Einst

Harry Nutt

Über einige Fotos des Berliner Stadtfotografen Fritz Eschen

Die Haltung des Mannes strahlt bürokratische Gewissenhaftigkeit aus. Mit strengem Ernst scheint er das Papier zu prüfen, das die elegant gekleidete Dame mit Hut ihm vorgelegt hat. Sie hat ein erwartungsvolles, aber zurückhaltendes Lächeln auf den Lippen, als gäbe es noch einen letzten Vorbehalt abzuwarten. Das Foto ist aus dem Innenraum eines Pavillons heraus aufgenommen, die hell reflektierenden Blätter der Bäume im Hintergrund deuten auf einen sonnigen Tag hin.

Der Fotograf Fritz Eschen hat diese Szene 1946 in Berlin aufgenommen. Sie ist Bestandteil einer kleinen Serie von Fotografien, die das Geschehen auf der Trabrennbahn Mariendorf im zweiten Jahr nach dem 2. Weltkrieg zeigen. Die Frau auf dem Foto sieht einem Wettgewinn entgegen, der Mann am Schalter ist kein Beamter, sondern ein Mitarbeiter der Rennbahn, der die Tipps der Wetter entgegennimmt und auszahlt. Auffällig ist die Selbstverständlichkeit des Moments, aber auch die Ruhe, in der sich das Geschehen vollzieht. Nichts deutet auf die rauschhafte Atmosphäre eines Milieus hin, in dem schnelles Geld zirkuliert. Vielmehr verweist die strenge Sachlichkeit auf eine stille Feier der Normalität.
Im letzten Kriegsjahr hatte die Trabrennbahn Mariendorf geschlossen werden müssen. Bei Bombenangriffen war das Geläuf beschädigt worden. Viele der Pferde waren in den letzten Kriegswochen verhungert, andere wurden zur Beute der Alliierten. Aber bereits am 1. Juni 1945 fanden auf der vormaligen Hindernisrennbahn in Berlin-Karlshorst wieder öffentliche Trabrennen statt. Dazu hatte man, zunächst provisorisch, eine Geläuf aus Asche und Sand aufgeschüttet. Der russische Stadtkommandant Nikolai Bersarin hatte die Rennen zur wirtschaftlichen Belebung der Stadt ausdrücklich genehmigt. Bald war auch die Bahn in Mariendorf notdürftig hergerichtet und renntauglich gemacht worden. Die von dem Jugendstil-Architekten August Endell 1913 entworfenen Gebäude der Anlage hatten den Krieg weitgehend unbeschadet überstanden.
Eine Aufnahme Eschens zeigt die Haupttribüne bei regem Besuch. Die Menschen sind sorgfältig gekleidet, manche so gut es eben geht. Dunkle Anzüge, vielfach mit Krawatte, hier und da sieht man eine Schiebermütze. Die Besucher blicken erwartungsvoll in Richtung des nicht im Bild befindlichen Ziels. Ein Rennen steht zur Entscheidung an. Es scheint eine gewisse Anspannung zu herrschen, die Blicke gehen alle in eine Richtung. Nichts deutet aber auf eine größere Erregung der Menge hin. Man registriert das Geschehen mit geduldiger Aufmerksamkeit.
Die luftige Architektur Endells korrespondiert stolz mit dem üppigen Baumbewuchs. Zur Eröffnung der Rennbahn am 9. April 1913 war das Gelände noch als spröde und kahl beschrieben worden. Aber nur wenige Jahre später löste sie beim flanierenden Stadtsoziologen Siegfried Kracauer eine unwiderstehliche Assoziationskette aus.
„… geradezu vertraut muten mich die Tribünen an, der kleine Holz- und Glasturm und das Rasenrund mit der grünen Baumfolie am Horizont und dem weiten Himmel darüber. Wo sind wir uns nur früher begegnet? Im Allgemeinen bin ich durch den häufigen Kinobesuch gegen Überraschungen gefeit, und exotische Landschaften etwa verblüffen mich nicht im Geringsten. Hier dagegen verwirklichen sich weniger Filmeindrücke als impressionistische Bilder. Diese Freiluftgruppen, diese Glasschürzen, diese Farbskalen: auf vielen Bildern habe ich sie erblickt.“

Kracauer wird dabei an die Rennbahnszenen der französischen Impressionisten gedacht haben. Allen voran Edgar Degas hat sie fest im ikonografischen Gedächtnis verankert. Fritz Eschen betätigt sich dagegen als nüchterner Chronist. Eine Aufnahme zeigt einen Mitarbeiter der Rennbahn, der gerade die Nummern der siegreichen und platzierten Pferde manuell an der Anzeigetafel einhängt. Hinter den Startnummern sind die Namen der Fahrer markiert. Die Nummer 10 hat mit einem Fahrer namens Heese gewonnen. Zweiter ist die Nummer 12, Krüger. Dabei handelt es sich mit großer Wahrscheinlichkeit um den jungen Gerhard Krüger, der in den 50er-Jahren zum Star der Berliner Szene avancierte und später nach Italien auswanderte. Krüger war auf vielen europäischen Rennbahnen erfolgreich. Seine wirtschaftliche Eigenständigkeit sicherte er mit dem Ausbau einer Rinderzucht in der Nähe von Rom ab. Fast 50 Jahre verbrachte er in Italien. Vor einigen Jahren aber kehrte er in seiner Heimatstadt Berlin zurück, wo er, inzwischen weit über 80, zu jedem Mariendorfer Renntag mit alten Freunden den Rennen zusieht. Mit seinem stolzen weißen Schnurbart sieht er aus wie ein italienischer Patron.
Ein Bild Eschens zeigt einen Mann und eine Frau vor der Endellschen Tribüne beim Studieren des Rennprogramms. Auch die Menschen im Bildhintergrund sind in das Programm vertieft, andere gehen bereits entschlossen in Richtung der hinter der Tribüne befindlichen Wetthäuschen, die sich in das architektonische Gesamtbild einfügen.

