Einst und jetzt

Harry Nutt

Meinem Gedächtnis zufolge war es irgendwann Anfang der 80er-Jahre. Aber schon eine kurze Recherche im Internet korrigiert die Erinnerung. Es war der 14. Mai 1987, an dem ich mich mit zwei Freunden entschloss, nach dem Sport noch auf ein Bier in den Berliner Kellerclub Quasimodo zu gehen. Wir kamen gerade noch zu den letzten Stücken einer Live-Band, die dort öfter auftrat. Ich glaube mich zu erinnern, dass die Sängerin der Band Joy Rider hieß. Vielleicht war es auch der Name der Band. Das Internet weiß aber nichts davon. Wir waren etwas müde vom Sport, wehrten uns aber nicht lange, als die Bedienung uns nach einer weiteren Bestellung fragte.

In meiner Privatmythologie gehört die Erzählung zu den wenigen Momenten, in denen ich das Gefühl hatte, im richtigen Augenblick am richtigen Ort zu sein. Jedenfalls erzähle ich es gern so. Nachdem die Band ihr Konzert beendet hatte, wurde auf der kleinen Bühne des Clubs nicht ab-, sondern umgebaut. Wir fragten die Kellnerin, was denn hier vor sich gehe. Sie zuckte, kühl abweisend, wie es zu der Zeit in Berliner Kneipen üblich war, mit den Schultern. „Keine Ahnung“, sagte sie, „vielleicht kommt ja noch Prince.“ Sollten wir das als Scherz verstehen? Tatsächlich hatte Prince am Abend ein Konzert in der Deutschlandhalle gegeben. Wir wussten davon. Im Internet findet man heute mühelos Seiten, auf denen man nachlesen kann, dass der große kleine Mann des Pop sein Konzert mit „Sign o the times“ begann und mit „It´s gonna be a beautiful night“ beendete. Ich kannte einige Stücke von Prince, sie gefielen mir, aber ich war nicht auf die Idee gekommen, mir Karten für das Konzert zu besorgen. Vermutlich war es mir auch zu teuer. Ich war gerade erst mit dem Studium fertig und hatte keine rechte Idee, wie es weitergehen könnte

Auf der Bühne des Quasimodo war die Soundanlage spielbereit. Wir bestellten noch eine Runde, wir konnten ja jetzt nicht einfach gehen. Eine weitere halbe Stunde verging, ehe dunkle Kapuzengestalten auf die Bühne kamen, nach den Instrumenten griffen und mit einer funkigen Jazznummer begannen. Die Internetseite setlist.fm verrät, dass das Stück „Strange Relationship“ hieß.
Das kurze Konzert der vermummten Band gehört heute zu den großen Randereignissen der Popgeschichte der 80er-Jahre, zumindest in Berlin. Am nächsten Tag überschlugen sich alle Radiostationen mit Berichten und beneideten jene kleine Schar von Fans, kaum 200 Leute, die Einlass ins Quasimodo gefunden hatten oder, wie wir, einfach nur da waren. Die Band hieß Madhouse, zu ihr gehörten Eric Lee und Dr. Matt Fink. Und Sheila E. am Schlagzeug. Im November 2013 war sie, nun als Überlebende der 80er-Jahre, abermals zu einem Konzert in Berlin. Damals im Quasimodo war ein sehr intensives Session-Konzert, etwas seitlich von der Band war ein Mann mit Gitarre besonders stark vermummt: Prince.

Seine bloße Anwesenheit verlieh dem Abend seinen Ereignischarakter. Nicht nur wegen der nachträglichen Bedeutung, die dem Auftritt später beigemessen wurde. Man konnte es, so sage ich es mir heute, in dem Augenblick spüren. Der Popkünstler aus der Kulturindustrie, der später wegen seines gewitzten Widerstandes gegen die brancheninternen Gesetze gerühmt werden sollte, gestattete sich und seinen Zuhörern mit dem Berliner Nachspiel den Status einer besonderen Authentizität. Er verschenkte gewissermaßen Extrazeit. Das Konzert folgte natürlich den vielfältigen ungeschriebenen Regeln des Musikgeschäfts, aber es war doch eine ganz besondere Inszenierung, die jenseits der bekannten Promotionsrituale verlief, ganz beiläufig und unprätentiös.
In einigen Kreisen erlange ich mit der Erzählung vom unangekündigten Prince-Auftritt noch heute eine gewisse Aufmerksamkeit. So als hätte ich selbst einen Anteil an der mit dem Auftritt verknüpften Legendenbildung. Wir hätten das Quasimodo ja auch vorzeitig verlassen können. Aber wir sind dabei gewesen. Es wurden laut setlist.fm sechs Stücke gespielt, es endete mit „Housequake“ und „It´s gonna be a beautiful night“.

