Olga zwischen Hier und Dort, Einst und Jetzt

Inga Richter

Olga in der Stadt

Olga wohnt in der Stadt
Es ist wie verhext. Kürzlich hat Olga sich aufgeregt, weil eine Immobilienagentur damit warb, dass „dieses Haus Geschichten erzählen könnte…“. Häuser erzählen jetzt also Geschichten. Man muss nur einziehen und lauschen. Wieso regt Olga sich darüber auf? Weil sie das Gefühl hat, die Makler hätten sie erkannt und entlarvt? Mietet jemand eine Wohnung in einem Haus, weil es Geschichten erzählen kann?

Sie schaut nämlich ständig nach Wohnungen, in Mietangeboten, Kaufangeboten, sie schaut auf der Straße nach oben, nach den Wohnungen. Ständig ist sie auf Wohnungssuche. Obwohl sie eine sehr schöne Wohnung bewohnt, in einer Gegend, in der sie immer wohnen wollte, sie hat mehr Platz als genug und die Miete ist nicht zu hoch. Warum sucht sie Wohnungen? Sie betreibt es zum Zeitvertreib. Andere Joggen, sie studiert Wohnungsannoncen. Der Großstadtmensch wohnt in großen Wohnungen in der Stadt zur Miete, hat ihr Bruder gesagt, der es irgendwo gelesen hat. Er ist Architekt. Er baut vor allem Wohnhäuser. Teure Wohnungen in guten Gegenden in großen Städten. Er hätte längst eine Wohnung in einem seiner Häuser kaufen können, aber er wohnt zur Miete. Ständig gibt es ein neues oder altes Haus, das er kaufen könnte, es dann aber doch nicht in tut. Auch wohnt er schon immer in derselben Stadt, während Olga oft umgezogen ist, die Städte gewechselt hat. Jetzt ist sie in Berlin angekommen und bei der Vorstellung, in Berlin zu sterben, ist ihr unwohl. Zurück ins Dorf. Was sie nie wollte. Ihr Dorf heißt Frankfurt. Stirbt sie bald? Um sie herum wird zur Zeit viel gestorben. Warum soll es nicht sie auch treffen? Ihr Cholesterinspiegel ist zu hoch. Wenn sie schon ihre Essgewohnheiten ändern muss, kann sie doch gleich alles ändern. Ihren Kleidungsstil, ihren Haarschnitt (ihre Mähne ist eh nicht mehr das, was sie einmal war. Noch genug, aber grau). Aber hier sterben? Überhaupt nicht sterben. Irgendwann tot sein. Das geht. Was soll daran verhext sein? Verwirrte Gefühle. Weil sie sich damit ablenkt. Abgelenkt wird. Abgelenkt wovon? Natürlich vom Schreiben. Von der Geschichte ihrer Mutter hat sie gerade mal wieder die Nase voll. Sie hat neue Briefe gefunden, die sie lieber nicht angerührt hätte. Briefe, die ihre Mutter an ihren Liebhaber geschrieben hat, mit dem sie Olgas Vater betrogen hat. Diese verwirrte Gefühlslage kennt sie jetzt auch. Olga fände es besser, sie würde sie nicht kennen. Davor haut sie ebenso ab wie ihre Mutter aus ihrer verworrenen Lage abgehauen ist. Nach Kanada. Da scheint man mit verwirrten Gefühlen besser leben zu können. Oder es gibt dort mehr verwirrte Gefühlslagen? Zufällig, ja, echt zufällig – sie hat schon vor dem Nobelpreis damit angefangen Alice Munro zu lesen und ist jetzt süchtig nach diesen Geschichten – jede Geschichte eine verworrene Gefühlslage. Wäre sie Alice Munro würde sie Geschichten über ihre Mutter so schreiben können. Da sie aber nicht Alice Munro ist … sondern nur die Tochter ihrer Mutter Ruth, denkt sie ans Abhauen, Umziehen, daran, endlich etwas ganz anderes zu machen.

