Gift), zehn Prozent Zucker, um wunschgemäß cremig zu werden. Sonst bräuchte es Füllstoffe (und das klingt schon vom Wort her krank).

Donnerstag, 10. Juli 14
Seit sechs Monaten verbreitet sich in Westafrika, berichtet Christina Berndt in der SZ, der Ebola-Virus. Bislang 500 Tote; die Infektion erfolgt leicht und führt rasch zum Tod durch inneres Verbluten.
Es kompliziert den Kampf gegen die Epidemie, dass die Einheimischen an ihren Bestattungsritualen festhalten, die Toten waschen, umarmen – Körperkontakt aber fördert die Infektion außerordentlich.
Außerdem misstrauen die Einheimischen den ausländischen Helfern gründlich, ja, sie machen die Helfer für die Ausbreitung der Epidemie verantwortlich. Die Desinfektionsteams treten in Schutzanzügen auf (Foto) und versprühen Chlorlösung – so erscheinen sie den Einheimischen als die eigentlichen Todesboten.

Donnerstag, 12. Juni 14
Das Bundesinstitut für Risikobewertung gibt bekannt, dass die mit Chlor desinfizierten Hühner für die Esser keine Gesundheitsgefahr darstellen. Jost Maurin interviewt in der taz Maritta Strasser vom Netzwerk Campact, in dessen Kampagne gegen das Freihandelsabkommen TTIP das Chlorhuhn bislang an prominenter Stelle figurierte – ob die Erklärung des Bundesinstituts daran etwas ändere?
„Nein. Wir müssen keinen unserer Kampagnentexte ändern. Wir haben nie behauptet, dass Chlorhühnchen der Gesundheit schaden. Wir haben nur gesagt, dass wir dieses Geflügelfleisch nicht auf unserem Teller haben wollen. Natürlich ist der eine oder andere auch der Meinung, dass es gesundheitsschädlich ist. Aber für uns ist das berühmte Chlorhühnchen nur ein Symbol.“
So macht man das, erklärt der Anthropologe. Man ernennt den Fall zum Exempel und das Exempel zu einem Symbol, das metonymisch – pars pro toto – das schlechte (kranke) Ganze repräsentiert.

Dienstag, 10. Juni 14
Seit zwei Monaten lebt Stephan – 28 Jahre alt, 1.80 Meter groß, schlank, durchtrainiert – in einer psychosomatischen Klinik in Bad Bramstedt, berichtet Marco Lauer in der taz. Was Stephan heftig quält, das sind die Lipome, kleine, ungefährliche Fettgeschwulste, die an seinen Armen, Beinen und am Rücken wuchern.
Begonnen haben soll das Leiden in einer norddeutschen Kaserne bei einer Kraftprobe unter Kameraden. „Was ist das?“ spottete einer mit Blick auf Stephans nackte Arme, „Beulenpest oder was?“ Seitdem betrachtet und betastet Stephan seine Lipome mit größter Aufmerksamkeit und Sorge.
Das verschärfte sich bei einem Einsatz auf einem Marineschiff im Mittelmeer. Die körperliche Nähe unter den Soldaten steigert Stephans Misstrauen gegen die Fettgeschwulste unermesslich. Er verzichtet, trotz der Hitze, auf T-Shirts, die ihn entblößen; er täuscht Magen-Darm-Beschwerden vor, um immer wieder auf der Toilette den Stand seiner Überwucherung zu kontrollieren. Vielleicht sind auch welche verschwunden?
Frauen kennen sich da glänzend aus, hätte unsere Freundin Jutta gespottet. Die Schönheitsfehler vermehren sich ständig, während man den Körper danach absucht.

