Dort geträumt, hier aufgeschrieben: Genitalien

Kathrin Passig

4. April 2013
Es ist die erste vom „Merkur“ organisierte Tagung. Große Unruhe – die beiden Vortragsräume sind viel zu klein – bis sich der neue Herausgeber zum ersten Mal blicken lässt. Nein nein nein, so geht das nicht, spricht er, da passen mindestens fünf Reihen Stühle hinein, nicht nur zwei. Sekunden später ist alles geregelt. Er ist ein kleiner Mann in einem hellblauen Anzug, der keinem der beiden echten Herausgeber gleicht. Sascha L. spielt eine wichtige Rolle bei dieser Tagung, er hat wohl gerade in seinem Blog was nicht so Schmeichelhaftes über die Redner geschrieben. Ich lese es schnell nach, indem ich die Adresse seines Blogs mit dem Finger in meine linke Handfläche schreibe und danach einen Punkt mache. Tatsächlich erscheint auf meiner Hand briefmarkengroß die Seite. Das hat bisher im Traum noch nie geklappt.*

Dann liege ich auf einem großen Sofa mit Aussicht über Berlin und will mit Sascha über den Beitrag reden. Dieter Bohlen ist auch da. Er fand den Beitrag sehr gut und richtig, vor allem eine Stelle, an der es um Musik geht. Sascha und er kennen sich schon länger. Sie ziehen gemeinsam durch sehr teure Clubs, trinken kleine Biere für 28 Euro, koksen und machen sich über Politiker lustig, die auch dort sind und dasselbe tun. Jetzt erzählt Dieter Bohlen auf dem Sofa von einer
Stelle in seinem Buch, die er seinem Vater nie gezeigt habe. Irgendwann habe der sie aber doch gefunden. Sascha guckt kritisch und stellt eine therapeutische Frage. Ich sage: Aber Sascha, ist in deinem Buch nicht auch eine Stelle, die du deinem Vater nie gezeigt hast? Kann die Stelle aber nicht näher benennen, es ist nur so eine vage Erinnerung. Dieter Bohlen sagt, sein Vater sei ja jetzt auch tot, und er sei darüber eher schneller als andere Leute hinweggekommen. Ich überlege, was in dem Zusammenhang wohl schnell und was langsam bedeutet. Sascha kritisiert nicht, was sein Freund Dieter Bohlen sagt, der sich inzwischen enger an ihn schmiegt, er hebt aber vorsichtig Bohlens Kopf von seinen Eiern und bettet ihn daneben auf seinen Oberschenkel. Es ist nicht ganz klar, ob das aus Dezenz geschieht, oder weil es unbequem war. Saschas Hose steht ein Stück offen.

* Diese neue Fähigkeit meines Traumbewusstseins rührt vermutlich daher, dass ich die letzte Woche mit dem iPad meiner Mutter verbracht habe.

25. März 2013
Ich versuche im Traum einen Traum zu erzählen, in dem es um „eine Hunde-WG am Strand“ geht, da lacht schon der Erste und sagt „WG!“ Na gut, Rudel, korrigiere ich mich. Aber zuerst muss ich euch die Rahmenbedingungen des Traums erklären, ich betrachte das Geschehen nämlich von einem Schiff aus, das in einer engen Bucht … nein, nicht was ihr denkt! Es ist wirklich nur ein Schiff, und es liegt in dieser Bucht vor Anker, aber es bewegt sich ein bisschen, immer so vor und zurück … Menno, jetzt seid doch nicht immer so! Ich weiß, es klingt komisch, aber es ist halt ein großes Schiff … in einer schmalen, länglichen … ach, egal.

16. Februar 2013
Ich sitze mit Lotta K., Carla P. und Peter H. an einem Kneipentisch. Dann stehen die drei auf und gehen irgendwohin. Von hinten sieht Peter H. recht gut aus, er ähnelt dem rundlichen „Big Bang Theory“-Schauspieler, dessen Name uns beiden im Traum nicht einfällt (weil es ihn gar nicht gibt), ersatzhalber heißt er „Little Bobby Tables“. Aus unklaren Gründen ist er beim Weggehen nackt, und jetzt richtet er seine Eier, was selbst von hinten unmöglich aussieht. Zum Glück fällt das auch Lotta und Carla auf, und sie erklären ihm, wie man seine Eier so richtet, dass es gut aussieht. Es ist eine mehrphasige, in den Bewegungsablauf des Gehens eingefügte Aktion, und irgendwie hat auch die vorangehende Handstellung damit zu tun. Das alles gilt natürlich nur, wenn man nackt ist, angezogen geht es wieder ganz anders.

