Olga will von hier nach dort

Inga Richter

dichterin3

Jetzt bildet sich Olga auch noch ein, Schriftstellerin zu sein. Jedenfalls benimmt sie sich so, wie sie gehört hat, dass sich Schriftsteller benehmen. Sie steht in aller Herrgottsfrühe auf, macht sich einen Kaffee, raucht ihre erste Zigarette (natürlich schiebt sie sich vorher was Essbares rein) und setzt sich an ihren überdimensionierten Schreibtisch. Paradox, aber den hat sie sich aus Platzmangel angeschafft, er hat sehr große Schubladen auf beiden Seiten, in denen sie ihren gesamten Papier- und Schreibkram verstauen kann. Manchmal schreibt sie mit der Hand, manchmal tippt sie sofort in ihren Mac. Sie schaut aus dem Fenster und sieht die Kastanie mit ihren inzwischen stark braungeränderten Blättern. Die Kastanien sind längst gefallen. Immer noch Spuren der mazedonischen Miniermotte.

Ausgerechnet Mazedonien. Soll sie jetzt über die Miniermotte schreiben oder über den Wagen der Stadtreinigung, der die Straße entlangbrummt oder gar über Mazedonien, wo sie sogar schon einmal war? Oder soll sie schreiben, worüber ihr alle zu schreiben raten, worüber sie aber nicht schreiben kann. Alle tun das. Vor allem Männer, nämlich über ihre Mütter. Sie könnte über Mütter schreiben, im Plural, denn sie hatte zwei oder keine, wie man es nimmt. Sie sitzt neben einem Konvolut von Liebesbriefen, die ihre Mutter an ihren Geliebten geschrieben hat, als sie ausgewandert war. Nach Kanada. Die Auswanderung dauerte ein halbes Jahr. Dann fiel sie ihrem Geliebten wie eine überreife Frucht, platsch, vor die Füße. Er hat sie aufgesammelt und aufgehoben. Sein Leben lang. Was bitteschön soll an dieser Geschichte mitteilenswert sein? Natürlich gibt es diese Geschichte so nur ein Mal, natürlich ist die Zeit, in der sie spielt (die Nachkriegszeit) bemerkenswert, natürlich setzt sich diese Geschichte fort. Diese Geschichte, in der Mütter ihre Kinder verlassen, oder Kinder ohne Väter aufwachsen. Mag sein, Olgas Dilemma ist, dass sie bei ihrem Vater aufgewachsen ist, der leider eine neue Frau hatte. Eine Stiefmutter. Sie ist mit Märchen aufgewachsen und findet deswegen alle Stiefmütter böse. In den Märchen kommen wenig Stiefväter vor, oder? Irrt sie sich? Denn inzwischen verstellt das ganze Bild von ihrer Mutter, das sie nur unscharf hat, ein Mann, den alle Stiefvater nennen, obwohl er das nie gewesen ist. Bei Stiefleuten muss man leben. Stiefleute, bei denen man nicht lebt, verdienen weder die Bezeichnung Mutter oder Vater. Meint sie. Ihre Stiefmutter war eine Mutter, die die Kinder „Mutti“ nennen mussten. Olga könnte schon bei der Bezeichnung „Mutti“ kotzen. Mutti kann doch kein Kind von sich aus sagen. „Mutti“ wird ihm beigebracht. Kinder sagen Mama oder Mami. Wie kommt es zu „Mutti“? Selbst „Mutti“ sagte zu ihrer Mutter „Muttel“. Sie selbst aber wollte „Mutti“ heißen. Zum Glück hat ihr Vater (Ehemann) sie nicht auch so genannt. Aber leider dann doch, nach Muttis Tod. Sie bringt es nicht mehr über die Lippen. Undsoweiter.