Dienstag, 27. Mai 14
Das Foto zeigt einen Berghang, spärlich mit Bäumen (Kiefern?) besetzt; auf dem überwachsenen Erdboden lodern einzelne Brände.
Der Feuerökologe Johann Goldammer von der Universität Freiburg i. Br., berichtet Till Hein in der SZ, erklärt gewisse Wald- und andere Brände zu Mitteln der Gesundung. So fackelte er Ende der neunziger Jahre im Schwarzwald Lichtungen, die der Orkan Lothar gerissen hatte und auf denen der Wald neu sprießen wollte, wieder ab: damit die raren Auerhühner, die sonnige Waldlichtungen als Habitat bevorzugen, ihr Siedlungsgebiet erhielten. Hier wächst das Heidelbeerkraut, von dem sie sich vorzüglich ernähren. Der amerikanische Mammutbaum ebenso wie manche europäischen Zypressen geben ihre Samen erst unter Feuereinwirkung preis. Der Kiefernprachtkäfer nutzt Waldbrände als Paarungsgebiet.

Samstag, 24. Mai 14

An Kopfschmerzen, Übelkeit und Erbrechen, berichtet Martin Klesmann in der Berliner Zeitung, erkrankten Schüler und Lehrer der Lichtenrader Grundschule am Dielingsgrund, der Buckower Schule am Sandsteinweg und der Paul-Maar-Grundschule aus Großziethen beim Aufenthalt in einem Schullandheim in Kronach, Franken. Der Norovirus. Ausgreifende Gegenmaßnahmen.
Krank, eindeutig Krank, konstatiert der Anthropologe. Gesundheit findet sich in der Vergangenheit respektive Zukunft.

Donnerstag, 21. März 13

Im Berlinteil der taz berichtet Charlotte Langenkamp über die Maßnahmen, die der Senator für Gesundheit und Soziales gegen den Eichenprozessionsspinner plant. Dessen Raupen, die Eichenblätter fressen, bedecken feine Härchen, die ein Nesselgift absondern, das im schlimmsten Fall bei Menschen und Tieren allergische Schocks auslöst. (Sommers warnen in den Berliner Grünanlagen Hinweisschilder vor diesen Gefahren.) Der Senator für Gesundheit und Soziales will nun die ca. 10 000 Eichen der Stadt, auf denen der Eichenprozessionsspinner siedelt, mit einem – rein pflanzlichen – Insektengift besprühen. Dagegen protestiert der Bund für Umwelt und Naturschutz: Das Gift schädige auch andere Arten, sogar Vögel. Stattdessen sollte der Senator den Kuckuck und die Raupenfliege als natürliche Feinde des Eichenprozessionsspinners stark machen. Das Foto zeigt freigestellt den (unansehnlichen) Schmetterling, der schließlich der Raupe des Eichenprozessionsspinners entschlüpft.
Auch ein rein pflanzliches Insektengift enthielte also zuviel Krankheit, hätte unsere Freundin Jutta gespottet. Erst der Kuckuck und die Raupenfliege merzen den Eichenprozessionsspinner auf wahrhaft gesunde Weise aus.


Dienstag, 12. März 13

Jeder sechste der Ratten in Berlin, meldet dpa, beherbergt Darmkeime der Art Escheria coli, die allen Antibiotika widerstehen. Dabei finden sich diese Keime bei Tieren aus der Kanalisation doppelt so oft wie bei oberirdischen, was die Forscher der Freien Universität, die diese Studie angefertigt haben, darauf zurückführen, dass die Ratten unten mit menschlichen Fäkalien in Berührung kommen. Der Mensch infiziert das Tier. Der umgekehrte Fall, dass die Ratte den Menschen infiziert, wurde noch nicht gemeldet. Das Foto zeigt eine Ratte vor neutralem Hintergrund, die aufmerksam in die Kamera schaut.
Man versteht nicht so recht, moniert der Anthropologe, wie hier Gesundheit und Krankheit verteilt sind. Gesunde Ratten durch Menschen krank gemacht? Wer gewiss vor Gesundheit strotzt, ist Escheria coli.


