Einheit oder Zwietracht

Michael Rutschky

Sonntag, 10. Juli 16
Der Tagesspiegel. Micah Taylor hat in Dallas fünf Polizisten erschossen (um die in letzter Zeit von Polizisten unschuldig erschossenen Schwarzen zu rächen), was David C. Schmidt als Symptom für die anhaltend tiefe Spaltung der US-Gesellschaft deutet. In einem Leserbrief macht sich Renate Rychlik aus Berlin-Mitte schwere Sorgen über die zunehmende Spaltung der (deutschen) Gesellschaft in Junge und Alte (die womöglich in der Zukunft zur Aussonderung, ja Liquidierung der Alten führe). Armin Lehmann beschreibt anlässlich des Parteitags in Nauen, wie tief Frauke Petry und ihre Machtansprüche die AfD spaltet.

Sonntag, 26. Juni 16
Nachdem die Engländer am Donnerstag mit Mehrheit beschlossen haben, die EU zu verlassen (um die Einheit der Nation zu kräftigen) – berichtet Juliane Schäuble im Tagesspiegel – kündigt Schottland (das mehrheitlich für den Verbleib in der EU gestimmt hat) ein neues Referendum über seine Abspaltung vom UK an. Ähnlich Nordirland (das gleichfalls mehrheitlich für den Verbleib gestimmt hat): Die Sinn-Fein-Partei schlug wieder die Vereinigung mit der Republik Irland vor (das seine Mitgliedschaft in der EU nicht in Frage stellt). 130 000 Bürger Londons beantragten in einer Online-Petition, dass die Hauptstadt das UK verlasse, um in der EU zu verbleiben (wofür sie mit Mehrheit gestimmt hatte).
So muss es sein, konstatiert der Anthropologe, wer die Einheit erzwingen will, verstärkt die Zwietracht.

Dienstag, 18. April 16
Uneinigkeit, womöglich Zwietracht beherrscht die Linkspartei in puncto Flüchtlingsfrage, berichtet Anna Lehmann in der taz. Während der Bundesvorstand und die Bundestagsfraktion für offene Grenzen und die sog. Willkommenskultur votieren, äußerten Sahra Wagenknecht, Fraktionsvorsitzende im Bundestag, und ihr Lebensgefährte Oskar Lafontaine wiederholt Widerspruch. Wagenknecht erklärte im Januar, die Flüchtlinge genössen in Deutschland lediglich Gastrechte; keinesfalls könne Deutschland alle von ihnen dauerhaft aufnehmen. Oskar Lafontaine sprach sich entschieden für eine Obergrenze aus; eine solche Grenze gelte ja auch in anderen Bereichen.
Sie verlieren fortlaufend Wähler an die AfD, hätte unsere Freundin Jutta gespottet, und versuchen die Linkspartei national-sozial zu präsentieren.

Samstag, 26. März 16
Es fällt auf, berichtet Werner Bartens in der SZ, dass die islamistischen Attentate häufig von Brüderpaaren ausgeführt werden. Jetzt in Brüssel die Brüder Bakraoui, im November in Paris die Brüder Abdeslam; im Februar letzten Jahres stürmten die Brüder Kouachi die Zeitschrift Charlie Hebdo, und den Anschlag auf das Boston Marathon 2013 verübten die Brüder Zarnajew. Oft folgen die jüngeren den älteren als ihren Vorbildern, erklärt der Jugendpsychiater Franz Joseph Freisleder, Frankfurt/Main; im arabischen Raum, erklärt Karl-Heinz Brisch, Psychiater in Hannover, bilden Brüder eine besondere Konstellation, vor allem in ländlichen Verhältnissen. Dabei ist bedingungslose Solidarität ebenso möglich wie mörderische Rivalität.

Samstag, 20. Februar 16
Vor dem Landgericht Potsdam setzten jetzt zwei Rentner-Ehepaare, die in dem Dorf Premitz im selben Haus wohnen – berichtet Anna Ringle für dpa – einen Rechtsstreit fort, den sie 2011 begonnen hatten. Das eine Paar störte sich entsetzlich an dem Zigarettenrauch, der von dem Balkon unter dem Ihren regelmäßig aufstieg. Ein erster Prozess, vor dem Amtsgericht Rathenow, führte zu keinem Ergebnis; die Belästigung durch den Rauch müsse ertragen werden. Aber die Kläger gingen weiter: Der Bundesgerichtshof in Karlsruhe legte schließlich fest, dass Raucher in einem solchen Fall bestimmte Zeiten einhalten müssen, gab aber keine an; vor allem aber müsse eine substanzielle Belästigung nachgewiesen werden. Der Fall ging zurück nach Potsdam.
Das Gericht forderte die Parteien auf, Vorschläge zur Beilegung des Konflikts zu machen. Er rauche kaum noch auf dem Balkon, erklärte der Ehemann; bei ihr gehe es nicht über zehn Zigaretten am Tag hinaus, erklärte die Ehefrau. Die Gegenseite schwieg.
In größerem Maßstab, hätte unsere Freundin Jutta gespottet, führt so etwas zum Weltkrieg.

Sonntag, 15. Februar 16
Zwietracht beherrscht die Sicherheitskonferenz in München, berichten Christoph von Marschall und Ingrid Müller im Tagesspiegel, durchdringende Zwietracht. Der französische Premierminister ließ keinen Zweifel daran, dass Frankreich die Pläne der deutschen Bundeskanzlerin ablehnt, die syrischen Flüchtlinge gleichförmig auf die Staaten der EU zu verteilen. Der russische Premierminister beklagte, dass ein neuer kalter Krieg zwischen Ost und West drohe – während der römische Papst und der russisch-orthodoxe Patriarch bei ihrem Treffen auf Kuba eine neue Einheit des Christenrums beschworen. Im Übrigen behindere die Zwietracht zwischen Ost und West den gemeinsamen Kampf gegen den Islamischen Staat, der als Feind der zivilisierten Menschheit gelten müsse. Der Nato-Generalsekretär dagegen beklagte, dass Russland in den Staaten seines Einflussbereichs – den Mitgliedern der ehemaligen Sowjetunion – Angst und Unsicherheit verbreite.

Dienstag, 5. Dezember 16
Der bayerische Ministerpräsident Seehofer, berichtet Nico Fried in der SZ, hat seine Forderung nach einer Obergrenze für Flüchtlinge am Wochenende nicht nur wiederholt, sondern spezifiziert: 200 000 pro Jahr. Der Regierungssprecher Steffen Seibert referierte die Bundeskanzlerin Merkel dahingehend, dass sie diese Forderung ablehne. Sie setze weiterhin auf europäische Lösungen – im Übrigen freue sie sich, trotz der Meinungsverschiedenheiten, auf ihre Teilnahme an der Klausurtagung der CSU in Wildbad Kreuth, auf die fruchtbaren Diskussionen.

Dienstag, 15. Dezember 15
Martin Delius – briefmarkengroßes Porträt vor neutralem Hintergrund – gehört nicht mehr der Piratenpartei an, berichtet Frederik Bombosch in der Berliner Zeitung. „Ich mache mich unglaubwürdig, wenn ich diese Partei nach außen vertrete.“ Er bleibt Fraktionsvorsitzender seiner Partei im Berliner Abgeordnetenhaus, doch will er bei den nächsten Wahlen überhaupt nicht mehr kandidieren, für keine Partei. Die Berliner Piraten-Fraktion besteht aus 15 Abgeordneten – fast die Hälfte sind keine Parteimitglieder mehr.

Samstag, 21. November 15
Der Parteitag der CSU in München, berichtet Robert Birnbaum im Tagesspiegel, verabschiedete einen Antrag, der eine nationale Obergrenze für den Zustrom der Flüchtlinge festzulegen fordert. Bundeskanzlerin Angela Merkel dagegen insistierte in ihrer Rede darauf, dass Abschottung gegenüber den Flüchtlingen (ebenso wie Nichtstun) das Problem nicht lösen helfen. Dem widersprach der bayerische Ministerpräsident und CSU-Vorsitzende Horst Seehofer glatt: Es gehe nicht ohne die Festlegung einer Obergrenze – andernfalls werde die Bevölkerung die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung massiv abzulehnen beginnen.

Montag, 16. November 15
Weil Belgien so gründlich Zwietracht beherrscht, erklärt Thomas Kirchner in der SZ, eignet es sich so ausgezeichnet als Heimat für Gotteskrieger: Zwei der Attentäter, die am Freitag in Paris bei den multiplen Attacken starben, kamen aus dem Brüsseler Viertel Molenbeek. Der junge Marokkaner, der im August einen Hochgeschwindigkeitszug angriff und von den Fahrgästen niedergekämpft wurde, stammte gleichfalls von dort; ebenso die zwei Gotteskrieger, die im Januar in Verviers bei einem Polizeieinsatz ums Leben kamen. Die Belgian Connection war beim Anschlag auf die Pariser Zeitschrift Charlie Hebdo im Spiel, und im März erschoss der Islamist Mahdi Nemmouche im jüdischen Museum von Brüssel vier Besucher.
Nichts spricht dafür, erklärt der Anthropologe, dass sich diese Aktionen aus der allgemeinen Zwietracht Belgiens herleiten. Aber die synthetische Funktion des Ich, die Zufall und Kontingenz beseitigen möchte, hat gleich wieder zugeschlagen und die Pariser Attentate der Gotteskrieger aus den belgischen Verhältnissen erklärt.

Donnerstag, 8. Oktober 15
Vorgestern gegen Mitternacht betraten ein Ägypter und ein Syrer, 21 und 28 Jahre alt, Hand in Hand das Flüchtlingsheim am Ostpreußendamm in Berlin-Lichterfelde, berichtet Lutz Schnedelbach in der Berliner Zeitung, offensichtlich ein Liebespaar. Sie wurden von drei anderen jungen Männern, angeblich aus dem Libanon stammend, angepöbelt und angespuckt; man soll einander auch gewürgt und gebissen haben. Feuerwehr- sowie Polizeieinsatz. Immer wieder soll es in den Flüchtlingsheimen zu Auseinandersetzungen wegen Homosexualität kommen.
Statt dass sie zusammenhalten, jammert Tante, und gemeinsam ihr schreckliches Flüchtlingsschicksal bewältigen!

Dienstag, 22. September 15
Anders als prognostiziert – die linke Syriza und die konservative Nea Dimokratia würden aus der Parlamentswahl ungefähr gleich stark hervorgehen – hat Alexis Tsipras die Wahl klar gewonnen. Er will – berichtet Jannis Papadimitriou in der taz – seine Koalition mit der rechtspopulistischen Partei Anel fortsetzen. (Foto des strahlenden Tsipras im weißen Hemd mit aufgekrempelten Ärmeln, wie er den dicken Panos Kamenos, hellblau gestreiftes Hemd, umarmt.) Er wird sich nicht mit der sozialistischen Pasok oder der linksliberalen To Potami, die willig wären, verbünden, denn die Syriza-Mitglieder lehnen das ab. Insgesamt geht das Parlament aus der Wahl stark zersplittert hervor; neben den genannten Parteien sitzen noch die faschistische Goldene Morgenröte, die KP und die Zentristen darin.
Statt dass sie sich alle hinter einem starken Führer vereinen!, jammert Tante, und gemeinsam die riesigen Probleme angehen!

Samstag, 5. September 15
Julia Käsmaier, Ärztin, betreibt in Berlin-Zehlendorf, gemeinsam mit Sassa Franke und Ute Scheub – berichtet Nora Tschepe-Wiesinger im Tagesspiegel – ein sozialistisches Gartenprojekt. Es begann bei den Betonkübeln vor dem U-Bahnhof Onkel Toms Hütte. „Dort wachsen jetzt Kartoffeln, Erdbeeren und Zwiebeln. Jeder, der vorbeikommt, darf ernten und sich was nehmen.“
Ursprünglich sollte der Gemeinschaftsgarten auf dem Marga-Meusel-Platz eingerichtet werden, aber die Anwohner protestierten. Sie befürchteten Ruhestörung durch die Gärtner. Diese erhielten die Erlaubnis des Bezirksamts, eine Freifläche nahe dem U-Bahnhof Oskar Helene Heim zu bepflanzen – einst wurde hier Baseball gespielt – wogegen die Anwohner (wegen Ruhestörung) klagten, mit Erfolg. Die Gärtner dagegen gewannen Zustimmung. „Als wir die Beete errichtet haben, würden wir sehr freundlich empfangen.“
Die Zehlendorfer! hätte unsere Freundin Jutta gespottet. Sie werden schon einen Anlass finden, gerichtlich gegen die Kürbisse, Kartoffeln, Erdbeeren und Zwiebeln vorzugehen.

Montag, 24. August 15
Die Kleinstadt Heidenau liegt in der Nähe von Dresden und hat ca. 16 000 Einwohner, berichten Jörg Schurig und Ralf Hübner für dpa. Ein ehemaliger Baumarkt, an der Bundesstraße etwas außerhalb gelegen, soll als Unterkunft für Flüchtlinge dienen, von denen die ersten am Freitagabend eintrafen. Hunderte Einheimische empfingen sie mit Geschrei, Hassparolen, Sprengkörpern, Steinwürfen – 31 der Polizisten, die zum Schutz des Flüchtlinge aufgeboten sind, werden verletzt. Um die Unterkunft wird eine Sicherheitszone mit Personenkontrollen eingerichtet. Am Samstagabend kömmt es zu neuen Krawallen. Männer, die sich mit viel Bier inspiriert haben; man schreit „Schweine“ und „Viehzeug“, und eine Frau schwenkt die kaiserliche Flagge; eine andere warnt kreischend vor den Vergewaltigungen durch die fremden Männer; Jugendliche singen Zeilen aus dem Horst-Wessel-Lied. Die Polizei schirmt strikt die Gegendemonstranten ab, ca. 150, darunter Politiker von den Grünen, der SPD, der Linkspartei, die sich versammeln, um Solidarität mit den Flüchtlingen zu bekunden. Sie kommen miteinander ins Gespräch.

Mittwoch, 29. Juli 15
In Reims, berichtet Stefan Ulrich in der SZ, nahm in einem öffentlichen Park eine junge Frau ein Sonnenbad, in Bikini-Oberteil und Shorts. Eine andere Frau empörte sich darüber, aus welchen Gründen immer. Eine Streiterei folgte, in die andere Frauen sich einmischten. Schließlich verprügelten fünf Frauen die Sonnenbaderin.
Eine Lokalzeitung deutete den Krawall als Religionskonflikt: Die Sonnebaderin habe gegen die islamische Kleiderordnung verstoßen. Der konservative Bürgermeister von Reims äußerte seine scharfe Missbilligung; Florian Philippot, Vizepräsident des Front National, erkannte einen radikalen Angriff auf die französische Lebensweise. Gegendemonstrantinnen wollten in dem Park ein kollektives Sonnenbaden veranstalten – aber es kamen nur wenige. Schließlich erklärte die Staatsanwaltschaft, nach ihren Ermittlungen habe der Konflikt im Park mit Religion und/oder Moral gar nichts zu tun.
Frankreich kommt nicht zur Ruhe! hätte unsere Freundin Jutta gespottet.

Mittwoch, 22. Juli 15
Jetzt will Beate Tschäpe ihren Pflichtverteidiger Wolfgang Heer loswerden, berichtet Frank Jansen im Tagesspiegel. Kürzlich hatten alle drei Pflichtverteidiger in dem Münchner Prozess gegen den Nationalsozialistischen Untergrund – Heer, Anja Stahl, Wolfgang Sturm – beantragt, von ihrem Mandat entbunden zu werden; kein Vertrauensverhältnis zur Angeklagten. Das Gericht lehnte ab. Zu ihrem neuen Verteidiger, Mathias Grasel, scheint sie ein solches Vertrauensverhältnis aufzubauen. Sie besteht auf einer neuen Sitzordnung: Grasel soll den Platz von Heer einnehmen, dann kämen Tschäpe, dann Stahl, Heer und Sturm. Sie selber hätten nicht die Wahl.

Montag, 13. Juli 15
Dass der Bundesfinanzminister in einem Papier vorschlägt, Griechenland möge, um zu gesunden, zeitweise die Eurozone verlassen – berichtet Peter Riesbeck in der Berliner Zeitung – habe die Gipfelkonferenz in Brüssel gründlich gespalten. Der italienische Premier lehnt den Vorschlag blank ab; der französische Präsident meinte, Europa stehe auf dem Spiel; der griechische Premier meinte, er stehe für ein geeintes Europa, nicht für ein geteiltes. – Der finnische Außenminister lehnt weitere Zugeständnisse an Griechenland prinzipiell ab; der niederländische Premier unterstrich, dies sei die letzte Gelegenheit zu einer Einigung; die deutsche Kanzlerin versprach, eine Einigung um jeden Preis werde es nicht geben.

Samstag, 11. Juli 15
Frauke Petry, die neue Bundesvorsitzende der Alternative für Deutschland, berichtet Fabian Leber im Tagesspiegel, gab in Berlin eine Pressekonferenz. 2000 Mitglieder, Anhänger des von Petry gestürzten Vorsitzenden Bernd Lucke, seien bislang ausgetreten. Ebenso viele könnten in nächster Zeit folgen. Alexander Gauland, Stellvertreter Petrys und AfD-Chef in Brandenburg, fürchtet für die Landtagswahlen, die nächstes Jahr in Baden-Württemberg und in Rheinland-Pfalz stattfinden, einen starken Wählerrückgang. Bernd Lucke lässt noch offen, ob er mit seinen Anhängern eine neue Partei gründet, wie 75 Prozent seiner Anhänger wünschen. Frauke Petry bestreitet, dass mit ihrer Wahl die Partei weiter nach rechts gerückt sei; die Partei bleibe durch und durch dieselbe.

Freitag, 26. Juni 15
Das Bayerische Fernsehen hatte alle Sendungen, die sich mit dem Fastenmonat Ramadan beschäftigen, berichtet Jonas Schöll in der SZ, mit einem eigenen Logo versehen, dem Halbmond samt dem Schriftzug „Ramadan“. Dies Logo aber – nicht die Sendungen selber – hat bei vielen Zuschauern Empörung hervorgerufen. „Ihr seid doch nicht ganz sauber. Wir leben in DEUTSCHLAND oder besser gesagt in BAYERN – zefix noamoi.“ – „Wir sind ein christliches Land – und unsere Feiertage wurden noch nie eingeblendet. Was betreibt ihr für eine Volksverblödung?“ – „Unter FJS hätte es das nicht gegeben – da wären jetzt beim BR Köpfe gerollt – und zu Recht.“ So hat der BR das Halbmond-Logo aus den Sendungen entfernt. Was wiederum muslimische Gemeinden und ihre Vertreter aufbringt.

Mittwoch, 17. Juni 15
Der Stadtrat von Eisenach, berichtet Ulrike Nimz in der SZ, setzt sich zusammen aus elf CDU-Mitgliedern, zehn Mitgliedern der Linkspartei, fünf Mitgliedern einer Liste aus Grünen und freien Wählern, vier SPD-Mitgliedern, drei Fraktionslosen und drei Mitgliedern der NPD. Die NPD hat einen Antrag gestellt, die Oberbürgermeisterin, Katja Wolf (Linke), abzuwählen. 16 Stadträte stimmten dafür, 17 dagegen (erfordert war eine Zweidrittelmehrheit). So bleibt Katja Wolf (briefmarkengroßes Porträtfoto einer lächelnden Frau mit Brille und rotblondem Haar) Oberbürgermeisterin von Eisenach – aber den Stadtrat ebenso wie die Bevölkerung quält der Tatbestand, dass 13 Stadträte einem Antrag der drei Rechtsextremen zugestimmt haben.

Samstag, 6. Juni 15
Drei von vier Griechen wünschen, dass ihr Land den Euro als Landeswährung behält, berichtet Gerd Höhler im Tagesspiegel, und 50 Prozent befürworten größere Zugeständnisse an die Gläubiger. Der linke Flügel der Regierungspartei Syriza dagegen fordert, die Eurozone zu verlassen und zur Drachme zurückzukehren. Der Premierminister Tsipras erklärte vor dem Parlament, die Verhandlungen befänden sich auf der Zielgeraden, im Augenblick freilich am schwierigsten Punkt. Die Vorschläge der Gläubiger seien unannehmbar. Der Vizeaußenminister Tsakalotos erklärte sich für schockiert. Der Vizepräsident des Parlaments, Mitropoulos, nannte die Vorschläge eine Kriegserklärung. Der Syriza-Fraktionssprecher Petrakos drohte mit dem Abbruch der Verhandlungen. Sozialminister Stratoulis, Innenminister Voutis und der Minister für Schifffahrt, Dritsas, forderten Neuwahlen.

Mittwoch, 27. Mai 15
Dass in Polen Andrzej Duda von der Partei Recht und Gerechtigkeit zum Präsidenten gewählt wurde statt Bronislaw Komorowski von der Bürgerplattform, der bisher das Präsidentenamt inne hatte, erklärt Florian Hassel in der SZ mit der Spaltung des Landes. Einerseits die wirtschaftlich blühenden Großstädte wie Warschau, Krakau und Danzig, anderseits die stetig verarmenden kleinen Städte und Dörfer. Sie wählten Duda, statt sich hinter Komorowski mit der ersten Hälfte zu vereinen.
Aber das erzählen sie doch andauernd, spottet Onkel, der alte Reaktionär. Alles ist gespalten, die Ukraine in Ost und West, die USA in Republikaner und Demokraten, Großbritannien in England und Schottland, der Islam in Sunniten und Schiiten. Nirgends gilt die Parole: Ein Volk, ein Reich, ein Führer!

Freitag, 27. März 15
Den Abgeordneten Jens Krumpe und Oskar Helmerich, Mitglieder der AfD-Fraktion im Landtag von Thüringen – berichtet Michael Bartsch in der taz – haben Anhänger des Fraktionschefs Björn Hocke nahegelegt, die Mitarbeit in den Fachausschüssen des Landtags einzustellen. (Die Fraktionssprecherin Laura Schuppert bestreitet diese Intervention.) Krumpe und Helmerich haben gemeinsam mit Siegfried Gentele die von Hans-Olaf Henkel, Vizevorsitzender der AfD im Bund, initiierte „Deutschland-Resolution“ unterzeichnet, derzufolge die Partei sich in Zukunft vor allem eurokritisch und wirtschaftliberal orientieren solle. Björn Hocke dagegen, Fraktionschef in Thüringen, unterschrieb die „Erfurter Erklärung“, derzufolge sich die AfD der nationalen Erneuerung Deutschlands zu widmen und Bündnisse mit außerparlamentarischen Bewegungen wie „Pegida“ einzugehen hätte.

