Oben und unten

Michael Rutschky

Mittwoch, 20. Juli 16
Das Wetter ist oben, die Menschen sind unten. Laut einer Allensbach-Umfrage von 2013, berichtet Andreas Oswald im Tagesspiegel, sind 50 Prozent der Deutschen der Überzeugung, dass das Wetter irgendwie ihre Allgemeinbefinden beeinflusse, vor allem Kopfschmerzen, Müdigkeit, Gelenkschmerzen, Schlafstörungen. Inzwischen gibt es Medizinmeteorologen; sie sprechen von Wetterfühligkeit, die beispielsweise auf den Aufzug/Abzug eines Hochdruck/Tiefdruckgebietes reagiere. Sich selbst positionieren kann man unter www.dwd.de7gesundheit.
Zugleich ein Beitrag zum Kapitel gesund oder krank.

Sonntag, 10. April 16
Das Köpfen beim Fußball bringt erhebliche Risiken für das Gehirn mit sich, referiert im Tagesspiegel Martin Einsiedler verschiedene Studien. Forscher an der Harvard Medical School entdeckten, dass die Cortex, die Rindenschicht am Großhirn, bei Fußballern rascher abnimmt, was das Gehirn schneller altern macht und Erkrankungen wie Alzheimer erleichtert. Forscher an der Deutschen Sporthochschule in Köln entdeckten, wie häufig bei Amateuren Gehirnerschütterungen auftreten – was besondere Bedenken erweckt, weil Amateurfußballer sehr viel seltener als Profis medizinisch untersucht werden (hohe Dunkelziffer zu vermuten). Besonders können Kopfbälle naturgemäß Kinder mit ihren kleineren und weicheren Schädeln gefährden. Deshalb sind Kopfbälle im Kindersport der USA unterdessen verboten.
Der Ball sollte also beim Fußball, hätte unsere Freundin Jutta gespottet, unten bleiben, beim Fuß.

Dienstag, 15. März 16
Es gibt Pläne für ein Dachrestaurant oben auf dem Berliner Schloss (Humboldt-Forum), berichtet Ulrich Paul in der Berliner Zeitung, aber es gibt auch scharfe Kritik daran. „Kuppel und Dachrestaurant würden sich ausschließen“, sagt Peter Kulka, der das Potsdamer Stadtschloss neu erbaut hat; und die Architektin Petra Kahlfeldt, die wie Kulka zum Beratergremium des Schlossneubaus gehört, moniert: „Ein Dachrestaurant, womöglich mit großen Sonnenschirmen, würde letztlich zu einer Banalisierung des Gebäudes führen.“
So hätten sie es gern, hätte unsere Freundin Jutta gespottet, von Anfang an ist das falsche Schloss heilig und erhaben.

Freitag, 29. Januar 16
Der Pharma-Unternehmer Curt Engelhorn, Urenkel von Friedrich Engelhorn, Gründer der Badischen Anilin- und Soda-Fabrik – berichtet Stefan Mayr in der SZ – liegt auf Platz 37 der reichsten Deutschen, vermutlich 3,2 Milliarden Euro Vermögen. Er schenkte seinen Töchtern, beide Anfang 40, eine Villa am Starnberger See, ein Gestüt in Reichling bei Landshut sowie die Hälfte von Five Star Island, eine Insel in der Karibik, die ihm gehört. Dabei sollen sie 440 Millionen Euro hinterzogen haben. Im Oktober 2013 nahm die Polizei in München die Schwestern, die sich auf einem Einkaufsbummel befanden, fest; Gefängnisaufenthalte, Hausdurchsuchungen. Jetzt beendete das Amtsgericht Augsburg die Affäre. Beide Schwestern erhalten Bewährungsstrafen und eine Geldauflage von zwei Millionen Euro. Die Schenkungssteuer haben sie wohl nachgezahlt.
Bei solchen Leuten! schimpft das junge Ding, wünscht man sich automatisch saftigere Strafen. Sie müssen irgendwie nach unten geschubst werden.