Freitag, 8. März 13

Der Kongress der Kinder- und Jugendpsychiater in Rostock, meldet dpa, warnte vor dem jugendlichen Drogenkonsum: acht Prozent der 15- bis 18-Jährigen neigen zum Alkoholismus; zwei Prozent konsumieren regelmäßig Cannabis und vergleichbare Rauschmittel. Vor allem droht darmit den jugendlichen, noch ungefestigten Gehirnstrukturen Schädigung.
Das war schon immer so, hätte unsere Freundin Jutta gespottet. Statt vor Gesundheit zu strotzen, ist die Jugend krank. Und das zunehmend.


Dienstag, 5. März 13

In der Berliner Zeitung berichtet Barbara Klimke, dass Königin Elisabeth II, die im April 87 wird, gestern das King-Edward-VII-Hospital schon wieder verlassen hat, in das sie am Sonntag wegen Magen-Darm-Beschwerden eingeliefert worden war. Die Königin scheint von bemerkenswerter Gesundheit: Die Beobachter verzeichnen für 1982, dass ihr ein Weisheitszahn gezogen wurde; für 1983 eine Grippe; für 1994 einen Reitunfall und für 2012 Rückenschmerzen. Mehr nicht.
Ja, man möchte die Königin für unsterblich halten, resümiert der Anthropologe, Gesundheit und Krankheit grundsätzlich enthoben.


Samstag, 2. März 13

In der taz berichten Jost Maurin und Teresa Havlicek, dass über 1500 Bauernhöfe in Niedersachsen Mais aus Serbien an ihr Vieh verfüttert haben, der mit einem karzinogenen Schimmelpilzgift kontaminiert ist. Die Milch eines einzigen dieser Betriebe, berichtet das Landwirtschaftsministerium in Hannover, überschritt den zulässigen Grenzwert um 14 Prozent. Allerdings rechnet man nicht mit einer gesundheitlichen Gefährdung der Verbraucher.
So what? murrt Onkel.


Montag, 25. Februar 13

Möglicherweise, meldet dpa, kaufte man in Deutschland Millionen Hühnereier als Bio- oder Freilandeier, die das gar nicht waren. Die Staatsanwaltschaft Oldenburg ermittelt gegen 150 Betriebe, die gegen die Standards verstoßen haben; anderswo sind andere Verfahren anhängig.
Dabei kann man nicht sagen, bemerkt der Anthropologe, dass die falschen Bio-Eier im Unterschied zu den echten krank sind oder machen. Es geht um Gradierungen innerhalb von Gesundheit. Auch das Pferdefleisch, das jetzt in Fertiggerichten statt des deklarierten Rindfleischs gefunden wurde, macht niemanden krank. Ungesund ist irgendwie, dass was anderes draufsteht als drin ist.


Samstag, 23. Februar 13

In der SZ berichtet Charlotte Theile, dass zwei Welpen des Wolfsrudels, das bei Nochten in der Lausitz siedelt, von Räude befallen scheinen. Die Eltern zeigen keine Symptome. Über die Folgen – ob und wie Menschen sich anstecken könnten – kursieren nur Vermutungen und Befürchtungen. Der Rentner Peter Brandt gehört zu der Bürgerinitiative, welche die Ansiedlung von Wölfen in der Lausitz grundsätzlich ablehnt, und begrüßt die Erkrankung des Nachwuchses an Räude, natürliche Selektion. Das Foto zeigt einen schönen gesunden Wolfskopf, hechelnd.
Die sind doch krank, schimpft das junge Ding, diese Rentner mit Wolfsphobie! Höchste Zeit, dass Tierärzte die kranken Welpen behandeln. Die Ansiedlung von Wölfen in der Lausitz ist gesund!