In der Zeitschrift „Kunst und Künstler“ hat sich der Architekturschriftsteller Karl Scheffler zur Eröffnung der Bahn 1913 ausführlich mit der von August Endell entworfenen Anlage befasst. „Die modernen Rennbahnarchitekturen sind ja durchweg unendlich nüchtern und formlos. Einige öde Tribünenkonstruktionen, und ein provisorisch erscheinendes Restaurationsgebäude stehen beziehungslos auf flachem Gelände da. Versuche, zu einer einheitlichen architektonischen Gestaltung sind kaum jemals gemacht worden; meines Wissens ist Endell der erste, der den Charakter der Interimsarchitektur auf der Rennbahn überwunden und etwas geschaffen hat, das nicht nur an sich anmutig ist, sondern auch neue Entwicklungsmöglichkeiten zeigt. Er hat die profanen Grundformen, wie sie sich von selbst ergeben haben, beibehalten, hat sie aber so durchgeistigt, so gruppiert und in eine rhythmische Ordnung gebracht, dass man zum ersten Mal von einer spezifischen Rennbahnarchitektur sprechen darf. Die scheußlichen Eisen- und Holzgerüste sind ihm zu geistreichen, herb graziösen Ingenieursarchitekturen geworden.“
Ein Bild Eschens veranschaulicht das von Scheffler Beschriebene im Detail. Ein Mann lehnt gelassen an einem Zaun vor dem Zielrichterturm, dessen elegant geschwungene Treppe aus Holz und Stahl in die Höhe führt. Der Zugang ist der Rennleitung vorbehalten, die vom Aussichtsturm aus das Renngeschehen überwacht. Anfang der 70er-Jahre wurde das architektonische Kleinod im Zuge von Baumaßnahmen abgerissen. Mehrere Gebäude und Pavillons aus dem Gesamtensemble Endells verschwanden infolge eines weitgehenden Umbaus der Anlage. Es entstand ein mehrstöckiges Tribünenhaus nach moderner Betongussmethode. Erst später wurden die verbliebenen Gebäude Endells, vor allem die große Haupttribüne, unter Denkmalsschutz gestellt.
Vor einem Wetthäuschen, das Eschen von einem erhöhten Standpunkt aus fotografiert hat, haben sich zwei Warteschlangen gruppiert. Der Wettbetrieb scheint vor allem eine Geduldfrage zu sein. Die Wettscheine werden mit der Hand ausgeschrieben, die Errechnung der Quoten war ein sorgsam kontrollierter bürokratischer Vorgang. Kaum etwas an diesen Bildern deutet auf ein fiebriges Freizeitvergnügen hin. Die Menschen, die zur Trabrennbahn gehen, tun dies in dem heiligen Ernst, mit dem sie unter der Woche auch nach Konsumgütern anstehen. Eschen registriert dies alles eher nüchtern, fast beiläufig. Der Fotograf scheint die Haltung derer, die er zeigt, zu teilen. Ein paar Monate zuvor mögen sich viele in einem bitteren Überlebenskampf befunden haben. Man organisierte – die Beschaffung von Lebensmitteln, die Wege von hier nach da. Jetzt scheint jedes Bild einen entdramatisierten Alltag zeigen zu wollen.
Nur auf einem Bild dieser Rennbahnserie ist ein Pferd abgebildet. Es steht stolz vor einen Sulky gespannt. Ein Mann im Anzug – der Besitzer? – präsentiert es dem Fotografen. Eher verlegen steht der Jockey daneben. Das Pferd trägt die Startnummer 21. Hat es gewonnen? Es ist keine Siegerpose, in der das Pferd vor einem der von Endell entworfenen Ställe präsentiert wird. Die Aufnahme erinnert ein wenig an die Fotos des großen Fotografen August Sander, der die Menschen seiner Zeit in der ganzen Würde ihrer Beruflichkeit fotografiert hat. Die Individualität, das, was man war, war stark geprägt, durch das, was man tat. Die gesellschaftliche Stellung war definiert durch den Status der Anstellung. Das bringt auch das Foto mit Pferd von Fritz Eschen zum Ausdruck. Der Beruf des Trabertrainers war in diesem Sinne eine angesehene Stellung. Eine andere Aufnahme zeigt den Sprecher der Bahn inmitten seiner akustischen Anlage. Die Nachkriegszeit ist auch vom Anschluss an die technischen Standards der Vorkriegsjahre geprägt.