Donnerstag, 28. Februar 16
In Rumänen kann, wer abgestürzt ist, einen interessanten Weg zurück nach oben nehmen. Gefängnisinsassen werden 30 Hafttage erlassen, berichtet Keno Verseck in der taz, wenn sie im Knast ein wissenschaftliches Werk verfassen. Dan Voiculescu beispielsweise, heute 69 Jahre alt, wurde 2014 wegen illegaler Grundstücksgeschäfte zu zehn Jahren verurteilt – und hat unterdessen zehn Bücher veröffentlicht, was ihm 300 Tage Haft erspart, Titel wie „Der dritte Weg“ oder „Menschheit wohin?“, zusammengeschmiertes Zeug, aber das macht nichts. Schon viele wegen Korruption verurteilte Funktionäre und Politiker haben sich auf diese Weise frei geschrieben, und die Regelung weckt Empörung in der Bevölkerung.

Mittwoch, 13. Januar 16
Prinzessin Cristina, die Schwester des Königs Felipe von Spanien – berichtet Ralph Schulze im Tagesspiegel – steht in Palma de Mallorca vor Gericht. Ihr Ehemann, der ehemalige Handballstar Iflaki Urdangarin, soll öffentliche Gelder erschlichen und das Finanzamt betrogen haben; des Weiteren ist er der Veruntreuung angeklagt sowie der Geldwäsche, der Vorteilsnahme, der Fälschung und des Betrugs – und bei alledem soll Prinzessin Cristina aktiv mitgewirkt haben.
Zu ihren Titeln gehörte „Herzogin von Palma“ – aber ihr Bruder, der König,
entzog ihr den Titel. Das Ehepaar Urdangarin darf während des Prozesses nicht im Königspalast von Palma wohnen, sondern musste sich eine private Unterkunft suchen. Die Prinzessin darf das Königshaus nicht mehr repräsentieren, und sie erhält auch keine Apanage mehr. Vor zwei Jahren emigrierte sie mit ihrer Familie nach Genf und arbeitet dort als Repräsentantin einer spanischen Bankstiftung.
Die Prinzessin beteuert, sie habe mit den Machenschaften ihres Mannes nichts zu tun, sie habe ihm blind vertraut .Und der Staatsanwalt ebenso wie das Finanzministerium wiegeln ab: gut möglich, dass die Prinzessin frei gesprochen wird. Man spekuliert, dass dem Königshaus, durch Skandale erschüttert, eine weitere Erniedrigung erspart werden soll.

Mittwoch, 6. Januar 16
Wer im Bahnhof mit dem Aufzug von oben nach unten oder von unten nach oben zu gelangen wünscht – berichten K. Kurpjuweit und A. Möller im Tagesspiegel – kann dieser Tage Schwierigkeiten bekommen in Berlin und Brandenburg. Die Internetseite Brokenlifts verzeichnete am Dienstagmittag 24, am -nachmittag immer noch 19 Ausfälle. Im S-Bahnhof Oranienburg blieben die Fahrgäste am Sonntag für Stunden eingeschlossen und mussten von der Feuerwehr befreit werden; was sich am Montag noch einmal wiederholte. Ob und wie die Winterkälte diese Störungen verursacht, bleibt unklar.

Freitag, 17. Juli 15
In ihrer TV-Talkshow befragte die türkische Star-Moderatorin Pelin Cift den Islamgelehrten Ali Riza Demircan – berichtet Thomas Seibert im Tagesspiegel – , welche Sexualpraktiken zwischen Eheleuten theologisch zulässig seien. Analverkehr ist verboten, aber auch Fellatio/Cunnilingus, sofern sie zum Orgasmus führen – eine Auskunft, die die Moderatorin in einen Lachkrampf verfallen ließ. Jetzt hat sich ein anderer Gelehrter zu Wort gemeldet, Ahmet Mahmut Ünlü; er behauptet, dass die islamische Rechtstradition gar keinen Kanon für Sexualpraktiken enthält. Allerdings gilt einer Schule das Sperma als Schmutz.
Jedenfalls geht es um die Verwechslung von Oben und Unten, hätte unsere Freundin Jutta gespottet, und gewisslich ist auch der Vatikan gegen Sperma im Mund. Dort hat es doch nicht die geringste Chance, ein Kind zu zeugen.

Samstag, 4. Juli 15
Gegen 6 Uhr 30 am Freitagmorgen stürzte bei Sommerfeld (Oberhavel), berichtet Jens Blankennagel in der Berliner Zeitung, ein Heißluftballon ab. Neun Insassen erlitten Verletzungen, drei davon schwere. Der Absturz fand nicht aus größerer Höhe statt, plötzlich und unerwartet. Vielmehr befand sich der Ballon, von einem erfahrenen Piloten gesteuert, im Landeanflug. Ein Sprecher der Firma, die diese Flüge veranstaltet, erklärte den Absturz – der bloß aus zehn Metern Höhe erfolgte – aus rätselhaften Wetterkräften.