Mittwoch, 20. Februar 13

In Berlin, meldet dpa, nimmt anscheinend das sog. Komasaufen ab. 2011 kamen nur noch 337 junge Leute (zwischen 10 und 19 Jahre alt) mit akuter Alkoholvergiftung in die Krankenhäuser – 2010 waren es noch 397. Ein Erfolg seiner Präventionspolitik! behauptet der Gesundheitssenator.
Wenn es in „Berlin – Tag & Nacht“ nur ein einziges Mal um Komasaufen ginge, hätte unsere Freundin Jutta gespottet, nähmen die Notfälle gleich wieder drastisch zu.


Sonntag, 17. Februar 13

Im Tagesspiegel berichten Nana Heymann und Sebastian Leber, wie man nach einer durchfeierten Nacht die Krankheitsgefühle zum Verschwinden bringt und gesundet (Vorabdruck). Zwar hilft das sog. Konterbier – am Morgen einfach nachfüllen – den Kater (Veisalgia) zu verzögern, aber irgendwann kommt er doch. Bessere Rezepte: viel trinken (außer Alkohol), Melissentee oder Tomatensaft, Espresso mit Zitronensaft, Orangensaft mit Salz. Rollmöpse essen oder Sauerkraut, saure Gurken, Salzstangen, Eier mit Speck. Gegen Kopfschmerzen besser Ibuprofen als Paracetamol.


Mittwoch, 6. Februar 13

Im Tagesspiegel porträtiert Björn Stephan David Lebuser, der 2008, kurz vor seinem 22. Geburtstag, als er ein Treppengeländer herunterrutschte, so schwer stürzte, dass er eine Querschnittlähmung erlitt. Seitdem entwickelte er sich zu Deutschlands mutmaßlich einzigem „Chairskater“ – der die Kunststücke der Skater im Rollstuhl zu vollführen vermag – und nimmt an internationalen Wettbewerben teil. Das Foto zeigt ihn in Aktion.
Nicht der Einzige mit dieser Karriere, kommentiert der Anthropologe. Dank schwerer Behinderung entwickeln sie eine höhere Form von Gesundheit.


Freitag, 25. Januar 13

In der Berliner Zeitung berichtet Klaus Ehringsfeld über das Foto, das die spanische Zeitung El Pais auf ihrer Titelseite von dem krebskranken Hugo Chavez veröffentlicht hat – Abbildung. Man sieht den dicken Kopf eines womöglich bewusstlosen Mannes, der auf dem Rücken liegt, den Tubus im aufgesperrten Mund – während Venezuela verbreitet, dem Präsidenten gehe es nach der neuerlichen Operation in Kuba besser und besser.
Aber das Foto zeigt gar nicht Hugo Chavez. Die sind doch selber krank, mosert Tante, die Zeitungen in ihrer Sensationsgier.


Donnerstag, 24. Januar 13

In der Berliner Zeitung berichtet Nikolaus Bernau, dass der Eingangsbau zur Museumsinsel in Berlin-Mitte, genannt James-Simon-Galerie, nicht, wie geplant, 2014 sondern frühestens 2017 eröffnet werden kann. Und er kostet nicht die veranschlagten 73 sondern mindestens 100 Millionen Euro. Das Foto demonstriert Undurchsichtigkeit: eine Baugrube samt Baggern, durch eine Balustrade mit Ornamenten und einer engelhaften Figur hindurch gesehen.
Die Bauindustrie ist einfach krank, mosert Tante. Der neue Berliner Flughafen, der neue Stuttgarter Bahnhof – täglich steht was in der Zeitung.


