Einst

Harry Nutt

1972 war ein Jahr mit enormer Prägekraft. Das mag eine Frage des Alters sein, ich war damals 13 und sportinteressiert. Viele erinnern sich an das Jahr, als Deutschland im eigenen Land zum zweiten Mal nach 1954 Fußball-Weltmeister wurde. Das war 1974. Zwei Jahre zuvor aber fand so etwas wie die mythische Geburt dieser Mannschaft statt. Beckenbauer, Maier, Hoeneß, Breitner, Netzer und Co. wurden Europameister. Der Sieg von 1974 war der größere Triumph, aber der von 1972 war das reinere Ereignis. 1974 wurde mit einiger Mühe vollzogen, was 1972 in großer Eleganz und Leichtigkeit zelebriert worden war. 1974 war Arbeit, 1972 Kunst. Oder Pop. Es ist kein Zufall, dass Netzer, Breitner und sogar Beckenbauer sich zu dieser Zeit wie Popstars kleideten und sich gern vor und in ihren schnellen Autos fotografieren ließen.

Es gab in dieser Zeit eine Zeitschrift namens Popfoto, deren redaktionelles Konzept darin bestand, aktuelle Fotos von populären Bands zu veröffentlichen. Keine langen Reportagen oder Homestories über Rockstars. Dafür waren andere Blätter zuständig, allen voran natürlich der legendäre Rolling Stone und der Melody Maker. Popfoto beschränkte sich aufs Bilderzeigen. Und diese Bilder belegten, ganz beiläufig, einen fundamentalen gesellschaftlichen Wandel. Es war nicht alles anders geworden, aber die Welt und die Menschen, die sich in ihr bewegten, sahen anders aus. Popfoto zeigte die Avantgarde dieser modischen und habituellen Andersartigkeit. Bemerkenswerterweise waren es nicht die so genannten 68er, an denen sich dieser Wandel zeigte. Der äußeren Erscheinung des revoltierenden Menschen, der als 68er zum prägenden Sozialtypus seiner Zeit wurde, war noch der Anpassungsdruck der frühen Jahre der Bundesrepublik anzusehen. Die Pressefotos von Demonstrationen der Jahre 1967 und 1968 zeigen gescheitelte Anzugträger und adrette junge Frauen. Ein paar Jahre später aber wurde eine allgemeine Lockerung der Sitten, oder besser: die neue Dominanz des Informellen, selbst in kleinbürgerlichen Milieus sichtbar. Auf signifikante Weise hat das Wolfgang Menge in seine Serie „Ein Herz und eine Seele“ integriert. Der modernisierungsresistente Familienvater Alfred Tetzlaff muss es hinnehmen, dass sein Schwiegersohn, der junge Diether Krebs, die Haare wachsen und die Gedanken schweifen lässt, ohne ausdrücklich ein Protagonist des gesellschaftlichen Wandels zu sein. Der etwas träge Schwiegersohn wird von den politischen Turbulenzen eher gestreift als mitgerissen.

1972 war das Schlüsseljahr für die Zeit, die nach der Revolte kam. Revolte klingt heute etwas übertrieben und euphemistisch. Tatsächlich handelte es sich um eine Phase des Aufbegehrens in den Städten, einer studentischen Trotzigkeit, die in eher ländlich geprägten Regionen kaum wahrgenommen worden war. Aber 1972 war der Geist, oder was auch immer davon aus Städten wie Berlin und Frankfurt herübergeweht worden war, in der Provinz angekommen.