Sonntag, 28. Juni 15
Eine Zeitlang gab es keine klaren Unterschiede zwischen oben und unten, berichtet Bernd Matthies im Tagesspiegel, in der Berliner Haute Cuisine. Man hatte sich auf eine gemütliche Mittellage geeinigt. Aber jetzt hat Unter den Linden das Zeitgeist aufgemacht. Bernd Liebisch betreibt es, der sich im Sandak zu Senftenberg als Meister profiliert hatte. Am Anfang des Menüs im Zeitgeist gibt es Milchkalb, Blumenkohl, Estragon; dann folgt Saibling, Bärlauch, Spargel; endlich Rhabarber, Erdbeere, Buttermilch. Für 65 respektive 95 Euro.

Dienstag, 23. Juni 15
In der DDR gab es keine zentralen Direktiven, referiert Matthias Meisner im Tagesspiegel, wie politische Gefangene systematisch schlechter zu behandeln seien als die anderen. Allerdings wurden Gefangene abkommandiert, wenn in der Produktion Notsituationen entstanden waren und als billige, womöglich kostenlose Arbeitskräfte ausgebeutet. Pro Jahr kamen dergestalt 15 000 bis 30 000 Gefangene zum Einsatz, in der Energiewirtschaft zum Beispiel, in den Chemiekombinaten, was sie erheblichen Gesundheitsrisiken aussetzte. Lohn gab so gut wie keinen. Alle Wirtschaftszweige in der DDR nutzten diese zusätzliche labor force. Aber auch westliche: Ikea gestand schon 2012 ein, dass ihre Möbel teilweise von Gefangenen in der DDR produziert wurden

Montag, 8. Juni 15
Barack Obama und Angela Merkel sind von Schloss Elmau herabgestiegen in das Dorf Krün nahebei, berichten Thorsten Knuf und Daniela Vates in der Berliner Zeitung, um auf dem Marktplatz inmitten bayerisch-festlich gekleideter Bürger Weißwurst zu essen und Weißbier zu trinken. Dann fahren sie wieder hinauf. Was dort oben im Einzelnen besprochen wird, wissen natürlich nur sie. Die Demonstranten gegen den „Gipfel von Ausbeutung und Kapitalismus“ müssen unten in Garmisch-Partenkirchen bleiben (das, aus Angst vor Krawall und eingeschlagenen Fensterscheiben, so gut wie menschenleer ist). Die Demonstranten sind zunächst friedlich, dann werfen Aktivisten des schwarzen Blocks Flaschen, und die Polizei gebraucht ihre Schlagstöcke. Einzelne blockieren immer mal wieder die Bundesstraße, aber Politiker und Journalisten werden ohnedies nach Elmau eingeflogen. Am Sonntag strebt ein Demonstrationszug von etwa 300 Teilnehmern aus Garmisch zum Schloss. Es dauert Stunden, bis sie, bei schöner Sommerhitze, am Sperrgürtel, der das Schloss weiträumig abschirmt, ankommen. Einige ziehen sich Masken oder ihr Kapuzen über und konfrontieren grimmig die Polizei. Auch hört man Sprechchöre.

Mittwoch, 22. April 15
Das Foto zeigt zwei senkrechte Gitterstäbe, unscharf, sowie ein Drahtgitter, ebenfalls unscharf, und dahinter den dicken Kopf eines Mannes mit Bart und Brille. Er redet, vermutlich laut und empört, und hat den rechten Arm erhoben, die Faust geballt und den Zeigefinger ausgestreckt.
Am 22. November 2012, berichtet Beate Seel in der taz, erließ der ägyptische Präsident Mohammed Mursi ein Dekret, demzufolge die Dekrete des Präsidenten nicht mehr vor Gericht angefochten werden können. Daraufhin versammelten sich Demonstranten vor seinem Palast in Kairo, schlugen ein Zeltlager auf und forderten hartnäckig die Rücknahme des Dekrets. Dann versammelten sich Anhänger Mursis und begannen Streit mit seinen Gegnern, Kämpfe, die schließlich zu zehn Toten führten. Festnahmen, Misshandlungen, Prozesse. Mursi revozierte das Dekret, wurde aber im folgenden Jahr durch eine Massenbewegung gestürzt. Zuerst setzte man ihn an einem unbekannten Ort fest, dann in einem Hochsicherheitsgefängnis in Alexandria Jetzt wurde er von einem Gericht in Kairo zu 20 Jahren Haft verurteilt; weitere Verfahren folgen. Zugleich eine Geschichte über Einst und Jetzt.