10. Februar 2013
Wir sind bei einer großen Party oder einem Konzert, es ist spät, irgendwo lehnt eine Band betrunken auf Sesseln und Instrumenten herum, vielleicht sind es nur Leute, die mit der Band gar nichts zu tun haben. Ein Lateinamerikaner um die dreißig steht auf und fängt an zu tanzen, als er Ulrike R. sieht, er trägt nur ein weißes T-Shirt, sonst nichts. Unter dem Rand des T-Shirts hängt sein Penis heraus, der unterarmlang und auch einigermaßen erigiert ist, aber trotzdem senkrecht zu Boden hängt. Ulrike tanzt mit dem Penis, das heißt, sie hüpft wie ein kleiner Frosch vor ihm auf und ab und freut sich. „Hoffentlich ist ihr das morgen nicht peinlich“, denke ich, „und wenn doch, dann werde ich ihr sagen, dass es gar nicht peinlich war, sondern dass sie dem Penis gehuldigt hat, wie es sich gehört und alles ganz richtig gemacht hat.“ Es ist klar, dass Ulrike und der Mann später noch in der Dunkelheit verschwinden werden und tun werden, was man in so einer Nacht tun muss, wenn man einen Penis hat oder jemanden kennt, der einen hat, also auf einem Boot herumfahren und ins Wasser pinkeln.

26. Dezember 2012
Ich bin in den richtigen Zug gestiegen, aber im Glauben, es sei der falsche, gleich wieder ausgestiegen, woraufhin der richtige Zug sofort abgefahren ist. Jetzt sitze ich in einem weniger geeigneten Zug und erkenne dort zwei junge Männer wieder, die offenbar denselben Fehler gemacht haben. Wie sich herausstellt, kennen wir uns sogar von irgendeiner Veranstaltung. Wie sich weiterhin herausstellt, wollen sie zu derselben Veranstaltung wie ich, Tex R. hat sie nämlich als Auflegehilfen engagiert. Dann steigt Ira zu und hat sofort, ich meine sofort, nach nicht mal fünf Minuten, Sex im Zugabteil mit dem von den beiden, den ich eigentlich den weniger attraktiven finde. Während ich noch überlege, ob mich das jetzt quasi dazu verpflichtet, Sex mit dem anderen zu haben, kommt der Fahrkartenkontrolleur und verlangt die von der Bahn für solche Fälle vorgesehene (es gibt natürlich ein Spezialticket) Gebühr für öffentliches Ärgernis. 15 Euro, die ich großzügig bezahle, um die beiden nicht zu unterbrechen. Der Zugbegleiter verlangt auch gar nicht, dass sie aufhören. Mit den 15 Euro ist das Ärgernis offenbar beseitigt.

2. Dezember 2012
Mit Angela L. und Kathi M. in einem österreichischen Kaffeehaus, ich lasse mir von Kathi die seltsamen Speisen erklären, die der Gast vor uns am Tisch zurückgelassen hat. Eins hat die Größe und Form einer Einlegegurke, ist aber leicht durchscheinend, außen etwas pelzig, gleichmäßig blassgrün und von der fest-glibbrigen Konsistenz eines Silikondildos. Es schmeckt nach Pfefferminzgelee. Die Sachen auf dem anderen Teller sehen auch unbekannt und interessant aus, sind aber nur aneinanderklebende After Eights.

3. März 2012
Ich war zeitweise eine Ente, ich weiß nicht, ob ich die Verwandlung selbst kontrollieren konnte. Es war mir sehr angenehm, das Nackengefieder gekrault zu bekommen. Auf diesem Wege machte sich ein Mann bei mir beliebt, der so ähnlich aussah wie Kai S., aber jemand ganz anderer war. Zuerst wollte ich ihn nicht, aber die Sache mit dem Nackengefieder stimmte mich um, und so kam es, dass wir bald im selben Bett lagen und sich Geschlechtliches anbahnte. „Hm, hm“, dachte ich, „wenn wir uns währenddessen in Enten verwandeln und wieder zurück, dann werden wir uns dabei wiederfinden, wie wir unsere Arschlöcher aneinanderdrücken. Denn so machen es die Enten.“ Vielleicht würde es peinlich werden, vielleicht würde man darüber lachen können. Den Enten war es vermutlich nicht unangenehm.