Sie hat offenbar ein Fluchtgen geerbt. Nicht die Umstände, die Verhältnisse treiben sie in die Flucht, sondern dieses geerbte Gen. Gegen Gene ist kein Kraut gewachsen. Ihr Freund bezweifelt das mit den Genen. Wie kann man Gene bezweifeln? Wie kann man Gene bekämpfen? Das wäre die richtigere Frage. Na, du dummes Gen, schon wieder Fluchtgedanken? Du bleibst jetzt mal schön ruhig und wo du bist und rührst dich nicht. Damit ist Olga allerdings in ihrem Leben nicht gut gefahren. Sie hat es ein Mal sehr wissentlich bekämpft, ihrem Impuls widerstanden, und erfuhr sie zum ersten Mal, (zum ersten Mal?) was es heißt von dem Geliebten verlassen zu werden. Betrogen zu werden, das kannte sie, aber verlassen zu werden? Sonst ist sie gegangen, bevor sie hätte verlassen werden können. Sie hätte auf das Gen hören sollen. Wie oft hat es gesagt, Hau ab!, mach Schluss! Später meinte Olga, das sei schon die beginnende Altersschwäche, die sie zum Bleiben bewogen hat. Du bist die letzte Seite meines Lebens. Sagt Arkadina in Tschechows Möwe. Und Tschechow ist der Hausheilige, da in dem Haus auf dem Land.
Aber Leben ist nicht Theater.

Jetzt ist er krank. Und Olga denkt ans Sterben. Geht in ihren Gedanken durch das Haus auf dem Land, das sie zehn Jahre lang mit ihm renoviert hat, sogar Vorhänge hat sie selbst genäht, Möbel ausgesucht, die Küche neu gemacht, den alten Steinfußboden auf Knien von Zement und altem Belag befreit, den Garten mit Stauden gefüllt (deine Wucherbeete, hat er gesagt), sieht den grünen Kachelofen, die Bibliothek, zu der er die Scheune ausgebaut hat, ihr kleines Zimmer mit dem Tisch vor dem Fenster, das Bauernbett, den kleinen Schrank, in dem die Katzen ihre Jungen warfen, die Schwelle der Küchentür zum Garten, auf der sie oft gesessen und in die Dämmerung geträumt hat. Nicht zu vergessen Natascha in Moskau, die sie mit ihren Briefen und Anrufen zur Weißglut gebracht hat und dann die andere, die schließlich der Grund war, warum er sie eines schönen Sommertags kurz vor ihrem 50. Geburtstag mit den Worten empfing: Du kannst hier nicht mehr einfach so kommen. Es könnte jemand anderes hier sein.

Im Sommer des vorangegangenen Jahres hatte Olga anfallartig alles fotografiert: das Haus, die Zimmer, den Garten. Sie hat gelacht und gesagt, damit ich mal weiß, dass das wirklich gewesen ist. Die Fotos liegen ganz unten in der Fotokiste. Sie muss sie nicht anschauen. Es war wirklich.
Wie der Kirschbaum. Er trug wenige Blätter und sah verletzt und abgestorben aus, als sie zu ihm ins Haus zog. Er schimpfte auf den alten, fast toten Baum, er müsste abgeschlagen werden. Sie nahm den Baum in Schutz. Man beschimpft Bäume nicht, schon gar nicht, wenn sie sterben. Im nächsten Frühjahr blühte der Baum und trug viele Früchte. Jahrelang.
Sie wollte von der nachtblauen Stockrose Samen haben. Sie hat ihn angerufen und gebeten, ihr welche zu schicken, sobald die Rose abgeblüht sei. Bitte, nicht vergessen. Sie fragte, wie der Garten jetzt aussähe. Die Stockrosen schießen, der Mohn wuchert, der Flox kommt, die Glyzinie trägt wieder mal keine Blüten und der Kirschbaum, sagte er, ist gestorben.

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