Donnerstag, 16. April 15
Das briefmarkengroße Porträtfoto zeigt einen kahlköpfigen alten Mann, der, an der Kamera vorbeiblickend, säuerlich lächelt.
Wolfgang Fürniß, jetzt 70 Jahre alt, CDU-Politiker – berichtet Ursula Knapp im Tagesspiegel – war eins Manager beim Softwarekonzern SAP, dann Oberbürgermeister von Heidelberg, schließlich Wirtschaftsminister in Brandenburg und wurde jetzt wegen besonders schweren Betrugs zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Er hatte gestanden, Bekannte um 495 000 Euro gebracht zu haben. Nach seinem Rücktritt 2002 getraute er sich nicht, Privatinsolvenz anzumelden, wie es seine finanzielle Lage erfordert hätte, wegen des Prestigeverlusts. So begann er seinen Umkreis um Darlehen anzugehen und den Bekannten imaginäre Investitionsmöglichkeiten vorzugaukeln. Zugleich eine Geschichte über Einst und Jetzt.

Montag, 23. März 15
Der britische Kunstkritiker Julian Spalding, berichtet Alexander Menden in der SZ, hat eine neue These aufgestellt, wozu Stonehenge, der rätselhafte Steinkreis in Wiltshire, genutzt wurde. Die Zeremonien und Rituale, die hier möglicherweise stattfanden, spielten sich nicht am Boden, zwischen den Stelen ab, sondern oben auf einer hölzernen Plattform. So kenne man es von gleichaltrigen Kultstätten in der Türkei, in China und in Peru. Stonehenge war ein Monumentalaltar. Unten entdeckte man übrigens vergangenen Sommer, während einer Dürreperiode, die Spuren von Steinen, die vielleicht schon während der Bauarbeiten an dem Rätselmonument abgetragen wurden. Und tiefer unten, im Erdreich, fanden sich bekanntlich im Umkreis Gräber, die auffällig deformierte Skelette enthielten.

Sonntag, 22. März 15
In Deutschland sind Dachgärten besonders beliebt, berichtet Susanne Ehlerding im Tagesspiegel Wie viele genau es gibt, weiß man allerdings nicht; das Zentrum für Luft- und Raumfahrt plant sie von weiter oben zu zählen. Man muss unterscheiden zwischen Dachgärten im engeren Sinn und Dachbegrünungen. Letztere sind auch auf Schrägdächern möglich. Bei der Anlage muss man sich vor Unkraut hüten, dass tiefer hineinwachsen möchte; die Fläche ist sorgfältig abzudichten, mit Kunststoff, Bitumen oder Kautschuk. Für die eigentliche Begrünung eignen sich Gewächse, die keine zusätzliche Bewässerung benötigen, Mauerpfeffer, Sedum, Karthäusernelke, Kriechender Thymian, Dachwurz. Die Kosten für Dachgärten oder -begrünungen betragen zwischen 25 und 35 Euro pro Quadratmeter. Zu beachten ist auch, was der Bewuchs wiegt; leicht kommen 300 bis 400 Kilo pro Quadratmeter zusammen.

Donnerstag, 19. März 15
Ein 47-jähriger Busfahrer hat seine 39-jährige Geliebte, berichtet Kerstin Gehrke im Tagesspiegel, wegen sexuellen Missbrauchs vor Gericht gebracht. Er habe auf der Couch gelegen und gedöst, als sie sich an ihn heranmachte. Sie habe sich auf ihn gesetzt, und als er voll erwachte, empfand er Schmerzen und fand das Ganze ekelhaft. Allerdings charakterisierten solche Auseinandersetzungen die Beziehung insgesamt. Das Paar hatte sich schon mehrfach getrennt, und der Richter erklärte den „sexuellen Missbrauch“ zu einem Versöhnungsversuch.