Dienstag, 10. Februar 15
Im Januar 2011 heiratete Guido Halling seine Sabine, berichtet Simone Schmollack in der taz. Zehn Monate später hatte sich Guido in Pamela verwandeln lassen, und die kann mit Sabine nicht mehr verheiratet sein (nur eine eingetragene Partnerschaft eingehen). Damit sie von dort nach hier gelangen, wurde ihnen vom Bundeskanzleramt, an das sie sich gewandt hatten, erst einmal empfohlen, sich scheiden zu lassen. Das Problem ist, dass das Ehepaar Halling in amtlichen Dokumenten nicht als Ehepaar geführt werden kann. Zwar urteilte das Bundesverfassungsgericht 2008, dass sich verheiratete Transsexuelle die Scheidung vor der Operation ersparen können, und der Bundestag kodifizierte 2009 die Entscheidung gesetzlich, sofern nur ein Ehepartner das Geschlecht wechselt…
Das habe ich nicht verstanden, jammert das junge Ding. Da dreht sich mir der Kopf.

Montag, 9. Februar 15
Seit beinahe 50 Jahren findet auf dem Rüdesheimer Platz in Wilmersdorf ein sog. Weinfest statt, berichtet Katrin Bischoff in der Berliner Zeitung. Zunächst dauerte es nur zwei Wochen, heute von Mai bis September, und es kommen an manchen Tagen 600 bis 700 Besucher. Jetzt versucht ein Anwohner, der seit 30 Jahren hier lebt, zum zweiten Mal, das Fest gerichtlich verbieten zu lassen. Der Lärm, den die Besucher und der Ausschankbetrieb für Monate im Jahr erzeugen, belästige ihn unerträglich; ein von ihm bestelltes Gutachten belege, dass der zulässige Lärmpegel mindestens einmal am Tag überstiegen wird. Im Grunde handle es sich um eine Großgaststätte, die in einem Wohngebiet gar nicht betrieben werden dürfe. – Vergangenes Jahr hatte dieser Bürger schon einmal wegen des Lärms gegen das Rüdesheimer Weinfest geklagt; erfolglos. Der zuständige Stadtrat bedauert den neuerlichen Versuch. Das Bezirksamt habe doch reagiert und verfügt, dass der Schankbetrieb gegen 21.30 Uhr zu beenden sei. Gewiss könne das Fest dies Jahr stattfinden, die juristische Prozedur dauere länger. Und dem Bezirksamt liege daran, dass Wilmersdorf die Veranstaltung erhalten bleibe.

Sonntag, 18. Januar 15
Das Foto zeigt in Großaufnahme – vor einem einheitlich dunklen Hintergrund – zwei junge Frauen im Profil, die einander gleichzeitig mit weit geöffneten Mündern anschreien. Wahrscheinlich ist das Foto gestellt, also zugleich ein Beitrag zum Thema Schein und Wirklichkeit. Das Spezifikum von Freundschaften zwischen Frauen, berichtet Stefanie Järkel im Tagesspiegel, wird in letzter Zeit häufiger untersucht (früher ging es öfter um Männerfreundschaften) und ist schwer zu fassen. Simone und Petra haben sich schon an der Universität Stuttgart befreundet und verbrachten viel Zeit miteinander. Allerdings war Petra strikt auf Ehe und Familie aus und berichtete Simone jede ihrer misslungenen Liebschaften haargenau, ebenso sämtliche Geldprobleme. Simone hörte nur noch zu. Als sie Petra zu einer Therapie riet, brach diese den Kontakt ab. Barbara und Melanie entwickelten ihre Freundschaft als Mitarbeiterinnen einer Firma am Bodensee. Als sie gemeinsam Urlaub in Barcelona machten, entdeckten sie rasch ihre unüberwindlichen Differenzen. Christina und Marie befreundeten sich im Kindergarten, den ihre Söhne besuchten. Es folgte ein lebhafter Austausch der Frauen, ja der Familien, doch irgendwann hatte Christina die Nase voll.

Dienstag, 13. Januar 15
Gestern Abend fand in Marzahn, berichtet Andreas Kopietz in der Berliner Zeitung, wieder eine der sog. Montagsdemonstrationen statt. Unter dem Motto „Nein zum Containerdorf“ versammelten sich ca. 300 Protestierende. Eine „Bürgerbewegung Marzahn“ möchte verhindern, dass an der Schönagelstraße ein Flüchtlingsheim errichtet wird. Angemeldet hatte die Demonstration René U., der den Behörden als Neonazi wohlbekannt ist. Die Linkspartei hatte eine Gegendemonstration organisiert. Etwa 90 Bürger versammelten sich unter dem Motto „Solidarität statt Hassparolen“. Demonstranten und Gegendemonstranten begegneten sich in der Landsberger Allee/ Ecke Blumberger Damm. Ein starkes Polizeiaufgebot hielt sie getrennt.

Dienstag, 16. Dezember 14
Der Generalstreik lähmt Belgien erfolgreich, berichtet Eric Bonse in der taz. Der Streik richtet sich – unter Führung der sozialistischen Gewerkschaft FTGB – gegen die Sparpolitik der neuen Regierung, Rente mit 67, Beschneidung des Sozialbudgets. Zugleich geht der Streik aber gegen die Regierung selber. Der neue Premier Charles Michel werde ferngesteuert von Bart de Wewer, Chef der Neuen Flämischen Allianz, die grundsätzlich die Auflösung Belgiens in eine Konföderation betreibt und den Einheitsstaat abschaffen will. Die Zwietracht hat sich ins Zentrum hineingefressen – da verspricht nur der Generalstreik eine neue Einheit.

Dienstag, 2. Dezember 14
Tiefe Zwietracht herrscht in der Regierung Israels, berichtet Inge Günther in der Berliner Zeitung. Den Anlass bildet eine Gesetzesvorlage, die Israel zu einem substanziell jüdischen Staat erklären soll. Damit würden die arabischen Einwohner quasi ausgeschlossen; der Entwurf negiere den Gleichheitsgrundsatz der israelischen Verfassung. Finanzminister Lapid und Justizministerin Livni haben entschiedenen Widerspruch angemeldet; ein Bruch der Fünf-Parteien-Koalition droht. Man geht davon aus aus, dass Neuwahlen anstehen und Premierminister Netanjahu durch rechtsnationale Parolen das entsprechende Lager für sich zu gewinnen sucht.

Samstag, 22. November 14
Präsident Obama hat in einer Fernsehansprache am Donnerstagabend, berichtet Dorothea Hahn in der taz, eine neue Einwanderungspolitik angekündigt. Per Dekret gewährt er allen Immigranten, die seit fünf Jahren illegal in den USA leben, und ihren dort geborenen Kindern für die Dauer von drei Jahren amerikanische Papiere. Das betrifft ca. fünf Millionen Menschen. „Wir alle waren hier einmal Fremde.“ Eine solche Maßnahme wollte schon sein Vorgänger George Bush jr. durchsetzen, scheiterte aber an seiner eigenen, der republikanischen Partei. Auch jetzt kündigen Republikaner scharfen Widerstand an; es ist sogar von einem Impeachment die Rede.
Diese Wahrheit schafft spontan offenbar keine höhere (oder tiefere) Einheit, sinniert der Anthropologe, dass wir alle hienieden einmal Fremde waren…

Samstag, 20. September 14
55,3 Prozent der wahlberechtigten Bevölkerung Schottlands haben entschieden,
berichtet Christian Zaschke in der SZ, dass Schottland Teil des Vereinigten Königreiches bleiben soll; 44,7 Prozent stimmten für ein unabhängiges Schottland, für einen selbständigen neuen Staat. „Unsere Familie aus vier Nationen bleibt zusammen“, äußerte David Cameron, der britische Premierminister, „und wie Millionen andere bin ich darüber hoch erfreut.“ Alec Salmond, schottischer Ministerpräsident, Vorsitzender der Scottish National Party, Propagandist der Unabhängigkeit und Organisator des Referendums, erkannte die Niederlage an, trat als Ministerpräsident und Parteivorsitzender zurück.
Das Foto zeigt eine junge Frau, die auf dem Straßenbelag kniet und eine ebenfalls kniende dunkelhaarige und dunkelhäutige junge Frau umarmt hält, die in die blauweiße schottische Fahne gehüllt ist. Einig in der Enttäuschung, dass es mit der Abspaltung nicht geklappt hat, hätte unsere Freundin Jutta gespottet.

Dienstag, 2. September 14
Die Muslime in Birma/ Myanmar befürchten, berichtet Hans-Bernd Zöllner in der taz, dass die Buddhisten in Birma/ Myanmar sie aus dem Land vertreiben wollen. Und umgekehrt. Im Juni wurde in einem Teehaus, das Muslime betreiben, angeblich eine muslimische Kellnerin vergewaltigt. Seitdem werden Muslime und ihre Moscheen systematisch angegriffen; dunkle Kräfte fürchten die Muslime am Werk, die das Militär und die buddhistischen Mönche aussenden. Motorisierte Jugendbanden sind zu jeder Schandtat gegen Muslime bereit, und die gebildete Mittelschicht billigt diese Attacken. So leben die Muslime – die Minderheit im Land – quasi in Ghettos, die sie bewaffnet zu verteidigen versprechen.
Umgekehrt kursieren seit der britischen Kolonialzeit unter den Buddhisten Theorien, die Muslime seien nur deshalb aus Indien eingewandert, um die Buddhisten zu vertreiben. Zu diesem Zweck, heißt es, heiraten muslimische Männer massenhaft buddhistische Frauen, um die Kinder dem Islam zuzuführen.

Freitag, 29. August 14
Der FC Bayern verfügt auch über sog. Ultra-Fans, die sich durch besondere
Loyalität und Begeisterung auszeichnen, berichtet Martin Schneider in der SZ. Zu ihnen gehört eine Gruppe namens Schickeria, die jetzt mit dem Julius-Hirsch-Preis geehrt wurde, nach einem Nationalspieler benannt, der als Jude in Auschwitz ermordet wurde, ein Preis, der für Freiheit, Toleranz und Menschlichkeit verliehen wird. Die Gruppe Schickeria pflegt die Erinnerung an Kurt Landauer, bis 1933 Präsident des FC Bayern, der nach Dachau verschleppt wurde, aber in die Schweiz fliehen konnte. 1947 kehrte er nach München zurück und wurde erneut Fußballpräsident, bis 1951.
Aber der Ultra-Fan-Club Schickeria arbeitet nicht nur an der Einheit des FC Bayern mit dieser Vergangenheit. Es gibt auch Geschichten, wie sie 2007 einen Bus mit Nürnberg-Fans überfielen; wie sie 2009 auf dem Würzburger Hauptbahnhof sich ausgiebig mit Polizisten prügelten; Kämpfe mit der Polizei gab es erneut 2013, vor einem Spiel wiederum gegen Nürnberg. Womöglich ist die Schickeria in sich vollkommen uneins.

Samstag, 2. August 14
Im Osten Libyens, berichtet Martin Gehlen im Tagesspiegel, haben Gotteskrieger ein islamisches Emirat errichtet, nachdem sie die Kasernen von Bengasi erobert und Waffen erbeutet hatten. Versteht sich, dass eine neue, unwiderstehliche Einheit erst entsteht – wie sie proklamieren – wenn sie die Herrschaft Allahs restlos durchgesetzt haben.
In Tobruk tritt das frisch gewählte libysche Parlament zusammen, in dem Islamisten schwächer vertreten sind. Das alte Parlament – das die Einheit der Nation also nicht verkörpern konnte – stürmten immer wieder bewaffnete Horden, wenn es in der Hauptstadt Tripolis tagte.
Massen von Libyern und Ägyptern stauen sich an der Grenze zu Tunesien. In Tripolis nahm eine griechische Fregatte 78 Chinesen, 77 Griechen, 12 Zyprioten, 10 Briten, 7 Belgier, 1 Russen und 1 Albaner an Bord, die Libyen wegen der Kämpfe unbedingt verlassen wollten. Die Philippiner evakuieren sukzessive ihre 11 000 Landsleute, die als Gastarbeiter im libyschen Gesundheitswesen wirkten.
Der ehemalige General Khalifa Haftar, der mit seiner Nationalen Armee die Islamisten bekämpft, soll angeblich nach Ägypten geflohen sein – keineswegs, lässt der General wissen, er befinde sich unverändert in der Heimat; bloß habe seine Armee kurzfristig Bengasi verlassen, aus taktischen Gründen.
Anhaltende Kämpfe um den Flughafen Tripolis. Die Gotteskrieger versuchen weiter, ihn zu erobern. Über den Flughafen Tripolis laufen wichtige Bemühungen, die Einheit der Nation zu bewahren/ zu zerstören.

Montag, 28. Juli 14
In Rheinbach bei Bonn, berichtet Matthias Drobinski in der SZ, herrscht in der Pfarrei Sankt Martin schwere Zwietracht zwischen den geistlichen Herren und den Ministranten. Drei Angehörige des Deutschen Ordens besetzen die Pfarrei seit 2013 – als unerträglich konservativ und elitär empfanden die Ministranten das Regiment des Teams.
Der zentrale Konflikt entzündete sich am Schützengottesdienst; von dem Messopfer behauptete einer der Patres, dasselbe tadellos durchzuführen, wiege mehr als jede gute Tat.
Hierbei aber begingen die Ministranten augenscheinlich jede Menge Fehler – Matthias Drobinski berichtet nicht, welche – weshalb einer der Patres von kompletten Idioten sprach, die man womöglich alle entlassen müsse. Die Eltern der Ministranten empörten sich, es kam zu Vorladungen beim Pfarrgemeinderat und Rücktritten aus Kirchenämtern. Die Ministranten streiken.
Das zuständige Erzbistum Köln erwartet kein Ende der Zwietracht. Nach den Sommerferien würden die Konfliktparteien Gespräche aufnehmen, hieß es, um eine neue Basis zu finden, eine diplomatische Formel. Vermutlich geht es um Jung gegen Alt, mutmaßt der Anthropologe; das Erzbistum Köln beherrschte lange der alte Kardinal Meisner, der sich durch krassen Konservativismus auszeichnete und der die Männer des Deutschen Ordens nach Rheinbach geschickt hat.

Donnerstag, 24. Juli 14
Der Automechaniker Gustl Mollath, 57, berichtet Patrick Guyton im Tagesspiegel, hat in seinem Regensburger Prozess den Verteidigern Strate und Rauwald das Mandat entzogen. Er sei ohne Vertrauen in ihre juristische Kunst.
Der Oberstaatsanwalt Meindl erklärte daraufhin die beiden Anwälte flink zu Pflichtverteidigern, wogegen Gustl Mollath keinen Einspruch erhob; ohnedies gilt ein Freispruch in dem Verfahren als höchst wahrscheinlich. Die Richterin Escher behandelt Mollath, der sieben Jahre in der Psychiatrie (statt im Gefängnis) saß, mit großer Freundlichkeit und Nachsicht.
Er monierte, dass das Gericht zu viele Zeugen aus dem Umkreis seiner Frau angehört habe statt zu den Banken, die er großer Schwarzgeldgeschäfte verdächtigte. Er sei ein schwieriger Mandant, erklärte Verteidiger Strate; es gelinge ihm nicht immer, Freund und Feind sauber zu unterscheiden.

Freitag, 11. Juli 14
Es begann im Februar, berichtet Sebastian Heiser im Berlinteil der taz. Anne Helm, Bezirksverordnete der Piraten-Partei in Neukölln, demonstrierte im Stil der Gruppe Femen in Dresden für Arthur Harris, Oberbefehlshaber der britischen Luftwaffe, der den Bombenkrieg gegen das Dritte Reich verantwortete (und den berüchtigten Angriff auf Dresden). „Thanks Bomber Harris“ hatte Anne Helm sich auf den nackten Oberkörper geschrieben.
Der rechte Flügel der Piraten-Partei lehnte die Aktion als Rechtfertigung von Krieg und Gewalt ab; der linke Flügel begrüßte sie als Protest gegen Neonazis und Geschichtsrevisionismus. Von dort aus verbreitete sich ein Grundkonflikt zwischen dem rechten und dem linken Flügel der Piraten, der jetzt in Erwägungen des (linken) Berliner Landesverbandes kulminiert, wie man sich aus dem Bundesverband lösen und selbständig machen könnte.

Dienstag, 8. Juli 14
Der Verkehrsminister Dobrindt hat seine Pläne für eine Maut präsentiert, berichtet Carsten Brönstrup im Tagesspiegel, die ausländische Kraftfahrer entrichten sollen, wenn sie das deutsche Straßensystem nutzen. Deutsche Autofahrer sollen durch Umbauten der Kfz-Steuer vor der Maut verschont werden.
Dass diese Pläne dem Koalitionsvertrag zwischen CDU/CSU und SPD entsprechen, wie Dobrindt behauptet, bezweifeln SPD-Politiker. Auch widersprächen sie EU-Recht. Der Sozialverband Deutschland fragt kritisch, was mit der Befreiung von der Kfz-Steuer geschieht, die Behinderte bislang genießen. Die Grünen erkennen in Dobrindts Plänen deutschen Nationalismus am Werk. Der Verband der Automobilindustrie befürchtet eine Ausdehnung der Maut auf Deutsche. Österreich will klagen.

Donnerstag, 5. Juni 14
Bei der Verleihung des Kulturpreises Principe de Viana in dem Kloster Leyre, Navarra, berichtet Martin Dahms in der Berliner Zeitung, erklärte Felipe de Borbón y Grecia, der künftige König, zu Tränen gerührt: „Ich beschränke mich darauf, meine Beharrlichkeit und meine Überzeugung zu beteuern, all meine Kräfte der erregenden Aufgabe zu widmen, weiter den Spaniern zu dienen, unserem geliebten Spanien, einer einigen und vielfältigen politischen und gesellschaftlichen Gemeinschaft, deren Wurzeln tausend Jahre in die Geschichte zurückreichen.“
Martin Dahms bezweifelt, dass der neue König so ohne weiteres eine neue Einheit der Nation verkörpern kann. Die Zwietracht wächst in Spanien. Die katalonische Regionalregierung bereitet für den 9. November ein Referendum über die Trennung von Spanien und die staatliche Unabhängigkeit Kataloniens vor. Seit König Juan Carlos seine Abdankung erklärt hat, versammeln sich regelmäßig in den großen Städten zehntausende Demonstranten unter der alten republikanischen Fahne und fordern ein Referendum über die Abschaffung der Monarchie.

Freitag, 30. Mai 14
Die pakistanischen Taliban haben sich gespalten, berichtet Sven Hansen in der taz. Die Mehsud-Stämme misstrauen dem Führer Mullah Fazlullah, der 2012 das Kommando übernahm, nachdem Hakimullah Mehsud durch eine US-Drohne getötet worden war. Zentraler Gegenstand der Zwietracht sind die indirekten Friedensgespräche mit Pakistans Regierung, für die die kriegsmüden Mehsud-Stämme eintreten, während Mullah Fazlullah und die Seinen die Fortsetzung der Kämpfe betreiben.

Mittwoch, 9. April 14
Der separatistische Parti Québecois, berichtet Jörg Michel in der taz, verlor drastisch die Parlamentswahlen in der kanadischen Provinz; Philippe Couillard, Liberale Partei, Medizinprofessor aus Montreal, löst die Regierungschefin Pauline Marois ab. Nur 26 Prozent stimmten für die Separatisten, die wieder einmal die Loslösung aus dem kanadischen Staatsverband propagierten, eingeleitet durch die Kräftigung der französischen Leitkultur und die Verschärfung der Sprachgesetze. Als spezieller Flop erwies sich Pierre Karl Peladeau, mächtiger Medienunternehmer, der eigentlich als Wirtschaftsexperte des Parti Quèbecois auftreten sollte, sich aber sogleich das nationalistisch-separatistische Programm zu eigen machte. Die föderalistische Liberale Partei erhielt 41 Prozent.
1980 verloren die Separatisten eindeutig die Volksabstimmung über die Trennung von Kanada; 1995 mit 49,7 Prozent nur ganz knapp.

Montag, 7. April 14
König Abdullah, über 90 und schwer krank – berichtet Martin Gehlen im Tagesspiegel – muss seine Nachfolge regeln. So ernannte er seinen jüngsten Halbbruder, Muqrin bin Abdelaziz, 69, zum zweiten Kronprinzen – der erste Kronprinz, Salman, 79, ist nach einem Schlaganfall de facto amtsunfähig.
1953 verfügte der Staatsgründer, Abdulaziz Ibn Saud, dass allen seine 34 Söhnen sukzessive, der Alterssequenz folgend, der Thron zukommt. 2007 berief König Abdullah Abkömmlinge der 34 Familienzweige in einen Thronrat, der allerdings einstimmig entscheiden muss. Sieben Mitglieder verweigerten jetzt Muqrin bin Abdulaziz die Zustimmung; er stammt von einer jemenitischen Sklavin ab.

Donnerstag, 3. April 14
Das Oberste Gericht Australiens hat entschieden, berichtet Urs Wälterlin in der taz, dass Norrie, in Sydney lebend, offiziell als Neutrum klassifiziert werden muss. Als Mann geboren, ließ sich Norrie 1983 zur Frau umoperieren, verweigerte dann aber die hormonelle Fortsetzung der Behandlung und lebte jenseits der Einheit des männlichen oder weiblichen Geschlechts. Der Konflikt entstand, als Norrie sich 2010 im Bundesstaat New South Wales registrieren lassen wollte und letzten Endes, wie die Behörde forderte, eine eindeutige Geschlechtsangabe hätte machen sollen. Nein, beschloss jetzt das Oberste Gericht; einzig das Heiratsgesetz fordert bislang eine klare Zuordnung. Allerdings wurde es Norrie nicht gestattet, sich, wie gewünscht, einer neuen Kategorie „Intersex“ zu subsumieren.
Lebt Norrie nun endlich in harmonischer Einheit mit sich selber? rätselt das junge Ding. Oder in permanenter Zwietracht?

Freitag, 28. März 14
Die Einheit der Bundeswehr mit der deutschen Militärtradition, berichtet in der taz Ulrike Winkelmann, bekämpft seit langem der Lehrer Jakob Knab aus Kaufbeuren, jetzt 62 Jahre alt. Vor allem geht es um Kasernennamen. Im Januar wurde die Aachener Max-von-Gallwitz-Kaserne nach Leo Löwenstein umbenannt – Gallwitz, Artilleriegeneral im Ersten Weltkrieg, profilierte sich als Antidemokrat und Antisemit. Bei der Hannoveraner Emich-Cambrai-Kaserne steht der endgültige Beschluss noch aus; Otto von Emich kommandierte den Sturmangriff auf das belgische Lüttich, bei dem kaiserliche Soldaten Kriegsverbrechen an der Zivilbevölkerung begingen. Allerdings, sagt Jakob Knab, habe er noch nicht genug Zwietracht gesät; zu den hartnäckigen Traditionalisten gehöre Karl Müllner, gegenwärtig Inspekteur der Luftwaffe.

Donnerstag, 27. März 14
Im EU-Ratsgebäude zu Brüssel, berichtet Peter Riesbeck in der Berliner Zeitung, habe der Präsident Obama das Bündnis der USA mit Europa beschworen. Es geht um ein Freihandelsabkommen – vor allem aber um die Einigkeit gegenüber Russland, dessen Annexion der Krim zu verurteilen sei.
Nichts vermindert die Zwietracht so gründlich, mosert Onkel, wie ein gemeinsamer Gegner.