In diesem Jahr vollzog sich eine Art politischer Selbstvergewisserung der jungen Bundesrepublik, der ich mich auch als Gymnasiast, selbst wenn ich es gewollt hätte, nicht zu entziehen vermochte. 1969 wechselte ich von der Grundschule des ostwestfälischen Delbrück zum gerade erst gegründeten Goerdeler Gymnasium in Paderborn. Die Benennung der Schule nach dem nationalkonservativen Politiker, der an der Planung des Attentats auf Hitler vom 20. Juli 1944 beteiligt war, war in der konservativen Bischofsstadt Paderborn nicht unumstritten. Dabei war sie keineswegs als Ausdruck einer bewussten politischen Entscheidung zustande gekommen. Vielmehr lag das Grundstück, an dem die neu errichtete Schule entstand, an der bereits so benannten Goerdeler Straße. Und weil ein Name für das neusprachliche Gymnasium mit naturwissenschaftlichem Zweig, wie sie bis dahin hieß, her musste, war irgendjemand auf Goerdeler auch als Namensgeber für die Schule gekommen. Im Unterricht wurde die Frage der Benennung kontrovers diskutiert. Man würde eine Schule ja auch nicht Gymnasium an der Müllkippe nennen, so ein Deutschlehrer. Ob es einfach nur eine Geschmacksbekundung war oder eine als Diffamierung zu verstehende Unmutsäußerung gegen den Namensgeber, erschloss sich uns Schülern nicht.

Es gab Lehrer mit rechtskonservativer oder gar rechter Gesinnung, aber insgesamt war auch diese Schule durchweht vom liberalen Geist ihrer Zeit. In gleich mehrfacher Hinsicht stand das konservative Paderborn im Mittelpunkt der politischen Auseinandersetzungen des Jahres 1972. Nach dem gescheiterten Misstrauensvotum gegen Bundeskanzler Willy Brandt kam es zu Neuwahlen, und Brandts Herausforderer, Dr. Rainer Barzel, war als Bundestagskandidat für den Paderborner Wahlkreis zugleich Kanzlerkandidat der CDU. Im Geschichtsunterricht behandelten wir am Beispiel des Misstrauensvotums das demokratische System, und wir Schüler positionierten uns dazu auch politisch. Ich war für Willy Brandt und befand mich damit in einer Minderheit, die aber beachtlich stark war. Wegen der Kandidatur Barzels fanden wichtige politische Veranstaltungen in Paderborn statt, für die FDP kandidierte der Spiegel-Chef Rudolf Augstein ebenfalls in der ostwestfälischen Provinz. Ich erinnere mich schemenhaft an eine Diskussionsrunde mit Augstein in einer Delbrücker Kneipe, bei Ingo, wo sich der örtliche Volleyball-Klub nach dem Training traf und wo auch die lokalen Taubenzüchter einen Stammtisch unterhielten. Der Wimpel auf dem Tisch der Taubenzüchter trug die Aufschrift „Fleigen möt se“, sie müssen fliegen. Das galt irgendwie auch für den Geist und die Gedanken der Zeit. Was Augstein sagte und wie er das tat, habe ich vergessen. Als der SPD nahestehender Schüler ging ich auch zu einer Veranstaltung des SPD-Kandidaten Ulrich Lohmar, der in seiner Partei den Ruf hatte, eine Art Intellektueller zu sein. Lohmar, seit 1957 für seine Partei im Bundestag, war Chefredakteur der Bielefelder Neuen Westfälischen und später Professor für Politikwissenschaften. 1976 wurde Lohmar durch Klaus Thüsing abgelöst, der mit Halbglatze und Vollbart, Typ Pfeifenraucher, auch äußerlich dem Bild des linken Sozialdemokraten entsprach, der er war.
Die politische Emphase des Jahres 1972 lässt sich auch in Zahlen ausdrücken. Ein Jahr zuvor, 1971, hatte die Paderborner SPD etwas mehr als 500 Mitglieder. In dem Jahr, in dem wir uns den Button mit der Aufschrift „Willy wählen“ anhefteten und den wir noch Plakette nannten, traten über 100 neue Mitglieder den Sozialdemokraten des Ortsvereins Paderborn bei.

Und dann kam er. Willy Brandt. Als Bundeskanzler und Wahlkampfredner auf den Paderborner Rathausplatz. Was er sagte, wie es ankam im konservativen Paderborn, hat mein Gedächtnis nicht aufbewahrt. Aber als ich mit dem Bus am frühen Abend wieder ins nahe gelegene Delbrück fuhr, wusste ich, dass es ein besonderer Moment war.

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