Dienstag, 3. März 15
Georg Schmid, 61, wird vor dem Amtsgericht Augsburg, berichtet Patrick Guyton im Tagesspiegel, angeklagt wegen der sog. Verwandtenaffäre, in die viele bayerische Politiker verwickelt sind. Georg Schmid – briefmarkengroßes Porträtfoto eines Mannes mit dicker Brille und dickem Haar – soll seine Ehefrau 22 Jahre lang als Scheinselbständige in seinem Büro beschäftigt haben, was ihm Steuern und Sozialabgaben ersparte. Er verlor sein Amt als Fraktionsvorsitzender der CSU im bayerischen Landtag und musste auf eine neue Landtagskandidatur verzichten. Der Absturz brachte Existenzängste und psychosomatische Beschwerden mit sich. Wird er zu mehr als einem Jahr Gefängnis verurteilt, fällt die Pension weg, die ihm als ehem. Staatssekretär zusteht..

Samstag, 17. Januar 15
In Ischgl braucht es vom Hotel unten, berichtet Titus Arnu in der SZ, nach oben zur Bergstation nur neun Minuten, eine unterirdische Rolltreppe, die Pardatschgratbahn, 2620 Meter Höhe. Überhaupt bauen die Skiorte in den Alpen ihre Pisten, auf denen die Skiläufer genussreich von oben nach unten gelangen – nachdem sie von Lift oder Seilbahn nach oben transportiert worden sind – mächtig aus. An der Spitze rangieren gegenwärtig die französischen „Les Portes du Soleil“ sowie „Les 3 Valleès“ mit je 600 km Piste. Ein expandierendes Gewerbe; wenn im Kaunertal das Skigebiet bis zur Weißenseespitze ausgebaut ist, findet sich an der Bergstation mit 3520 Metern der höchste Skilift Österreichs. Diese Expansion nach oben wird auch deshalb notwendig, weil den Prognosen zufolge unterhalb von 1500 Metern keine regelmäßige Schneedecke mehr zu erwarten sein wird.
Da kommt Freude auf, hätte unsere Freundin Jutta gespottet, dass man seit der Kindheit nicht mehr auf Skiern gestanden hat.

Sonntag, 30. November 14
Das Foto zeigt einen amüsiert lachenden Mann in Arbeitskleidung, der auf einem Dach steht – man sieht die anderen Dächer der Stadt – und sich anschickt, eine schwarze Metallkugel in einen Schornstein zu versenken. Sie hängt an einem langen Seil, das der Mann aufgerollt über dem rechten Handgelenk trägt.
Aber hier oben arbeitet der Schornsteinfeger Volker Hey nur noch selten, berichtet Erik Wenk im Tagesspiegel, denn nur noch wenige Schornsteine in Potsdam erfordern Kehrarbeiten. In der Regel ist Hey im Keller und in den anderen Etagen des Hauses unterwegs, um zu prüfen, ob die Öl- und Gasheizungsanklagen korrekt funktionieren.
Deshalb lacht er: er posiert, weil seine Berufsbezeichnung nun einmal diese Tätigkeit auf dem Dach evoziert.
Zugleich eine Geschichte über Schein und Wirklichkeit.

Donnerstag, 20. November 14
Als Angeklagter steht vor dem Landgericht Augsburg, berichtet Stefan Mayr in der SZ, Prinz Marcus Frank Adolf von Anhalt, der vor seiner Adoption durch Prinz Frederic von Anhalt (seinerseits adoptiert und mit Zsa Zsa Gabor, ehemals Hollywood-Schauspielerin, verheiratet) einfach Marcus Eberhardt hieß. Er soll 747 000 Euro Steuern hinterzogen haben, indem er 14 private „Luxuskarossen“ als Betriebsfahrzeuge für seine Firmen ausgab, Bordelle u. ä. Der Prinz wünscht einen Deal mit dem Gericht. Er möchte nach sieben Monaten Untersuchungshaft mit einer Geldzahlung davonkommen; der Staatsanwalt geht von einer mehrjährigen Haftstrafe aus. Vor Gericht erschien Prinz Marcus in einem schwarzen Sakko, auf dessen Rückseite ein Totenkopf in Glitzersteinen prangte.