1. März 2012
Ich schreibe ein Beispiel für eine Metapher auf: „Diese Metapher ist schöner als der junge Morgen, größer als der Mittag und abgenutzter als ein Wäscheständer aus purem Gold“. Denn einen Wäscheständer, so meine Überlegung, braucht man ja immer wieder, und wenn er aus purem Gold wäre, würde man ihn noch häufiger benutzen. Wer jetzt Freudianisches vermuten will: bevor ich diese sehr gute Lösung fand, dachte ich tatsächlich über was mit Penissen nach.

25. Februar 2011
Ich habe bei einer Veranstaltung sehr viele Fotos gemacht. Eines ist darunter, auf dem aus unklaren Gründen ein Kaninchen an einem Polizistenpenis leckt, ich habe es nur versehentlich gemacht. Murmel C. verlangt die Löschung dieses Bilds. Den ganzen Traum lang versuche ich, es zu retten, ich hantiere mit doppelten Speicherkarten, verschiebe Bilder zwischen Rechnern und halte Murmel hin. Am Ende gelingt es mir, den gesamten Ordner heimlich an Angela L. zu mailen. Dann lösche ich das Kaninchenbild vor Murmels Augen.

26. Januar 2011
Während ich mit Sascha L. in Frankfurt auf ein Sammeltaxi warte, zusammen mit anderen Leuten, die Sascha natürlich alle kennen, finde ich einen Automaten, aus dem man Günther Willens Penis ziehen kann. Es handelt sich um eine Art Klonpenis, der dem echten exakt entspricht (so jedenfalls die Werbung, ich kann das nicht beurteilen). Er kostet nicht viel, also kaufe ich einen und reibe ihn geistesabwesend, während ich ein Buch lese. So ganz klar ist mir nicht, wo da der Nutzen für die Käuferin sein soll, aber hey. Nach einer Weile ejakuliert der preiswerte Automatenpenis, und jetzt habe ich Sperma im Gesicht und nichts, womit ich es abwischen könnte. Während ich noch erwäge, mich mit dem Buch abzutrocknen, kommt ein Freund von Sascha mit einem Taschentuch und tupft mir das Gesicht ab. Ich bin ernsthaft gerührt, denn wenn etwas wahre und uneigennützige Liebe verkörpert, dann ja wohl das, und das sage ich auch. Dann fällt mir auf, wie wenig ich über Automatenklonpenisse weiß, und ich will gleich googeln, wie die Forschung das jetzt wieder hingekriegt hat. Aber wie üblich kommt etwas dazwischen.

9. September 2008
Ich schickte mich gerade an, Sex mit Maik N. zu haben. Mir war bewusst, dass er daran wegen seiner Homosexualität womöglich gar kein Interesse haben könnte, aber ich dachte, das sei ja wohl seine Sache, und bisher hatte er sich nicht beklagt. Ich hatte mir aber auch, wie ich beim Ausziehen feststellen musste, außerordentlich haarige Brüste zugelegt, persönlich war mir das etwas peinlich, man kann ja durchaus seine Brüste hin und wieder enthaaren, aber vielleicht würde es Maik ein Trost sein.

26. April 2001
Ich wurde von Freunden aufgefordert, mich mit ihnen in irgendeiner Bar zu treffen, in der ich noch nie gewesen war. Dort angekommen, musste ich zu meinem Missvergnügen feststellen, dass man sich, um zu den verschiedenen im Inneren des bunkerartigen Gebäudes gelegenen Clubs, Bars und Lounges zu gelangen, durch einen wirklich unangenehm engen und niedrigen Eingang zwängen und dann auf allen Vieren durch Gänge krabbeln musste. Diese Gänge waren, um die ohnehin schon peinlich freudianische Situation auf die Spitze zu treiben, innen mit rotem Samt oder gepolstertem roten Leder ausgekleidet. Rechts und links, sogar oben und unten zweigten die Eingänge zu verschiedenen Veranstaltungsorten ab, in denen man dann wieder aufrecht stehen und sich ganz normal bewegen konnte. Ich hielt das Ganze für eine große Zumutung und beklagte mich entsprechend bei den Freunden.

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