Dienstag, 11. März 14
Kim Jong Un, begleitet von seiner jüngeren Schwester sowie höheren Militärs und Parteifunktonären, stimmte für den General Kim Kwang Hyok, berichtet Jutta Lietsch in der taz, woraufhin Armeekräfte fröhliche Tänze voller Stolz und Ruhm vorführten. Die Oberste Volksversammlung Nordkoreas – 687 Abgeordnete, die alle fünf Jahre gewählt werden und ein- bis zweimal im Jahr tagen – erhielt 100 Prozent Zustimmung. Nicht das geringste Fitzelchen Zwietracht, alle vollkommen einig.

Sonntag, 2. März 14
Das Foto zeigt einen jüngeren Mann mit geschorenem Kopf und modisch starkrandiger Brille, der, das Kinn in die offene Hand gestützt, entspannt an der Kamera vorbei seine Gesprächspartner angrinst.
Im Tagesspiegel interviewen Antje Sirleschtov und Robert Birnbaum den Generalsekretär der CDU, Peter Taubert, über die Zwietracht, die gegenwärtig in der großen Koalition herrscht. Wegen des CDU-Ministers Friedrich, der wegen des ehemaligen SPD-Abgeordneten Edathy zurücktreten musste; wegen der Rolle, die der SPD-Fraktionsvorsitzende Oppermann dabei gespielt hat; wegen des Doppelpasses, den einige SPD-Länder umstandslos ausgeben wollen; wegen der Rentenreform, wie sie die SPD-Ministerin Nahles plant; wegen des Eigensinns und Eigenwillens der CSU und ihres Vorsitzenden Seehofer. Gleichwohl sei die Einheit der Regierung nicht gefährdet.

Samstag, 1. März 14
Nicht in Kiew, der Hauptstadt, oder irgendeinem anderen Ort der Ukraine, sondern im russischen Rostow, berichtet Christian Esch in der Berliner Zeitung, erklärte Viktor Janukowitsch sich unverändert zum Präsidenten der Ukraine (der die Einheit des Landes verkörpert). Das Foto zeigt den Mann entspannt lächelnd; die Frisur tadellos aufgebacken. Dass auf der Krim russische Separatisten die Macht ergreifen, kann er nicht als bedrohliche Zwietracht erkennen, im Gegenteil, die Separatisten bekräftigen die Einheit der Ukraine mit der Krim. Gefährliche Zwietracht bewirke die neue Regierung in Kiew (die Janukowitsch hat absetzen lassen), vom Westen installiert und gesteuert. Dagegen erklärte Refat Tschubarow, der Sprecher der Krimtataren, die Operationen der Separatisten für den Versuch einer russischen Annexion der Krim, gegen die die UNO einschreiten müsste (um die Einheit der Ukraine wiederherzustellen).

Donnerstag, 20. Februar 14
Schwere Zwietracht plagt die Veranstalter des Christopher Street Day in Berlin, berichtet Lars von Törne im Tagesspiegel. So hat der Verein das Logo „CSD“ löschen und stattdessen „Stonewall“ eintragen lassen – viel zu wenig Mitgliederbeteiligung bei dieser Entscheidung, protestieren die Mitglieder. Vor allem Robert Kastl, 43, zieht die Kritik auf sich. Er trete autoritär auf; er verfolge vor allem seine eigenen kommerziellen Interessen, insofern seine Firma Publicon beim CSD Werbeflächen vermiete. Zentraler Streitpunkt ist die zentrale Abschlusskundgebung am Brandenburger Tor, 21. Juni, in Einheit mit der WM-Fanmeile.

Montag, 17. Februar 14
Konstant herrscht in Libyen Zwietracht, berichtet Mirco Keilberth in der taz, seit dem Sturz des Diktators Gaddafi. Aber die Zwietracht bewirkt eine eigene Stabilität. So verkündete zwar letzten Freitag General Chalifa Haftar seinen Putsch, der den Kongress auflösen und eine Notstandsregierung installieren sollte (um die Zwietracht im Land zu beenden) – aber der Putsch, spottete man, fand wohl nur im Wohnzimmer des Generals statt, ohne Folgen. Die Kleinstadt Derna im Osten erklärte Al Qaida zum Kalifat, und manche Parlamentsabgeordnete sollen mit den Islamisten kooperieren. Eine einheitliche Polizei oder Armee existieren nicht. Aber im Sommer sollen Neuwahlen zum Parlament stattfinden – und am nächsten Donnerstag wird eine Verfassungskommission gewählt. Einheitsstiftende Vermittlungstätigkeiten sagt man den Ältesten der Stämme nach, die außerhalb der Städte in der Wüste leben.

Donnerstag, 6. Februar 14
Schwerste Zwietracht beherrscht die Dresdner Szenekneipe Trotzdem, Alaunstraße, berichtet Peter Nowak in der taz. (Während doch gerade solche Szenekneipen auf die enge Einheit des Personals und des Publikums angewiesen sind.) Johanna Kalex, die Betreiberin, hat dreien ihrer vier Kellnerinnen gekündigt: Seit einem halben Jahr komme es in ihrer Kneipe zu massiven Diebstählen, und es sei nicht gelungen, die Täter zu identifizieren (so mussten sämtliche Verdächtigen pauschal verräumt werden).
Die Kellnerinnen dagegen sprechen von Verleumdung und drohen mit juristischen Gegenmaßnahmen. Sie erklären die Kündigung aus ihrem gewerkschaftlichen Engagement. Eine kleine Gewerkschaft kümmert sich um die ökonomischen Interessen des Personals solcher Kneipen; das Lohnniveau liegt außerordentlich niedrig. Die kleine Gewerkschaft schlug vor, die Getränkepreise in der Kneipe von Johanna Kalex zu erhöhen und dem Publikum zu erklären, dass es um Lohnerhöhungen für das Personal geht.
Johanna Kalex genießt in dieser Szene hohes Ansehen: als ehemalige DDR-Oppositionelle und Friedenskämpferin. Nach der Wiedervereinigung wurde sie von Neonazis überfallen und verschwand für mehrere Jahre ins Ausland.

Samstag, 1. Februar 14
Eine neue Einheit mit ihren Säufern, berichtet Pascal Beucker in der taz, erstrebt die Stadt Essen. Die Stadt Amsterdam liefert das Vorbild. Sie setzt die Säufer zur Säuberung von Straßen, Plätzen und Parks ein, wobei sie mit zwei Dosen Bier, einer Tasse Kaffee, später einer warmen Mahlzeit aus der Suppenküche und einer weiteren Dose Bier belohnt werden; kein Versuch, den Säufer in Zwietracht mit sich selbst zu bringen. Dann gibt es noch ein Päckchen Tabak und zehn Euro.
Essen will das mit zehn, später zwölf Arbeitsplätzen nachstellen. Die Obdachlosenhilfe linker Mittelrhein protestiert. Erstens sollten die neuen Ordnungskräfte angemessen bezahlt werden. Zweitens geht es nicht an, dass die Säufer unauffällig in ihrer Sucht bestätigt werden durch Alkoholgaben.

Freitag, 31. Januar 14
Das Foto zeigt zwei Männer, die nebeneinander herumstehen, sich halb den Rücken zuwendend. Beide halten Weingläser in der Hand, tragen weiße Hemden mit Schlips. Unverständlicher Raum, vielleicht ein Empfang.
Die Freundschaft der Schriftsteller Alfred Andersch und Max Frisch, die in dem Schweizer Dorf Berzona nahe beieinander wohnten – berichtet Michael Braun im Tagesspiegel – endete nach 15 Jahren in einer gewissen Zwietracht, weil Andersch im Tagebuch von Frisch ein kühles, unsympathetisches Porträt von sich selber gelesen hatte (das im Nachhinein die 15 Jahre Freundschaft entwertete). Das kann man dem Briefwechsel von Frisch und Andersch entnehmen, der gerade erschienen ist.

Samstag, 25. Januar 14
Die Einheit der Bundeswehr, referiert Thomas Kröter in der Berliner Zeitung eine Untersuchung des Instituts für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften, gefährden zunehmend ihre weiblichen Mitglieder. 2005 meinten in einer früheren Studie ungefähr 50 Prozent der befragten Männer, Frauen hätten hier bessere Karrierechancen, 2011 waren es 62 Prozent – 2005 meinten es 32 Prozent der Frauen, 2011 waren es weniger als 25 Prozent. 2005 meinten 51,6 Prozent der befragten Männer, die Integration der Frauen ins Heer bringe Nachteile – 2011 sind es 56,6 Prozent. Insbesondere vermindere sich die Kampfkraft – 2005 meinten das 32,7 Prozent, 2011 sind es 35,8 Prozent.
So geht das doch schon in der Schule, hätte unsere Freundin Jutta gespottet, kommen Mädels dazu, schwächt das die Jungsgruppe.

Freitag, 24. Januar 14
Das Foto zeigt ein festlich gekleidetes Paar, nebeneinander sitzend, einander lächelnd zugeneigt, mit gegen die Kamera grüßend erhobenen Gläsern. Der Mann trägt zum Smoking einen schmalen Querbinder; die Frau zeigt ein prachtvolles Dekolletee, Arme, Schultern, Brüste.
Aber die schöne Einheit dieses Paars, berichtet Uwe Ritzer in der SZ, löst sich gerade in krasse Zwietracht auf. Alexander Dibelius, Investmentbanker mit einem geschätzten Vermögen von 300 Millionen Euro, und seine Frau Andrea lassen sich scheiden. Sie hofft eine höhere Abfindung zu erzielen, indem sie die Scheidung in London einreichte; er besteht auf München.
Gleichzeitig zerfällt die strahlende Einheit seiner Karriere, zweifelhafte Immobiliengeschäfte.

Dienstag, 21. Januar 14

Das briefmarkengroße Foto zeigt einen Fuchs, der quasi über seine Schulter in die Kamera schaut, entspannt, souverän, vor einem Hintergrund von Grün.
1000 bis 1500 Füchse leben in Berlin, berichtet Abini Zöllner in der Berliner Zeitung, und gefährden die Einheit der städtischen Tierwelt, indem sie im Zoologischen Garten Jungtiere reißen, Kängurus, Antilopen, immer wieder Enten. Im Jahr 2013 zählte man 40 Opfer. Im Zoo herrscht Jagdverbot, sodass man die Füchse nicht bekämpfen kann. Anders als im Berliner Tierpark, wo 2013 sechs Füchse abgeschossen wurden.
Wenn Tiere Tiere jagen, träumt das junge Ding, folgen sie ihrer Natur. Wenn Menschen Tiere jagen, zerstören sie die Natur.

Freitag, 17. Januar 14
Das Foto zeigt einen alten Mann mit Fusselhaaren und schwarzem Ledermützchen, Lesebrille und weißem Dreitagebart, der vorwurfsvoll in die Kamera schaut; im Hintergrund ein Plakat, Flora bleibt unverträglich.
Andreas Beuth, in Hamburg bekannt als Anwalt der linken Szene, berichtet Marc Widmann in der SZ, erklärte auf einer Pressekonferenz den Sieg über Polizei und Senat. Den Angriff der Demonstranten auf die Davidswache habe man frei erfunden, um zusätzliche Mittel zur Aufrüstung der Polizei zu fordern. Dass der Senat die Erklärung gewisser Quartiere zur Gefahrenzone aufgehoben habe; dass er die Rote Flora vom Privatinvestor zurückkaufen wolle, spreche doch für sich. Mit dem Senat zu verhandeln, gar Verträge zu schließen, verbiete sich für seinesgleichen von selbst.
So sind sie, die Anarchos, hätte unsere Freundin Jutta gespottet. Verträge, verbriefte Eigentumsrechte, formale Regelungen verewigen Zwietracht und zerstören die spontane Einheit der Menschen, die sich im Kampf gegen den Staat unwiderstehlich bildet…

Montag, 13. Januar 14
Das Foto zeigt einen Berliner U-Bahn-Wagen, in dem sich Passagiere dicht gegenübersitzen. Alle zeigen ihre nackten Beine. Die spontane Einheit, die ein über das Internet organisierter sog. Flashmob zu bilden vermag, berichtet Martin Wittmann in der SZ, hieß diesmal No Pants Subway Ride. Er fand in mehr als 70 Städten überall auf der Welt statt, in Berlin ebenso wie in Lille, in Sydney ebenso wie in New York.

Samstag, 11. Januar 14
Schwere Zwietracht herrscht unter Berlins organisierten Raucherfeinden, berichtet Kim Trau im Berlinteil der taz, Gruppen, die doch einig sein sollten in ihrem Kampf. Eine komplizierte Geschichte. Die Senatsverwaltung für Gesundheit hat die Projektgruppe Berlin qualmfrei aufgelöst, weil das Mitglied Johannes Spatz nicht aufhört, gegen Claudia Nothelle, Programmdirektorin des RBB, zu agitieren. Sie ist Kuratoriumsvorsitzende der Berliner Krebsstiftung, die zur Berliner Krebsgesellschaft gehört, die wiederum Mitglied der Projektgruppe Berlin qualmfrei ist. Gleichzeitig gehört Claudia Nothelle aber zur Jury des Liberty Award, ein Journalistenpreis, den die Reemtsma Cigarettenfabriken gestiftet haben. So hilft die Programmdirektorin des RBB, vorgeblich Mitkämpferin gegen das Rauchen – hört Johannes Spatz nicht auf zu schimpfen – der Tabakindustrie, als vorgebliche Wohltäterin wieder hoffähig zu werden. Deshalb müsse die Berliner Krebsgesellschaft aus der Projektgruppe Berlin qualmfrei ausgeschlossen werden. Die Berliner Drogenbeauftragte Christine Köhler-Azara teilt viele Einschätzungen von Johannes Spatz. Allerdings sollte die Projektgruppe konkrete Präventionsmaßnahmen entwickeln, statt in andere Organisationen hineinzuregieren. Sie müsse sich, mit einem klaren Regularium, neu konstituieren.

Donnerstag, 9. Januar 14
Das Foto zeigt Horst Seehofer, wie er zwischen Ilse Aigner und Gerda Hasselfeldt sitzt, die Arme um sie gelegt. Alle drei lachen frenetisch in die Kamera, Aigner besonders ausdrucksvoll.
Sie wollen den Eindruck erwecken, berichtet Robert Birnbaum im Tagesspiegel, dass es immer Einigkeit zwischen ihnen und keinen Augenblick Zwietracht gegeben habe. Obwohl Aigner, Wirtschaftsministerin in Bayern, in einem Interview vorgeschlagen hatte, die Strompreise bei der Energiewende durch Kreditaufnahme zu finanzieren; was Ministerpräsidenten Seehofer in einem anderen Interview prompt für Unfug erklärte; worauf Aigner in einem dritten Interview erklärte, man könne nicht immer nur Nein sagen. Am Dienstag ließ die bayerische Staatsregierung wissen, dass Aigners Vorschlag vorerst nicht weiterverfolgt werde; und Seehofer versicherte, dass die Sitzung des Kabinetts keineswegs zu dem Zweck, Aigner abzuschmettern, einberufen worden sei.

Mittwoch, 8. Januar 14
Das Foto zeigt einen langen, kalt ausgeleuchteten Gang in Hellgrau, menschenleer, rechts und links in regelmäßigen Abständen verschlossene Türen. Was sich wohl dahinter abspielt? Ob sie überhaupt verlässlich verschlossen sind? Das einheitlich- öde Bild täuscht.
Kerstin S., 50, Psychologin in der JVA Stadelheim – berichtet Christian Rost in der SZ – sitzt in Untersuchungshaft und wird beschuldigt, sich mit Insassen gegen die Anstalt verbündet, also gründlich mit ihr entzweit zu haben. Einem 25-jährigen Gefangenen soll sie Handys (deren Besitz verboten ist) sowie Schlüssel verschafft haben, die für Ausbruchsversuche verwendet werden konnten, worüber sie informiert war. Darüber hinaus betrieb sie mit diesem 25-Jährigen in ihrem Gefängnisbüro regelmäßig Geschlechtsverkehr; ebenso mit einem 40-Jährigen, über den sie günstige Gutachten erstellte und von dem sie schwanger wurde.

Dienstag, 7. Januar 14
Womöglich organisiert Amazon, berichtet Stefan Sauer in der Berliner Zeitung, eine Einheitsfront seiner Mitarbeiter gegen die Gewerkschaft Verdi. Jedenfalls haben Tausende ein Schreiben unterzeichnet, das sich gegen das schlechte Image des Unternehmens in der Öffentlichkeit wendet und die Arbeitsbedingungen lobt. Verdi hält es für möglich, dass die Mitarbeiter zu den Unterschriften gedrängt wurden; im Übrigen fand die Aktion im Advent statt, als Amazon wegen des Weihnachtsgeschäfts viele zusätzliche Mitarbeiter beschäftigte, die inzwischen wieder ausgeschieden sind. Die Arbeitskampfmaßnahmen von Verdi sollen durchsetzen, dass Amazon sich an die Tarifverträge für den Einzel- und Versandhandel hält statt an die niedrigeren Tarife der Logistikbranche.

Montag, 6. Januar 13
Kai-Uwe Trinkaus lebt – dem Bericht von Andreas Förster in der Berliner Zeitung zufolge – seit langem in ständiger Zwietracht mit sich selber. Ursprünglich Offiziersschüler der NVA in Zittau, engagierte er sich nach dem Untergang der DDR in der PDS und saß für sie im Erfurter Stadtrat. Er arbeitete beim Ordnungsamt. Dann engagierte er sich aber bei der NPD und wurde ihr Kreisvorsitzender in Erfurt. Dann wechselte er zu DVU und wurde ihr Landesvorsitzender in Thüringen – um schließlich aus der Politik zu verschwinden und Immobilienmakler zu werden.
2002 gestand er im MDR, in der Neonaziszene als V-Mann des Thüringer Verfassungsschutzes gearbeitet zu haben. Wofür er 16 000 Euro erhielt. Er soll aber auch Landtagsabgeordnete der PDS ausspioniert haben. sowie Jusos und Grüne. Alles mit Billigung seiner Auftraggeber, behauptet Trinkaus. Das LfV bestreitet es.

Samstag, 4. Januar 13
Teile Kanadas und den Nordosten der USA vereinigen – dem Bericht von Gerd Braune im Tagesspiegel zufolge – extreme Schneefälle, starker Frost, Stürme. Tausende Flüge wurden abgesagt; die Gouverneure von New York und New Jersey riefen den Notstand aus; Bundesstraßen wurden gesperrt; Blizzards drohen, in denen man komplett die Orientierung verlieren kann („whiteout“).
Das große Foto zeigt den Broadway in NYC, auf den dicht der Schnee fällt. Dicht spazieren Leute über den Broadway, dick angezogen und offenbar vergnügt. Ja, solches Wetter, kommentiert der Anthropologe, erzeugt ad hoc die geeinte Menschheit.

Freitag, 3. Januar 14
Die Einheit Ariel Scharons, berichtet Peter Münch in der SZ, löst sich auf, weil lebenswichtige Organe versagen, wie Ärzte am Klinikum Tal Haschamar, Tel Aviv, berichten. Dort liegt Ariel Scharon seit 2006, als ein Hirnschlag ihn ins Koma versetzte; eine Magensonde erhält ihn am Leben, sonst keine Maschinen. Durchaus prächtig liegt er da die ganze Zeit, berichtete sein Sohn Gilad Scharon, majestätisch wie ein Gutsherr; der ohnehin schon fette Mann – 115 Kilo bei der Einlieferung – hat noch zugenommen.
Als Ministerpräsident organisierte er den Rückzug der jüdischen Siedler aus dem Gaza-Streifen und stiftete damit schwere Zwietracht in seiner Partei, dem Likud. Sein Kronprinz Benjamin Netanjahu wurde sein schärfster Gegner; Ariel Scharon verließ den Likud und gründete seine eigene Partei, Kadima. Das Foto zeigt groß sein dickes Gesicht, nach links gewandt, grimmig blickend – als befinde er sich mitten in einer heftigen Debatte und müsse schwere Vorwürfe anhören.

Dienstag, 31. Dezember 13
Stille und Schweigen, berichtet Claus-Dieter Steyer im Tagesspiegel, wird an Silvester das Dorf namens Sibirien, Ortsteil der Stadt Welzow im Landkreis Oberspreewald-Lausitz, vollkommen beherrschen. Es leben nur noch 15 Bürger in dem Dorf; es gibt keine Kneipe, keine Kirche, keinen Kaufladen – allmählich frisst der Braunkohletagebau das Dorf auf; 2020 ist es verschwunden. Kein Böller, nicht einmal eine Wunderkerze wird dort heute Nacht Zwietracht säen. Das Foto zeigt ein großes, repräsentatives Haus, das womöglich schon leer steht, an einem unbelebten Asphaltweg, den vorn eine Wiese mit gelbgrauem Wintergras begrenzt.
Totenstille eint in Sibirien Mensch und Natur, schwärmt das junge Ding, das sich rastlos auf die Berliner Clubnacht freut, in die es sich nachher stürzen wird.

Montag, 30. Dezember 13
In der frisch gestifteten Einheit der Großen Koalition stiftet die CSU – dem Bericht von Roland Preuss in der SZ zufolge – frische Zwietracht. Ab dem 1. Januar 14 genießen Arbeitskräfte aus Rumänien und Bulgarien freien Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt – die CSU-Landesgruppe im Bundestag fordert in einem Papier, das bei ihrer Klausur Anfang Januar beschlossen werden könnte, Restriktionen, damit sich keine arbeitsscheuen Migranten in die deutschen Sozialsysteme einschleichen. So könnten alle Sozialleistungen für die ersten drei Monate des Aufenthalts sistiert werden; auch könnten überführte und abgeschobene Sozialbetrüger dauerhaft von der Wiedereinreise ausgeschlossen werden.
Dagegen bezweifelt das Arbeitsministerium (SPD), dass die Zuwanderer aus Rumänien und Bulgarien die Sozialsysteme der BRD signifikant belasten werden. In den letzten Jahren haben sich dafür keine Belege ergeben.

Montag, 23. Dezember 13
In Hamburg, berichtet Dieter Hanisch im Tagesspiegel, entwickelte sich die Demonstration für den Erhalt des Kulturzentrums Rote Flora zu einer Art Straßenkrieg, der 120 verletzte und – nach Angaben der Veranstalter – 500 verletzte Demonstranten zurückließ. Insgesamt beteiligten sich 7000 Demonstranten – 10 000, sagen die Veranstalter – von denen knapp 5000, aus der ganzen Bundesrepublik angereist, sofort zu kriegerischen Handlungen übergingen. Sieben Streifenwagen wurden zerstört; die Krieger attackierten die Polizisten mit Steinen, Flaschen und Feuerwerkskörpern; sie warfen die Scheiben von Geschäften ein, zerstörten ein SPD-Büro und stürmten eine Hotelhalle. Kleine Gruppen vergnügten sich nach Guerillataktiken in Einzelkämpfen.
So ging’s doch immer, hätte unsere Freundin Jutta gespottet. Ein befreites Gebiet wie die Rote Flora, das die einige und befriedete Menschheit repräsentiert, erlaubt jede Menge Gewalttätigkeiten.