Samstag, 15. November 14
Das Foto zeigt einen älteren Mann im anthrazitfarbenen Maßanzug, mit weißem Hemd und elegantem Schlips. Er verwahrt die rechte Hand im Innern des Jacketts, als plagten ihn Herzschmerzen. Er lächelt gequält und kraust die Stirn, als wollten ihm die Augen zufallen – sein Gesicht sieht nach unzähligen schlaflosen Nächten aus.
Zu drei Jahren Gefängnis, berichtet Kirsten Bialdiga in der SZ, verurteilte das Landgericht Essen Thomas Middelhoff, ehemals Chef von Bertelsmann, dann von Arcandor, dem Kaufhaus-Konzern, der unterdessen insolvent ist. Ein tiefer Fall. Middelhoff wurde sogleich in die Haftzelle des Gefängnisses überstellt, wegen Fluchtgefahr.
Verurteilt wurde er wegen Untreue. So habe er sich von Arcandor einen Privatflug nach New York bezahlen lassen, 95 000 Euro, der absolut nichts mit den Belangen des Konzerns zu tun hatte; 74 217 Euro kosteten die Hubschrauberflüge, mit denen Middelhoff sich regelmäßig von seinem Haus in Bielefeld nach Essen, zur Konzernzentrale transportieren ließ – obwohl ihm in Düsseldorf eine Dienstwohnung sowie ein Dienstwagen mit Fahrer zur Verfügung standen. Undsoweiter. Insgesamt kommt der Richter auf 500 000 Euro.
Wenn man so weit oben lebt, resümiert der Anthropologe matt, glaubt man leicht, man könne sich alles erlauben.

Sonntag, 17. August 14
Als Karriere bieten manche Betriebe, berichtet Stefani Herbert in der „Karriere“-Beilage des Tagesspiegel, nicht mehr einfach den Weg nach oben an, das Kommando über immer mehr Mitarbeiter und ständig wachsende Budgets. Daneben gibt es die Fachlaufbahn. Reiner Ramsayer ist jetzt Senior Expert bei Bosch und beschäftigt sich mit den Kombinationsmöglichkeiten verschiedener Materialien beim Autobau. Er kann zum Chief Expert aufsteigen. Der Senior Expert kann nach fünf Jahren Berufserfahrung auf ein Jahreseinkommen von 86 000 Euro rechnen (der vergleichbare Abteilungsleiter verdient allerdings 128 000).

Dienstag, 29. Juli 14
Einst gehörte Thomas Middelhoff, jetzt 61 Jahre alt – zitiert der Tagesspiegel einen Bericht von dpa – zur Crème der deutschen Manager. Newsweek zeigte ihn auf der Titelseite, seine Yacht Medici fungierte im Hafen von Saint Tropez als Bühne für weltberühmten Promi-Parties. Er machte den Vorstandsvorsitzenden bei Bertelsmann und versprach, den kombinierten Karstadt-Quelle-Konzern unter dem Namen Arcandor zu neuen, großartigen Erfolgen zu führen.
Jetzt steigt Thomas Middelhoff immer weiter ab. Ein Prozesstermin nach dem andern, Millionenforderungen diverser Gläubiger. Letzten Freitag entkam Thomas Middelhoff den Fotografen, die ihm nach einem Termin beim Gerichtsvollzieher, vor der Tür auflauerten, indem er hintenraus durchs Fenster und über ein Garagendach flüchtete.
Gestern musste Thomas Middelhoff vor Gericht erklären, warum er so häufig Hubschrauber und Privatjets von seinem Wohnsitz in Bielefeld zur Arcandor-Zentrale in Essen benutzt hatte. Ungeduld. Die Autobahn wegen Bauarbeiten durch Staus blockiert. Keine Zeit.
Aber Thomas Middelhoff berechnete seinem Arbeitgeber diese Flüge mit 80 000 Euro. Dabei hat für den Weg zur Arbeit der Arbeitnehmer selber aufzukommen. Er verstand sich nicht als normaler Arbeitnehmer, damals, als er obenauf war, sondern als Master of the Universe, spottet das junge Ding. Das ist jetzt vorbei.

Dienstag, 8. Januar 13
Antja Sirleschtov berichtet im Tagesspiegel, dass sich Bettina und Christian Wulff trennen, ein weiterer Schritt auf dem Weg nach unten. Gehörte Bettina Körner, deretwegen Christian Wulff seine Frau Christiane verließ, zunächst zu seinem Aufstieg, der in der Wahl zum Bundespräsidenten und dem repräsentativen Dasein im Berliner Schloss Bellevue kulminierte, so begann der Abstieg mit Wulffs Rücktritt wegen diverser Anschuldigungen. Dass Bettina Wulff in einem Buch Intimitäten preisgab, soll man als weitere Erniedrigung Christian Wulffs erkennen – schon bei der Pressekonferenz, als er seinen Rücktritt erklärte, soll sie im Unterschied zu ihm souverän gewirkt haben. So zeigt es auch das größte der vier Fotos – allerdings kann man die graue Blässe von Wulffs Gesicht für ein Ergebnis von Retusche halten.