Mittwoch, 16. Januar 13

In der Berliner Zeitung berichtet Martin Klesmann, dass an zwei Reinickendorfer Grundschulen die von der Firma Sodexo als Schulessen gelieferten Hähnchenkeulen nicht richtig durchgebraten waren, weshalb sie das Personal entsorgte. Schlecht gegartes Hähnchenfleisch kann Salmonellen ausbrüten – die Firma Sodexo war bereits mit schlechten Erdbeeren aus China auffällig geworden.
So werden, resümiert der Narratologe, zukünftige Krankheiten in der Gegenwart unmöglich gemacht.
Das Foto zeigt eine Art Stillleben: Auf einer hellbraunen Schultasche steht geöffnet die traditionelle Brotschachtel aus Aluminium, die ein mehrstöckiges Vollkornbrot mit Belag und einen leuchtend roten Apfel enthält (unmöglich, die Schachtel zu schließen, wenn der Apfel drin ist); hinten eine grüne Schultafel, auf der in Kreide „Pause!“ geschrieben steht. Ich hab mir immer Essen von daheim mitgebracht, resümiert das junge Ding. Ich dachte immer, Schulessen macht krank…


Samstag, 1. Dezember 12

In der SZ berichtet Frank Nienhuysen übe die Gerüchte, die in Russland betreffend Präsident Putins Gesundheitszustand kursieren. Er soll an schweren Rückenschmerzen leiden – deshalb habe der japanische Premierminister seinen Besuch in Moskau verschoben. Deshalb empfange Putin Gäste nicht im Kreml sondern in einer ländlichen Residenz, in Nowo-Ogarjowo. Die Gerüchte besitzen besondere Kraft, weil Putin die Gesundheit und Sportlichkeit seines Körpers dramatisch auszustellen pflegte.


Mittwoch, 28. November 12

Im Tagesspiegel berichten R. Birnbaum, H. Monath und A. Sirleschtov über die neuen therapeutischen Maßnahmen, die dem kranken Griechenland zuteil werden. So gestand Finanzminister Schäuble, dass die Bundesrepublik auf ca. 730 Millionen Euro Zinsgewinne aus den Griechenlandkrediten verzichtet. Der Verzicht bleibt aber ohne Folgen für den Bundeshaushalt, weil die Gewinne nicht verplant waren – immer noch keine praktische Auswirkung der Griechenlandkrankheit auf die Bundesrepublik


Dienstag, 13. November 12

In der Berliner Zeitung berichtet Pit von Bebenburg über den Fall Gustl Mollath. Seit sechs Jahren sitzt er in der geschlossenen Psychiatrie wegen Paranoia. Er verdächtigte seinerzeit seine Ehefrau, für ihre Bankkunden große Summen Schwarzgeld heimlich in die Schweiz transferiert zu haben. Mollath soll seine Frau geschlagen und an diversen Autos die Reifen zerstochen haben. Zur Psychiatrie verurteilte ihn das Landgericht Nürnberg, weil er sich mit den angeblichen Schwarzgeldgeschäften seiner Frau rechtfertigte, „paranoide Gedankensysteme“. Das Foto zeigt ein Gesicht mit hochgezogenen Augenbrauen und ausrasiertem Oberlippenbärtchen.
Jetzt ergaben die Ermittlungen von Steuerfahndern, dass einer der von Mollath Verdächtigten tatsächlich Kapital in der Schweiz angelegt hat. Die bayerische Justizministerin Merk muss Auskunft geben, wieso nicht gleich im Sinne Mollaths ermittelt wurde.
Das ist doch typisch!, schimpft das junge Ding. Wer gesundes Misstrauen äußert, den verdächtigt man des Verfolgungswahns.


Donnerstag, 1. November 12

In der Charité soll ein sog. Frühchen aufgrund von Keimbefall verstorben sein. In der Berliner Zeitung berichtet Susanne Lenz über den Stand der Ermittlungen. Die Kinderleiche wurde exhumiert und obduziert. Es handelte sich um kein Frühchen. Zwar zeigte es einen Befall durch die sog. Serratia-Keime. Gestorben war das Kind aber nach einer schweren Herzoperation, deren Komplikationen es nicht überstand. Ein natürlicher Tod.

Während man die Infektion durch Keime als schwere Erkrankung verbucht hätte, sinniert der Anthropologe, erscheint der Herztod des Kindes quasi gesund.

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