Sonntag, 22. Dezember 13
Im Tagesspiegel berichtet Johannes Groschupf, wie der Klassenkampf Berlin-Neukölln entzweit. Prominenter Schauplatz ist das Kaufhaus Karstadt am Herrmannplatz (das Foto zeigt die Ecke zur Hasenheide). Während die oberen Etagen, wo Kochgeschirr oder Bettwäsche oder Sportkleidung angeboten werden, ohne Kunden bleiben, blüht die Lebensmittelabteilung im Keller. Die Gentrifizierung der umliegenden Quartiere bildet sich in ihrem Angebot ab. So führt die Weinabteilung einen Dom Perignon für 148 die Flasche – besonders beeindruckt aber das luxuriöse Angebot an Salzen: Himalaya-Salz, 250 Gramm für 5.99; schwarzes Hawaii-Salz, 150 Gramm für 6.99; das Marblau-Salz aus Mallorca, 155 Gramm für 9.99 Euro.
Zwar findet sich hier unten noch eine Bierquelle namens Zapfhahn, aber die typischen Neuköllner Trinker, die sie zu frequentieren pflegten, sterben aus.

Samstag, 21. Dezember 13
Im Südsudan, der erst vor kurzem durch Teilung des Gesamtsudan entstand, beginnt ein Bürgerkrieg, berichtet Tobias Rick in der SZ. Dem Präsidenten Salva Kiir macht sein Vizepräsident Rick Machar das Amt streitig. Der Präsident gehört dem Stamm der Dinka, der Vizepräsident dem Stamm der Nuer an, die seit langem um die Macht rivalisieren.
So geht es immer zu beim Aufbau einer neuen Nation, doziert der Anthropologe, es beginnt mit Zwietracht. Erst später, nach vielen Kämpfen, kann es zur Einheit kommen.
Das briefmarkengroße Foto zeigt den Vizepräsidenten, wie er in eine Reihe von Mikrophonen spricht, erregt die Zähne fletschend und mit geballten Fäusten, von denen er die Zeigefinger abspreizt.

Freitag, 20. Dezember 13
Holger Apfel, 42, berichtet Frank Jansen im Tagesspiegel, ist als Bundesvorsitzender der NPD und als Vorsitzender der NPD-Fraktion im sächsischen Landtag zurückgetreten. Das briefmarkengroße Foto zeigt einen dicken Kopf mit Igelfrisur und lächelndem Gesicht, randloser Brille. Als Begründung wird Burn-out angegeben, also Depression. Die Spekulationen blühen: der Verbotsantrag gegen die NPD vor dem Bundesverfassungsgericht; Apfels Programm einer „seriösen Radikalität“ lehnt ein Drittel der Mitglieder ab; Intrigen von Udo Pastörs und Udo Voigt, Konkurrenten um den Parteivorsitz.
Darauf kann man sich verlassen, spottet der Anthropologe. Wer besonders scharf auf Einheit und Identität setzt, vermehrt auch im Innern die Zwietracht.

Donnerstag, 19. Dezember 13
Komplizierte Zwietracht beherrscht – dem Bericht von Susanne Vieth-Entus im Tagesspiegel zufolge – in Berlin das Verhältnis mancher Schulen zu den Caterer-Firmen, die das Schulessen liefern. Die Schulen können nicht einfach selber bestimmen, bei welcher Firma sie bestellen wollen. Mehrheitsvoten nützen nichts, weil übergeordnete Jurys die Beschlüsse außer Kraft setzen können (ein Mechanismus, der Wettbewerbsvorteile ausschließen soll). So leidet die Grundschule am Kollwitzplatz darunter, dass sie ihr Essen nicht mehr bei dem Caterer Drei Köche ordern darf, weil die Jury bei dem Konkurrenten einen höheren Bioanteil und längere Warmhaltezeiten prämiert hat; und andere Fälle mehr. Kein Foto von irgendeiner Speise..

Mittwoch, 18. Dezember 13
Das ehemalige Seemannsheim, berichtet Hanna Ender im Berlinteil der taz, das der Rapper Bushido gerade zu seiner Villa umbauen lässt, hat gebrannt. Bushido – auf dem Foto schaut er, Vollbart, schwarzes T-Shirt, blinzelnd nach rechts in die Ferne – erkennt den Brand als Zeichen der Zwietracht. „Die ach so heile Welt Kleinmachnows, deren Einwohner offensichtlich denken, sie seien was Besseres.“ Teenager, die mit einem Kasten Bier unterwegs sind, erklären hingegen: „Wir mögen seine Musik. Die jungen Leute hier freuen sich, dass ein bekannter Rapper hierher zieht.“ Ein älterer Herr äußert: „Ich kenne ihn nicht. Wenn er hierher ziehen will, dann soll er hierher ziehen, aber dann soll er nicht seine Nachbarn beschuldigen.“
Wäre besser, wenn er dort bliebe, hätte unsere Freundin Jutta gespottet. Dann könnten die einen hier einträchtig seine Musik hören, die anderen sie einträchtig ignorieren.

Dienstag, 17. Dezember 13
Um in Syrien die höhere Einheit eines Gottesstaates zu errichten, referieren Tomas Avenarius und Frederik Ostermaier in der SZ, haben sich bereits 11 000 Krieger aus 70 verschiedenen Ländern eingefunden, die den Bürgerkrieg, höchste Form der Zwietracht, vorantreiben. Saudi-Arabien, Jordanien, Jemen, Ägypten und so weiter; aber auch 60 Mann aus den USA, 100 aus Kanada, 205 Australier, 40 Norweger, 42 Schweden, 50 Italiener, 84 Dänen, 240 Deutsche und so weiter. Die Zwietracht vervielfältigt sich, weil die Krieger unterschiedlichen islamischen Glaubensrichtungen angehören, die alle ihren je eigenen Gottesstaat errichten wollen.

Sonntag, 15. Dezember 13
Das Foto zeigt einen mit Kokosläufer bedeckten Fußboden, auf dem Damen-, Herren- und Kinderschuhe wie Kraut und Rüben herumliegen, so dass man den Raum nur mit Mühe durchqueren könnte.
Immer wieder entzündet sich schwere Zwietracht, berichtet Christoph Stollowsky im Tagesspiegel, an den Gegenständen, die Mieter im Treppenhaus abstellen, Schuhe, Grünpflanzen, Kinderwagen etc. Die Howoge in Berlin-Lichtenberg untersagt das Abstellen strikt und lässt die Hausmeister regelmäßig kontrollieren. Die Degewo, Berlins größte Wohnungsgesellschaft, tendiert zu Kompromissen, lässt von Fall zu Fall mit sich reden. Außerdem existieren Gerichtsurteile: Grundsätzlich gehört das Treppenhaus nicht zu dem Raum, über welchen der Mieter verfügen kann. Widersprüchliche Gerichtsurteile gibt es zum Problem der Fußmatten vor den Wohnungstüren. Während das Amtsgericht Schöneberg sie als üblich zuließ, verbot das Neuköllner Amtsgericht Fußmatten draußen.

Mittwoch, 11. Dezember 13
Eine neue Einheit der Stadt, berichtet Peter Neumann in der Berliner Zeitung, stiften gerade ihre Radfahrer. Mehr als 37 000 Besuche auf der entsprechenden Seite im Netz, auf der die Obrigkeit Beschwerden einzusammeln versprach, sind zu verzeichnen; der Staatssekretär Christian Gaebler (SPD) äußert Begeisterung. Zahlreiche Orte der Stadt melden die Radler als problematisch, als Gefahrenquellen, als Konfliktpunkte mit anderen Verkehrsteilnehmern. Die Schönhauser Allee, Unter den Linden, die Linien- und die Wilhelmstraße, das Kottbusser Tor, die Hermannstraße. Gefährliche Kreuzungen, keine Radwege; rücksichtslose Autofahrer, die in der zweiten Reihe parken und ihre Tür aufreißen; die Autobusse der BVG und der ungeregelte Lieferverkehr. Das kleine Foto zeigt einen unmäßig schmalen Radweg in Prenzlauer Berg; das große einen Mann, der sein Rad durch die Oranienstraße schiebt: weil er angesichts der allgemeinen Lage der Radfahrer, sagt das Foto, auf die Benutzung verzichtet, höhö.

Dienstag, 10. Dezember 13
Felicitas Schirow, die in Berlin ein Bordell betreibt – briefmarkengroßes Foto einer strahlend lachenden Frau – hat eine Diskussion organisiert, bei der sich Experten einhellig gegen Alice Schwarzers Kampagne gegen die Prostitution aussprachen, berichtet Cay Dobberke im Tagesspiegel. Der Richter Percy MacLean erklärte strafrechtliche Regelungen für nutzlos, ja für gefährlich, weil sie Frauen in die Kriminalität trieben. Heike Rudat von der Berliner Polizei erklärte, Prostitution sei unbedingt zu unterscheiden von Menschenhandel; Gesine Agena von den Grünen kritisierte, dass Schwarzer den Frauen das Selbstbestimmungsrecht absprechen wolle. Schirow berichtete, dass in ihrem Bordell – man mietet Zimmer – nur sehr selten der Verdacht aufkomme, eine Frau sei gegen ihren Willen dort.
Die Schwarzer kann auch als alte Frau nicht aufhören, hätte unsere Freundin Jutta gespottet, Zwietracht zwischen den Geschlechtern zu säen, immer in punkto Geschlechtsverkehr.

Montag, 9. Dezember 13
Einstimmig beschloss der Stadtrat von Los Angeles, berichtet Jürgen Schmieder in der SZ, die Imbissbude namens „Der Wienerschnitzel“, im Stadtteil Wilmington gelegen, unter Denkmalschutz zu stellen. Das Foto zeigt das Objekt – das „gut erhaltene Exemplar eines Drive-Through-Standes“, wie Ken Bernstein, verantwortlich für solche Denkmäler, erklärt, „ein Symbol für die Autokultur in Los Angeles.“
Schnellimbiss stiftet nationale Einheit, spottet Onkel, der alte Reaktionär. In Old Europe wär’s mindestens ein Schloss oder eine Kathedrale…

Samstag, 7. Dezember 13
Der Quellort der schweren Zwietracht, welche die neue Partei Alternative für Deutschland anhaltend plagt – berichtet Jens Schneider vorsichtig in der SZ – scheint sich im Taunus zu befinden, wo das Vorstandsmitglied Konrad Adam, ehemals FAZ und ehemals Die Welt, lebt. Der hessische Landesverband, reich an Mitgliedern, ist ohne Vorstand; der letzte Parteitag wurde abgebrochen. Albrecht Glaser, ehemals CDU und Stadtkämmerer in Frankfurt/ Main, erkennt eine umrissene Gruppe am Werk, „typischerweise Männer, die sich gern aufregen“. Eine andere Gruppe säe Zwietracht, weil sie die AfD für rechtsnationale Ziele, die ethnisch-kulturelle Einheit und Reinheit Deutschlands programmieren wolle.

Freitag, 6. Dezember 13
Zunehmend herrscht gewalttätige Zwietracht an den Berliner Schulen, berichtet Martin Klesmann in der Berliner Zeitung. Nein, so kann man es nicht sagen. Zwar erhöhte sich die Anzahl der Bedrohungen, Beleidigungen und Tätlichkeiten in den letzten zwei Jahren von 876 auf 1418 Vorfälle. Doch handelt es sich hierbei bloß um die Klasse 1 der Gewalttätigkeiten, und ob die Schulen sie der Obrigkeit melden, steht ihnen frei. Womöglich zeigen die Schulen bloß stärkere Empfindlichkeit; oder sie annoncieren höheren Bedarf an schulpsychologischer Beratung. Dafür spricht auch, dass viel mehr Suizidandrohungen gemeldet wurden.

Donnerstag, 6. Dezember 13
Der linke Donnerstagkreis der lokalen SPD, berichtet Stefan Alberti im Berlinteil der taz, lehnt einhellig den Koalitionsvertrag mit der CDU/CSU ab und empfiehlt allen Parteimitgliedern das Nein. Nur so könne, so der Sprecher Hans-Günter Lorenz, 70, lange Mitglied des Abgeordnetenhauses, das Vertrauen der Wähler zurückgewonnen werden. Der Bundesvorstand der SPD habe nicht einmal den Mindestlohn in der gewünschten Form durchsetzen können; geschweige größere Steuergerechtigkeit oder die konsequente Durchsetzung der Energiewende. In den nächsten vier Jahren droht nicht nur Stillstand, sondern Rückschritt – dass die Große Koalition im Parlament über 80 Prozent der Sitze verfügt, gefährdet die Demokratie.
Als Triumph der Demokratie würden sie es feiern, hätte unsere Freundin Jutta gespottet, wenn die Linke über 80 Prozent der Sitze verfügte.

Mittwoch, 4. Dezember 13
Suthep Thaugsuban schürt in Thailand anhaltend die Zwietracht, berichtet in der taz Nicola Glass. Das Foto zeigt einen grimmigen Mann mit randloser Lesebrille und weißem, strack zurückgekämmtem Haar. Er organisiert die Massenproteste gegen die Regierung von Yingluck Shinawatra, die bloß eine Marionette ihres Bruders Thaksim sei, den 2006 das Militär als Premier gestürzt hatte und der im Exil lebt. Die Massen stürmten unter der Anleitung von Suthep Thaugsuban Regierungsgebäude und besetzten sie. Er fordert er den Rücktritt der Premierministerin und will ihr demokratisch gewähltes Regime durch einen autokratischen „Rat des Volkes“ ersetzen, der eine neue, tiefere Einheit Thailands zu schaffen hätte.

Dienstag, 3. Dezember 13
Keine Einheit zwischen Berlin und Potsdam. Als Altbischof Wolfgang Huber, berichtet Sandra Dassler im Tagesspiegel, sich in einem Taxi von Berlin nach Potsdam chauffieren lassen wollte, zeigte sich, dass der Fahrer den Stadtplan von Potsdam nicht kannte: Statt „Neuer Markt“ gab er „Neumarkt“ ein, was, wie der Navi zeigte, in der Oberpfalz zu finden ist. Der Altbischof – erzählte der Altbischof – beschwerte sich wegen der Inkompetenz und wurde von dem empörten Taxifahrer an die Luft gesetzt. – Neinnein, erwidert der Taxifahrer, dem Altbischof war unbekannt, dass Berliner Taxifahrer gar nicht verpflichtet sind, sich in Potsdam auszukennen, und wurde furchtbar ungeduldig. Da wollte er ihn einfach zum nächsten Taxistand chauffieren, wo potsdamkompetente Fahrer anzutreffen wären.

Montag, 2. Dezember 13
In der Berliner Zeitung berichtet Timot Szent-Ivanyi über Pläne der Großen Koalition, Teenagern Schönheitsoperationen zu verbieten. Die Regierung garantiert gewissermaßen die unverbrüchliche Einheit des Teenagerkörpers, so wie er ist. Lebt ein Teenager in unerträglicher ästhetischer Zwietracht mit seinem Körper, so hat er das zu ertragen, selbst wenn die Erziehungspersonen mit der Operation einverstanden sind. Es wird wenige, genau definierte Ausnahmen von dem Verbot geben.

Samstag, 30. November 13
In der Berliner Zeitung berichtet Karl-Herrmann Leukert über die Beschwerdechöre. Das Format entstand in Helsinki, wo unter dem Einfluss eines Künstlerehepaares „Valtiskuoro“ entstanden, die das gemeinsame Jammern kultivierten. Inzwischen findet es sich überall. Weibliche Programmierer werden nicht ernst genommen, die Rolltreppe hat meine High Heels zerstört (sang man in Sankt Petersburg). Ich wohn in einem Schuhkarton, mein Schwager ist ein Besserwisser. Über sieben schlechte Straßen musst du fahr’n, denn diese Stadt ist nicht aus Marzipan (sang man in Lübeck).Der Zugang ist unreglementiert; Arbeitsgruppen präparieren das Material. Das Foto zeigt Männer und Frauen, die in einem Raum herumstehen, beschriftete Blätter in der Hand: Sie schauen nach innen gekehrt und depressiv aus, gesenkte Köpfe.
Mittels Singen, hätte unsere Freundin Jutta gespottet, erklärt man sich automatisch mit seinen Beschwerden einverstanden.

Freitag, 29. November 13
Zum Abschied lobte Oberbürgermeister Klaus Mohrs die Einigkeit des Seniorenrings, berichtet Bettina Jaeschke in den Wolfsburger Nachrichten. „Es war immer zu spüren, dass Sie ein Team waren.“ Manfred Kolbe gibt sein Amt als Vorsitzender an Rocco Artale ab; außerdem scheiden Baldur Hilberg, Heinz Schinke, Helge Barck und Herbert Jakobs aus. „Sie waren uns immer kritische und konstruktive Partner“, lobte der Oberbürgermeister, „wir als Stadt haben immer von Ihnen profitiert.“
In einer Abschiedsrede könnte man unmöglich erzählen, spottet der Anthropologe, wieviel Zwietracht die alten Säcke vom Seniorenring die ganze Zeit gesät haben. Immer hatten sie was zu meckern..

Donnerstag, 28. November 13
Komplette Zwietracht herrscht in der Berliner Politik darüber, berichten Karin Schmidl und Sabine Rennefanz in der Berliner Zeitung, wie das Flüchtlingscamp am Oranienplatz zu beseitigen sei. Hatte der Innensenator Henkel (CDU) eben noch gedroht, die Bezirksbürgermeisterin Herrmann (SPD) quasi zu entmachten und zentral Maßnahmen zu ergreifen, so folgte jetzt bloß ein höflicher Brief, der Bezirk möge das Camp bis zum 16. Dezember räumen lassen. Das deutet womöglich auf Zwietracht zwischen CDU und SPD, die den Senat bilden. Lärmende Uneinigkeit beherrschte auch eine Sitzung des Bezirksparlaments Friedrichshain-Kreuzberg: 250 Demonstranten störten die Verhandlungen, indem sie Parolen riefen („Bleiberecht für alle!“), unverhohlen rauchten und kifften. Die CDU-Fraktion beantragte den Abbruch der Sitzung, erfolglos, und verließ den Saal.

Mittwoch, 27. November 13
Ein Ehepaar aus Niedersachsen, berichtet Frank Jansen im Tagesspiegel, macht regelmäßig Ferien auf Fehmarn, einem Campingplatz, wo man Wohnwagen mieten kann, und traf sich zwischen 2007 und 2011 regelmäßig mit Beate Tschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos, die sich Liese, Gerri und Max nannten, zu gemeinsamen Aktivitäten. Keine Zwietracht, keine politischen Diskussionen. Gerri trug zwar ein gruseliges Tatoo mit Totenkopf und Stahlhelm, das er aber als Jugendsünde erklärte, aus den Verwirrungen der Zeit nach der Wiedervereinigung begangen. Beim nächsten Mal war das Tatoo überschminkt. Max ließ sich von dem Mann aus Niedersachsen dankbar in punkto Surfen instruieren, dem sie gemeinsam frönten.

Sonntag, 24. November 13
Das Foto soll Rätselhaftigkeit zum Ausdruck bringen: das Straßenschild der Lambeth Road in London, an einem Zaungitter befestigt, Herbstlaub, eine dicke Passantin, die in die Kamera blickt, während sie näher kommt. Was weiß man denn, was sich in diesen Häusern insgeheim abspielt?
Womöglich lebten sie im Einverständnis mit ihren Sklavenhaltern, die drei Frauen, die mit Hilfe der Organisation Freedom, die gegen Menschenhandel agiert und agitiert, Ende Oktober in London befreit wurden – berichtet Matthias Thibaut im Tagesspiegel. 30 Jahre lang scheint zwischen den Eheleuten aus Tansania respektive Indien und den Frauen eine Beziehung des religiösen Kults bestanden zu haben. Das Ehepaar wurde aus der Haft entlassen; die Ermittlungen dauern an. Die Gruppe schien als traditionelle Großfamilie zurückgezogen in Lambeth zu hausen; womöglich handelt es sich bei der 30-jährigen Frau, die jetzt bei Freedom um Hilfe einkam, um die Tochter des 67-jährigen Ehemanns.
Das hätte mir auch gefallen, spottet Onkel, der alte Reaktionär, eine Familie, die mich 30 Jahre lang kultisch verehrt!

Donnerstag, 21. November 13
Staatsanwaltschaft und Gericht konnten sich nicht darauf einigen, berichtet Jörn Hasselmann im Tagesspiegel, wie der 62-jährige Karl S. (Name geändert) in Sicherheitsverwahrung zu halten sei. Er wurde aus der JVA Berlin-Tegel entlassen, nach 14 Jahren (wegen Körperverletzung), obwohl er weiterhin als gefährlich gilt – vor allem für seine ehemalige Therapeutin, bei der er 2010 mehrere Monate in Behandlung war. – Vor vier Wochen beschloss eine große Konferenz der zuständigen Stellen, an der allein sieben Spezialisten des LKA teilnehmen, für Karl S. eine elektronische Fußfessel zu beantragen. Aber die Entscheidung braucht Zeit, und Karl S. ist entlassen. Jetzt streiten die Verantwortlichen zusätzlich, wer verantwortlich ist.
Das briefmarkengroße Foto zeigt einen Knöchel mit Socke und Hosenbein und der Fußfessel, die bei Karl S. nicht appliziert wurde.

Dienstag, 19. November 13
Udo Voigt, ehemals Bundesvorsitzender der NPD, berichtet Konrad Litschko in der taz, präsentierte in der Kneipe „Zum Henker“, Berliner Stammlokal von seinesgleichen, sein Buch „Der deutschen Zwietracht mitten ins Herz“, worin er seine 15-jährige NPD-Karriere erzählt. Gleichzeitig stellte er sich als Spitzenkandidat der Partei für die Europawahl 2014 vor – keine ganz aussichtslose Sache bei der Drei-Prozent-Hürde zum europäischen Parlament – , obwohl der Bundesvorstand bereits Udo Pastörs, Fraktionsvorsitzender der NPD in Mecklenburg-Vorpommern, nominiert hat.
Bei den Rechtsradikalen, sinniert der Anthropologe, fällt die Zwietracht halt immer besonders auf, weil sie so brutal auf Einheit setzen.

Mittwoch, 13. November 13
Gegen die 23-jährige Christina Krieger, berichtet Juliane Kaune in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung, trat letzten Donnerstag an der Leibniz-Universität eine „Antifaschistische Aktion“ auf, indem sie in einem Hörsaal des Instituts für Politische Wissenschaft große Pfeile aus Pappe über ihren Kopf hielt und Plakate zeigte, auf denen „rassistische Hetzerin“ zu lesen war und „Die ganze Uni hasst dich.“ Christina Krieger studiert im ersten Semester Politologie und ist Unterbezirkschefin der NPD. Die Philosophische Fakultät missbilligt die Demonstration der Antifaschistischen Aktion gegen Christina Krieger; die SPD-Fraktion im Stadtrat erwartet von der Universität ein klares Bekenntnis gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit. Christina Krieger teilt auf ihrer Facebook-Seite mit, dass das Video der Aktion ihr viel Interesse und Zuspruch eingebracht habe.