Montag, 7. Januar 13
Kathrin Gänsler berichtet in der taz über die Kunst des Sargbaus, der in der Nähe von Accra/ Ghana Mitglieder des Stammes der Ga nachgehen. Schon traditionell ließen sich Herrscher in aufwändigen Särgen bestatten – jetzt gestaltet der Schreiner Eric Adjetey Anang solche Särge für jedermann. Die Fotos zeigen halbnackten jungen Mann, der zwischen einer mannshohen Cola- und einer ebensolchen Bierflasche steht und deren Klappe geöffnet hält, damit man das gelb gepolsterte Innere sehen kann; das zweite Foto zeigt den gleichfalls halbnackten Schreiner strahlend hinter einem Sarg, der einen grünen Fisch vorstellt.
Wenn man oben verschwunden ist, sinniert Onkel, möchte man unten prunken.

Samstag, 22. Dezember 12
In der Berliner Zeitung berichtet Claudia Fuchs über Beschlüsse des Bezirksamts von Pankow, die Luxussanierung von Wohnungen (die sie von unten nach oben verlegt) betreffend, Stichwort Milieuschutz. Es ist ab Januar verboten, ein zweites Bad einzubauen oder eine Fußbodenheizung, einen Innenkamin oder Wärmedämmungen oder einen zweiten Kamin, separate Auto-Stellplätze anzulegen. So bleiben die Wohnungen in Pankow unten. Das Foto zeigt eine hübsche Häuserfront in der Bötzowstraße, davor eine Frau auf einem Fahrrad.

Donnerstag, 13. Dezember 12
In der Berliner Zeitung berichtet Petra Pluwatsch über einen Campingplatz namens Rhein-Sieg in der Nähe von Lohmar, NRW; 170 Stellplätze, von denen 70 Dauercamper besetzen, die nach unten abgestürzt sind; zum Beispiel Elke, 58, und ihr Sohn Dominik, 28, die nach dem Tod des Vaters und Erbschaftsstreitigkeiten hierher entwichen sind. 800 Euro, über die sie gerade noch verfügten, kostete der Wohnwagen; die 205 Euro, die der Stellplatz monatlich kostet, übernimmt das Jobcenter. Das Foto zeigt Dominic im schwarzen T-Shirt, nicht ohne Stolz vor dem Wohnwagen posierend, der mit verschiedenen Laternen geschmückt und mit einer längs gestreiften Plastikfolie beklebt ist.
Ganz unten am Boden, murrt Onkel, liegen sie aber noch nicht.

Montag, 26. November 12
In der taz berichtet Klaus-Helge Donath, dass in Russland sich die Öffentlichkeit jetzt oft mit Geistlichen der orthodoxen Kirche beschäftigt, die betrunken in schweren Autos unterwegs sind, Unfälle verursachen und Strafverfahren zu vereiteln versuchen. Pawel Semin zum Beispiel, der mit seinem weißen Mercedes-Geländewagen in eine Baustelle hineinfuhr, wobei zwei Personen starben und mehrere schwer verletzt wurden. Oder Igumen Timofei, der aufgrund seiner Teilnahme an Talkshows eine gewisse Prominenz erlangte: jetzt steuerte er sturzbetrunken sein BMW-Cabrio quer über sieben Fahrbahnen in einen VW-Touareg und schob ihn in einen Toyota Corolla hinein. Er konnte nicht mehr selbständig gehen. Flugs tauchten nach dem Unfall Helfer auf und schraubten die Nummernschilder des BMW ab; vor Gericht musste die Polizei eingestehen, dass das Kontrollvideo, das den Unfall dokumentierte, gelöscht worden war. Priester beanspruchen eine Position oberhalb des Gesetzes.