Fritz Eschen wurde am 19. Januar 1900 in Berlin geboren. Seine Eltern, der jüdische Kaufmann Leopold Eschen und Theresa Eschen, schickten ihn aufs Gymnasium, zuletzt zum Königstädtischen Gymnasium in Berlin, wo er jedoch ohne Abitur abging. Ab 1919 absolvierte er eine kaufmännische Lehre, das Fotografieren brachte er sich auf autodidaktischem Weg bei. Ende der 20er-Jahre begann er als freier Fotograf zu arbeiten, u.a. für die amerikanische Agentur Associated Press (AP). In dieser Zeit heiratete er die jüdische Unternehmertochter Rose Salomon. Sie wurde im Dezember 1941 mit ihrem gemeinsamen Sohn Peter nach Auschwitz deportiert und dort vermutlich ermordet. Eschen indes überlebte die Zeit des Nationalsozialismus und arbeitete nach Ende des Krieges wieder als freier Fotograf. Neben Henry Ries und Erich Salomon gehörte er zu den bedeutenden Berliner Stadt- und Portraitfotografen, die jüdischer Herkunft waren.

Er wurde zum Chronisten der Stunde Null, schreibt die Berliner Journalistin Ingeborg Ruthe anlässlich einer Ausstellung in Berlin. „Er kam nicht mit den alliierten Befreiern, er war auch kein Fotograf, der der Welt etwas Spektakuläres zeigen wollte. Bei Eschen ist die Sensation das Nüchterne, bei ihm gibt es weder Pathos noch Sentimentalität. Der gebürtige Berliner war als Jude selbst ein Überlebender, und so sah und zeigte er das Leben in der besiegten Metropole, die zur Frontstadt wurde, vor allem aus der Froschperspektive des Alltäglichen. So entstanden Geschichtsbilder. Die Fratze des verlorenen Krieges ist allgegenwärtig: die Stadt ein Trümmerhaufen, der Tiergarten abgeholzt – womit hätten die Leute sonst ein wenig heizen und kochen können? Die Gedächtniskirche steht wie ein abgebrochener, hohler Zahn. In den Trümmern spielen Kinder. Auf dem Lehrter Bahnhof drängen sich die Flüchtlinge mit ihrer Habe. Vor den Essen-Ausgaben stehen endlose Schlangen. Eschen zeigt mit erschütternder Genauigkeit und nüchterner Distanz die Not wie auch die Hoffnung in der besetzten Stadt: Männer mit Schaufeln, Trümmerfrauen, Besatzer. Er fotografierte die >Notdächer< – mühsam geflickte Behausungen, provisorische Schlafsäle, die Kleidung an Ziegelwänden aufgehängt, Krankenstationen als Massenquartiere in der schwer zerstörten Charité, die ersten Schulstunden auf glücklich geretteten Bänken. Das Elend wird aus der Kameraperspektive des Fotografen nicht gefühlig ausgebreitet, sondern immer mit einem Ausblick ins Lebbare gezeigt. (…) Heute umfasst der Nachlass 90 000 Aufnahmen, überwiegend im Mittelformat. (…) Das Leben ging weiter. Aufnahmen berichten davon, wie der Schwarzmarkt florierte. Gerade diese Bilder von den Grauzonen der Stadt, die aus der Resignation aufzubrechen sucht, wirken besonders lakonisch. Sie sagen unverblümt, dass erst das Fressen, dann die Moral kommt. Da halfen auch keine Sonntagsreden. Und beinahe sarkastisch wirken die Aufnahmen von Massenprotesten, die sich gegen den beginnenden Kalten Krieg richten. Es sind Zeugnisse eines Berliners, der auf seine selbstbegrenzte Weise durchaus zu den Protagonisten der in der Nachkiegsmoderne stilprägenden Life-Fotografie gehört. Kosmopolitisches Terrain hat Eschen nicht erobert, weil er immer in Berlin blieb. Berlin war sein Thema. Und das macht ihn seelenverwandt mit Künstlern wie Chodowiecki, Zille und Seidenstücker.“ (Ingeborg Ruthe, Berliner Zeitung vom 11. 5. 2011)

Die Bilder von der Trabrennbahn erzählen kaum etwas von den Dramen des Überlebens, die Ingeborg Ruthe in den Stadtbildern Eschens sieht. Vielleicht hat sich die Lage 1946, als sie aufgenommen wurden, bereits ein wenig entspannt. Ein Foto ist von der Tribüne aus aufgenommen. Man sieht Menschen in sommerlicher Entspanntheit an Caféhaustischen sitzen. Vielleicht geht es nun darum, sich an die Rhythmen der Normalisierung zu gewöhnen. Die Rennbahn ist ein Ort der Verschwendung, aber die Verschwendung, die Eschen abbildet, ist auch wieder nur die Fortsetzung des Gewöhnlichen. Das Rasende, das man einem solchen Ort gern zuschreibt, wird in den Bildern Fritz Eschens auf eindrucksvolle Weise verlangsamt.

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