Itching my Scratches

Hilmar Schmundt

Verdammt, nun bin ich links unten überholt worden. Plötzlich fühle ich mich reaktionär. Schuld ist die Ausstellung „Scratches“ in der ehemaligen Bötzow-Brauerei. Seit Jahren bilde ich mir etwas darauf ein, so etwas wie ein Straßenkunstfreund zu sein, ein Connoisseur von Graffiti, Pochoirs, Sgraffito, Kinderkritzelen an Hauswänden. Ich genieße es, am Tresen auf der Seite der künstlerischen Subversion einzunehmen. Wenn jemand über die Schmierereien klagt, verteidige ich Graffiti als antikommerzielle Wiedereroberung des Stadtraums. Und ich weiß, dass ich damit auf der Seite richtigen Seite der Kunstgeschichte stehe, zusammen mit Norman Mailer, Banksy und der Gang aus den Höhlen von Chauvet.

Vorbei. „Scratches“ zeigt Kratzereien auf Straßenbahnscheiben. Und adelt das zu einem „riesigen sozialästhetischen Gesamtkunstwerk“. Dominique Auerbacher ist Professorin an der Hochschule der Künste in Straßburg. Sie preist das „Vitale“ und Subversive der Kratzspuren. „Leuchtende Plastizität“?. Für mich sieht das nach Vandalismus aus.

Der Vier-Sternekoch Tim Raue lädt abends im Ausstellungsraum zum Essen ein, auf der „Aktionsspeisekarte“ stehen Entenleberterrine und Salat Nizza mit Sardellenmayonnaise. In der Pressemitteilung heißt es: “ Die Küche lässt sich auch dieses Mal von der Kunst inspirieren „.

Vandalismus an seiner Sardellenmayonnaise.

Andererseits: Gerade waren wir in London, und sahen Schockierendes. In der Portobello Road hat ein Banksy-Laden eröffnet. Graffiti Sells. Scratches dagegen sind bislang unverkäuflich und unkanonisiert. Das macht Spaß. Neuerdings sehe ich in der Straßenbahn die zerkratzten Scheiben mit anderen Augen. Die Kratzer lassen die Stadt hinter einem halbtransparenten Vorhang aus leuchtenden Linien verschwinden, vor allem im Gegenlicht. Als kniffe jemand für mich die Augen halb zu, um die Welt weichzuzeichnen, auf Halbdistanz zu halten.

Das Scheibenzerkratzen lässt sich anscheinend relativ einfach in den Kunstdiskurs überführen. Das ließe sich weiterdenken. Wenn nach Graffiti nun Scratches geadelt werden, müsste es Beispiele geben, welche die Grenze noch weiter verschieben. Was könnte als Nächstes kommen? Ausgespuckte Kaugummis etwa, die sich als kleine Punkthaufen an Straßenrändern befinden, wo Menschen sich versammeln: Vor Clubs, an Straßenbahnhaltestellen, an Ampeln.

Allein durch den Blick auf den Boden lässt sich herleiten, wie viele Menschen wohl wie lange hier gestanden haben, bis sie auch den letzten Minzgeschmack aus dem Gummi gemalmt und es ausgespuckt haben. Die Spuren von Kauen, Warten, Spucken als soziale Maßeinheit. Großveranstaltungen und Showarchitektur inszenieren das fotogene Spektakel. Die Orte der Langeweile dagegen entziehen sich der Wahrnehmung. Die Kaugummispurensuche macht Ödnis erlebbar.

Was kommt nach Scratches? Gut möglich, dass Auerbach demnächst ihrerseits links unten überholt wird von anderen Subversionsathleten. Spätestens wenn in der Portobello Road ein Scratches-Laden aufmacht gegenüber vom Banksy-Souvenirshop.

Was braucht es, um Kaugummispuren zu adeln und in den Kunstdiskurs zu überführen? Ein griffiger Titel wäre hilfreich. Vielleicht: „Plenty of Room at the Bottom“? Oder: „Itching my Scratches“?

Und was der Meisterkoch Tim Raue wohl zur Kaugummi-Vernissage auf seine Aktionsspeisekarte setzen würde?

Advertisements