Dienstag, 6. November 12
In der SZ berichtet Annette Ramelsberger über einen Prozess vor dem Amtsgericht München: gegen den Transportunternehmer Rudolf U., 55.
Er hatte im Januar im Amtsgericht Dachau, das ihn eben zu einer Bewährungsstrafe verurteilte, weil er keine Sozialversicherungsbeiträge für seine Angestellten abführte, den Staatanwalt Tilman Turck, 31, erschossen. Mit der linken Hand, die rechte Körperhälfte ist gelähmt. Der Staatsanwalt bricht unter Schmerzlauten zusammen (und stirbt bei der Operation, die ihn retten soll) – der Richter, der eben das Urteil verkündet hat, vermutet noch, es sei bloß eine Schreckschusspistole.
Rudolf U. erlebt die Verurteilung als Absturz nach unten. Dafür macht er den Staatsanwalt (und den Richter) verantwortlich. Die Schüsse sollten oben und unten abgleichen.

Samstag, 3. November 12
In der Berliner Zeitung berichtet Gerold Büchner über eine Ausstellung in Potsdam: Aristokraten aus Brandenburg, die nach 1945 enteignet wurden und nach 1989 auf ihre Güter zurückkehrten (die sie oft zurückkaufen mussten, weil die BRD die Enteignung anerkannte).
Zu den Rückkehrern gehörten auch Ilsa-Marie und Georg von Holtzendorff. Sie richteten im ehemaligen Herrenhaus von Wilsickow ein Pflegeheim für Kinder aus schwierigen Verhältnissen ein. Das Foto zeigt das Ehepaar auf Stühlen neben einem blauen Kachelofen sitzen. Rechts davon öffnet sich eine kassettierte Holztür, durch die ein dunkelhäutiger Knabe vorsichtig lächelnd hereinschaut. –
So kehrt man also nicht einfach nach oben zurück (wohin man gehört). Vielmehr kümmert man sich dort sogleich fürsorglich um diejenigen unten.

Freitag, 26. Oktober 12
In der SZ berichtet Frank Müller über den Rücktritt von Hans Michael Strepp, bislang Pressesprecher der CSU. Er soll in der Heute-Redaktion des ZDF angerufen haben, um einen Bericht über den Parteitag der bayerischen SPD in Nürnberg, wo Christian Ude als Spitzenkandidat für die Landtagswahl bestimmt wurde, zu verhindern.
Strepp gibt das Telefongespräch zu, bestreitet aber den Inhalt. Sein Chef Horst Seehofer bestreitet jede Beteiligung an der Affäre; der Pressesprecher habe durchaus in eigener Verantwortung gehandelt. Seehofer lobt den Rücktritt als klärende Entscheidung. Die Opposition spricht von einem Bauernopfer. –
So geht’s zu, räsoniert Onkel. Damit der Chef oben ungehindert weitermachen kann, nimmt der Untergebene alle Schuld auf sich.

Montag, 22. Oktober 12
In Beirut tötete eine Autobombe den libanesischen Geheimdienstchef. In der taz resümiert Karim el-Gawhari die Interpretation des Attentats. Syrien hat es veranlasst. Der Geheimdienstchef ließ im Sommer den Informationsminister verhaften, weil er im Auftrag Syriens Sprengstoff ins Land geschmuggelt habe. Das Assad-Regime sucht im syrischen Bürgerkrieg Vorteile zu gewinnen, indem es den Libanon destabilisiert, aus dem die Assad-Gegner Unterstützung erhalten. Das Assad-Regime will den syrischen Bürgerkrieg auf den Libanon ausweiten, wo ähnliche religiöse und politische Konfliktkonstellationen herrschen.
Jedenfalls befindet sich der Libanon unten, Syrien oben.

Montag, 15. Oktober 12
Im Tagesspiegel berichtet es Rainer W. During. Felix Baumgartner, 43, aus Salzburg gebürtig, hat sich gestern aus der Stratosphäre (ca. 39 Kilometer) auf die Erde gestürzt. Nach oben gelangte er in einem Heliumballon, nach unten zunächst im freien Fall, wobei er vermutlich 1173 Stundenkilometer erreichte und die Schallmauer durchbrach. Nach gut vier Minuten öffnete sich der Fallschirm; Baumgartner landete präzise in der Wüste von New Mexiko.
Das Foto zeigt den Kontrollraum in Roswell, unten, die Kontrolleure von hinten, wie sie auf verschiedenen Bildschirmen den Vorgang verfolgen. Augenscheinlich ist Baumgartner noch oben.

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