Samstag, 9. November 13
Das briefmarkengroße Foto zeigt den Schwarzen Mann: wuchernder Vollbart, Turban, unlesbar dunkles Gesicht. Den Blick nach unten gewendet, den Mund halb geöffnet: womöglich schneidet er, hätte unsere Freundin Jutta geschimpft, gerade konzentriert einem Ungläubigen den Kopf ab.
Mullah Qari Fazlullah vereinigt die pakistanischen Taliban hinter sich, berichtet Willi Germund in der Berliner Zeitung, nachdem eine amerikanische Drohne Hakimullah Mehsud liquidiert hat. Mullah Qari Fazlullah lebt aber nicht in Pakistan, er versteckt sich in Afghanistan, der Kunar-Provinz. Man kann bezweifeln, ob er die verschiedenen Gotteskrieger-Gruppen unter seiner Führung vereinigen wird – sicher scheint nur, dass er ewige Zwietracht zwischen diesen Gruppen und der Regierung Pakistans, die eben Friedensgespräche anstrebte, zu stiften wünscht.

Freitag, 8. November 13
Man kann von den Schwulen in gewissen Staaten Afrikas nicht erwarten, dass sie
in Zwietracht mit ihren Wünschen leben, entschied der Europäische Gerichtshof, wie Steffen Hebestreit in der Berliner Zeitung berichtet. Männer aus dem Senegal, aus Sierra Leone und Uganda hatten in den Niederlanden politisches Asyl beantragt, weil daheim Homosexualität als Verbrechen verfolgt wird, und waren darüber belehrt worden, dass sie ihren Gelüsten doch insgeheim nachgehen könnten zu Hause. Nein, Schwule müssen öffentlich in Einigkeit mit sich selber leben können, notfalls im Exil.

Donnerstag, 7. November 13
Dem Berliner Karneval-Festkomitee ist es misslungen, berichtet Susanne Lenz in der Berliner Zeitung, die Stadt mit dem rheinischen Frohsinn zu vereinen, und deshalb gibt es ab dem nächsten Jahr keinen Karnevalsumzug mehr über den Kudamm. Schon der letzte Umzug verlief traurig: Kein Konfetti-Regen, weil der Bezirk es wegen der Straßenverschmutzung verboten hatte; die Musik so gedämpft, dass keine Wallungswerte im Publikum entstehen konnten; Edmund Braun, der Vereinspräsident, musste die ganze Zeit auf dem Tauentzien ein Blumenbeet vorm Zertrampeltwerden beschützen. Zwar nahmen die Einheimischen dankbar die 50 Tonnen Karamelle entgegen, die der Umzug ausstreute, aber die Gabe zündete nicht.

Mittwoch, 6. November 13
Einen Anlass der Zwietracht unter den Kindern Nordrhein-Westfalens, berichtet Markus Decker in der Berliner Zeitung, will der Landesvorsitzende der Linkspartei, Rüdiger Sagel, beseitigen: Das Kinderfest zum Namenstag des heiligen Martin soll nicht mehr nach demselben, sondern Sonne-Mond-und-Sterne-Fest heißen. Damit würden die muslimischen Kinder Nordrhein-Westfalens am Mitfeiern weniger gehindert. Allerdings hat der Zentralrat der Muslime gleich erklärt, dass er diese Behinderung ohnedies nicht erkennen kann. Der neue Name für das Fest würde keine größere Einheit unter den NRW-Kindern stiften.

Sonntag, 3. November 13
Die Berliner SPD lebt in Zwietracht darüber, berichten Sidney Gennies und Ulrich Zawatka-Gerlach im Tagesspiegel, wie sie sich zu dem Volksentscheid über die Rekommunalisierung des Berliner Stromnetzes stellen soll. Ihr Koalitionspartner CDU lehnt den Volksentscheid ab. Der Landesparteitag der SPD blieb uneinig. Einerseits unterstütze man die Bemühungen, Gas, Wasser und Strom wieder in die öffentliche Hand zurückzuführen. Anderseits sei der Volksentscheid doch beinahe überflüssig, insofern der Senat kürzlich ein Gesetz zur Gründung eines Öko-Stadtwerks beschlossen habe…
Wenn ich „Oko“ höre, kriege ich das Kotzen, spottet Onkel, der alte Reaktionär. Und stimme glatt für Vattenfall.

Freitag, 1. November 13
Das Foto zeigt einen schräg emporragenden Grabstein, dessen Inschrift man nicht entziffern kann.
In einem Massengrab auf dem Jüdischen Friedhof an der Großen Hamburger Straße, Berlin – berichtet Jörn Hasselmann im Tagesspiegel – wurde auch der Gestapo-Chef Heinrich Müller bestattet, der im Mai 1945 womöglich durch Selbstmord endete. Lange galt Heinrich Müller als verschollen – womöglich nach Südamerika entkommen – heimlich in einem Neuköllner Familiengrab beigesetzt. Johannes Tuchel, Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, hat mittels intensiver Recherchen den Verbleib von Heinrich Müllers Leichnam aufgedeckt. Es ist unmöglich, ihn dort herauszuklauben; ein Obermörder bildet mit den Opfertoten eine unauflösliche Einheit.

Donnerstag, 31. Oktober 13
Das Bild zeigt einen jungenhaften Mann mit grauem Haar, im grauen Anzug mit Nadelstreifen, die linke Hand lässig in die Hosentasche gesteckt, in einem pompösen Treppenhaus stehend, den Blick herrisch in die Ferne gerichtet: von schräg unten fotografiert als Denkmal des Selbstbewusstseins und des Willens zur Macht.
Bernd Huber, Präsident der Ludwig-Maximilians-Universität zu München – berichtet Sebastian Krass in der SZ – hat durchgesetzt, dass Annette Schavan, die wegen Plagiatsvorwürfen abgehalfterte Bildungsministerin, Mitglied seines Hochschulrats wird. Überhaupt soll er die LMU selbstherrlich leiten, wie viele Professoren beklagen.
Aber die mosern doch immer, hätte unsere Freundin Jutta gespottet. Universitätslehrer leben in ewiger Zwietracht mit ihrer Verwaltung.

Mittwoch, 30. Oktober 13
Ruth Kampa. Fraktionsgeschäftsführerin der Linkspartei – berichtet Markus Decker in der Berliner Zeitung – , hat, wie jetzt herauskam, 20 Jahre für die DDR- Staatssicherheit gearbeitet. Als Mitglied der Schiedskommission hätte sie das rechtzeitig eingestehen müssen. Soll doch eine Regelüberprüfung der Mitarbeiter stattfinden, damit solche Skandale in Zukunft erspart werden? Sahra Wagenknecht, stellvertretende Partei- und Fraktionsvorsitzende, schießt zurück – das Foto zeigt sie im roten Kostüm, angestrengt nach unten blickend und redend – : CDU und FDP haben, indem sie die DDR-Blockparteien beerbten, ja auch auf solche Prüfungen verzichtet. Anderseits könnten sie, wenn es um Schlüsselpositionen der Linkspartei geht, sinnvoll sein, damit es zu solchen Skandalen wie mit Kampa in Zukunft nicht mehr kommt… Auf keinen Fall, widerspricht Bundesgeschäftsführer Matthias Höhn, die Linkspartei lehnt die Regelüberprüfung im öffentlichen Dienst ab und kann sie jetzt unmöglich intra muros einführen.
So ist sie nun mal, die Linke, triumphiert Onkel, der alte Reaktionär. Zerstritten wie eh und je.

Montag, 28. Oktober 13
Eine Expertengruppe der UN, unter der Leitung der jamaikanischen Professorin Verene Shepherd – berichtet Rolf Brockschmidt im Tagesspiegel – rät den Niederländern dringend, am Nikolaustag den Sinterklaas ohne seine Begleitfigur des Zwarte Piet auftreten zu lassen; er bedeute eine Rückkehr in die Sklaverei und bekräftige das stereotype Bild des Afrikaners als Mensch zweiter Klasse. 92 Prozent der Niederländer wollen aber an der Figur des Zwarte Piet festhalten. Das Foto zeigt einen Mann in roter Verkleidung, mit Halskrause, schwarz bemaltem Gesicht und dunkler Wuschelperücke, der die Hände hochhebt und Victory signalisiert.
Da wird sie es nicht schaffen, die jamaikanische Professorin, spottet Onkel, der alte Reaktionär, gründliche Zwietracht unter die Niederländer zu säen.

Donnerstag, 24. Oktober 13
Das Foto zeigt den Mann auf einer Terrasse hoch über der Stadt stehen, deren Bauten man im Hintergrund erkennt, teils ultramodernistisch, teils traditionell. Der Mann hat lässig-resigniert die Hände in die Hosentaschen gesteckt und blickt mürrisch nach schräg unten. Wohin er auch bald gelangt? Weiße Hose, hellblaues Hemd ohne Schlips, Bauch.
Michail Saakaschwili, vor zehn Jahren durch eine Volkserhebung ins Präsidentenamt Georgiens getragen – berichtet Julian Hans in der SZ – kann bei der nächsten Präsidentenwahl nicht noch einmal kandidieren. Es ist ihm nicht gelungen, Georgien in die EU zu führen; er hat die einheimische Korruption gründlich bekämpft; er konnte die abtrünnigen Landesteile Abchasien und Südossetien nicht mit Georgien wiedervereinigen. Es misslang ihm, in seiner Person konstant, wie er es wünschte, den einheitlichen Willen Georgiens zu verkörpern – dafür akzeptierte er 2012 den Wahlsieg der Opposition, ein im Kaukasus ganz ungewöhnlicher Machtwechsel.
Vorbildlich! lobt der Anthropologe. Statt die Einheit des Landes unter der Herrschaft eines Autokraten zu erzwingen, organisiert man stabilisierte Zwietracht

Mittwoch, 23. Oktober 13
Eine Prügelei ereignete sich – berichtet Torben Ibs in der taz – , als im Leipziger Museum für Bildende Kunst die Ausstellung „Die Schöne und das Biest“ eröffnet wurde, Malerei des Nazi-Künstlers Richard Müller, des Modedesigners Wolfgang Joop und des Amerikaners Mel Ramos. Dessen Bilder von strotzend nackten Frauen in der Gesellschaft starker Tiere erregte den Protest einer Gruppe von „Guerilla Girls“: gegen Sexismus. Sie riefen Tiernamen und hielten ein Transparent hoch. Sie wurden abgedrängt und hinaus befördert, und dort kam es dann zu den körperlichen Auseinandersetzungen. Der Museumsdirektor lud sie aber zu dem Künstlergespräch mit Mel Ramos ein, das am nächsten Tag stattfand. Kein „Guerilla Girl“ kam.
Es genügte völlig das Einigkeitsgefühl, hätte unsere Freundin Jutta gespottet, das der Krawall zwischen ihnen erzeugte.

Dienstag, 22. Oktober 13
Schon jetzt, ehe es sie überhaupt gibt – berichtet Carsten Brönstrup im Tagesspiegel
sind viele Unternehmerverbände mit der Großen Koalition gründlich zerfallen. Den Streitpunkt bildet der Mindestlohn von 8.50 Euro, den die SPD per Gesetz einführen will. Das Kapital erwartete von Angela Merkel, dass sie der SPD den Mindestlohn ausrede. Er bringe Millionen Arbeitsplätze in Gefahr, er störe die Tarifautonomie zwischen Gewerkschaften und Unternehmern. Vor allem im Gastgewerbe werde es zu Preiserhöhungen kommen; in Ostdeutschland verdienen mehr als zwei Drittel des Personals weniger als 8.50 Euro pro Stunde. Regionale Sonderregelungen lehnt die SPD aber strikt ab. Die Preiserhöhungen vertreiben die Gäste.
Soll das Kapital, schimpft das junge Ding, halt die Löhne aus der eigenen Tasche aufstocken.

Samstag, 18. Oktober 13
Die Einheit zwischen Venezuela und dem Präsidenten Hugo Chavez, berichtet Peter Burghardt in der SZ, manifestierte sich besonders deutlich in der Ley Habilitante, dem Ermächtigungsgesetz, das es ihm erlaubte, vier Jahre lang per Dekret, ohne Zustimmung des Parlaments zu regieren. Diese Einheit will sich zwischen Venezuela und Chavez‘ Nachfolger, Nicolas Maduro, noch nicht vollkommen herstellen: Eine Stimme fehlt ihm im Parlament zur Zwei-Drittel-Mehrheit für ein neues Ermächtigungsgesetz. Die venezolanische Inflation liegt bei 40 Prozent – ebenso komisch wie dramatisch zeigte sich die Wirtschaftskrise in einem akuten Mangel an Klopapier: Die Regierung nahm einen Kredit auf, um 39 Millionen Rollen zu importieren und ließ das Militär eine Papierfabrik besetzen.
Und die Opposition, seufzt Tante, heizt die Zwietracht nach Kräften weiter an.

Freitag, 17. Oktober 13
Im letzten Augenblick, berichtet Damir Fras in der Berliner Zeitung, einigten sich im Kongress Republikaner und Demokraten auf einen Kompromiss, der den Staatsbankrott der Vereinigten Staaten abwendet und die Bundesregierung wieder mit Geldmitteln ausstattet. Der destruktive Einfluss der Tea Party konnte eingedämmt werden; die Gesundheitsreform Präsident Obamas bleibt unangetastet. Während der entscheidenden Abstimmung schlich eine Schreibkraft ans Rednerpult und rief ins Mikrophon: „Gott lässt sich nicht lächerlich machen. Ihr könnt nicht zwei Herren dienen. Gelobt sei Gott, der Herr.“
Ja, warum immer diese Zwietracht zwischen den Politikern? seufzt Tante. Warum waren sie sich nicht gleich einig über den Staatshaushalt? So ein großes Land braucht naturgemäß viel Geld. Das wissen doch auch die Republikaner.

Donnerstag, 17. Oktober 13
Im September 12, berichtet Christian Zaschke in der SZ, ereignete sich ein schwerer Fall von Entzweiung zwischen der britischen Regierung und ihrer Polizei. Andrew Mitchell, parlamentarischer Geschäftsführer der Torys, wollte auf seinem Fahrrad die Downing Street verlassen und bat die Polizisten, die das Absperrgitter bewachten, für ihn das Haupttor zu öffnen, damit er hindurchradeln könne. Die Polizisten verlangten hingegen, er solle absteigen und das Rad durch den Fußgängereingang schieben. Worauf er sich angeblich als „fucking plebs“ beschimpfte. Die nachfolgenden Auseinandersetzungen, Beschuldigungen und Gegenbeschuldigungen führten schließlich zum Rücktritt von Andrew Mitchell. Jetzt aber zeigte sich unwiderleglich, dass alle Beweise gegen ihn erfunden waren.
So kann sich nicht mal die Regierung, seufzt Tante, auf die Polizei verlassen

Dienstag, 15. Oktober 13
Das Foto zeigt einen jungen Mann, der in äußerster Wut, mit ausgebreiteten Armen und kräftigstem Schwung eine Glasschiebetür einzutreten versucht, die innen von anderen Leuten festgehalten wird.
Am Sonntag zog ein Mob durch die Straßen der Moskauer Vorstadt Birlujewo, berichtet Julian Hans in der SZ, um ein Einkaufszentrum zu attackieren. Unter der Parole „Russland den Russen, Moskau den Moskauern“ terrorisierten sie die Händler und das Verkaufspersonal, die vor allem aus dem Kaukasus stammen und von dort Obst und Gemüse nach Moskau importieren. Angeblich befand sich unter ihnen der Mörder eines jungen Mannes, der in der Nacht zum Donnerstag seine Freundin nach Hause gebracht hatte und von einem Unbekannten angegriffen und erstochen worden war. Der russische Innenminister Kolokolzew äußerte Verständnis für den Mob und veranlasste eine Überprüfung aller Moskauer Großmärkte. Viel zu viele unzuverlässige Ausländer trieben sich dort herum.
Das war doch schon immer so! hätte unsere Freundin Jutta gespottet. Zwietracht und Aufruhr bringt der Kaukasus nach Moskau. Man denke bloß an Josef Stalin…

Montag, 14. Oktober 13
Keineswegs einträchtig, berichtet in der taz Andreas Fanizadeh, feierte auf der Buchmesse der Verlag C. H. Beck seinen Geburtstag (250). Immer noch in Familienbesitz, wird das Unternehmen heute von den Brüdern Hans Dieter (*1932) und Wolfgang (*1941) geleitet. Der eine steht der rechtswissenschaftlichen, der andere der kulturwissenschaftlichen Abteilung vor, friedliche Koexistenz.
Zwietracht zeigte sich bei der Geburtstagsfeier im Frankfurter Hof. Hans Dieter präsentierte stolz die von dem Juristen Uwe Wesel verfasste Geschichte des juristischen Verlags. Und verhöhnte dabei die von Stefan Rebenich verfasste Geschichte des kulturwissenschaftlichen Teils. Rebenich erzählt vom Vater Heinrich Beck, wie er sich während des Dritten Reichs den jüdischen Verlag Liebmann für allzu wenig Entschädigung einverleibt habe. (Unfug! sagte auch Uwe Wesel.) Coram publico attackierte Hans Dieter während der Feier Wolfgang, ein Bruderzwist im Hause Beck. Nicht mal am Firmengeburtstag können sie einig sein! seufzt Tante. Gerade der Geburtstag eignet sich glänzend für Familienkrieg! hätte unsere Freundin Jutta gespottet. Man erinnere sich an die Kindergeburtstage…

Sonntag, 17. Oktober 13
Das Foto zeigt einen jungen Mann mit Bartwuchs, im hellgrauen Sweatshirt und
mit hellgrauer Strickmütze, der mit angeschrägtem Kopf vorwurfsvoll in die
Kamera schaut. Er sitzt auf einer Laderampe vor einem Lagergebäude
Als Lagerist arbeitet Uchenna Van Capelveen angestrengt am Vormittag, berichtet Florian Zimmer-Amrhein im Tagesspiegel, weil ihm seine Rap-Musik, die er unter dem Namen Megaloh verbreitet; noch nicht genug Geld einbringt; Entzweiung. Geboren wurde er in Frankfurt/ Main, sein Vater ist Niederländer, seine Mutter stammt aus Nigeria, eine Akademikerfamilie. Die Mutter unterwarf ihn einer strikt katholischen Erziehung, er machte Abitur auf dem Französischen Gymnasium.
Aber die stärkste Entzweiung herrscht wohl zwischen seiner Arbeit als Lagerist und seinem Beruf als Rapper. Sie verkörpert sich deutlich in seinen beiden Namen.

Freitag, 11. Oktober 13
Vor 10 000 Jahren lebten in Mitteleuropa, referiert dpa einen Beitrag aus der Fachzeitschrift Science, die Gesellschaft der Ackerbauern eine Zeitlang friedlich neben der Gesellschaft der Jäger und Sammler her (statt sie kriegerisch zu vertreiben). Eine gewisse Einigung, nun ja, Vermischung erkennt man darin, dass Frauen der Jäger und Sammler hin und wieder bei den Ackerbauern einheirateten – wie Knochenfunde in der sog. Blätterhöhle bei Hagen lehren. Niemals aber umgekehrt. Hätte eine Bauersfrau sich mit einem Jägersmann vereinigt, wäre das ihr sozialer Abstieg gewesen. Die Gesellschaft der Ackerbauern bildete die kommende Einheit.
Und Frauen, hätte unsere Freundin Jutta gespottet, wissen nun mal, wo’s lang geht.

Donnerstag, 10. Oktober 13
Die syrische Stadt Tartus bewohnen vor allem Alawiten – berichtet Martin Lejeune in der taz – , die Sekte, der auch Präsident Assad angehört. Die Einheimischen unterstützen leidenschaftlich den Kampf von Assads Armee gegen die Rebellen. Wer von ihnen in diesem Kampf fällt, verwandelt sich sofort in einen Märtyrer. Assads Regime allein garantiert die Einheit der Nation. Zwietracht schafft das Ausland – die Türkei, die USA, Saudi-Arabien – entweder direkt, oder durch Einheimische, die sich haben kaufen und korrumpieren lassen. Früher galt die Kolonialmacht Frankreich als Inbegriff des gefährlichen Auslands; oft findet man an den Wänden von Tartus Bilder des Scheichs Saleh al Ali, der in den Zwanzigern die französische Kolonialmacht bekämpfte. Tartus ist der einzige Mittelmeerhafen, den die russische Kriegsmarine als Stützpunkt benutzen darf. Offenbar gilt Russland im Augenblick nicht als feindseliges Ausland, im Gegenteil.
Das Foto zeigt eine städtische Straße mit Schutt und ruinierten Häusern. Ein Motorrad mit Besatzung, wenige sinnlos versammelte Passanten. Das haben sie nun davon! triumphiert das junge Ding.

Mittwoch, 9. Oktober 13
Das Foto zeigt im Vordergrund eine jüngere Frau in Rot, stolz blickend, schwarzes Haar, schwarzes Halsband mit Anhänger, Ohrringe; im Hintergrund einen älteren Mann mit Glatze und Drahtbrille, im Anzug, mit weißem Hemd und Schlips, der sinnend nach unten blickt und demonstrativ an etwas ganz anderes zu denken scheint als an die Frau in Rot.
Ob Gregor Gysi allein der Linken-Fraktion im Bundestag vorstehen soll, berichtet Daniel Brössler in der SZ, oder gemeinsam mit Sahra Wagenknecht, muss jetzt geklärt werden. Die Wähler haben den rechten und den linken, den Ost- und den Westflügel der Linkspartei gleich stark gemacht, so dass kein Flügel unter
seinem Vorzeichen die Einheit der Fraktion herstellen kann; stillgestellte Zwietracht.

Montag, 7. Oktober 13
Einheitsbemühungen ebenso wie anhaltende Zwietracht, berichtet Florian Hassel in der SZ, bestimmen die anstehende Volkszählung in Bosnien-Herzegowina. Womöglich handelt es sich gar nicht um eine einheitliche Nation. Die Volkszählung von 1991 wies 43,7 Prozent als Bosniaken, 31,2 Prozent als Serben und 17,4 Prozent als Kroaten aus – unterdessen sollen viele Kroaten ebenso wie Serben ausgewandert sein. – Die ethnische Selbstcharakteristik bei der Volkszählung erfolgt freiwillig und unterliegt keiner Kontrolle. Eine aktuelle Kampagne propagiert den Namen „Bosnier“, der Bosniaken, Serben und Kroaten ununterscheidbar vereinen würde.
Das Foto zeigt eine dörfliche Szene, in der rechts ein Mütterchen mit Kopftuch, Krückstock und bunt gemusterter Kleidung – Allegorie der einstigen Multiethnizität? – eigensinnig durchs Bild geht (unscharf), während sich links drei bäuerliche Männer von einem (städtisch) in Blue Jeans und -Jacket gekleideten Mann, der Papiere in den Händen hält, skeptisch blickend belehren lassen.