Olga wäre zu gerne Schriftstellerin, sie schreibt und hat nichts zu erzählen. Das sieht sie jeden Morgen von neuem, macht trotzdem weiter. Fängt immer wieder von vorn an. Vaterunser… wie wär’s mit lauter Anfängen? So wie die unfertigen Strickteile, die ihre Mutter hinterlassen hat. Als sie starb, war das ganze Haus voller Wolle. Bergeweise Wollknäuel und lose Vorderteile, Rückenteile, Ärmel und Bündchen, an denen die Fäden lose herumhingen. Sogar in den fertigen Pullovern, mit denen sie ihre Kinder und Enkel überschüttete, hingen innen die Fäden unvernäht herum. Die Pullover und Jacken passten nie. Sie waren zu groß, zu kurz, zu weit oder zu lang. Maßnehmen war wohl nicht ihre Sache. Sie strickte und strickte bis der Wolf kam… Olga denkt an Fronarbeit. Strickt sich ihre Schuldgefühle weg. Und dann „To whom it may concern“, ob sie passen oder nicht, sie hat sie gestrickt. Dabei konnte sie sehr gut stricken. Schöne Muster, ebenmäßige Maschen, sie hätte einen Strickladen aufmachen können.
Ach, wäre das schön, denkt Olga, während sie in den grauen Berliner Himmel schaut, könnte sie doch diese Geschichte aufschreiben. Als Geschichte. Nicht als ihr Leben. Wer sollte sich denn dafür auch interessieren? Doch immer wieder, wenn sie damit anfängt, mit den bizarren Szenen aus ihrer Familie, hört sie, schreib das auf. Sie schreibt es auf und findet es vermessen und vergeblich.
Olga überlegt, was sie sonst machen könnte. Schreiben kann sie. Aber bloß nicht über sich und was sie betrifft. Also über was?
Über Elke, die seit zig Jahren an ihrem Sciencefiction-Roman schreibt? Über ihren Freund S., der zum x-ten Mal, endlich sein Buch beendet hat. an dem er ewig schrieb, dafür jahrelang seinen Beruf aufgab, seine Ehe verspielte, arm darüber wurde und befreit scheint. Über ihren Freund G., der es ebenso macht, außer, dass er tatsächlich schon Bücher geschrieben hat. Über sich selbst und ihren Dichterhimmel, den kein Mensch drucken will. Vielleicht sollte ein anderer ihre Geschichte aufschreiben. Oder aber sie sollte es einfach lassen. Den Rat würde ich ihr gern geben. Vielleicht werde ich ihr einen Brief schreiben.

Liebe Olga,
die Katze dreht sich im Kreis und beißt sich in den Schwanz. Was für ein Tänzchen. Entweder machst Du weiter, oder Du lässt es wirklich. Die Frage ist, wenn Du wirklich meinst, Schriftstellerin zu sein oder zu scheinen, dann bleibt Dir nichts anderes übrig als weiter zu schreiben. Was stellst Du Dir denn eigentlich vor? Hast Du nicht genug darüber gelesen, wie schwierig es ist, zu schreiben? Dass oft nur ein Satz am Tag herauskommt, dass man schreiben muss. Du musst es offenbar und begreifst nicht, dass das was Du tust, genau das eben ist. Du meinst, Dir einen Plan machen zu müssen? Dann mach einen. Beim Schreiben zerschreibt der sich von selbst. Du weißt doch, dass es ganz anders herauskommt, als es gedacht ist. Das Schreiben selbst schreibt. Aber wenn Du Dir dermaßen doof dabei vorkommst, kann man Dir schwer helfen. Weißt Du nicht auch, dass sich jeder, der schreibt, fragt, ob er das darf? Ob er das kann? Ob es irgendjemanden interessiert, was er macht? Niemand interessiert sich dafür. Das ist die beste Voraussetzung. Es gibt nur einen Grund zu schreiben, nämlich zu schreiben.
Mit diesen aufmunternden Worten grüße ich Dich an einem recht grauen Oktobertag, der wie ein Novembertag ist. Lass Dich nicht verdrießen. Es ist verdrießlich. War es nicht November, als Deine Mutter nach Kanada abgehauen ist? Benutz doch bloß diese miese Stimmung. Use it, wie die Theaterleute sagen,
Inga

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