Ich habe später noch weitere Konzerte von Prince gesehen. Seine Bühnenpräsenz war auch später stets reizvoll, aber natürlich war es nie wieder so wie am frühen Morgen des 15. Mai 1987.
Dabei geht es nicht um Exklusivität. Das Hauptmerkmal solch eines emphatischen Augenblicks ist Unverfügbarkeit. Man hätte sich den Zutritt zu dem Konzert nicht einfach mit Geld erkaufen können. Schon möglich, dass ein Türsteher bestechlich gewesen wäre, aber um solche Aktivitäten ergreifen zu können, musste man ja zunächst einmal an Ort und Stelle sein. Zum Gefühl, im richtigen Augenblick am richtigen Ort zu sein, gehört nicht zuletzt auch, dass es ohne besondere Anstrengungen verbunden ist. Wir hatten es nicht geplant, es hat sich so ergeben. In den Genuss eines emphatischen Augenblicks kommt man nicht durch Aktivität und Konzentration. Es ist eine besondere Gunst, die einem zukommt.

Einen Teil ihrer Wirkung erzielt die Geschichte vermutlich, weil sie als Darstellung einer Epiphanie daherkommt, die Art göttliche Erscheinung, die wir mehr oder weniger verschämt gezwungen sind, umgehend ironisch einzufärben.

Der Auftritt von Prince hat unser Leben nicht verändert. Der Freund, mit dem ich dort war, ist heute Arzt, ich habe später nie wieder mit ihm über den Abend gesprochen. Und doch hat mein Gedächtnis ihn nicht einfach getilgt wie das Datum. Das Ereignis mit einer gewissen popkulturellen Bedeutung gehört seither zu meinem Leben. Aber so was lässt sich nicht beliebig wiederholen. Vor kurzem erschien ein Buch über das Berliner Nachtleben, in dem auch die legendäre Disco Dschungel gerühmt wurde, einer der angesagten Berliner Orte der späten 70er- und frühen 80er-Jahre gewesen zu sein. Viele mieden den Dschungel, weil die Gefahr, abgewiesen zu werden, groß war. So legendär wie der Dschungel waren auch dessen Türsteher. Der Ruf der Location speiste sich bis heute, oder vor allem heute, aus den berühmten Gästen, die dort verkehrt haben. David Bowie, Iggy Pop, Nina Hagen…

Irgendwann ist es mir mit ein paar Freunden ebenfalls gelungen, dort eingelassen zu werden. Wir waren da, aber nichts davon ist haften geblieben, was sich hernach einreihen ließe in die emphatischen Augenblicke. Jetzt, da wieder öfter vom Dschungel die Rede ist, erzähle ich gelegentlich, dass ich auch einmal dort war. Selbst David Bowie hat unlängst noch einmal darüber gesungen. Sie muss ihm viel bedeutet haben, seine Berliner Zeit.

Der Lebensroman, an dem man ständig weiterschreibt, auch wenn nur wenige darüber singen oder davon etwas zu Papier bringen, speist sich aus derlei Szenen. Es dürfen allerdings nicht zu viele sein. Schon möglich, dass manch ein Zuhörer die Prince-Geschichte als aufdringlich empfindet. Sie soll ja den Neid all derer evozieren, die nicht dabei waren, aber vielleicht gern dabei gewesen wären. Für Menschen ohne jedes Interesse an popkulturellen Phänomenen klingt sie einfach nur albern. Aber man hat sie erlebt und lädt sie so oder so mit Bedeutung auf. Man sammelt derlei Geschichten im Sport, in der Kunst oder in der Politik, und es gibt keine klaren Regeln dafür, was das Bewusstsein als Prägeerlebnis durchgehen lässt.

Ein anderes Erlebnis aus dem popkulturellen Umfeld verrät auch etwas davon, dass die Erwartungen einer solchen Szene auch in eine andere Richtung fließen können. Ende der 90er-Jahre war ich mit einer kleinen Gruppe von Journalisten in Lagos, Nigeria. Zu unseren Zielen gehörte auch der legendäre Shrine des Fela Kuti, den in Westafrika gottähnlich verehrten Erfinder des Afro-Beats. Fela Kuti war zum Zeitpunkt unserer Reise bereits seit einem Jahr tot. Im Shrine, eine Art Kommunen-Areal, spielte dessen alte Band, Egypt 80, an Fela Kutis Stelle war Seun Kuti getreten, der damals 15 Jahre alte Sohn des Meisters. Als wir den Shrine betraten, spielte Egypt 80 auf einer kleinen Bühne, an deren Rändern wenig bekleidete Tänzerinnen, darunter mehrere Ehefrauen Fela Kutis, lasziv, oder sagen wir: kultisch tanzten. Man signalisierte uns, dass Seun Kuti nach dem Konzert bereit sei, uns zu empfangen. Und so kam es. Der gerade einmal 15 Jahre alte Junge, der heute noch immer mit Egypt 80 auf Tournee geht, gewährte uns eine Audienz. Ich kann mich an keine Frage erinnern, die wir ihm schon aus bloßer Höflichkeit gewiss gestellt haben. Verblüfft waren wir vor allem von der Selbstverständlichkeit, mit der Seun Kuti, aber auch die Menschen in seiner Umgebung, ihn, den Sohn, als legitime Verkörperung des musikalischen und wohl auch kultischen Erbes ansahen. Dieser Rolle hatte sich Femi Kuti, ein älterer Sohn Fela Kutis, entzogen. Femi Kuti war bereits damals ein in Europa und den USA anerkannter Musiker und ist es bis heute. Wie auch immer, die Begegnung hatte nichts von dem, was ich einen emphatischen Augenblick genannt habe. Seun Kuti musste aber davon ausgehen, dass wir die Szene unbedingt als solche empfinden würden.

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