Montag, 30. September 13
Das Foto zeigt einen dicken Mann mit dickem grauen Haar (gescheitelt) und randloser Brille, der wütend die Lippen schürzt. Er schaut in die Kamera und hält mit gefesselten Händen eine teure Aktentasche vor seine Brust. Zwei Polizisten mit Gesichtsmasken packen ihn rechts und links an den Oberarmen und führen ihn ab.
Nikos Michaloliakos, Chef der rechtsnationalistisch-faschistischen Partei Goldene Morgenröte, berichtet Christiane Schlötzer in der SZ, wurde samt einiger anderer Mitglieder der griechischen Neonazis verhaftet. Diverse Anschuldigungen; zuletzt: Mord an einem linken Rapper.
Immer dasselbe, hätte unsere Freundin Jutta gespottet, sie predigen unverbrüchliche nationale Einheit und schaffen schwerste Zwietracht.

Freitag, 27. September 13
Was der Künstler Alex Kiessling gestern in der Ovalhalle des Wiener Museumsquartiers zeichnete, berichtet Stefan Strauss in der Berliner Zeitung, erschien beinahe im selben Augenblick auf dem Trafalgar Square in London und dem Berliner Breitscheidplatz, per TV-Satellit auf die Zeichenflächen übertragen. „Long Distance Art“. Allerdings sind die Bilder nicht völlig ident (wie man in Österreich sagt): Der Roboter in Berlin reagiert auf die Blitzlichter der Fotografen in Wien mit eigenen Strichen; der Roboter in London steht auf einem Wasserreservoir, das Vibrationen überträgt. Also keine vollkommene Einheit zwischen den drei Hauptstädten.

Donnerstag, 26. September 13
Zwietracht beherrscht die syrischen Oppositionskräfte, die gegen den Präsidenten Assad kämpfen – berichten Marc Röhling ud Thomas Seibert im Tagesspiegel – umso gründlicher, als jetzt in einer Videobotschaft der Führer der Tawhid-Brigaden zur Einheit unter seinem Kommando aufgerufen hat. Nur wenn sie bedingungslos der Scharia folgen und im Land selber agieren, erklärt Abd al Aziz Salama, gehört ihnen die Zukunft. Die Syrische Nationalkoalition, in Istanbul residiert, habe gar nichts zu sagen.

Mittwoch, 25. September 13
Nachdem die Grünen bei der Bundestagswahl so schlecht abgeschnitten haben, berichten Lutz Haverkamp und Matthias Meisner im Tagesspiegel, geben Claudia Roth als Parteichefin sowie Renate Künast und Jürgen Trittin als Fraktionsvorsitzende bekannt, dass sie nicht noch einmal für diese Ämter kandidieren werden. Stattdessen bewerben sich Katrin Göring-Eckardt, die Wirtschaftsexpertin Kerstin Andreae und der Verkehrspolitiker Anton Hofreiter.
Wer sich auch nur ein bisschen auskennt, kommentiert der Politologe, weiß genau, dass das nicht das Geringste mit Zwietracht zu tun hat, vielmehr ganz in der Ordnung verläuft. Das war nicht immer so…

Montag, 23. September 13
Wieder mal keine Einigkeit unter den Rechtsradikalen in der Hauptstadt, berichtet Konrad Litschko im Berlinteil der taz, nur Zwietracht am letzten Samstag. Die Partei Die Rechte, frisch gegründet, versammelte sich am Bahnhof Lichtenberg mit 50 Mitgliedern und zog demonstrierend durch den Bezirk. „Die Schonzeit ist vorbei“, hieß es auf einem Transparent, „Nationalen Sozialismus durchsetzen mit allen Mitteln.“ Am Rathaus Schöneberg versammelte sich mit 30 Mitgliedern die NPD, zog nach Hellersdorf und demonstrierte unter Mitwirkung des Bundesvorsitzenden Holger Apfel gegen Asylbewerber und die Grünen. Neun Mitglieder von Pro Deutschland zogen demonstrierend vor diverse linke Projekte in der Stadt, zum Schluss vor das Flüchtlingscamp in der Oranienstraße, wo sie u. a. ein Verbot von Pro Asyl forderten. An allen Stellen Gegendemonstranten, deren Zahl die der Demonstranten stets übertraf.

Samstag, 21. September 13
1688 übereigneten die Herrscher von Ragusa, das heute Dubrovnik heißt – berichtet Florian Hassel in der SZ – einen Küstenstreifen an der Adria dem Osmanischen Reich, um die Machtansprüche der Republik Venedig einzuschränken. Heute teilt der Streifen Land, der zu Bosnien-Herzegowina gehört, Kroatien und damit die EU (zu den Kroatien gehört, nicht aber Bosnien). Die Vereinigung könnte eine Brücke bewerkstelligen, die auf die Halbinsel Peljesac (kroatisch) führt, über die man Bosnien gleichsam umgehen kann. Das würde auch die umständlichen Grenzformalitäten ersparen. Die Brücke war schon im Bau; aber die kroatische Wirtschaftskrise stoppte ihn. Jetzt soll die EU die Brücke finanzieren.
Heute stiftet die Europäische Union die Einheit, resümiert der Historiker, welche einst die Republik Jugoslawien und davor das Habsburger Imperium garantierte.

Donnerstag, 19. September 13
Das Foto zeigt einen jugendlichen Mann mit Wuschelhaar und Nerd-Brille, der, vor einer Hauswand stehend, beide Hände in die Taschen seines Wintermantels steckt und trotzig in die Kamera blickt.
Marek Dutschke, Mitglied der Grünen, berichtet Uwe Rada im Berlinteil der taz, wirbt in einem Brief, der als Postwurfsendung an die Wähler in Pankow ging, für seinen Freund Lars Zimmermann, Direktkandidat der CDU. Andreas Otto, Direktkandidat der Grünen in Pankow, hält Marek Dutschke – Sohn von Rudi Dutschke, Mitgründer der Grünen – für keine allzu einflussreiche Persönlichkeit; der Landesverband der Grünen tadelt sein Verhalten aber als unsolidarisch.

Mittwoch, 18. September 13
Das Foto zeigt ein weißes Straßenschild mit blauem Rand, Großpriel/ Kollapriel 2 km; daneben zwei Polizisten in schusssicherer Weste, die Waffen in den Hand: Ausnahmezustand in der tiefsten, friedlichsten Provinz.
Der Transportunternehmer Alois H., 55, berichtet Cathrin Kallweit in der SZ, hat sich in seinem Haus verschanzt, um der Verhaftung zu entgehen. Man sucht ihn als Wilderer. Er hat bereits zwei Polizisten erschossen und droht, sein Haus anzuzünden. Die Polizei will stürmen.
Hobbes! Staatstheorie! strahlt der Anthropologe. Der Wilderer taucht in den Naturzustand zurück und praktiziert existenzielle Zwietracht mit der Zentralgewalt, die ihn unterwerfen muss, um die staatliche Einheit wiederherzustellen.

Montag, 16. September 13
Bei der Landtagswahl in Bayern erringt die CSU – laut einer Hochrechnung der ARD – 48,7 Prozent, die SPD 20,5 Prozent, die Grünen 8,6 Prozent, die Freien Wähler 8,5 Prozent und die FDP 3,2 Prozent (2008 waren es acht Prozent gewesen, und die FDP trat in die Regierung der CSU ein, die nur 43,4 Prozent der Stimmen gewonnen hatte).
Das weiß niemand, hätte unsere Freundin Jutta gespottet, wie man erfolgreich Zwietracht zwischen Bayern und der CSU stiftet.

Sonntag, 15. September 13
Der russische Außenminister Lawrow und der amerikanische Außenminister Kerry, berichten Cordula Eubel, Hans Monath und Jan Dirk Herbermann im Tagesspiegel, haben sich in Genf darauf geeinigt, dass der syrische Präsident Assad sein Chemiewaffenarsenal abrüsten muss. Andernfalls ist die Anwendung militärischer Gewalt nicht ausgeschlossen.
So ist’s recht, triumphiert Onkel, der alte Reaktionär, im Ernstfall beseitigt nur das Militär die Zwietracht und schafft Einheit.

Donnerstag, 12. September 13
Das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig hat entschieden, berichten Sabine Rennefanz und Katja Tichomirowa in der Berliner Zeitung, dass muslimische Mädchen am koedukativen Schwimmunterricht teilnehmen müssen (die Schüler beiderlei Geschlechts und jedweder Konfession bilden eine Einheit). Die muslimischen Mädchen dürfen dabei aber einen Ganzkörperbadeanzug tragen (das gilt nicht als Bekundung substanzieller Zwietracht); der Anblick halbnackter Jungs ist ihnen zuzumuten (erlaubt nicht den Austritt aus dem einheitlichen Schülerverband).
Kein Foto.

Mittwoch, 11. September 13
Das Foto zeigt einen langen, von Rundbögen feierlich gegliederten Gang, den Kugellampen erhellen, die sich in dem glänzenden Fußboden spiegeln: Die heiligen Hallen eines Gymnasiums in Berlin-Pankow.
In der Carl-von-Ossietzky-Oberschule entstand vor 25 Jahren ein Konflikt, berichtet Robert Ide im Tagesspiegel, der auf das Ende der DDR vorausdeutete. Kritische Schüler veröffentlichten eine Wandzeitung, auf der über die Streiks in Polen sowie die angeberische Militärparade, die regelmäßig zum Geburtstag der DDR stattfand, räsoniert wurde. Vier Schüler wurden wegen „antisozialistischen Verhaltens“ und „verräterischer Gruppenbildung“ relegiert; Margot Honecker, Volksbildungsministerin, soll es persönlich angeordnet haben. Die Oberschule besuchte nicht nur der Nachwuchs von Dissidenten, sondern auch der Nachwuchs der Nomenklatura, so Carsten Krenz, Sohn von Egon Krenz, später der letzte Staatsratsvorsitzende. Jetzt treffen sich die einen und die anderen zu einer versöhnlichen Rückblicksdiskussion.
Da stimmt man sicher bald überein, spottet der Anthropologe, dass die Zwietracht von damals die neue Einheit heute gestiftet hat.

Dienstag, 10. September 13
Eine Forschergruppe um Rachelle Adams von der Universität Kopenhagen, berichtet dpa, beobachtete, wie die sog. Diebsameise (Megalomyrmex symmetochus) zwar einerseits als Parasit operiert, bei den Sericomyrmex die Brut, sogar die Königinnen anfrisst und sich in ihren Pilzgärten breitmacht. Anderseits funktionieren die Diebsameisen aber als Schutzmacht: Überfallen die Gnamtogenys die Sericomyrmex, formieren sich die Diebsameisen wie ein Heer, erschrecken die Invasoren schon durch ihren Geruch und injizieren ihnen ein giftiges Sekret.
Eine solche Mischung aus Ausbeutung und Solidarität, hätte unsere Freundin Jutta gespottet, muss man sich ja wohl auch für Armee und Bevölkerung in Ägyptenland vorstellen…

Samstag, 7. September 13
Vier briefmarkengroße Männerköpfe; drei lächeln gewinnend in die Kamera, einer schaut – vermutlich im Reden begriffen – daran vorbei.
Am 29. September findet in Österreich die Parlamentswahl statt, berichtet Georg Schemitsch im Tagesspiegel. Es läuft wohl wieder auf die alte Einheit der großen Koalition von konservativer ÖVP und sozialdemokratischer SPÖ hinaus, mit Werner Faymann als Bundeskanzler. Allerdings könnte die ÖVP von Michael Spindelegger eine neue Einheit mit der rechtsradikalen FPÖ von Karl-Heinz Strache und dem neuen Team Stronach suchen. Frank Stronach, der als Frank Strohsack jung nach Kanada auswanderte und als alter Milliardär zurückkehrte, hat anscheinend die Reste von Jörg Haiders BZÖ käuflich erworben; er imponiert durch Exzentrizitäten wie die Forderung, die Todesstrafe für Berufskiller einzuführen. Ansonsten wenig solide Zwietracht zwischen den Parteien; nicht einmal die FPÖ macht durch verlässliche Ausländerfeindlichkeit von sich reden.

Freitag, 6. September 13
Das Foto zeigt den grasbewachsenen Innenhof einer gutsherrlichen Anlage mit prächtigen Gebäuden, Bäumen, Sonnenschein. Die ländlich-abgeschiedene Idylle, die unsichtbar nichts als Schrecken enthält?
Das Anwesen der Glaubensgemeinschaft „Zwölf Stämme“ in Klosterzimmern, Donau-Ried-Kreis, berichtet Stefan Mayr in der SZ, wurde jetzt von der Polizei heimgesucht: Auf Geheiß des zuständigen Jugendamtes sammelte sie die Kinder der Glaubensgemeinschaft ein. Sie sollen extremen Erziehungs- und Strafmaßnahmen unterzogen worden sein, enges Wickeln für Babys, Prügel für Jugendliche. Die Kinder ließen sich willig abführen – als wären sie damit ganz einverstanden.
Da sollte wieder mal eine besonders enge innere Einheit gestiftet werden, seufzt der Anthropologe. Und das führt zu zerstörerischer Zwietracht mit der Außenwelt.

Mittwoch, 4. September 13
Das Foto ist allegorisch: Hinter dünnen, zartfarbenen Vorhängen steht ein Mädchen mit langen Haaren und erhobenen Armen am Fenster, vergeblich nach Hilfe rufend?
In jugendlichen Liebesgeschichten kommt es manchmal zu Gewaltausbrüchen, berichtet Katja Reimann im Tagesspiegel. Beate Blättner, Professorin in Fulda, untersucht die Angelegenheit wissenschaftlich. Hier geht es aber vor allem um Jasmin, die in einer Zeit familialer Auseinandersetzungen (Zwietracht) einen neuen Lover fand, der sie tröstete und ihr wohltat (neue Einheit). Sie dann aber zu terrorisieren begann mit Eifersucht, ja mit Schlägen (neue Zwietracht). Als sie jüngst mit einer Freundin shoppen ging, lauerte er ihnen auf, warf Jasmin zu Boden und konnte nur mühsam von neuerlichen Schlägen abgehalten werden. Jasmin kündigte die Beziehung endgültig und nahm die zu ihrer Mutter wieder auf (alte Einheit), die Ähnliches mit den Kerlen erlebt hatte.

Dienstag, 3. September 13
Das Foto zeigt einen rostroten Häuserblock; davor stehen Menschen im Gespräch und auf einem Wiesenstreifen Fahrräder: eine neue soziale Einheit?
In Winterthur, Schweiz, eröffnete ein Mehrgenerationenhaus, berichtet Wolfgang Koydl in der SZ, wo Leute ganz unterschiedlichen Lebensalters, vom Kind bis zu Greis, integriert zusammenleben sollen. Das Haus besteht aus Holz; die Wohnungen zeigen unterschiedliche Größen und Grundrisse. Die Bewohner können ununterbrochen kommunizieren und kooperieren, aber auch immer wieder für sich sein. Ursula Balzli, 76, deren Ehe seit langem zerbrochen ist und deren beide Söhne nach Thailand ausgewandert sind, erfreut sich der neuen Nachbarn wie einer neuen Familie, die sie nach Belieben zum Essen einladen kann; außerdem engagiert sie sich im Wäschedienst, bei dem man zusammen säubert sowie plaudert, Kaffee trinkt oder am Kicker spielt.
Das hört nie auf, hätte unsere Freundin Jutta gespottet. Dass die Einheit der Großfamilie wiederhergestellt werden müsste. Hier imponiert besonders, dass Holz als Baustoff sie fördert. Die nächste Stufe wären Zelte? Und dann zurück in die Höhlen? Beton jedenfalls bewirkt Vereinzelung und Zwietracht. Das ist gewiss.

Freitag, 30. August 13
Das kleine Foto zeigt die gelb gestrichene Fassade eines gutbürgerlichen Mietshauses. Das große Foto zeigt, über eine Laterne und parkende Autos hinweg – in echter Paparazzi-Perspektive – wie Polizisten einen sehr jungen Mann abführen: die Hände auf dem Rücken gefesselt und in der Taille abgeknickt, weil ein Polizist ihn mit seiner linken Hand niederdrückt.
In diesem Haus wurde am 12. August, berichtet Sebastian Leber im Tagesspiegel, der Steuerberater und Notar Ingo W., 49, erschossen. Die Polizei nahm seine beiden Söhne, 16 und 18 Jahre alt, fest, entließ sie aber bald wieder, weil keinerlei Spuren sie am Täter auswiesen. Die Familie befand sich in Auflösung; Ingo W. lebte nicht mehr zu Hause, sondern in einer Gartenlaube; das Ehepaar wollte sich scheiden lassen.
Das war aber keine Familie, hätte unsere Freundin Jutta gespottet, auf die sich die Gesellschaft als ihre kleinste und festeste Einheit hätte verlassen können. Die schiere Zwietracht…

Dienstag, 27. August 13
Das Foto zeigt einen knabenhaften Mann in katholischer Priesterkleidung („dog collar“), der durch seine randlose Brille nach schräg oben starrt. Gebannt durch eine Marienerscheinung? In Hintergrund unscharf ein Altarbild mit der Gottesmutter und dem Jesuskind. Aber der Kleriker erblickt sie soeben in corpore?
Der Bischof von Limburg, Franz-Peter Tebartz-van Elst, berichtet Matthias Drobinski in der SZ, säte schwere Zwietracht in seinem Bistum, das Frankfurt am Main ebenso wie den Westerwald umfasst, nicht nur durch seinen autoritären Führungsstil und seine konservativen Ansichten (etwa zur Homoehe), sondern vor allem durch seine Prunk- und Verschwendungssucht. Als er in Münster wirkte, als Weihbischof, nannte man seine Wohnung das „Kronprinzenpalais“. In Limburg jetzt verschlang der Neubau des Bischofshauses statt der geplanten 5,5 Millionen vermutlich mehr als zehn Millionen Euro. Eine Flugreise nach Indien, zu Armutsprojekten des Bistums, soll Tebartz-van Elst mit seinen Begleitern statt in der Business- in der Ersten Klasse absolviert haben.
War also wieder mal nüscht mit der allumfassenden Katholizität! hätte unsere Freundin Jutta gespottet.

Sonntag, 25. August 13
Das Foto zeigt eine Brücke, die Wiesen und einen Fluss überquert und in näherer Ferne in eine Stadt führt. Menschenmassen bevölkern die Brücke. Ein Bild der Einheit?
In Dresden wurde jetzt, berichtet Bernhard Schulz im Tagesspiegel, die Waldschlösschenbrücke eröffnet. Zunächst dürfen nur Fußgänger sie betreten, ab morgen kommen die Autos. Heftige Konflikte begleiteten den Bau der Brücke (eine frühe Manifestation des Wutbürgertums); weil sie die Schönheit der Dresdner Flusslandschaft zerstöre, erkannte die Unesco dem Elbtal an dieser Stelle den Status des Weltkulturerbes ab. Bernhard Schulz verzeichnet die Hässlichkeit der neuen Brücke, stellt sich auf Seiten der Unesco (und der Wutbürger) und moniert abschließend, dass ab morgen der Autoverkehr ununterbrochen fließen werde.
Aber Brücken verbinden, seufzt Tante, schaffen eine neue Einheit. Ebenso der Verkehr…

Freitag, 23. August 13
Das Foto zeigt einen Mann in schwarzer Hose und weißem Hemd, der, mit elegant gekreuzten Händen, vor einem Tischchen steht, von zwei Polizisten in blauen Hemden flankiert, die ihn um einen Kopf überragen (allein durch ihre Mützen, Embleme der Staatsmacht).
Bo Xilai, der ehemalige Star der chinesischen KP, berichtet Finn Mayer-Kuckuk im Tagesspiegel, zeigt sich bei der Eröffnung seines Prozesses wegen diverser Vergehen keineswegs stumm und konform, wie es die chinesische Tradition fordert (und der seine Frau, wegen der Ermordung eines englischen Geschäftsmanns angeklagt, bei der Eröffnung ihres Prozesses folgte). Herr Bo widerspricht mehrfach dem Staatsanwalt beim Verlesen der Anklageschrift, und er widerruft sein Geständnis, das er vor Beginn des Prozesses schriftlich niedergelegt hatte, „damals war ich schwach und habe wider besseres Wissen getan, was von mir verlangt wurde.“
So erobert sogar den chinesischen Schauprozess, lobt der Anthropologe, das fortschrittliche Prinzip der Uneinigkeit und zersetzt den traditionellen Konformismus.

Donnerstag, 22. August 13
Das Foto zeigt ein graues, glattes Gebäude, das beschriftet ist: Turn- und Sportgemeinde Germania 1889 Dossenheim e. V.; darunter ein Wappen mit Weintrauben und -blättern. Rechts davon eine Leuchtreklame: Ambiente Restaurant Bar Lounge. Davor stehen Leute so herum, dass man einen Polizeieinsatz erahnt.
In einem Nebenzimmer dieser Gaststätte, berichtet Roman Deininger in der SZ, fand am Dienstagabend die Eigentümerversammlung statt, bei der Filip N., 71, ehemals Industriearbeiter, um sich schoss und zwei Männer tötete, am Ende sich selbst. Er säte stets Zwietracht. Er zankte wegen der Höhe einer Hecke oder der Lautstärke des Fernsehers. Am Dienstag ging es um die Nebenkostenabrechnung für 2012; Filip N. warf dem Hausverwalter Betrug vor – 2011 hatte er wegen dieser Abrechnung Strafanzeige gestellt, erfolglos.
Das sind diese Querulanten, seufzt Tante, die stören die Einigkeit in jedem Verein. – Aber nur selten schießt der Querulant auf die anderen Vereinsmeier! strahlt das junge Ding.

Mittwoch, 21. August 13
In dem Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg, berichtet Sidney Gennies im Tagesspiegel, befürchtet man eine systematische Zurückdrängung des Religiösen. So wird nach einem Beschluss der Bezirksversammlung die Ehrenmedaille für bürgerliches Engagement nicht mehr ausdrücklich für das Engagement auf kirchlich-religiösem Gebiet vergeben. Ein Fest im August, das ursprünglich als „Ramadan-Fest“ annonciert worden war, hieß plötzlich nur noch „Sommerfest“ – so hatte schon der Weihnachtsmarkt am Spreewaldplatz nur noch als „Winterfest“ figuriert. Kommt der DDR-Atheismus zurück, als der Weihnachtsengel „geflügelte Jahresendzeitfigur“ tituliert wurde? Auf dem illustrierenden Foto meint man freilich keinen Weihnachtsengel, sondern bloß eine in Stanniol gewickelte Schokoladenpuppe zu erkennen – auch dem Bildredakteur fehlt schon das richtige Interesse am Thema?
Da will uns die bürgerliche Presse wieder mal, hätte unsere Freundin Jutta gespottet, das Religiöse als höhere Einheit verkaufen, ohne die wir bindungslos in Zwietracht auseinandergehen…

Dienstag, 20. August 13
Das große Foto zeigt eine blonde Frau, die heftig auf einen dicken jungen Mann einredet, dunkles Haar und Bart. Das zweite Foto zeigt eine blonde Polizistin in Rückenansicht, die einen typischen DDR-Plattenbau bewacht. Allegorische Darstellung, dass die Obrigkeit viel zu wenig Polizei gegen die zankenden Bürger aufbietet (die Einheit aufrechterhält, die Zwietracht bekämpft)?
Die ersten 30 Asylbewerber, berichtet Birgitt Eltzel in der Berliner Zeitung, bezogen jetzt das Heim in Hellersdorf, gegen das Anwohner und eine Bürgerinitiative anhaltend protestieren (Zwietracht). In die Bürgerinitiative sollen die NPD und andere Rechtsradikale sich eingeschlichen haben. Der Einzug der ersten Bewerber verlief zunächst ruhig; bei den Protesten, die dann doch aufkamen, taten sich die Anwohner aber viel weniger zahlreich (einig) hervor als die Gegendemonstranten.

