Organisch oder anorganisch IV

Sandra Kellein

Heute Nachmittag einmal ein Ausreißer, mitten im schönen und angestrengten Gewoge vorm Hochzeitsfotografen ein weiblicher Feuervogel. Wohl versucht, eine der Bräute zu übertrumpfen, dachte Autorin K. an einem heißen Wochenende im Juli. Ein lachsfarbenenes, eher grelles Gewand, geliehen oder nicht, überstrahlte das andere, ein gedecktes Weiß an der Braut in Seide, geliehen oder nicht. Drei Hochzeitsgesellschaften gleichzeitig diesmal, nahezu synchron in der Gastronomie vorm Standesamt am Rathaus Schöneberg bewirtet, kleine, zartrosa gekleidete und unartige Prinzen als eine Art Höhepunkt in der einen, die Blumenkinder. Fair-Trade-und recycelbare Baumwolle wahrscheinlich auch vereinzelt unter den Gästen und zwei Fotografen anbei, offensichtlich einer mit einem Doppelauftrag. Auf der vermeintlichen Gewinnerinnenseite jedoch zwei schwarz-weiß gewandete Brautjungfern: Kraft ihrer Jugend im Altersdurchschnitt etwas abseits und scheinbar in einem asexuellen Separée, dank Glasbausteinen und gebürstetem Stahls – in einem elegant und kühl wirkendem Vorraum der anliegenden sanitären Einrichtung. Zwei, die die die allgemeine Kleiderordnung und Konkurrenz bewerteten und Noten verteilten.
Was für ein Theater, dachte sich Autorin K. und wusch sich die Hände als lauschende Beobachterin, sozusagen in Unschuld.
Spät nachts fegte dann ein Gewitter einige der Hinterlassenschaften auf dem Gelände draußen durcheinander und ordnete alles neu.

skell

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