Freitag, 16. August 13
Das große Foto zeigt eine Frau mit langem Haar und Lippengloss, die somnambul lächelnd in die Kamera redet. Das kleine Foto zeigt einen Mann in Businessuniform, der gestenreich in ein zwei Mikrophone redet, die vermutlich an einem Rednerpult befestigt sind.
Die Schauspielerin Leah Rimini – bekannt aus der TV-Serie „King of Queens“ – steigt bei Scientology aus, berichtet Lars Halter im Tagesspiegel. Ihre Nachfragen, wie es um Shelly Miscavige stehe, die verschwundene Ehefrau des Sektenchefs brachten ihr Repressalien ein – schon gar, dass sie eine Vermisstenanzeige bei der Polizei aufgab.
Ja, die gehen hart gegen alle vor, seufzt Tante, die die Einheit der Gemeinschaft gefährden.

Donnerstag, 15. August 13
In Berlin durchsuchte ein großes Polizeiaufgebot, berichtet Andreas Kopietz in der Berliner Zeitung, linksradikale Siedlungsgebiete. Hier sollen Angriffe auf öffentliche Gebäude vorbereitet worden sein, ein Jobcenter in Tempelhof, die SPD-Landesgeschäftsstelle im Wedding. Bei der Razzia wurden Bengalfackeln und andere Brand- und Sprengmittel beschlagnahmt. Es geht auch um Angriffe auf Funkwagen und ihre Besatzungen, schweren Landfriedensbruch; im Zentrum der Durchsuchungen stand ein linkes Wohnprojekt in der Rigaer Straße 94.
So sind sie, die linken Chaoten, schimpft Onkel, der alte Reaktionär, säen Zwietracht, wo immer sie können.

Mittwoch, 14. August 13
Das Foto zeigt den kleinen Mann vor einer roten Wand, an der ein Fernsehschirm hängt, in Betrieb. Der Mann ist in Hemdsärmeln, trägt sein Jackett über den rechten Unterarm geschlagen und schreitet voran. Gleich wird er die Ärmel hochkrempeln und mit anpacken beim Bundestagswahlkampf?
Günter Grass, schreiben Hans Monath und Matthias Meisner im Tagsspiegel, rät SPD und Linkspartei zur Annäherung, womöglich zu Koalitionsgesprächen nach der Wahl (neue Einheit herstellen). Allerdings haben, so Grass, Oskar Lafontaine und seine Kumpane, indem sie die SPD zugunsten der Linkspartei verließen, schmierigsten Verrat geübt (schwere Zwietracht gesät).

Sonntag, 11. August 13
Sie akzeptierten die Polizei, strahlt der Anthropologe, nicht als Repräsentanten einer höheren Einheit – des Staates – , sie erklärten sie einfach zu einer anderen Bande:
Gestern am frühen Morgen, berichtet Timo Kather im Tagesspiegel, wurde eine Funkstreife mit zwei Polizisten in die Reichenberger Straße gerufen, weil zwei junge Männer das Treppenhaus mit Graffiti besprühten und Wohnungstüren demolierten. Kneipengäste kamen hinzu und verhinderten den Zugriff. Die Missetäter flohen in das Lokal, dessen Tür von innen verschlossen wurde. Als die Polizisten Verstärkung erhielten und die Kneipentür aufbrachen, stießen sie auf ca. 40 Gäste, die prompt Front gegen die Polizei machten und wiederum den Zugriff verhinderten. Ca. 20 Missetäter entkamen unidentifiziert.

Freitag, 9. August 13
Viele deutsche Politiker, berichtet Daniel Bax in der taz, beteiligen sich an dem festlichen Abendmahl, mit dem Muslime das Ende des Ramadan begehen; vermutlich wegen des Wahlkampfs, um deutsch-islamische Einigkeit zu demonstrieren und deutsch-muslimische Stimmen zu gewinnen. Sogar Heiko Schulze von den Piraten, und zwar in Kiel; Renate Künast von den Grünen, in Berlin; Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, die Bundesjustizministerin, sowie Guntram Schneider, Integrationsminister, und Armin Laschet, Oppositionsführer NRW, in Köln. Bundesaußenminister Westerwelle lud die Botschafter verschiedener muslimischer Lände in die Villa Borsig, Berlin-Tegel. Das Foto zeigt ihn an der gedeckten Tafel, zwischen mehreren ernsten Herren, mit erhobenem Zeigefinger redend.
Da sät er doch schon wieder Zwietracht, die alte Krawallschachtel! hätte unsere Freundin Jutta gespottet.

Mittwoch, 7. August 13
In der Berliner Zeitung berichtet Andreas Förster aus dem Untersuchungsausschuss des Thüringer Landtags zur Fahndung nach dem NSU. So habe sich Jürgen Dressler, LKA, darüber beklagt, dass alle Ermittlungen seiner Behörde gegen Rechtsradikale vorab dem Landesamt für Verfassungsschutz gemeldet werden mussten – und von dort seien die Verdächtigen womöglich gewarnt, wenn nicht direkt unterstützt worden. Diesen Verdacht teilte Sven Wunderlich, Zielfahnder: Verfassungsschützer schienen den Aufenthaltsort der untergetauchten NSU-Terroristen genau zu kennen, griffen aber nicht ein. Am 11. Februar 1998 hob an einem Geldautomaten jemand 1800 Mark von Uwe Böhnhardts Konto ab – die Polizei übergab die Aufzeichnung der Überwachungskamera dem Verfassungsschutz – die Videokassette ist verschwunden. Ebenso eine Telefonliste aus Böhnhardt Wohnung, die womöglich seine Unterstützer aufführte.
Das ist doch typisch! schimpft das junge Ding. Statt einheitlich gegen die Kräfte der Zersetzung vorzugehen, macht der Staatsschutz insgeheim mit ihnen gemeinsame Sache!

Dienstag, 6. August 13
Im Tagesspiegel berichtet Felix Lill über Aiwa Gishi, eine kleine Firma in Tokio, die auf die Herstellung künstlicher Körperteile spezialisiert ist. Insbesondere die von Fingergliedern – die Kunden rekrutieren sich aus Mitgliedern/ Opfern der Yakuza, der japanischen Mafia, die traditionell Verfehlungen mit dem Opfer von einem Stück Finger zu sühnen gebietet. Das soll nicht mehr sichtbar sein, wenn man sich irgendwo bewirbt, wenn man öffentlich auftritt etc. Täglich getragene Prothesen müssen nach einem halben Jahr ersetzt werden. Kein Foto.
Wieder mal äußerst spitzfindig, der Herr Rutschky! hätte unsere Freundin Jutta gespottet. Die Yakuza stellt im Fall von Zwietracht die Einheit wieder her, indem sie ein Fingerglied abzutrennen fordert, also die Einheit des Körpers zerstört. Das macht Aida Gishi rückgängig. Man wüsste gern, ob die Yakuza das als neuerliche Zwietracht auffasst…

Montag, 5. August 13
Brustbild eines Mannes im Ornat, der ein Gerät der katholischen Liturgie so emporhält, dass es sein Gedicht verdeckt und man ihn nicht erkennen kann.
Ein allegorisches Foto? Die Institution schiebt sich vor den Menschen?
Der Erzbischof von Berlin, Rainer Maria Woelki, berichtet Claudia Keller im Tagesspiegel, plant die 100 Gemeinden seines Bistums zu 30 Großpfarreien zusammenzufassen (um auf Priestermangel und Mitgliederschwund zu reagieren).Gehört beispielsweise das Ehepaar Plümpe in Prenzlauer Berg bislang einer Gemeinde von ca. 6500 Mitgliedern an, so verschwinden sie – wie sie befürchten – nach der Reform in einer unübersichtlichen Masse von 20 000. Die bisherigen Gemeinden sollen zwar fortexistieren, sie verlieren aber alle Selbständigkeit: keine Entscheidungsgewalt mehr über die Finanzen, kein Pfarrgemeinderat mehr, nur noch zentrale Regelungen. Die Berliner Katholiken sind irritiert.
So steht’s im Lehrbuch! strahlt der Anthropologe. Wer größere Einheit herstellen will, erhöht erst einmal die Zwietracht.

Sonntag, 4. August 13
Das Foto zeigt eine grüne Wiese, auf der halbnackte Badegäste lagern. Ein Mann und eine Frau laufen ins Bild, uniformiert, „Security“ steht auf ihren Rücken zu lesen.
Im Tagesspiegel berichten Jörn Hasselmann, Annette Kögel und Lars von Törne über Auseinandersetzungen in Berliner Freibädern: Jugendliche besetzten als Horde im Sommerbad Pankow Sprungturm und Rutsche und wollten nicht weichen; es brauchte 60 Polizisten, sie zu vertreiben. Die Obrigkeit reagiert mit Zugangsbeschränkung: Nur noch Familien dürfen hinein – was Singles veranlasst, sich zu Pseudofamilien zusammenzuschließen.
Ein ewiger Krieg! strahlt der Anthropologe. Die Peers stiften Unruhe im Sozialverband, dagegen hilft nur die Einheit der Familie…

Donnerstag, 1. August 13
Das Würzburger Priesterseminar, berichtet Katja Auer in der SZ, schließt zwei Kandidaten wegen rechtsradikaler Neigungen aus. Der eine, aus dem Erzbistum Bamberg stammend, soll im Bierkeller des Seminars Hitler imitiert und den Hitlergruß gezeigt haben. Der zweite, aus dem Erzbistum Würzburg stammend, ließ sich vom Gottesdienst beurlauben, um dem Konzert einer Band, die unter dem Verdacht des Rechtsradikalismus steht, beizuwohnen; er verweigert die kritische Diskussion über ihr Schaffen. Keine Fotos. Das Priesterseminar Würzburg legt größten Wert darauf, dass vor Ort keine Netzwerke existieren, dass es sich um einzelne Missetäter handelt.
Ausmerzen! seufzt Tante. Bevor sie dort gründlich Zwietracht säen können.

Mittwoch, 31. Juli 13
Kein Foto, sondern eine Landkarte, der Nordjemen, der Südjemen, die Provinz Hadramaut; das Rote Meer, der Golf von Aden.
Das Land zerfällt, berichtet Martina Doering in der Berliner Zeitung. Die Zentralregierung in Sanaa ist machtlos; wiewohl offiziell entlassen, üben gewisse Beamte und Militärs über ihre Netzwerke weiterhin ihren Einfluss aus, der die Staatsgewalt blockiert. Provinzgouverneure und Stammesführer agieren uneingeschränkt; im Süden sammelt sich eine neue Sezessionsbewegung. Die Bevölkerung hungert, der Grundwasserspiegel sinkt; die Ölvorkommen versiegen, und Saudi-Arabien hat 300 000 jemenitische Gastarbeiter, die bislang ihre einheimischen Familien versorgen konnten, ausgewiesen. Die Einheit der Nation sichern einzig ausländische Interessenten, die Golfstaaten, die Türkei, die USA, Russland, Deutschland, internationale Hilfsorganisationen.

Samstag, 27. Juli 13
Die Anwältin Anja Sturm – briefmarkengroßes Foto einer blonden jungen Frau, angespannt blickend, die rot geschminkten Lippen stechen hervor – verlässt die Berliner Kanzlei Weimann & Meyer und die Stadt, um in die Kölner Kanzlei von Wolfgang Heer einzutreten, berichtet Frank Jansen im Tagesspiegel. Anja Sturm bedauert den Wechsel. Sie verteidigt in München Beate Tschäpe in dem Prozess um die Morde des Nationalsozialistischen Untergrunds – ohne jede Sympathie für deren Ideologie, versteht sich. Aber die Kanzlei Weimann & Meier fürchtet, dass sie ihren guten Ruf bei türkischen Mandanten einbüßt, wenn eines ihrer Mitglieder bei der Strafverteidigung von Beate Tschäpe mitwirkt.
So schafft das Nazigift Zwietracht allüberall, klagt Tante. Die kennen sich anscheinend mit unserem Rechtsstaat nicht aus, schimpft Onkel, diese Herren Anwälte.

Dienstag, 24 Juli 13
Das Foto zeigt einen ganz in Weiß gekleideten alten Mann, der sich liebreich zu einem kleinen Kind herabbeugt, das ihm entgegengehalten wird, und kille-kille macht. Das Kind guckt aber anderswohin. Daneben ein fetter Mann im Kardinalskostüm, der milde in die Gegend lächelt – manche Pfaffen sehen wirklich unglaublich pfäffisch aus, hätte unsere Freundin Jutta gespottet.
Der Papst ist in Brasilien angekommen, berichtet Andreas Behn in der taz, und wird bei der Fahrt durch Rio de Janeiro einheitlich bejubelt, zumal er im offenen Wagen durch die Straßen fährt, Hände schüttelt und Kinder küsst. Gleichzeitig versammeln sich aber wieder Demonstranten, die gegen die politischen Zustände in Brasilien protestieren, auch gegen die katholische Sexualmoral. Das einst einheitlich katholische Brasilien verliert immer mehr Fromme an evangelikale und andere Sekten.

Mittwoch, 17. Juli 13
Drei Brillenträger in doppelter Briefmarkengröße. Einer beim Reden geschossen; einer präzis für die Aufnahme inszeniert; einer guckt seitwärts skeptisch in die Kamera, erkennt also ihre Anwesenheit und stellt sich darauf ein.
In der SZ berichten Daniel Brössler, Roman Deininger und Charlotte Thiele über Siegfried Kauder, Michael Paris und Wolfgang Neskovic, die in verschiedenen Wahlkreisen unabhängig von ihren Parteien, der CDU, der SPD und der Linkspartei, als Einzelkandidaten zur Bundestagswahl antreten. Sie haben nur geringe Erfolgschancen. Was genau die Zwietracht herbeiführte, wird nicht erzählt. Es genügt die Absonderung von der Einheit der jeweiligen Partei.

Dienstag, 16. Juli 13
Jetzt wurde Yigit Bulut, 41, berichtet Frank Nordhausen in der Berliner Zeitung, ein Finanz- und TV-Mann und Zeitungskolumnist, in den Beraterkreis des türkischen Ministerpräsidenten Erdogan berufen. Briefmarkengroßes SW-Foto eines Mannes mit Vollbart und feucht zurückgekämmten Haaren, weißes Hemd ohne Schlips, dunkles Sakko. Er schaut aus wie der Disko- und Casinohai aus der Vorabendserie, spottet das junge Ding.
Yigit Bulut vertritt eine ausgreifende Theorie, wer in den vergangenen Wochen die Massendemonstrationen gegen den türkischen Ministerpräsidenten organisiert hat: die deutsche Lufthansa. Sie will verhindern, dass Erdogan den Flughafen Istanbul groß ausbaut und damit den Flughafen Frankfurt/Main international entwertet. Dies ist aber nur der erste Schritt; im weiteren Verlauf wird Erdogan und seine Regierung gestürzt und das politische System umgewälzt. Dabei kooperiert die Lufthansa mit Israel und dem internationalen Judentum, der BBC und der CIA. Diese Mächte haben auch den Sturz des ägyptischen Präsidenten Mursi initiiert. –
Das ist typisch! strahlt der Anthropologe. Grundsätzlich herrscht im Innern unverbrüchliche Einheit. Kommen Unruhen auf, geht das auf äußere Mächte zurück.

Sonntag, 14. Juli 13
An fünf Stellen in Berlin, berichtet Jörn Hasselmann im Tagesspiegel, wollte gestern die NPD gegen Asylbewerberheime demonstrieren. Aber am Moritzplatz in Kreuzberg warteten schon 500 Gegendemonstranten, und die NPD verzichtete auf jeden Auftritt. In Hellersdorf, wo die NPD letzte Woche einen schönen Erfolg erzielt hatte, warteten vorsorglich 800 Gegendemonstranten plus Schwarzer Block. Sie erzeugten ohrenbetäubenden Lärm, als die NPD-Redner sich bemerkbar zu machen versuchten. Und so ungefähr ging es in Reinickendorf und im Westend weiter. Das große Foto zeigt die Gegendemonstranten, die kleinen den Polizeipräsidenten sowie Renate Künast; keine Fotos der NPD.
Man muss also festhalten, strahlt das junge Ding, dass Zwietracht zu säen positiv sein kann.

Freitag, 12. Juli 13
Das große Foto zeigt einen hübschen süddeutschen Kleinstadtmarktplatz mit Brunnen und Brunnenfigur und Rathaus, das kleine einen jovial lächelnden Herrn im Janker, der vor einem runden Tisch sitzt, um den sich in seinem Rücken andere Leute versammeln.
Der Oberbürgermeister von Bad Reichenhall, Herbert Lackner, berichtet Heiner Effern in der SZ, spielt glänzende Kooperation mit dem Stadtrat bloß vor. Dabei halten ihn 21 der 24 Stadträte für krank: Er habe seinen Burnout keinesfalls überstanden, wie er behauptet. Der Zweite Bürgermeister hat Lackner wegen Verdachts der Untreue angezeigt; ein Bericht des Rechnungsprüfungsausschusses beschuldigt ihn der Kompetenzüberschreitung (Anzeigentafel in der Sporthalle für 51603 Euro ohne Beschlussfassung angeschafft). Während der Rekonvaleszenz entdeckte der Zweite Bürgermeister im Schreibtisch des Oberbürgermeisters Unmengen liegengebliebener Arbeit. Alles Unfug, versichert Lackner, er sei pumperlgsund.
So soll es sein, schmunzelt der Anthropologe, in den politischen Gremien kleiner Städte grassiert die Zwietracht besonders heftig.

Montag, 8. Juli 13
In Costa Rica wurde die sog. Homo-Ehe legalisiert, zitiert die taz AP, weil ein Abgeordneter der Linken die entsprechenden Paragraphen einer Gesetzesvorlage angefügt hatte, die die konservativen Abgeordneten nicht mehr durchlasen, bevor sie abstimmten. Das Gesetz sollte bloß die Ehe als solche kräftigen und schützen. So erfolgte die Annahme einstimmig, und die Präsidentin unterschrieb prompt das Gesetz, so dass es rechtskräftig wurde.
So gilt es doch allgemein, hätte unsere Freundin Jutta gespottet, hundertprozentige Zustimmung erhalten bloß die Texte, die niemand gelesen hat.

Sonntag, 7. Juli 13
Zwietracht bestimmt gegenwärtig das Leben der Berliner Polizei, berichten im Tagesspiegel Jörn Hasselmann und Tanja Buntrock. Ein Bereitschaftspolizist schreibt einen Leserbrief, der den Polizeipräsidenten und den Innensenator scharf kritisiert und sie veranlasst, interne Diskussionen zu veranstalten. Neulich erschoss ein Polizist einen psychotisch verwirrten Mann, der nackt im Neptunbrunnen stand und mit einem Messer drohte – die Kollegen hören nicht auf, über den Einsatz zu räsonieren. Ebenso die Bürger, die eine Polizeiwache am Alexanderplatz aufsuchen, um Vorschläge zu machen, wie man die Lage friedlich hätte klären können. Einen Senegalesen, der wegen Schwarzfahren erwischt wurde und ohne Pass war, kann die Polizei nicht ungestört abführen, weil die Umstehenden intervenieren, einschließlich einer Bundstagsabgeordneten.
Und dabei sollte die Polizeiarbeit, grollt Onkel, der alte Reaktionär, doch in stillschweigendem Einverständnis erfolgen.

Samstag, 6. Juli 13
Briefmarkengroßes Fotoporträt eines ernst, ja traurig blickenden Mannes mit Seitenscheitel, randloser Brille, in Business-Uniform, schwarzweiß.
Der portugiesische Ministerpräsident Pedro Passos Coelho, berichtet Martin Dahms in der Berliner Zeitung, verfolgt seit zwei Jahren einen strikten Austerity-Kurs, der den Kreditgebern seines Landes und der EU wohlgefällt, bislang allerdings weder die Rezession stoppen noch die Arbeitslosigkeit vermindern konnte.
Anhaltend Streiks und Demonstrationen. Der Finanzminister tritt zurück. Der Außenminister tritt zurück.
Aber der Ministerpräsident betreibt business as usual. Er reist für Gespräche nach Berlin. Er führt, zurückgekehrt, ausführliche Gespräche mit dem Außenminister und der tritt vom Rücktritt zurück. Relative Beruhigung der Massen.
Das ist die elegante Lösung, lobt der Anthropologe, Einheit herstellen, indem man Zwietracht ignoriert.

Donnerstag, 4. Juli 13
Das Foto zeigt vier Soldaten in Reihe, mit ernsten, angespannten Gesichtern, in Camouflage-Kleidung und mit Helm. Drei halten Metallschilde in Händen, ein vierter drückt sein Maschinengewehr an die Brust. Sie scheinen Gegnern gegenüber zu stehen.
In Ägypten hat das Militär, berichtet im Tagesspiegel Martin Gehlen, den gewählten Präsidenten Mohammed Mursi abgesetzt und in Gewahrsam genommen. Die Massen auf dem Tahrir-Platz jubeln und feiern. Das Parlament ist aufgelöst. Als Übergangspräsident soll der oberste Verfassungsrichter fungieren, es soll bald eine neue Verfassung und ein Referendum darüber und Neuwahlen geben. Die Massen der Mursi-Anhänger, die sich anderswo versammeln, sind empört, verzichten bislang aber auf Gegenmaßnahmen.
Er sah doch aus wie der Hausmeister, strahlt das junge Ding. Er verkörperte längst nicht mehr die Einheit Ägyptens, sondern vermehrte zunehmend die Zwietracht in seinem Land.

Mittwoch, 3. Juli 13
Das Foto zeigt einen jungen Mann, der mit übergeschlagenen Beinen auf einer Holzbank sitzt, den Rücken an eine Backsteinmauer gelehnt, die Hände im Schoß gefaltet, trotzig-entspannt in die Kamera blickend.
Felix Menzel, 27, berichtet Cornelius Pollmer in der SZ, gründet in dem Dresdner Viertel Weißer Hirsch, das Uwe Tellkamp durch seinen Roman „Der Turm“ zu einem bildungsbürgerlichen Heiligtum gemacht hat, ein „Zentrum für Identität, Jugend und Kultur“; vier Bürger kamen am Eröffnungsabend, und Tellkamp fehlte.
Felix Menzel gibt eine Zeitschrift namens Blaue Narzisse heraus und betreibt einen Online-Shop; er gilt als Anhänger der sog. Identitären Bewegung. Dieser Bewegung „geht es um den Erhalt unserer ethnokulturellen Identität, die heute durch den demografischen Kollaps, die Massenzuwanderung und die Islamisierung bedroht ist.“
Also wieder so ein nationalistisches Konventikel, hätte unsere Freundin Jutta gespottet, das neue scharfe Einheit predigt und nur deshalb wenig Zwietracht schafft, weil kaum Leute mitmachen.

Dienstag, 2. Juli 13
Die Stadtverwaltung von Palma de Mallorca, berichtet Ralph Schulze im Tagespiegel, hat für die Zeit von 22 Uhr abends bis acht Uhr vormittags am sog. Ballermann-Strand ein Trinkverbot verhängt. Hier versammeln sich vor allem deutsche Massen, besonders beliebt sind mit Sangria gefüllte Eimer, aus denen man mit Trinkhalmen gemeinsam den Alkohol saugt – so zeigt es ein kleines Foto – bis zur Volltrunkenheit. Zunächst gilt das Verbot für zwei Kilometer des Strandes.
So zerstört der Staatsapparat, hätte unsere Freundin Jutta gespottet, die schöne spontane Einheit des Dionysischen, immer und immer wieder…

Montag, 1. Juli 13
Paula Deen, die ihre „Comfort Food“ in eigenen Kochbüchern, Restaurants und Kochsendungen verbreitete, berichtet Lars Halter im Tagesspiegel, gefährlich fettes und süßes Zeug, erzeugte damit so etwas wie Einheit des amerikanischen Südens, nostalgisch, metonymisch. Aber sie soll jetzt eine Köchin als „Nigger“ bezeichnet haben; es misslangen ihr alle öffentlichen Entschuldigungen, und inzwischen begann ihr umfangreiches Unternehmen zu zerfallen.
Das Foto zeigt eine ältere Frau in Rosa und mit Brille, die mit ekstatisch erhobenen Händen zu singen scheint, hinter ihr eine Reihe ebenso singender Frauen: Kam es in den Comfort-Food-Restaurants auch zu religiösen Erweckungsübungen?
Einst einte es die (weißen) Südstaaten, schmunzelt der Anthropologe, wenn sie von „Niggern“ sprachen. Heute vereinigt es die Staaten, dass sich das Wort unter allen Umständen von selbst verbietet, und Paula Deen ist draußen.

Samstag, 15. Juni 13
Das Foto zeigt eine Art Wand – aus Wellblech? – , in der ein Mann eine Art Tor öffnet, durch das man auf einem Asphaltweg von hier nach dort gelangen kann, beiderseits Wiesen, der Alexandra-Park in Belfast, der zwischen katholischen und protestantischen Wohngebieten liegt.
Das Tor öffnet nur zeitweise, berichtet Barbara Klimke in der Berliner Zeitung, die Zwietracht zwischen den Religionsgruppen in Nordirland dauert, wenn auch gedämpft, an. Anna Seaward geht mit ihren Kindern nur im katholischen Teil des Parks spazieren und durchquert das Tor nicht. Anders Paul Beattie, der aus dem protestantischen Teil stammt: Er nimmt die Abkürzung durch den Park, um in einem neutralen Supermarkt einzukaufen. Abends meidet er den Park; es könnte zu Beschimpfungen und Flaschenwürfen kommen.
Katholisch/ protestantisch, kommentiert der Anthropologe, das bildet halt die kanonische Version von Einheit/ Zwietracht.

Freitag, 14. Juni 13
Die Jungen Liberalen Nordost, berichtet Stefan Strauss in der Berliner Zeitung, fordern, das Ernst-Thälmann-Denkmal, 13 Meter hoch, 50 Tonnen schwer, im Ernst-Thälmann-Park zu entfernen und den Park umzubenennen. Ernst Thälmann hat als Kommunist die Weimarer Republik bekämpft; zwar haben ihn die Nazis eingekerkert und am Ende umgebracht, aber das rechtfertigt noch nicht die anhaltende Ehrung Thälmanns durch Park und Denkmal.
Schon öfter wurde nach ’89 beschlossen, den Thälmann abzubauen, der Abriss aber wurde nie in Angriff genommen. Jetzt steht ein allgemeiner Umbau des Parks an, aber es scheint sich in punkto Denkmal und Name kein allgemeiner Wille oder Gegenwille zu bilden. Die Julis säen erfolglos Zwietracht.
Das Foto zeigt einen dicken Mann im blauweiß karierten Hemd, der feixend mit einer blauen Plastikkanne die Pflanzen auf seinem Balkon wässert, von dem man hinunter auf die Bäume des Parks schaut.

Mittwoch, 12. Juni 13
In Berlin votierten 265 000 Bürger, berichtet Thomas Rogalla in der Berliner Zeitung, für einen Volkentscheid, ob die Stromversorgung der Stadt der Firma Vattenfall entzogen und wieder in kommunalen Besitz überführt werden soll. Der Volksentscheid – womöglich im Herbst abgehalten – bräuchte 650 000 Stimmen, um ein entsprechendes Gesetz zu beschließen. Eine neue Einheit, die die Zwietracht zwischen Vattenfall, den Bürgern und der Stadt beseitigen würde.

Dienstag, 11. Juni 13
Das Foto zeigt einen fleischigen jungen Mann im Sakko, mit dicker dunkler Haartolle und Nerd-Brille, der pfiffig nach rechts aus dem Bild heraus lächelt: Christopher Lauer, der, wie Sabine Rennefanz in der Berliner Zeitung schreibt, auf die Wiederwahl in den Fraktionsvorstand der Berliner Piraten verzichtet. Seinetwegen wuchs unaufhörlich die Zwietracht in der Partei (und er hätte die Wiederwahl womöglich verfehlt). Zuletzt kam das Gerücht auf, er betreibe Vetternwirtschaft, insofern er die Mutter seiner Freundin als Pressesprecherin angestellt habe. Sie wurde seine Freundin, verteidigte sich Lauer, erst nach der Einstellung der Mutter bei der Pressestelle. Aber das verminderte die Zwietracht nicht.
So geht es immer bei solchen Dissidenten-Gruppen, erklärt der Anthropologe. Anfangs herrscht überwältigende Einheit, dann breitet sich unwiderstehlich Zwietracht aus.

Montag, 10. Juni 13
In der SZ berichtet Christoph Hickmann, dass jetzt nicht nur die Opposition den Verteidigungsminister de Maizière attackiert, es bezweifeln auch Politiker der Koalition – der FDP – dass de Maizière in punkto Aufklärungsdrohne Euro Hawk die Wahrheit sagt (Wolfgang Kubicki, Patrick Döring). Der Minister behauptet, erst am 13. Mai vollständig erfahren zu haben, was alles der Zulassung des Geräts entgegensteht – inzwischen deutete er an, dass er schon früher davon Kenntnis hatte. Es geht um das viele Geld, das für das Projekt verschwendet wurde.
Wenn die Einheit der Regierung weiter schwindet, strahlt das junge Ding, muss der Kriegsminister zurücktreten. Und später wird voller Bewunderung erzählt, hätte unsere Freundin Jutta gespottet, mit welchem Geschick Angela Merkel einen weiteren Rivalen um das Kanzleramt ausgebremst habe…

Sonntag, 9. Juni 13
Im Tagesspiegel schreibt Carsten Brönstrup über Jörg Asmussen und Jens Weidemann, Deutsche Bundesbank respektive Europäische Zentralbank. Einst studierten sie in Bonn gemeinsam Ökonomie, trieben Sport, dienten der Großen Koalition unter Angela Merkel bei der Wirtschaftspolitik – jetzt stehen sie als gegnerische Parteien vor dem Bundesverfassungsgericht. Es muss entscheiden, ob der sog. Rettungsschirm der EZB, der bankrotten Staaten unbegrenzt aufzuhelfen erlaubt, mit dem Grundgesetz vereinbar ist. Kein Foto.
Statt einig zu sein und unsere Währung zu retten, klagt Tante, tragen sie ihre Zwietracht vor das höchste Gericht…

Samstag, 8. Juni 13
Im Tagesspiegel berichtet Claus-Dieter Steyer über das Hochwasser in Ostdeutschland. 85 000 Helfer arbeiten an der Eindämmung, dazu 11 000 Bundeswehr-Soldaten, unterstützt von französischem und niederländischem Militär. Hubschrauberpiloten werfen riesige Sandsäcke über den gebrochenen Deichen ab, um die Lücken zu stopfen. In Bitterfeld forderte die Polizei mittels Lautsprecherwagen die Bürger auf, ihre Stadt zu verlassen, weil eine Flutwelle drohe; Bürgerwehren patrouillieren in den geräumten Städten und Ortschaften, um Plünderungen zu verhindern. Das Foto zeigt einen älteren Mann mit seinem angeleinten Schäferhund, wie er besinnlich ein stilles Wasser betrachtet – es handelt sich aber um eine Straße bei Löbnitz, von der Mulde überschwemmt.
Nichts eint die Menschheit schneller und stärker, bemerkt der Anthropologe, als ein lebensbedrohlicher Angriff der Natur.

Freitag, 7. Juni 13
In der SZ berichtet Robert Rossmann, dass die CDU/ CSU nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts, das Ehegattensplitting bei der Einkommensteuer sei auch bei homosexuellen Paaren anzuwenden, ihre Zwietracht überwinden und die entsprechenden Gesetze beschließen werde. Ursprünglich hatte es, obwohl die Entscheidung des BVG sich klar ankündigte, starken Widerstand gegen die Gleichstellung gegeben, den auch die Bundeskanzlerin nicht überwinden konnte. Die Natur unterscheidet schwule und lesbische Paare von den heterosexuellen durch das Kinderkriegen; hier darf die Steuergesetzgebung keine falsche und künstliche Einheit schaffen.

Donnerstag, 6. Juni 13
Das Foto zeigt zwei (oder drei) Reihen junger Frauen bei Freiübungen (im Hintergrund die Bäume eines Parks). Mit auf den Erdboden gestützten Händen heben sie synchron das ausgestreckte linke Bein in die Höhe. Man weiß nicht recht, was das bedeuten soll. Ein Bild der neuen Einheit, das die Protestbürger im Gezi-Park und auf dem Taksim-Platz der Türkei bieten?
In der taz berichtet Jürgen Gottschlich über diese Proteste in Istanbul, wie dort eine neue Türkei entsteht. Zwar sperrt eine Barrikade aus zerstörten Autos den Taksim-Platz gegen den Verkehr ab, aber dafür bevölkern ihn ausschließlich friedliche Fußgänger; das teure Starbucks ersetzt ein Versorgungszentrum, das kostenlos Wasser und Sandwiches austeil; Ergün, Augenarzt, kommt aus dem konservativen Urfa, wo sich nichts bewegt, um seine Dienste anzubieten, „ich wollte auch sehen, hören und riechen, wie die Freiheit schmeckt.“
Allerdings hat der Premier Erdogan und seine Regierungspartei, hätte unsere Freundin Jutta gespottet, die Macht noch nicht an die Protestjugend abgegeben, damit sie die neue türkische Einheit überall im Land durchsetze.

Mittwoch, 17. April 13
Das Foto zeigt einen jungen Mann mit Fahrrad, Wollmütze und Camouflage-Jacke, der zwei Polizeikräfte anredet. Leonie Langer berichtet im Tagesspiegel über die verschärften Kontrollen, denen am Alexanderplatz die Polizei Radfahrer unterzieht. Zahlreiche Regelverstöße, Bußgelder. „Von dem Geld hätte ich schön mit meiner Frau essen gehen können“, beklagt sich der 41-jährige Claudius Lehmacher. „Unmöglich! Und dafür werden unsere Steuergelder ausgegeben“, empört sich Werner Pohl, 58. „Achtzig Prozent der Radfahrer fahren auf dem Bürgersteig.“ – „In Italien ist das erlaubt, und hier kenne ich die Regeln nicht“, verteidigt sich Daniele Russo, 24. Sie leugnen, dass sie die Einheit der Rechtsordnung verletzt haben, doziert Onkel. Die erst durch die Bestrafung wiederhergestellt wird.

Dienstag, 16. April 13
Das Foto zeigt einen Mann im hellblauen Hemd (zwei Brusttaschen) mit aufgekrempelten Ärmeln, der seine Hände wie betend vor der Brust zusammenlegt: vor der Wahlurne, lernen wir anderswo, denn Nicolas Maduro will Präsident Venezuelas werden. Peter Burghardt berichtet in der SZ, wie knapp der Sieg über Henrique Capriles ausgefallen ist: 50,66 gegen 49,07 Prozent. Kein Gedanke an die dicken Mehrheiten, die Hugo Chavez hinter sich versammelte, weshalb man meinen konnte, er vereine das Land mittels seiner Person. Maduros Sieg dokumentiert unübersehbar die Spaltung.

Dienstag, 2. April 13
In der SZ referiert Christiane Schlötzer eine zypriotische Zeitung, der zufolge eine mächtige Gruppe von einheimischen Unternehmern den Präsidenten Zyperns unter Druck setzt: Er möge den Austritt Zyperns aus der Eurozone in die Wege leiten und als Landeswährung das zypriotische Pfund wieder einführen.
Dabei haben wir uns doch eben erst mit ihnen geeinigt, seufzt Tante. Und gleich sät wieder wer Zwietracht.

Mittwoch, 3. April 13
In der Berliner Zeitung berichtet Torsten Müller über das im Januar neu eröffnete Asylbewerberheim in Wandlitz. Einheimische haben sich zusammengetan, um den Fremden die Eingewöhnung zu erleichtern: Sprachkurse am Gymnasium des Ortes; eine Werkstatt, die gespendete Fahrräder für die Neuankömmlinge instand setzt; ein Begleitservice für Behördengänge; Kinderbetreuung; Möbel-, Kleider- und Spielzeugspenden.
So ist’s recht, lobt der Anthropologe. Eine Fraktion der Einheimischen einigt sich auf Maßnahmen, wie man den Asylbewerbern die Eingewöhnung erleichtern könnte. Aber es wird eine andere Fraktion der Einheimischen geben, die das als Spaltung von Wandlitz missbilligt, sowohl den Einzug der Asylbewerber, erst recht deren zuvorkommende Aufnahme.

Donnerstag, 4. April 13
Das Foto zeigt eine Art buntes Bauklötzchenspiel, den Entwurf des Leipziger Einheitsdenkmals. In der taz berichtet Michael Bartsch, dass der von der Jury im Juli 2012 prämierte Entwurf in der Bevölkerung von Leipzig wenig Zustimmung erhält. Der Initiator des Einheitsdenkmals in Berlin – das in der Bevölkerung ebenso wenig schätzt, „Bundeswippe“ – Florian Mausebach, fordert von dem Leipziger Oberbürgermeister eine Neuausschreibung.
So geht’s immer, sinniert der Anthropologe. Wer grandios die Einheit preisen will, sät Zwietracht.

Freitag, 5. April 13
In der taz berichtet Katrin Gänsler aus einem Flüchtlingslager aus Burkina Faso, wo Kämpfer aus Mali überleben. Ansari Mohammed Dit Hima agitiert für die MNLA, die Nationalbewegung für die Befreiung von Azawad, einen autonomen Tuareg-Staat im Norden von Mali. Mehr als die dringende Forderung nach Einigkeit mit der MNLA hat er aber nicht zu bieten, eine Einigkeit, die sich in einer Unterschriftenliste dokumentieren soll. Dass die Zentralregierung in Bamako Wahlen in Mali plant, interessiert ihn wenig; es geht nur um Azawad, das einige Azawad, wie es die Unterschriftenliste beschwört. Das kleine Foto zeigt den Kopf von Ansari Mohammed Dit Hina, rund, freundlich-traurig, Schnurrbart, Haarausfall. Das große Foto zeigt eine Gruppe von Männern in Turbanen und weiten Gewändern, die auf dem Boden hocken und Karten spielen und sich so im Flüchtlingslager die Zeit vertreiben. Statt sich für das große einige Azawad zu engagieren. Oder wenigstens in die Unterschriftenliste einzutragen.

Samstag, 6. April 13
Im Tagesspiegel referiert Ralf Schönball die scharfe Kritik, die der Senat für seine Pläne zur Neubebauung des Alexanderplatzes erntet. Dieter Hoffmann-Axthelm fordert die grundlegende Revision der vor 20 Jahren entwickelten Konzepte; die vielen freien Flächen fördern Verwahrlosung und Gewaltkriminalität. Hans Kollhoff, Autor des seinerzeitigen Masterplans, verwirft die Verschiebung seines Hochhauses aus der Mitte an den Rand, wie der neue Bauherr sie wünscht. Jan Kleihues spricht von einer einzigen Zumutung, hält aber Kollhoffs Masterplan für weiterhin praktikabel. Das Bild zeigt eine Computersimulation in Cinema Scope mit Hochhäusern, Vorbauten und auf weiter Fläche verstreuten Passanten.
Zwietracht, nichts als Zwietracht zwischen Architekten, Obrigkeit und Bauherrn, seufzt Tante. Wie soll daraus ein einheitlicher neuer Alex entstehen?

Sonntag, 7. April 13
Im Tagesspiegel berichtet Veronica Frenzel über den Altar mit Blumen, Briefen und Kerzen, der am Alexanderplatz an Jonny K. erinnert. Er wäre jetzt 21 Jahre alt geworden. Vor einem halben Jahr wurde er hier erschlagen, als er einem Freund gegen Angreifer zu Hilfe kommen wollte. Tina, seine Schwester, kümmert sich um den Altar, dass er nicht verkommt oder zerstört wird. Das Foto zeigt ihn aus der Nähe, Kerzen, ein Porträt von Jonny K., einen Teddybär. Eben besucht den Altar Jeanette, die extra aus Frankfurt/ Main angereist ist, um das Gedenkkonzert für Jonny K. zu besuchen. Sie hat ihn flüchtig auf einer Party kennengelernt und will ihn nicht vergessen. .
So gemahnt der Tod von Jonny K. zur Einigkeit, zur Solidarität gegen Gewalttäter, lobt das junge Ding.

Montag, 8. April 13
Im Tagesspiegel berichtet Claudia von Salzen, wie Vladimir Putin die Hannover-Messe eröffnet – gemeinsam mit der Bundeskanzlerin – und sogleich scharfen Widerspruch geerntet hat wegen der Maßnahmen, die er in Russland gegen die NGOs ergreift. Sie werden als ausländische Agenten traktiert – dagegen lobt die Bundeskanzlerin die Nicht.Regierungsorganisationen als soziale Innovationsmotoren (auf deren Mitarbeit Russland also zu seinem Nachteil verzichtet).
So geht’s zu in archaischen Staaten, seufzt der Anthropologe. Wer der Zentralmacht opponiert, sät Zwietracht; wer Zwietracht sät, steht im Dienst des Auslands, das die nationale Einheit hintertreibt. Und wenn die deutsche Bundeskanzlerin die russischen NGOs unterstützt, gibt sie Putin ja Recht!

Dienstag, 9. April 13
In der taz berichtet Inga Rogg über den von Zwietracht zerrissenen Irak, zehn Jahre nach dem Untergang des Regimes von Saddam Hussein. Mubarak Ibrahim, damals 21 Jahre alt, glaubte bis zum Schluss an dessen Endsieg. Heute muss er anerkennen, dass die Sunniten, zu denen er gehört, den Krieg verloren haben – unter Saddams Herrschaft schienen sie die Einheit des Irak zu garantieren – und die Schiiten regieren. Diese wiederum feiern den 9. April als Tag ihres Triumphes. Keinerlei Aussicht auf eine neue Einheit. Die US-Armee ist abgezogen, ohne sie zu stiften. Die Fotos zeigen erstens einen kämpferisch aufgehübschten jungen Mann vor dem Wandbild eines schiitischen Geistlichen mit Vollbart und feierlichem Blick, zweitens eine öde Straße im Schiitenviertel von Bagdad.

Mittwoch, 10. April 13
In der SZ berichten Caspar Busse und Claudia Fromme, wie der Spiegel, um eine neue Einheit zu schaffen, seine beiden Chefredakteure Georg Mascolo und Mathias Müller von Blumencron abgesetzt hat. Das Foto zeigt sie heiter-selbstgewiss auf roten Sitzmöbeln vor einer hellen Fensterfront. Tiefe Zwietracht herrschte zwischen ihnen, was das Verhältnis des gedruckten Heftes zu Spiegel Online anging; ob Spiegel Online weiterhin kostenlos angeschaut werden dürfe. Die Auflage des gedruckten Heftes sinkt kontinuierlich. Welcher Chefredakteur könnte die
neue Einheit stiften?

Donnerstag, 11. April 13
Das große Foto zeigt junge Leute, die fröhlich-empört auf Polizisten mit Schutzhelmen einreden; Brixton, Stadtteil von London. Das kleinere Foto zeigt ein Gitter, an dem Blumen auf dem Trottoir liegen, in der Mitte ein Porträt von Margaret Thatcher, vor ihrem Haus am Chester Square. Im Tagesspiegel berichtet Matthias Thibaut, wie der Tod von Thatcher die einen in Feierstimmung versetzt, „The Witch is Dead“. Sie habe als Premierministerin die britische Linke, die Gewerkschaften, den Sozialstaat zerschlagen und das Vereinigte Königreich tief gespalten. Keineswegs, sagen die anderen, sie war höchst erfolgreich, deshalb hat sie mehrfach die Wahlen gewonnen; in den zwanzig Jahren nach Thatcher war Großbritannien weitaus besser geeint als in den zwanzig Jahren davor. New Labor unter Tony Blair habe ihre Politik fortgesetzt.
Also Zwietracht bis über ihren Tod hinaus.

Samstag, 13. April 13
Das erste Foto zeigt eine Horde schwarz gekleideter Männer in rötlichem Licht, die brennende Fackeln hochhalten und irgendetwas zu grölen scheinen. Das zweite Foto zeigt en Kopf eines Mannes mit angegrautem Vollbart beim Telefonieren, Javid Aslam, Vorsitzender der pakistanischen Gemeinde in Athen. Das dritte Foto zeigt einen kahlköpfigen Mann mit Brille, der freundlich in die Kamera schaut, Nikos Dendias, Minister für Öffentliche Ordnung. Das vierte Foto zeigt – in Caravaggio-Beleuchtung – den nackten Rücken eines schwarzen Mann mit mehreren langen Narben: die Wunden, die ihm Chrysi Avgi zugefügt hat, behauptet der 32-jährige Sudanese Hassam Mekki. Christiane Schlötzer berichtet in der SZ über die Goldene Morgenröte, die Neonazis, die in Griechenland ethnische Reinheit und Einheit (wieder-)herstellen wollen und mörderische Zwietracht schaffen.

Montag, 15. April 13
In der SZ berichtet Peter Münch über den Rücktritt von Salam Fajad, Premierminister der palästinensischen Autonomiebehörde im Westjordanland. Kein Foto. Präsident Abbas nahm den Rücktritt prompt an. Der Premier, ein Mann der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds, der als kompetenter Verhandlungspartner mit der Außenwelt galt, vermehrte die Zwietracht bei Hofe in Ramallah, der seit langem in zähen internen Kämpfen feststeckt, weil er sich nicht daran beteiligte. Hinzu kommt die Zwietracht mit der Hamas im Gazastreifen. Die innere Einheit, wie sie eine eigene Staatsgründung erfordert, liegt in weiter Ferne. Die Feindschaft gegen Israel schafft diese innere Einheit nicht

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